Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Der Existenzsatz von Peano (§4)

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Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Voraussetzung (a):

Seien die Zahl \xi \in \mathbb{R} und der Vektor \eta = (\eta_1, \ldots, \eta_m) \in \mathbb{R}^m mit m \in \mathbb{N} vorgegeben. Zu den festen positiven Konstanten a, b_1, \ldots, b_m \in (0, + \infty) betrachten wir das Rechteck

R := \{(x, y) = (x, y_1, \ldots, y_m) \in \mathbb{R}^{1 + m}: |x - \xi| \le a, |y_i - \eta_i| \le b_i, i = 1, \ldots, m\}.

Hierauf sind die beschränkten, stetigen Funktionen

f_i = f_i(x, y_1, \ldots, y_m): R \to \mathbb{R} \in C^0(R) mit |f_i| \le M in R

für i = 1, \ldots, m mit der Schranke M > 0 gegeben. Wir behandeln im folgenden das Anfangswertproblem: Gibt es eine Größe h \in (0, a] und einmal stetig differenzierbare Funktionen

(1) y_i = y_i(x): [\xi - h, \xi + h] \to [\eta_i - b_i, \eta_i + b_i] für i = 1, \ldots, m,

die das folgende Differentialgleichungssystem

(2) y'_i(x) = f_i(x, y_1(x), \ldots, y_m(x)), \quad x \in [\xi - h, \xi + h] für i = 1, \ldots, m

mit den Anfangsbedingungen

(3) yi(ξ) = ηi für i = 1, \ldots, m

lösen? Dieses Anfangswertproblem können wir mit den Setzungen

(4) y(x) := \begin{pmatrix} y_1(x) \\ \vdots \\ y_m(x) \end{pmatrix}, \eta := \begin{pmatrix} \eta_1 \\ \vdots \\ \eta_m \end{pmatrix}; f(x, y) := \begin{pmatrix} f_1(x, y_1, \ldots, y_m) \\ \vdots \\ f_m(x, y_1, \ldots, y_m) \end{pmatrix}

wie folgt zusammenfassen:

(5) y'(x) = f(x, y(x)), \quad x \in [\xi - h, \xi + h]; \quad y(\xi) = \eta.

Nun stellen sich die folgenden drei Fragen:

  1. Existenz: Gibt es eine Lösung des Anfangswertproblems (1) – (3)?
  2. Eindeutigkeit: Ist diese Lösung eindeutig bestimmt?
  3. Stabilität: Bleibt die Lösung in der Umgebung der ursprünglichen Lösung, falls man die Anfangswerte ηi und die rechten Seiten fi etwas stört? Hängt die Lösung sogar differenzierbar von den Anfangswerten ab?

[Bearbeiten] Satz 1 (Gewöhnliche Regularität)

Unter der Voraussetzung (a) sind die folgenden beiden Aussagen äquivalent:
I. Es gibt Funktionen y_i = y_i(x) \in C^1([\xi - h, \xi + h]) für i = 1, \ldots, m, die das Anfangswertproblem (1) – (3) lösen.
II. Es gibt Funktionen y_i = y_i(x) \in C^0([\xi - h, \xi + h]) für i = 1, \ldots, m, die (1) erfüllen und das Integralgleichungssystem
(6) y_i(x) = \eta_i + \int^x_\xi f_i(t, y_1(t), \ldots, y_m(t))\, dt, \quad x \in [\xi - h, \xi + h], \quad i = 1, \ldots, m
lösen.

[Bearbeiten] Beweis

1. \Longrightarrow 2.: Die Funktionen y_i = y_i(x) \in C^1([\xi - h, \xi + h]) für i = 1, \ldots, m lösen das Anfangswertproblem (1) – (3); somit erhalten wir durch Integration

y_i(x) = \eta_i + \int^x_\xi f_i(t, y_1(t), \ldots, y_m(t))\, dt, x \in [\xi - h, \xi + h] für i = 1, \ldots, m.

2. \Longrightarrow 1.: Die Funktionen yi(x) lösen (6) für i = 1, \ldots, m. Somit folgt y_i(x) \in C^1([\xi - h, \xi + h]) sowie yi(ξ) = ηi und Differentiation liefert

y_i(x) = f_i(x, y_1(x), \ldots, y_m(x)), \quad x \in [\xi - h, \xi + h] \quad für \quad i = 1, \ldots, m.

[Bearbeiten] Bemerkung

Wir fassen (6) zusammen zu der Identität

y(x) = \eta + \int^x_\xi f(t, y(t))\, dt.

Wir werden eine Lösung dieser Integralgleichung konstruieren, indem wir diese durch eine Folge von Polygonzügen approximieren. Hierzu benötigen wir den fundamentalen Auswahlsatz von Arzelà-Ascoli,den wir für Funktionen in mehreren Veränderlichen bereitstellen. Eine Indizierung der Komponenten ist hierbei überflüssig, so dass wir jeweils die Folgen eindeutig mit den Indizes kennzeichnen können.

[Bearbeiten] Satz 2 (Auswahlsatz von Arzelà-Ascoli)

Seien die Zahlen m, n \in \mathbb{N} fest und die Menge K \subset \mathbb{R}^n kompakt. Die Funktionenfamilie
\mathcal{F} := \{f_\iota: K \to \mathbb{R}^m \Bigl| \iota \in J\} mit der Indexmenge J
sei mit den nachfolgenden Eigenschaften gegeben:
I. Die Menge \mathcal{F} ist gleichmäßig beschränkt, d. h. es gibt eine Konstante N > 0, so dass
|f_\iota(x)| \le N für alle x \in K und alle \iota \in J
II. Die Menge \mathcal{F} ist gleichgradig stetig, d. h. zu jedem \varepsilon > 0 gibt es ein \delta = \delta(\varepsilon) > 0 mit der Eigenschaft:
x, y \in K, \quad |x - y| < \delta, \quad \iota \in J, \quad \Longrightarrow |f_\iota(x) - f_\iota(y)| < \varepsilon.
Behauptung: Dann enthält \mathcal{F} eine auf der Menge K gleichmäßig konvergente Teilfolge
g^k(x) \in \mathcal{F}, \quad k = 1, 2, \ldots,
welche gleichmäßig gegen die stetige Funktion
g(x): K \to \mathbb{R}^m \in C^0(K, \mathbb{R}^m)
konvergiert.

[Bearbeiten] Beweis

1. Wir zählen die rationalen Gitterpunkte in der kompakten Menge K wie folgt ab:

(7) K \cap \mathbb{Q}^n = \{q_1, q_2, q_3, \ldots\}.

Da die Menge

\{f_\iota(q_1) \in \mathbb{R}^m: \iota \in J\}

beschränkt ist, gibt es eine Teilfolge

f_{11}, f_{12}, f_{13}, \ldots \subset \mathcal{F},

so dass

g(q_1) := \lim_{k \to \infty} f_{1k}(q_1)

existiert. Da wiederum die Menge

\{f_\iota(q_2) \in \mathbb{R}^m: \iota \in J\}

beschränkt ist, gibt es eine weitere Teilfolge

\{f_{2k}\}_{k = 1, 2, 3, \ldots} \subset \{f_{1k}\}_{k = 1, 2, 3, \ldots},

so dass

g(q_2) := \lim_{k \to \infty} f_{2k}(q_2)

existiert. Offenbar gilt weiter

g(q_1) := \lim_{k \to \infty} f_{2k}(q_1).

Wir konstruieren so eine Folge von Teilfolgen

\{f_{1k}\}_{k = 1, 2, 3, \ldots} \supset \{f_{2k}\}_{k = 1, 2, 3, \ldots} \supset \ldots,

so dass

g(q_l) := \lim_{k \to \infty} f_{lk}(q_l) für alle l \in \mathbb{N}

existiert. Durch den Übergang zur Diagonalfolge

g^k(x) := f_{kk}(x) \in \mathcal{F}, \quad k = 1, 2, 3, \ldots

erhalten wir eine Folge mit der Eigenschaft

g(q_l) := \lim_{k \to \infty} g^k(q_l) für alle l \in \mathbb{N}.

2. Wir zeigen nun die gleichmäßige Konvergenz der Funktionenfolge

g^k(x): K \to \mathbb{R}^m \in C^0(K, \mathbb{R}^m), \quad k = 1, 2, 3, \ldots.

Zu vorgegebenem \varepsilon > 0 reichen nach dem Heine-Borelschen Überdeckungssatz endlich viele der offenen Mengen

U_\delta(q_l) := \{y \in \mathbb{R}^m: |y - q_l| < \delta\}, \quad l \in \mathbb{N} mit \delta = \delta(\varepsilon)

zur Überdeckung der kompakten Menge K aus, also etwa die offenen Kugeln

Uδ(q) mit q \in \{q_{l_1}, \ldots, q_{l_p}\} =: Q.

Da Q eine endliche Menge ist, gibt es eine Zahl k_* = k_*(\varepsilon) \in \mathbb{N}, so dass

|g^k(q) - g(q)| < \varepsilon für alle k \ge k_*(\varepsilon) und alle q \in Q

gilt. Nun folgt für alle x \in K und alle k, l \ge k_*(\varepsilon) die Ungleichung

(8) |g^k(x) - g^l(x)| \le |g^k(x) - g^k(q)| + |g^k(q) - g^l(q)| + |g^l(q) - g^l(x)| \le \varepsilon + \varepsilon + \varepsilon = 3 \varepsilon.

Hierbei haben wir zu x \in K einen Punkt q \in Q mit | xq | < δ ausgewählt, was wegen der obigen Überdeckungseigenschaft möglich ist. Folglich existiert

g(x) := \lim_{k \to \infty} g^k(x), \quad x \in K

und es gilt

|g(x) - g^l(x)| \le 3 \varepsilon für alle x \in K, \quad l \ge k_*(\varepsilon).

Somit konvergiert \{g^l\}_{l = 1, 2, 3, \ldots} gleichmäßig gegen die stetige Funktion

g(x), \quad x \in K.

q.e.d.

[Bearbeiten] Satz 3 (Existenzsatz von Peano)

Sei die Voraussetzung (a) erfüllt und die Größe
h := \min \left\{ a, \frac{b_1}{M}, \ldots, \frac{b_m}{M} \right\}
erklärt. Dann gibt es Funktionen
y_i = y_i(x) \in C^1([\xi - h, \xi + h]) für i = 1, \ldots , m,
die das Anfangswertproblem (1), (2), (3) lösen.

[Bearbeiten] Beweis

Offenbar reicht es aus, eine Lösung auf dem Intervall [ξ,ξ + h] zu konstruieren.

1. Sei \mathcal{Z}: \xi =: x_0 < x_1 < \ldots < x_n := \xi + h eine beliebige Zerlegung des Intervalls [ξ,ξ + h] in n \in \mathbb{N} Teilintervalle mit dem Feinheitsmaß

|\mathcal{Z}| := \max_{k = 1, \ldots, n} |x_k - x_{k - 1}|.

Zu dieser Zerlegung \mathcal{Z} konstruieren wir nun den Euler-Cauchyschen Polygonzug

\mathbf{z}(x) = (z_1(x), \ldots, z_m(x)) = \mathbf{z}^\mathcal{Z}: [\xi, \xi + h] \to \mathbb{R}^m

wie folgt: Auf dem Intervall [ξ,x1] definieren wir

\mathbf{z}(x) := \eta + (x - \xi) f(\xi, \eta), \quad \xi \le x \le x_1

und wir berechnen

\mathbf{z}'(x) = f(\xi, \eta), \quad \xi \le x \le x_1.

Somit folgt

(9) |z_i(x) - \eta_i| \le |x - \xi| |f_i(\xi, \eta)| \le h \cdot M \le b_i, \quad x \in [\xi, x_1] für i = 1, \ldots, m.

Auf dem Intervall (x1,x2] definieren wir

\mathbf{z}(x) := \mathbf{z}(x_1) + (x - x_1) f(x_1, \mathbf{z}(x_1)), \quad x_1 \le x \le x_2

und wir berechnen

\mathbf{z}'(x) = f(x_1, \mathbf{z}(x_1)), \quad x_1 \le x \le x_2.

Wir schätzen nun wie folgt ab

(10) \begin{matrix} |z_i(x) - \eta_i| \le \int^x_\xi |z_i'(t)|\, dt = \int^{x_1}_\xi |f_i(\xi, \eta)|\, dt + \int_{x_1}^x |f_i(x_1, \mathbf{z}(x_1))|\, dt \\ \le M \cdot |x - \xi| \le M \cdot h \le b_i, \quad x \in [x_1, x_2] \mathrm{\ f\ddot ur\ } i = 1, \ldots, m. \end{matrix}

Wir führen nun das Verfahren fort und enden mit

\mathbf{z}(x) := \mathbf{z}(x_{n - 1}) + (x - x_{n - 1}) f(x_{n - 1}, \mathbf{z}(x_{n - 1})), \quad x_{n - 1} \le x \le x_n.

Wir berechnen

\mathbf{z}'(x) = f(x_{n - 1}, \mathbf{z}(x_{n - 1})), \quad x_{n - 1} \le x \le x_n

und schätzen nun wie folgt ab:

(11) \begin{matrix} |z_i(x) - \eta_i| \le \int^x_\xi |z_i'(t)|\, dt = \int^{x_1}_\xi |f_i(\xi, \eta)|\, dt + \int_{x_{n - 1}}^x |f_i(x_{n - 1}, \mathbf{z}(x_))|\, dt \\ \le M \cdot |x - \xi| \le M \cdot h \le b_i, \quad x \in [x_{n - 1}, x_n] \mathrm{\ f\ddot ur\ } i = 1, \ldots, m. \end{matrix}

Schließlich erklären wir noch die stückweise konstante Funktion

(12) \zeta(x) := \left\{ \begin{matrix} \mathbf{z}(x_0), \quad x_0 \le x \le x_1 \\ \mathbf{z}(x_1), \quad x_1 < x \le x_2 \\ \vdots \\ \mathbf{z}(x_{n - 1}), \quad x_{n - 1} < x \le x_n \end{matrix} \right..

2. Wir betrachten nun die Funktionenfamilie

(13) \mathcal{F} := \{\mathbf{z}(x) = \mathbf{z}^\mathcal{Z}(x): [\xi, \xi + h] \to \mathbb{R}^m | \mathcal{Z} \text{ ist Zerlegung von } [\xi, \xi + h]\}.

Wie in Teil 1. zeigt man, dass für jedes \mathbf{z}(x) = (z_1(x), \ldots, z_m(x)) \in \mathcal{F} die Abschätzung

(14) |z_i(x) - z_i(y)| \le M |x - y| für alle x, y \in [\xi, \xi + h] mit i = 1, \ldots, m

richtig ist. Somit ist \mathcal{F} eine gleichmäßig beschränkte, gleichgradig stetige Funktionenklasse. Auf Grund von Satz 2 können wir nun eine Zerlegungsfolge \stackrel{k}{\mathcal{Z}} vom Intervall [ξ,ξ + h] mit dem Feinheitsmaß

(15) |\stackrel{k}{\mathcal{Z}}| \to 0 für k \to \infty

finden, so dass für die zugehörigen Euler-Cauchyschen Polygonzüge

(16) \mathbf{z}^k(x) := \mathbf{z}^\stackrel{k}{\mathcal{Z}}, \quad x \in [\xi, \xi + h], \quad k = 1, 2, 3, \ldots

folgendes gilt: Die Funktionenfolge \{\mathbf{z}^k(x)\}_{k = 1, 2, 3, \ldots} konvergiert auf dem Intervall [ξ,ξ + h] gleichmäßig gegen die stetige Funktion

y(x) := \lim_{k \to \infty} \mathbf{z}^k(x), \quad x \in [\xi, \xi + h].

Die zugehörigen Treppenfunktionen bezeichnen wir mit

\zeta^k(x): [\xi, \xi + h] \to \mathbb{R}^m, \quad k = 1, 2, 3, \ldots.

3. Beachten wir nun die Eigenschaften (14) und (15), so konvergiert die Folge von Treppenfunktionen

(17) \zeta^k(x) \to y(x) gleichmäßig auf dem Intervall [ξ,ξ + h] für k \to \infty.

Auf Grund der gleichmäßigen Stetigkeit der Funktionen f_i: R \to \mathbb{R} für i = 1, \ldots, m folgt die gleichmäßige Konvergenz von

(18) \lim_{k \to \infty} f(t, \zeta^k(t)) = f(t, y(t)), \quad t \in [\xi, \xi + h].

Mit einem Konvergenzsatz für Riemannsche Integrale (siehe Satz 2 aus §5 in Kapitel V) erhalten wir die Identität

(19) \begin{matrix} y(x) - \eta = \lim_{k \to \infty} (\mathbf{z}^k(x) - \eta) = \lim_{k \to \infty} \int^x_\xi f(t, \zeta^k(t))\, dt \\ = \int^x_\xi \lim_{k \to \infty} f(t, \zeta^k(t))\, dt = \int^x_\xi f(t, y(t))\, dt \end{matrix}

für alle x \in [\xi, \xi + h]. Der Satz 1 liefert nun die Behauptung.

q.e.d.

[Bearbeiten] Beispiel 1: Mehrdeutigkeit beim Anfangswertproblem

Das Anfangswertproblem

(20) y'(x) = n |y|^{1 - \frac{1}{n}}, \quad y(0) = 0

hat für n = 1, 2, 3, \ldots die Lösungen

(21) y_1(x) := 0, \quad x \in \mathbb{R}

und

(22) y_2(x) := \left\{ \begin{matrix} x^n, & 0 \le x \\ 0, & x \le 0 \end{matrix} \right..
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