Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009)/Vorlesung 1
Inhaltsverzeichnis |
- Beispiele zu Symmetrien
Wir beginnen diese Vorlesung, indem wir am Beispiel der Symmetrien an einem Würfel den Gruppenbegriff in Erinnerung rufen.
Beispiel (Würfel)
Wir betrachten einen Würfel
mit der Seitenlänge 2 und dem Nullpunkt als Mittelpunkt. Die Eckpunkte sind also
Um sich das klar zu machen, sind folgende Beobachtungen sinnvoll.
- Bewegungen lassen sich hintereinander ausführen, d.h. wenn man zwei Würfelbewegungen
und ψ hat, so ist auch die Hintereinanderausführung
, die zuerst
und dann ψ durchführt, sinnvoll definiert. - Die identische Bewegung, die nichts bewegt, ist eine Bewegung. Wenn man zu einer beliebigen Bewegung die identische Bewegung davor oder danach durchführt, so ändert das die Bewegung nicht.
- Zu einer Bewegung
gibt es die entgegengesetzte Bewegung (oder „Rückwärtsbewegung“)
, die die Eigenschaft besitzt, dass die Hintereinanderausführungen
und
einfach die Identität sind.
Mit diesen Beobachtungen kann man sich das oben erwähnte Prinzip folgendermaßen klar machen: angenommen, es gibt zwei Bewegungen
und ψ, die beide (1,0,0) auf S und (0,1,0) auf T abbilden. Es sei ψ − 1 die umgekehrte Bewegung zu ψ. Dann betrachtet man die Gesamtbewegung
den Punkt (1,0,0) auf S schickt und ψ − 1 den Punkt S auf (0,1,0) zurückschickt (und entsprechend für (0,1,0)). θ hat also die Eigenschaft, dass sowohl (1,0,0) als auch (0,1,0) auf sich selbst abgebildet werden, d.h., es handelt sich um Fixpunkte der Bewegung. Dann ist aber bereits die gesamte x,y-Ebene fix. Die einzige physikalisch durchführbare Bewegung des Würfels, die diese Ebene unbewegt lässt, ist aber die identische Bewegung. Daher ist
und damit
. Man beachte, dass die Spiegelung an der x,y-Ebene die Punkte (0,0,1) und (0,0, − 1) vertauscht, doch ist dies eine sogenannte uneigentliche Bewegung, da sie nicht physikalisch durchführbar ist.Damit ergibt sich, dass es für den Basisvektor (1,0,0) sechs mögliche Bildvektoren gibt, für den zweiten Basisvektor (0,1,0) noch jeweils vier und dass dadurch die Abbildung eindeutig festgelegt ist. Insgesamt gibt es also 24 Transformationen des Würfels. Am einfachsten beschreibt man die Bewegungen durch eine
-Matrix, wobei in den Spalten die Bildvektoren der Basisvektoren stehen. Wenn der erste Basisvektor festgehalten wird, so sind die vier möglichen Bewegungen durch die Matrizen
Eine wichtige Eigenschaft dieser Bewegungen ist, dass es sich um Drehungen des Raumes um eine fixierte Achse handelt. Diese Eigenschaft zeichnet Raumbewegungen sogar aus, wie wir später noch sehen werden. Da die eben besprochenen Drehungen Vielfache einer Vierteldrehung sind, folgt, dass wenn man sie jeweils viermal hintereinander durchführt, dann wieder die Identität vorliegt. Bei der Halbdrehung führt natürlich schon die zweifache Ausführung zur Identität. Dies wird später mit dem Begriff der Ordnung einer Bewegung (eines Gruppenelementes) präzisiert.
Wir betrachten nun im Würfelbeispiel die Raumdiagonale D, die durch (1,1,1) und durch ( − 1, − 1, − 1) geht. Auch um diese Ache kann man den Würfel drehen, und zwar um Vielfache von 120 Grad. Man mache sich hierzu klar, wie der Würfel aussieht, wenn diese Achse zu einem Punkt im Gesichtsfeld wird. Die Dritteldrehung, die (1,0,0) auf (0,0,1) schickt, muss (0,0,1) auf (1,0,0) schicken. Die beiden Dritteldrehungen um diese Raumdiagonale sind daher in Matrixdarstellung durch
Vierteldrehung um Seitenmittelachse.
| Punkt | A | B | C | D | E | F | G | H |
| Bildpunkt | E | A | D | H | F | B | C | G |
Dritteldrehung um Raumdiagonale
| Punkt | A | B | C | D | E | F | G | H |
| Bildpunkt | H | D | C | G | E | A | B | F |
Wenn man eine Drehachse für eine Raumbewegung gefunden hat, so ist die Bewegung dadurch charakterisiert, wie sie auf der zur Achse senkrechten Ebene wirkt. Von daher ist es zuerst wichtig, die Bewegungen der Ebene mit einem fixierten Punkt zu verstehen.
Beispiel
Wir betrachten nun den Einheitskreis
(bzgl. der x-Achse, gegen den Uhrzeigersinn) den zugehörigen Punkt
auf einen Nachbarpunkt des Bildpunktes von (1,0) abgebildet werden. Bei einer eigentlichen (physikalisch in der Ebene!) durchführbaren Bewegung bleibt auch die Reihenfolge (die „Orientierung“) der Ecken erhalten, so dass die einzigen eigentlichen Bewegungen eines regulären n-Eckes die Drehungen um ein Vielfaches von 2π / n sind.
Wenn man auch noch uneigentliche Bewegungen zulässt, so gibt es noch die Spiegelungen an einer Achse, und zwar geht bei n gerade die Achse durch zwei gegenüberliegende Eckpunkte oder zwei gegenüberliegende Seitenmittelpunkte, und bei n ungerade durch einen Eckpunkt und einen gegenüberliegenden Seitenmittelpunkt.
Sei n fixiert, und setze α = 2π / n und sei
die Drehung des n-Eckes um α gegen den Uhrzeigersinn. Dann kann man jede Drehung am n-Eck schreiben als
mit einem eindeutig bestimmten k zwischen 0 und n − 1. Dabei ist
die Nulldrehung (die identische Bewegung), bei der nichts bewegt wird. Wenn man
n-mal ausführt, so hat man physikalisch gesehen eine volle Umdrehung durchgeführt. Vom Ergebnis her ist das aber identisch mit der Nulldrehung. Allgemeiner gilt, dass wenn man
m-mal ausführt, dass dann das Endergebnis (also die effektive Bewegung) nur vom Rest
abhängt. Die inverse Bewegung zu
ist
, also k-mal wieder zurück, oder gleichbedeutend
.
Sei nun ψ eine bestimmte Drehung am n-Eck, also
mit einem eindeutig bestimmten k,
. Dann kann man sich überlegen, welche Drehungen sich als Hintereinanderausführung von ψ schreiben lassen, also zur Menge
Beispiel (Tetraeder)
Wir betrachten einen Tetraeder, also eine Pyramide mit vier gleichseitigen Dreiecken als Flächen. Das einfachste Modell dafür ergibt sich, wenn man bei einem Würfel jeden „zweiten“ Punkt nimmt, also beispielsweise die Eckpunkte
und die Kantenlängen sind
. Eine eigentliche Bewegung des Tetraeders ist auch eine eigentliche Bewegung des zugehörigen Würfels.
- Der Gruppenbegriff
In den angeführten Beispielen haben wir gesehen, dass man die Bewegungen an einem der geometrischen Objekte hintereinander ausführen kann und wieder eine Bewegung erhält, dass es die identische Bewegung gibt, und dass es zu einer gegebenen Bewegung die umgekehrte Bewegung gibt, die sie neutralisiert. Diese Eigenschaften werden durch den Begriff der Gruppe mathematisch präzisiert.
Definition (Verknüpfung)
Eine Verknüpfung
auf einer Menge M ist eine Abbildung
Statt
schreibt man
oder x * y oder einfach xy. Wenn X ein geometrisches Objekt ist, und
die Menge der Bewegungen, so ist die Hintereinanderschaltung von Bewegungen, also
Definition (Monoid)
Ein Monoid ist eine Menge M zusammen mit einer Verknüpfung
derart, dass folgende beiden Bedingungen erfüllt sind.
- Die Verknüpfung ist assoziativ, d.h. es gilt
. - e ist neutrales Element der Verknüpfung, d.h. es gilt
.
Die Hintereinanderausführung von Bewegungen ist assoziativ, da es allgemeiner bei der Hintereinanderausführung von Abbildungen nicht auf die Klammerung ankommt. Die identische Bewegung ist die neutrale Bewegung. In einem Monoid ist das neutrale Element eindeutig bestimmt. Wenn es nämlich zwei Elemente e1 und e2 gibt mit der neutralen Eigenschaft, so folgt sofort
Definition (Gruppe)
Ein Monoid
heißt Gruppe, wenn jedes Element ein inverses Element besitzt, d.h. wenn es zu jedem
ein
gibt mit
.
Die Menge aller Abbildungen auf einer Menge X in sich selbst ist mit der Hintereinanderschaltung ein Monoid; die nicht bijektiven Abbildungen sind aber nicht umkehrbar, so dass sie kein Inverses besitzen und daher keine Gruppe vorliegt. Die Menge der bijektiven Selbstabbildungen einer Menge und die Menge der Bewegungen eines geometrischen Objektes sind hingegen eine Gruppe. In einer Gruppe ist das inverse Element zu einem Element
eindeutig bestimmt. Wenn nämlich y und z die Eigenschaft besitzen, zu x invers zu sein, so gilt
eindeutig bestimmte inverse Element als
Definition (kommutative Gruppe)
Eine Gruppe
heißt kommutativ (oder abelsch), wenn die Verknüpfung kommutativ ist, wenn also
für alle
gilt.




















