Hans Castorps Schneetraum: Der Lebensbefehl

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[Bearbeiten] Der Lebensbefehl

Porträt Thomas Manns aus der Entstehungszeit von «Der Zauberberg»

Hans Wißkirchen [1] nennt das Kapitel «Schnee» „ein Formproblem, das zu verschweigen unredlich wäre“. Michael Neumann kommt zu dem Resultat, „dass dieser Roman wie der Kopf des Janus zwei Gesichter hat, die in entgegengesetzte Richtungen blicken“. [2]

Formproblem und janusköpfig: Das Kapitel «Schnee» ist für sich genommen große Literatur, bleibt jedoch ein Einschub. Seinen Zweck erfüllt das Zwischenspiel: Thomas Mann kann weiter Todesfaszination beschreiben, hat er doch mit diesem Widerruf Romantik und Décadence als gestrig abgetan. Hans Wißkirchen spricht von einem „Trick“. [3]

Nach «Der Zauberberg» lässt Thomas Mann die Motive Verfall und Décadence ruhen. Seine Themen werden für die nächsten zwei Jahrzehnte Humanität und mythische Welterklärung. In dem autobio- graphischen Vortrag «Meine Zeit» (1950) hat Thomas Mann den «Zauberberg» das Erzählwerk meines Mannesalters genannt. Das Verfallsmotiv wird erst wieder in «Doktor Faustus» (1947) und «Die Betrogene» (1953) aufgenommen.

Auf einer ernsteren Bedeutungsebene enthält der Lebensbefehl [4] Hans Castorps den Beschluss des 47jährigen [5] Thomas Mann, Suizidgedanken nicht mehr zuzulassen: Der Mensch soll der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.

Der vitale Imperativ verneint nicht das Wissen um den Tod, das memento mori. Er richtet sich gegen die Beherrschung des Denkens durch den Tod. Herrschaft des Todes über die Gedanken ist nichts anderes, als eine Umschreibung von Suizidalität, ob nun latent oder manifest. Mit der formelhaften Vorsatzbildung wurde Thomas Mann sein eigener Therapeut. Eine bewundernswürdige Leistung.

Im Kapitel Fülle der Wohllauts klingt die Überwindung der Sympathie mit dem Tode noch einmal an: Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser Liebe sein, - dieses Seelenzaubers mit finstersten Konsequenzen.


  1. Wißkirchen, Hans: Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Einblicke in die Entstehungs- und Editionsgeschichte. Lübeck: Deutsche Thomas- Mann- Gesellschaft 1993, S. 24
  2. Neumann, Michael: Die Irritationen des Janus oder „Der Zauberberg“ im Feld der Moderne. Thomas- Mann-Jahrbuch. Frankfurt am Main: Klostermann 2001, S. 83
  3. Wißkirchen, Hans: Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Einblicke in die Entstehungs- und Editionsgeschichte. Lübeck: Deutsche Thomas- Mann- Gesellschaft 1993, S. 25
  4. "Lebensbefehl" ist ein Wort Thomas Manns aus seinem Essay Platen - Tristan - Don Quichotte (1931). In Der Zauberberg (1924) wird es nicht verwendet.
  5. Geschrieben wurde das Kapitel «Schnee» vermutlich 1922, worauf analoge Textstellen in dem Essay «Von deutscher Republik» hindeuten. Wißkirchen, Hans: a. a. O.


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