Kurs:Analysis III/Kapitel II: Grundlagen der Funktionalanalysis/§9 BV-Funktionen und Stieltjes-Integral
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[Bearbeiten] Definition 1
- Eine Funktion
heißt Funktion von beschränkter Variation in
, in Zeichen
, wenn für alle Zerlegungen

- von
die Ungleichung

- mit einer Konstanten
richtig ist.
[Bearbeiten] Bemerkung 1
Für eine Zerlegung
in
und
setzen wir
![J_k := [x_{k-1}, x_k], \quad |J_k| := x_k - x_{k-1}, \quad \varrho(J_k) := \varrho(x_k) - \varrho(x_{k-1}).](http://upload.wikimedia.org/math/4/b/e/4be97e4603c051cc3905081d282aeaf7.png)
Wir erklären dann

und erhalten die Aussage

[Bearbeiten] Satz 1
- Eine Funktion
ist beschränkt und es existieren die Grenzwerte
. Weiter gilt die Ungleichung

- für beliebige
mit a < b, insbesondere also

- In (3) tritt Gleichheit genau dann ein, wenn die Funktion
schwach monoton steigend bzw. fallend ist.
[Bearbeiten] Beweis
1. Für eine beliebige Zerlegung
in
mit a = x0 und b = xn gilt

Damit existiert insbesondere eine Konstante
mit der Eigenschaft

so dass
beschränkt ist.
2. Wegen (5) gibt es eine Folge
mit
![\lim_{l \to \infty} \varrho(\xi_l) = \varrho_* \in [-K,+K].](http://upload.wikimedia.org/math/a/6/7/a67ecfa7f028c3a93ae7835e04f48d60.png)
Nun gilt für jede weitere Folge
mit
, dass

richtig ist.
Indirekter Beweis: Anderenfalls gibt es ein
, ein
und eine Folge
mit

Wegen (6) gibt es ein
, so dass

gilt. Aus den Punktmengen
und 
konstruieren wir nun eine Zerlegung {x0,x1,...,xn} in
mit der Eigenschaft
und 
wobei
beliebig ist. Seien nun ηi = xk − 1 und ξj = xk (bzw. umgekehrt) zwei benachbarte Elemente der so konstruierten Folge, so erhält man


Aufsummierung über k ergibt

Da n beliebig war, erhalten wir mit (2) einen Widerspruch zur Voraussetzung
. Also existiert
. Analog zeigt man die Existenz des Grenzwertes
.
3. Da die Ungleichung

nach (4) gilt und die Limites
existieren, folgt nach Grenzübergang

Falls nun
schwach monoton ist, gilt in (4) wegen
(bzw.
) für alle
das Gleichheitszeichen, also

für alle Zerlegungen
. Nun folgt

4. Falls dagegen
nicht schwach monoton ist, können wir ein
und eine Zerlegung in
so finden, dass

sowie

gelten. Somit folgt

woraus sich

ergibt.
q.e.d.
[Bearbeiten] Definition 2
- Für beliebige Zahlen
mit
erklären wir die Funktionen beschränkter Variation im Intervall [a,b] wie folgt:
![BV[a, b] := \{\varrho \in BV(\mathbb{R}): \varrho(x) = \varrho(a)\ falls\ x < a, \varrho(x) = \varrho(b)\ falls\ x > b\}, \quad BV[-\infty, +\infty0] = BV(\mathbb{R}).](http://upload.wikimedia.org/math/4/5/a/45a61889ed3833b8eb457cea743b0974.png)
- Seien ferner
und
mit
für alle
, so setzen wir

[Bearbeiten] Hilfssatz 1
- Seien
und − 1 < x < y < + 1, so gilt

[Bearbeiten] ohne Beweis
[Bearbeiten] Satz 2 (Zerlegungssatz für BV-Funktionen)
- Jede Funktion
lässt sich in der Form

- darstellen. Dabei sind
monoton nicht fallende, beschränkte Funktionen.
[Bearbeiten] Beweis
Nach Hilfssatz 1 ist

monoton nicht fallend. Ferner gilt
(Beschränktheit).Betrachten wir zusätzlich die Funktion

so haben wir die gewünschte Zerlegung (8), wenn wir noch die schwache Monotonie und Beschränktheit von
zeigen. Da
und
beschränkt sind, gilt dies auch für
. Für
gilt die folgende Ungleichung

womit die schwache Monotonie bewiesen ist.
q.e.d.
Da eine Funktion beschränkter Variation gemäß (8) in schwach monotone Funktionen zerlegbar ist, wollen wir uns nun mit monotonen Funktionen befassen.
[Bearbeiten] Satz 3 (Unstetigkeitsstellen monotoner Funktionen)
- Sei
eine monoton nicht fallende, beschränkte Funktion. - (i)
ist genau dann in einem Punkt
unstetig, wenn für die Sprunghöhe

- gilt. Dabei sind

- die rechts- bzw. linksseitigen Grenzwerte.
- (ii) Die Funktion
hat höchstens abzählbar viele Unstetigkeitsstellen.
[Bearbeiten] ohne Beweis
An vielen Stellen in der Analysis sind Auswahlsätze von entscheidender Bedeutung. Sie lassen sich in der Regel als Kompaktheitskriterien interpretieren. Für kompakte Mengen im
haben wir den Weierstraßschen Satz, für die Klasse der gleichgradig stetigen Funktionen den Satz von Arzelà-Ascoli und für die Klasse der BV-Funktionen die folgende Aussage.
[Bearbeiten] Satz 4 (Hellyscher Auswahlsatz)
- Sei
eine gleichmäßig beschränkte Funktionenfolge mit gleichmäßig beschränkter Variation, d.h. es gibt eine Konstante C, so dass
für alle 
- und
für alle 
- gelten. Dann gibt es eine Teilfolge
mit
, welche in jedem Punkt
gegen eine beschr¨ankte Funktion
konvergiert, d.h.
für alle
.
ist wiederum eine Funktion aus
.
[Bearbeiten] ohne Beweis
Für Funktionen
und
, eine Zerlegung
in
und Zwischenwerte
erklären wir die Riemann-Stieltjes-Summe wie folgt:
![\sum (\mathcal{Z}, f, \xi; \varrho) := \sum^{n(\mathcal{Z})}_{k = 1} f(\xi_k) \varrho(J_k) = \sum^{n(\mathcal{Z})}_{k=1} f(\xi_k) [\varrho(x_k) - \varrho(x_{k - 1})].](http://upload.wikimedia.org/math/5/0/7/507be309123f458047e51f0cb1b966e2.png)
Eine Zerlegungsfolge
nennen wir ausgezeichnet, falls
und 
gelten.
[Bearbeiten] Definition 3 (Stieltjes-Integral)
- Seien
und
. Dann erklären wir gemäß

- das Stieltjes-Integral von f bzgl.
. Dabei ist
eine beliebige ausgezeichnete Zerlegungsfolge und
sind beliebige Zwischenwerte.
[Bearbeiten] Bemerkung 2
1. Man kann zeigen, dass der in (10) verwendete Grenzwert existiert und von der Wahl der ausgezeichneten Zerlegungsfolge und der Zwischenwerte unabhängig ist, so dass die Definition des Stieltjes-Integral gerechtfertigt ist.
2. Seien
gegeben und
. Setzen wir in (10) die Funktion
mit ![\hat \varrho(x) = \varrho(x) \quad \forall x \in [a, b]](http://upload.wikimedia.org/math/7/c/6/7c6ec95b934b9bb419f28d78057ff060.png)
ein, so erhalten wir mit

das Stieltjes-Integral über das Intervall [a,b].
3. Sei
eine monoton nicht fallende Funktion mit
und 
sowie der folgenden Eigenschaft: Es gibt eine Folge
von Punkten, so dass

richtig ist. Dann gilt für das Stieltjes-Integral von 

Wegen

liefert die Funktion
eine diskrete Wahrscheinlichkeitsverteilung. Derartige Stieltjes-Integrale finden auch in der Physik Anwendung, z. B. bei der Betrachtung von Punktladungen. Falls
nur bei x = 0 einen Sprung der Hö0he 1 hat, erhält man das sogenannte Dirac-Maß.
Seien X = R und
. Weiter sei
gemäß Satz 2 zerlegt in

Dann gilt für das Stieltjes-Integral

Betrachten wir nun mit
eine beliebige monoton nicht fallende, beschränkte Funktion, so erhalten wir ein Daniellsches Integral
