Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Lineare Differentialgleichungen m-ter Ordnung (§9)
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um den Punkt
von der halben Länge
wählen wir die reellwertigen, stetigen Koeffizientenfunktionen
für
.Dabei setzen wir
für alle
voraus. Dann betrachten wir den reellen Vektorraum
mit den Verknüpfungen
.Wir erklären nun den linearen Differentialoperator m-ter Ordnung

Offenbar gilt die Linearitätsregel
für alle
und
.Zu einer gegebenen rechten Seite
wollen wir nun alle Lösungen
von
bestimmen. Zunächst berechnen wir alle Lösungen der homogenen Gleichung
. Diese bilden – gemäß unserer nachfolgenden Untersuchungen – einen m-dimensionalen Vektorraum
.Wir bestimmen dann eine Lösung
der inhomogenen Gleichung
mittels Variation der Konstanten. Wir erhalten schließlich die Lösungsgesamtheit der inhomogenen Gleichung in der Form y0(x) + y(x) mit
.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Satz 1
- Sei der Vektor
gewählt, so sind die folgenden Aussagen äquivalent: - 1. Die Funktion
genügt dem Anfangswertproblem
für
.- 2. Die Funktion
genügt dem System

- mit der Matrixfunktion

- und der Vektorfunktion
.[Bearbeiten] Beweis
Wir beachten zunächst

Mit den Überlegungen zu Beginn von §8 erhalten wir für
das folgende System
.Hieraus ersehen wir sofort die Behauptung des Satzes.
q.e.d.
[Bearbeiten] Definition 1
- Ein System von m Lösungen
der Differentialgleichung
heißt Fundamentalsystem von
, wenn die Funktionen
im Intervall I linear unabhängig sind. Letzteres bedeutet, dass aus der Identität
in I mit Konstanten 
- die Aussage
folgt.
[Bearbeiten] Definition 2
- Wir erklären die Wronskische Determinante des Systems
durch
.[Bearbeiten] Bemerkung
Ist
ein System von Lösungen von
im Intervall I mit der Wronskischen Determinante
. Dann genügt diese der Differentialgleichung
.Somit ist
in I genau dann erfüllt, wenn in einem Punkt
die Aussage W(x0) = 0 richtig ist.
[Bearbeiten] Satz 2 (Wronskische Determinante)
- Die Funktionen
der Klasse Cm(I) seien Lösungen der Differentialgleichung
in I und sei
beliebig gewählt. - Dann ist
ein Fundamentalsystem von \mathcal{L}(y) = 0</math> genau dann, wenn
gilt.
[Bearbeiten] Beweis
„
“ Wäre W(x0) = 0 erfüllt, so existiert ein Vektor
mit der Eigenschaft
.Dabei haben wir die Matrixfunktion

erklärt. Also löst
das lineare Anfangswertproblem

Somit liefert der Eindeutigkeitssatz für Differentialgleichungssysteme
für alle
.Also ist
kein Fundamentalsystem – im Widerspruch zur Voraussetzung!
„
“ Wäre
kein Fundamentalsystem, dann existiert ein Vektor
mit der Eigenschaft
.Eine (m − 1)-fache Differentiation liefert für alle
die m − 1 Gleichungen
.Wir erhalten die Matrixidentität
mit einem Vektor
und es folgt W(x0) = detY(x0) = 0 – im Widerspruch zur Voraussetzung!
q.e.d.
[Bearbeiten] Satz 3 (Fundamentalsystem)
- 1. Es gibt ein Fundamentalsystem
der homogenen, linearen Differentialgleichung m-ter Ordnung
. - 2. Jede Lösung
von
lässt sich in der Form

- mit gewissen Konstanten
darstellen. Somit folgt
.[Bearbeiten] Beweis
1. Mit der Matrixfunktion (3) lösen wir zu den Einheitsvektoren
für 
die folgenden Anfangswertprobleme
mit
und 
über den Satz 1 aus §7. Wir fassen dann diese Lösungen zu einer Matrixfunktion zusammen, welche das folgende Anfangswertproblem löst:

Wir definieren die ersten Komponentenfunktionen
für
,welche gemäß Satz 1 die homogene Differentialgleichung lösen. Weiter bilden
ein Fundamentalsystem von
wegen Satz 2 und W(ξ) = detY(ξ) = detE = 1.
2. Wir hatten
aus (12) die Fundamentallösung des homogenen Differentialgleichungssystems genannt, welches den Lösungsraum

besitzt. Ist nun y(x) eine beliebige Lösung von
, so liegt die Funktion
im Lösungsraum
. Also gibt es nach Satz 2 aus §7 einen Vektor
, so dass

und folglich

richtig ist.
q.e.d.
[Bearbeiten] Satz 4 (Variation der Konstanten)
- Sei
ein Fundamentalsystem der Differentialgleichung
. Dann lässt sich die allgemeine Lösung der Differentialgleichung
in der Form
![y(x) = \sum^m_{k = 1} c_k y_k(x) + \sum^m_{k = 1} \left[ y_k(x) \left( \int\limits^x_\xi \left\{ \frac{z_k(t)}{W(t)} \frac{f(t)}{p_m(t)} \right\}\, dx \right) \right], \quad x \in I](http://upload.wikimedia.org/math/7/0/f/70facfe62967d39e5d58b7103db3371f.png)
- mit Konstanten
darstellen. Dabei ist der Faktor
für 
- durch die reduzierte Wronski-Determinante erklärt. Der erste Summand in (16) stellt die allgemeine Lösung der homogenen Gleichung dar und der zweite gibt eine partikuläre Lösung der inhomogenen Gleichung an.
[Bearbeiten] Beweis
Aus dem Fundamentalsystem bilden wir die Fundamentallösung
mit
.Gemäß Satz 1 gilt
genau dann, wenn die Funktion
das System
löst. Letzteres können wir vollständig mittels Satz 3 aus §7 über inhomogene Differentialgleichungssysteme lösen. Wir ermitteln jedoch direkt eine Lösung der inhomogenen Gleichung durch den Ansatz der Variation der Konstanten
mit
.Damit erhalten wir

Dieses lineare Gleichungssystem lösen wir mit der Cramerschen Regel und erhalten
in Ifür
. Hieraus folgt durch Integration die Behauptung.
q.e.d.
[Bearbeiten] Bemerkungen
1. Das d'Alambertsche Verfahren der Reduktion der Ordnung
Haben wir bereits eine nullstellenfreie Lösung
der homogenen Differentialgleichung
mit
gefunden, so leiten wir mit einem Produktansatz
eine Differentialgleichung (m − 1)-ter Ordnung für deren Ableitung v'(x) her. Hierzu berechnen wir zunächst
für 
und ermitteln dann

Hierbei stellt
einen linearen Differentialoperator (m − 1)-ter Ordnung angewandt auf die Funktion v'(x) dar.
2. Wenn die Koeffizienten der Differentialgleichung lokal in Potenzreihen entwickelbar sind, ist auch die Lösung der Differentialgleichung als Potenzreihe darstellbar. Wir haben dann nur die Koeffizienten dieser Potenzreihe zu bestimmen, wenn wir einen Potenzreihenansatz machen.
[Bearbeiten] Beispiel: Die Besselsche Differentialgleichung
Die Untersuchung der Eigenschwingungen einer kreisförmigen Membran führt für die radiale Komponente der Schwingung auf die folgende Differentialgleichung

mit
. Wir wollen eine Lösung für diese Differentialgleichung ermitteln. Hierzu setzen wir die Potenzreihe
mit unbestimmten
in (23) ein und erhalten
.Mittels Koeffizientenvergleich ist diese Gleichung äquivalent zu
für
.Wir erhalten die Rekursionsformel
für
.Setzen wir
, so folgt
für
,während alle übrigen Koeffizienten der Potenzreihe verschwinden. Somit genügt die Funktion

der Besselschen Differentialgleichung (23), wobei
beliebig ist.