Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009)/Vorlesung 10
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- Bewegungen
Wir haben schon mehrfach die Würfelgruppe betrachtet, also die Gruppe der eigentlichen Symmetrien an einem Würfel. Jeder dieser Symmetrien ist insbesondere eine abstandserhaltende lineare Abbildung des umgebenden Raumes um eine eindeutig bestimmte Drehachse. Die Gesamtmenge der abstandserhaltenden linearen (eigentlichen)Abbildungen des Raumes bildet die sogenannte orthogonale Gruppe
(bzw.
). Dies ist natürlich eine sehr große, unendliche Gruppe. Interessant ist aber, dass die endlichen Untergruppen darin übersichtlich beschrieben werden können. Diese endlichen Untergruppen lassen sich stets als Symmetriegruppe zu einem geeigneten geometrischen Objekt auffassen. Dass eine einfache Klassifikation dieser endlichen Bewegungsgruppen möglich ist, beruht auf intrinsischen Struktureigenschaften des Raumes und liefert unter Anderem eine präzise Version dafür, dass es nur fünf reguläre Polyder (die platonischen Körper) gibt.
Für die folgenden Überlegungen benötigen wir etwas lineare Algebra, insbesondere den Begriff des euklidischen Vektorraumes, siehe hier.
Definition (Eigentliche Isometrie)
Die Gruppe, die aus allen Isometrien von V besteht, heißt orthogonale Gruppe zu V, und die eigentlichen Isometrien bilden die spezielle orthogonale Gruppe. Bei
schreibt man dafür
Satz
Sei V ein euklidischer Vektorraum und sei
Dann besitzt jeder Eigenwert von
den Betrag 1.
Beweis
Es sei
mit
, d.h. v ist ein Eigenvektor zum Eigenwert λ. Wegen der Isometrieeigenschaft gilt
folgt daraus
, also
.
Im Allgemeinen muss es keine Eigenwerte geben (bei ungerader Dimension allerdings schon). Wir besprechen zunächst den zweidimensionalen Fall ausführlicher.
- Bewegungen in der Ebene
Satz
Sei
Dann ist
eine Drehung,
und ihre Matrix hat die Gestalt
.Beweis
Es seien (x,y) und (u,v) die Bilder der Einheitsvektoren (1,0) und (0,1). Unter einer Isometrie wird die Länge eines Vektors erhalten, daher ist
, d.h. (x,y) ist ein Punkt auf dem reellen Einheitskreis. Der Einheitskreis wird bekanntlich durch die trigonometrischen Funktionen parametrisiert, d.h. es gibt einen eindeutig bestimmten Winkel θ,
, mit
Da unter einer Isometrie die Senkrechtsbeziehung erhalten bleibt, muss
) u = 0. Dann ist
und wegen der Eigentlichkeit muss das Vorzeichen positiv sein. Sei also
. Dann gilt

Satz
Sei
eine endliche Untergruppe der linearen Bewegungsgruppe der reellen Ebene.
Dann ist G eine zyklische Gruppe.
Beweis
Jedes Element aus G ist nach Satz 10.4 eine Drehung der Ebene um einen bestimmten Winkel θ. Wir betrachten den surjektiven Gruppenhomomorphismus
das Urbild von G unter dieser Abbildung, d.h. H besteht aus allen Drehwinkeln zu Drehungen, die zu G gehören. Die Gruppe H wird von einem Repräsentantensystem für die Elemente aus G zusammen mit 2π erzeugt. Insbesondere ist also H eine endlich erzeugte Untergruppe von
. Da jedes Gruppenelement aus G eine endliche Ordnung besitzt, muss jedes
die Gestalt θ = 2πq mit einer rationalen Zahl
haben. Dies bedeutet, dass H eine endlich erzeugte Untergruppe von
ist. Damit ist H isomorph zu einer endlich erzeugten Untergruppe der rationalen Zahlen. Nach Aufgabe 3.9 ist H zyklisch, sagen wir
mit einem eindeutig bestimmten Winkel
. Dann ist die Gruppe G als Bild von H ebenfalls zyklisch.
Wenn man auch noch uneigentliche Symmetrien, also Isometrien mit der Determinante − 1 (etwa Achsenspiegelungen) zulässt, so gibt es noch eine weitere Familie von endlichen Untergruppen der
, nämlich die Diedergruppen.
Definition (Diedergruppe)
Zu einem regelmäßigen n-Eck (
) heißt die Gruppe der eigentlichen oder uneigentlichen linearen Symmetrien die Diedergruppe Dn.
Die Diedergruppe besteht aus den Drehungen des n-Ecks und aus den Achsenspiegelungen an den folgenden Achsen durch den Nullpunkt: bei n gerade die Achsen durch gegenüberliegende Eckpunkte und gegenüberliegende Kantenmittelpunkte, bei n ungerade die Achsen durch einen Eckpunkt und einen gegenüberliegenden Kantenmittelpunkt. In beiden Fällen besteht die Diedergruppe aus 2n Elementen.
- Bewegungen im Raum
Satz
Beweis
Das charakteristische Polynom P zu
ist ein normiertes Polynom vom Grad drei. Für
geht
und für
geht
. Nach dem Zwischenwertsatz besitzt daher P mindestens eine Nullstelle. Eine solche Nullstelle ist ein Eigenwert von
. Nach Satz 10.3 ist der Eigenwert gleich 1 oder gleich − 1.

Satz
besitzt einen Eigenvektor zum Eigenwert eins,
d.h. es gibt eine Gerade (durch den Nullpunkt), die unter
fest bleibt.
Beweis
Wir betrachten das charakteristische Polynom von
, also
das Polynom
geht, muss es für ein positives λ eine Nullstelle geben. Aufgrund von Satz 10.3 kommt dafür nur λ = 1 in Frage.
Lemma
Sei
ein invarianter Unterraum.
Dann ist auch das orthogonale Komplement
invariant.
Insbesondere kann man
schreiben als direkte Summe
und
ebenfalls Isometrien sind.Beweis
Es ist
und ein beliebiges
ist
liegt wegen der Invarianz. Also ist wieder
.
Satz
Sei
Dann ist
eine Drehung um eine feste Achse.
Das bedeutet, dass
in einer geeigneten Orthonormalbasis durch eine Matrix der Form
Beweis
Nach Satz 10.8 gibt es einen Eigenvektor u zum Eigenwert 1. Sei
die davon erzeugte Gerade. Diese ist fix und insbesondere invariant unter
. Nach Lemma 10.9 ist dann auch das orthogonale Komplement
invariant unter
, d.h. es gibt eine lineare Isometrie
mit
übereinstimmt. Dabei muss
eigentlich sein, und daher muss nach Satz 10.4
eine Drehung sein. Wählt man einen Vektor der Länge eins aus U und dazu eine Orthonormalbasis von
, so hat
bzgl. dieser Basis die angegebene Gestalt.
- Halbachsensysteme
Es sei
eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen linearen Isometrien. Jedes Element
, ist eine Drehung um eine eindeutig bestimmte Drehachse A. Insbesondere sind an einer endlichen Symmetriegruppe nur endlich viele Drehachsen beteiligt. Jedes Gruppenelement bewirkt dann eine Permutation der Drehachsenmenge, und diese Bedingung schränkt die möglichen Gruppen wesentlich ein. Eine Drehachse zerfällt in zwei Halbachsen, und es ist sinnvoll, die Wirkungsweise der Gruppe auf diesen Halbachsen zu untersuchen.
Bei einem Würfel gibt es drei verschiedene Arten von Drehachsen: es gibt drei Drehachsen, die durch die Seitenmittelpunkte gegeben sind, vier Drehachsen, die durch die Eckpunkte gegeben sind und sechs Drehachsen, die durch die Kantenmittelpunkte gegeben sind. Betrachtet man alle Durchstoßungspunkte dieser Achsen mit der Sphäre vom Radius eins, so ergeben sich 6 + 8 + 12 = 26 Punkte. Diese Punkte entsprechen den Halbachsen. Dabei gibt es zu je zwei Eckpunkten (bzw. den zugehörigen Durchstoßungspunkten) (mindestens) eine Würfelbewegung, die sie ineinander überführt, ebenso zu je zwei Kantenmittelpunkten und zu je zwei Seitenmittelpunkten. Jede Bewegung permutiert diese charakteristischen Punkte. Wenn man eine Achse (oder einen Durchstoßungspunkt) fixiert, so kann man die Menge der Bewegungen betrachten, die diese Achse als Drehachse haben. Es kann natürlich auch die Achse zwar auf sich selbst abgebildet werden, aber nicht fix sein. Dann werden die gegenüberliegenden Durchstoßungspunkte ineinander überführt.
Definition
Es sei
eine endliche Untergruppe der Gruppe der eigentlichen linearen Isometrien im
. Dann nennt man jede Gerade durch den Nullpunkt, die als Drehachse eines Elementes
auftritt, eine Achse von G. Die Halbgeraden dieser Drehachsen nennt man die Halbachsen der Gruppe und die Gesamtmenge dieser Halbachsen nennen wir das zu G gehörige Halbachsensystem. Es wird mit
bezeichnet. Zwei Halbachsen
heißen äquivalent, wenn es ein
gibt mit g(H1) = H2. Die Äquivalenzklassen zu dieser Äquivalenzrelation nennt man Halbachsenklassen.
Da jede von
verschiedene Drehung genau eine Drehachse hat, ist das Halbachsensystem zu einer endlichen Symmetriegruppe endlich (und zwar ist die Anzahl maximal gleich
). Wenn H eine Halbachse ist und
, so ist auch g(H) eine Halbachse: wenn nämlich
die durch H definierte Achse als Drehachse besitzt, so ist
Beispiel
Beim Würfel werden die Halbachsen repräsentiert durch die Eckpunkte, die Seitenmittelpunkte und die Kantenmittelpunkte. Diese drei Arten bilden dann auch die Äquivalenzklassen, also die Halbachsenklassen. Der Vergleich mit dem Oktaeder zeigt, dass die Sprechweise mit den Halbachsen für die Bewegungsgruppe als solche angemessener ist als die Sprechweise mit Ecken, Kanten, Mittelpunkten.
Beispiel
Bei einem Tetraeder gibt es vier Eck-Seitenmittelpunkt-Achsen und vier Kantenmittelpunktachsen. Die Kantenmittelpunkthalbachsen sind dabei alle untereinander äquivalent, während die zuerst genannten Achsen in zwei Halbachsenklassen zerfallen, nämlich die Eckhalbachsen und die Seitenhalbachsen.
An diesem Beispiel sieht man auch, dass die beiden durch eine Drehachse gegebenen Halbachsen nicht zueinander äquivalent sein müssen.

gilt:


















