Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Exakte Differentialgleichungen (§2)

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Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Definition 1

In einer offenen Umgebung U eines Punktes (x_0, y_0) \in \mathbb{R}^2 seien die Funktionen P(x,y) und Q(x,y) der Klasse C^1(U, \mathbb{R}) mit der Eigenschaft
(1) P(x,y)2 + Q(x,y)2 > 0 für alle Punkte (x, y) \in U
gegeben. Unter der Lösung einer regulären Differentialgleichung
(2) P(x, y)\, dx + Q(x, y)\, dy = 0 für alle Punkte (x, y) \in U
verstehen wir eine reguläre Kurve
X(t) = (x(t), y(t)): I \to U
auf dem Intervall I: = [t ,t + ] der Klasse C^1(I, \mathbb{R}^2), welche die Gleichung
(3) P(x(t),y(t))x'(t) + Q(x(t),y(t))y'(t) = 0 für alle Parameter t \in I
erfüllt; dabei ist - \infty < t^- < t^+ < + \infty richtig.

[Bearbeiten] Bemerkungen

1. Das Lösen der Differentialgleichung (2) bedeutet also, reguläre Kurven

X(t) = (x(t), y(t)): I \to U

so zu finden, dass ihr Tangentialvektor

X'(t) = (x'(t), y'(t)): I \to U

orthogonal zum vorgegebenem Vektorfeld (P(x,y),Q(x,y)) im Punkt X(t) = (x(t),y(t)) steht.
2. Nach eventueller Drehung der x,y-Ebene können wir die Lösungskurve lokal in der Form

X(x) = (x, y(x)), \quad x \in [x^-, x^+] := I

darstellen. Wir erhalten dann die Differentialgleichung

P(x,y(x)) + Q(x,y(x))y'(x) = 0 für alle x \in I.

Falls Q \neq 0 erfüllt ist, erscheint letztere äquivalent zur folgenden expliziten Differentialgleichung erster Ordnung

(4) y'(x) = - \frac{P(x, y(x))}{Q(x, y(x))} =: f(x, y(x)), \quad x \in I.

3. Auch wenn die Lösungskurve nicht als Graph über der x,y-Ebene darstellbar ist, behält die Differentialgleichung (2) ihre Bedeutung.

[Bearbeiten] Definition 2

Ist in einem Punkt (x_0, y_0) \in U die Gleichung
(P(x0,y0),Q(x0,y0)) = (0,0)
erfüllt, so nennen wir (x0,y0) einen singulären Punkt der Differentialgleichung (2).

[Bearbeiten] Definition 3

Die reguläre Differentialgleichung (2)
P(x, y)\, dx + Q(x, y)\, dy = 0 in U
heißt exakt, wenn das Vektorfeld
V(x, y) := (P(x, y), Q(x, y)): U \to \mathbb{R}^2
auf der offenen Menge U eine Stammfunktion F: U \to \mathbb{R} der Klasse C2(U) mit der Eigenschaft
V = grad\, F in U
besitzt. Dann gilt also
(5) Fx(x,y) = P(x,y) und Fy(x,y) = Q(x,y) für alle (x, y) \in U.

[Bearbeiten] Satz 1

Sei die reguläre, exakte Differentialgleichung (2) in der offenen Menge U \subset \mathbb{R}^2 mit der Stammfunktion F = F(x, y) \in C^2(U) gegeben. Dann ist die reguläre Kurve
X(t) = (x(t), y(t)): I \to U
auf dem Intervall I: = [t ,t + ] der Klasse C^1(I, \mathbb{R}^2) eine Lösung der Differentialgleichung genau dann, wenn
F(x(t),y(t)) = const für alle t \in I
gilt.

[Bearbeiten] Beweis

1. Sei X(t) = (x(t), y(t)): I \to U auf dem Intervall I: = [t ,t + ] eine Lösung der Differentialgleichung (2). Dann folgt

\begin{matrix} 0 = P(x(t), y(t))x'(t) + Q(x(t), y(t))y'(t) \\ = F_x(x(t), y(t))x'(t) + F_y(x(t), y(t))y'(t) = \frac{d}{dt} F(x(t), y(t)). \end{matrix}

Also folgt

F(x(t),y(t)) = const für alle t \in I.

2. Sei

F(x(t),y(t)) = const für alle t \in I

erfüllt. Dann erhalten wir durch Differentiation

0 = Fx(x(t),y(t))x'(t) + Fy(x(t),y(t))y'(t) = P(x(t),y(t))x'(t) + Q(x(t),y(t))y'(t).

Somit löst X(t) die Differentialgleichung (2).

q.e.d.

[Bearbeiten] Satz 2 (Integrabilitätsbedingung)

Seien der Punkt (x_0, y_0) \in \mathbb{R}^2 und das Rechteck
U := \{(x, y) \in \mathbb{R}^2: x \in (x_0 - \alpha, x_0 + \alpha), y \in (y_0 - \beta, y_0 + \beta)\}
mit den halben Kantenlängen α,β > 0 gegeben. Weiter sei die reguläre Differentialgleichung
P(x, y)\, dx + Q(x, y)\, dy = 0 für alle (x, y) \in U
auf diesem Rechteck erklärt. Dann ist diese Differentialgleichung genau dann exakt, wenn die Integrabilitätsbedingung
(6) Qx(x,y) = Py(x,y) in U
erfüllt ist.

[Bearbeiten] Beweis

1. Sei die Funktion (2) exakt in U. Gemäß Definition 3 existiert dann eine Stammfunktion F: U \to \mathbb{R} der Klasse C2(U) mit der Eigenschaft

Fx(x,y) = P(x,y) und Fy(x,y) = Q(x,y) für alle (x, y) \in U

Wir erhalten die Identität

Qx(x,y) = Fxy(x,y) = Fyx(x,y) = Py(x,y) für alle (x, y) \in U

und somit

Qx(x,y) = Py(x,y) für alle (x, y) \in U.

2. Sei Qx(x,y) = Py(x,y) in U erfüllt. Wir erklären nun die Funktion

F(x, y) := \int^x_{x_0} P(t, y_0)\, dt + \int^y_{y_0} P(x, t)\, dt für alle (x, y) \in U.

Wir differenzieren dann nach der oberen Grenze und erhalten

F_x(x, y) = P(x, y_0) + \int^y_{y_0} Q_x(x, t)\, dt = P(x, y_0) + \int^y_{y_0} P_y(x, t)\, dt
= P(x, y_0) + \left( P(x, y) - P(x, y_0) \right) = P(x, y) in U.

Weiter gilt

Fy(x,y) = Q(x,y) in U.

Damit folgt F(x, y) \in C^2(U) und

\nabla F(x, y) = (P(x, y), Q(x, y)) in U.

3. Wir berechnen nun noch

\frac{d}{dx} \int^y_{y_0} Q(x, t)\, dt = \lim_{\varepsilon \to 0} \frac{1}{\varepsilon} \left\{ \int^y_{y_0} Q(x + \varepsilon, t)\, dt - \int^y_{y_0} Q(x, t)\, dt \right\}
= \lim_{\varepsilon \to 0} \left\{ \frac{1}{\varepsilon} \int^y_{y_0} [Q(x + \varepsilon, t) - Q(x, t)]\, dt \right\}.

Unter Beachtung des Mittelwertsatzes der Differentialrechnung folgt mit einem Zwischenwert \varepsilon_t \in (0, \varepsilon) für jedes t \in [y_0, y] die Identität

\frac{d}{dx} \int^y_{y_0} Q(x, t)\, dt = \lim_{\varepsilon \to 0} \left\{ \frac{1}{\varepsilon} \int^y_{y_0} \varepsilon Q_x(x + \varepsilon, t)\, dt \right\}
= \lim_{\varepsilon \to 0} \left\{ \int^y_{y_0} Q_x(x + \varepsilon_t, t)\, dt \right\} = \int^y_{y_0} Q_x(x, t)\, dt.

Da Q_x(x + \varepsilon_t, t) gleichmäßig auf dem Intervall [y0,y] für \varepsilon \to 0 gegen die Funktion Qx(x,t) konvergiert, kann nach Satz 2 aus Kapitel V, §6 die Integration mit dem Limes vertauscht werden.

q.e.d.

[Bearbeiten] Bemerkungen

1. Wir haben die Stammfunktion F durch Integration über einen bestimmten rechteckigen Weg erhalten. Wir erhalten auch eine Stammfunktion durch die folgende Integration:

F(x, y) = \int^y_{y_0} Q(x_0, t)\, dt + \int^x_{x_0} P(t, y)\, dt.

Wenn wir die Theorie der Kurvenintegrale zur Hilfe nehmen, kann man die Stammfunktion auch durch Integration über einen beliebigen Weg in U vom Punkt (x0,y0) zum Punkt (x,y) berechnen. Dann kann man Satz 2 auch auf beliebige einfach zusammenhängende Gebiete verallgemeinern. Wir können die nichtlinearen Gleichungen aber nur lokal lösen und somit reichen Rechtecke hier aus!
2. Die Stammfunktion F(x,y) ist bis auf eine Konstante bestimmt.
3. Man berechnet die Stammfunktion durch unbestimmte Integration wie folgt: Wir integrieren die erste Gleichung in (5) und erhalten

F(x, y) = \int P(t, y)\, dt + \phi(y).

Dann bestimmen wir mit der zweiten Gleichung die Funktion φ(y) aus der Identität

\phi'(y) = F_y(x, y) - \frac{d}{dy} \left\{ \int P(t, y)\, dt \right\} = Q(x, y) - \frac{d}{dy} \left\{ \int P(t, y)\, dt \right\}.

Entsprechend können wir zunächst die zweite Gleichung in (5) integrieren und dann die erste heranziehen.

Wir betrachten nun auf dem Rechteck U \subset \mathbb{R}^2 beliebige reguläre Differentialgleichungen der Gestalt

(7) P(x, y)\, dx + Q(x, y)\, dy = 0 für alle (x, y) \in U.

Auch wenn diese Differentialgleichung nicht exakt ist, erwarten wir anschaulich, dass sie in einem hinreichend kleinen Rechteck um den Punkt (x0,y0) eine Lösung besitzt. Wir multiplizieren (7) mit einer nullstellenfreien Funktion

M(x, y): U \to \mathbb{R} der Klasse C1(U)

und erhalten die Differentialgleichung

(8) M(x, y)P(x, y)\, dx + M(x, y)Q(x, y)\, dy = 0 für alle (x, y) \in U.

Offensichtlich haben die Probleme (7) und (8) die gleichen Lösungskurven. Falls (7) keine exakte Differentialgleichung darstellt, wollen wir nun den Multiplikator so wählen, dass die Differentialgleichung (8) exakt wird.

[Bearbeiten] Definition 4

Die Funktion
M(x, y): U \to \mathbb{R} \in C^1(U) mit M(x, y) \neq 0 für alle (x, y) \in U
heißt Eulerscher Multiplikator oder integrierender Faktor der Differentialgleichung (7), falls die Differentialgleichung (8) exakt ist. Auf dem Rechteck U gilt dann die Beziehung
(9) 0 = [M(x,y)P(x,y)]y − [M(x,y)Q(x,y)]x = MyPMxQ + M(PyQx)
bzw.
(10) 0 = \frac{M_x}{M} Q - \frac{M_y}{M} P + (Q_x - P_y) = [\log M(x, y)]_x Q - [\log M(x, y)]_y P + (Q_x - P_y).

[Bearbeiten] Beispiel 1: Multiplikator der Form M = M(x)

In diesem Spezialfall wird aus (9) die homogene, lineare, gewöhnliche Differentialgleichung

MxQ + M(QxPy) = 0,

die folgendermaßen gelöst werden kann: Wir integrieren die Identität

[\log M(x)]_x = \frac{M_x}{M} = \frac{P_y - Q_x}{Q}

und erhalten

\log M(x) = \int \frac{P_y - Q_x}{Q}\, dx

bzw.

M(x) = \exp \left( \int \frac{P_y - Q_x}{Q}\, dx \right).

Entsprechend finden wir einen Multiplikator der Form M = M(y), falls dieser existiert.

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