Kurs:Mathematik I (Osnabrück 2009 2010)/Vorlesung 6
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- Angeordnete Körper
Definition (Angeordneter Körper)
Ein Körper K heißt angeordnet, wenn es eine totale Ordnung „
“ auf K gibt, die die beiden Eigenschaften
- Aus
folgt
(für beliebige
) - Aus
und
folgt
(für beliebige
)
Statt
schreibt man auch
. Die Schreibweise a > b bedeutet
und
. Eine wichtige Beziehung in einem angeordneten Körper ist, dass
äquivalent zu
ist. Diese Äquivalenz ergibt sich durch beidseitiges Addieren von − b bzw. b aus dem ersten Axiom. In einem angeordneten Körper nennt man ein Element
positiv, wenn a > 0 ist, und negativ,[1] wenn a < 0 ist. Die 0 ist demnach weder positiv noch negativ, und jedes Element ist entweder positiv oder negativ oder null. Die Elemente a mit
nennt man dann einfach nichtnegativ und die Elemente a mit
nichtpositiv. Für die entsprechenden Mengen schreibt man
und der Körper der reellen Zahlen
.
Lemma
In einem angeordneten Körper gelten die folgenden Eigenschaften.
- 1 > 0,
- Aus
und
folgt
, - Aus
und
folgt
.
Beweis

Definition (Intervalle)
Sei K ein angeordneter Körper. Zu
,
, nennt man
das abgeschlossene Intervall.
das offene Intervall.
das linksseitig offene Intervall.
das rechtsseitig offene Intervall.
Für das offene Intervall wird häufig auch (a,b) geschrieben. Die Zahlen a und b heißen die Grenzen des Intervalls, genauer spricht man von oberer und unterer Grenze. Die Bezeichnung linksseitig und rechtsseitig bei den beiden letzten Intervallen (die man auch als halboffen bezeichnet) rühren von der üblichen Repräsentierung der reellen Zahlen als Zahlengerade her, bei der rechts die positiven Zahlen stehen. Zutreffender (also weniger konventionsverhaftet) wäre es von „größerseitig offen“ und „kleinerseitig offen“ zu sprechen. Manchmal werden auch Schreibweisen wie
verwendet. Dies bedeutet nicht, dass es in K ein Element
gibt, sondern ist lediglich eine kurze Schreibweise für
.
Bemerkung
Ein äquivalenter Zugang zum Begriff des angeordneten Körpers funktioniert so: Man hat einen Körper K, bei dem eine Teilmenge
(die „positive Hälfte“) ausgezeichnet ist mit den folgenden Eigenschaften
- Entweder
oder
oder x = 0. - Aus
folgt
. - Aus
folgt
.
- Der Betrag
Definition (Betrag)
In einem angeordneten Körper K ist der Betrag eines Elementes
folgendermaßen definiert.
Der Betrag ist also nie negativ und hat nur bei x = 0 den Wert 0, sonst ist er immer positiv. Die Gesamtabbildung
Lemma
Es sei K ein angeordneter Körper.
Dann erfüllt die Betragsfunktion
.
genau dann, wenn x = 0 ist.
genau dann, wenn x = y oder x = − y ist.
.
.- Für
ist
. - Es ist
(Dreiecksungleichung für den Betrag).
Beweis

- Bernoulli'sche Ungleichung
In der folgenden Aussage verwenden wir für ein Element
in einem Körper und einer natürlichen Zahl
die Schreibweisen
Satz (Bernoulli Ungleichung)
Sei K ein angeordneter Körper und n eine natürliche Zahl. Dann gilt für jedes
mit
die Abschätzung
Beweis
Wir führen Induktion über n. Bei n = 0 steht beidseitig 1, so dass die Aussage gilt. Sei nun die Aussage für n bereits bewiesen. Dann ist

- Archimedisch angeordnete Körper
Wenn man sich wie üblich die reellen Zahlen als Zahlengerade vorstellt, so ist das nächste Axiom selbstverständlich. Es gibt aber auch sehr interessante angeordnete Körper, in denen dieses Axiom nicht gilt; es gilt auch nicht im Rahmen der sogenannten non-standard Analysis. Zur Formulierung dieses Axioms muss man jede natürliche Zahl in einem Körper K interpretieren können. Dies geschieht, indem man einer natürlichen Zahl
das Körperelement
Definition
Es sei K ein angeordneter Körper. Dann heißt K archimedisch angeordnet, wenn das folgende Archimedische Axiom gilt, d.h. wenn es zu jedem x eine natürliche Zahl n gibt mit
Diese Eigenschaft ist für negative Elemente stets erfüllt, für positive Elemente handelt es sich aber um eine echte neue Bedingung, die nicht jeder angeordnete Körper erfüllt. Einen archimedisch angeordneten Körper kann man sich als eine Zahlengerade vorstellen, auf denen auch die ganzen Zahlen liegen. Mit Zahlengerade wird noch nichts genaues über „Lücken“ oder „Kontinuität“ behauptet.
Lemma
Sei K ein archimedisch angeordneter Körper.
Dann gibt es zu
mit x > 0 stets ein
mit nx > y.
Beweis
Wir betrachten y / x. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es ein n mit
. Da x positiv ist, gilt auch
.

Lemma
Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper Es sei x > 0.
Dann gibt es eine natürliche Zahl
mit
.
Beweis
Es ist x − 1 eine wohldefinierte positive Zahl und daher gibt es eine natürliche Zahl
mit
. Dies ist äquivalent zu

Im folgenden Lemma verwenden wir, dass man zunächst die ganzen Zahlen
in einem angeordneten Körper K wiederfindet und dass man dann auch die rationalen Zahlen
in K wiederfindet. Die rationale Zahl n / m ist als das Element
zu interpretieren, siehe auch Aufgabe 6.17.
Lemma
Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper
Dann gibt es zwischen je zwei Elementen x < y auch eine rationale Zahl n / k (mit
) mit
Beweis
Wegen y > x ist y − x > 0 und daher gibt es nach Lemma 6.10 ein
mit
. Wegen der Archimedes-Eigenschaft gibt es auch ein
mit
und ein
mit
. Daher gibt es auch ein
derart, dass
und andererseits

In einem archimedisch angeordneten Körper bilden die ganzzahligen Intervalle [n,n + 1[,
, eine disjunkte Überdeckung. Deshalb ist die folgende Definition sinnvoll.
Definition (Gaußklammer)
Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper. Die Gaußklammer ist die Funktion
Da die Werte der Gaußklammer die ganzen Zahlen sind, kann man die Gaußklammer auch als eine Abbildung
auffassen.
Lemma
Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper und x > 1.
Dann gibt es zu jedem
eine natürliche Zahl
mit
Beweis
Wir schreiben x = 1 + u mit u > 0. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es eine natürliche Zahl n mit
. Damit gilt unter Verwendung von Satz 6.7 die Abschätzung

- Tupel
In der Definition einer Abbildung sind die Definitionsmenge und die Wertemenge grundsätzlich gleichwichtig. Dennoch gibt es Situationen, wo mal das Hauptgewicht auf der einen oder der anderen Menge liegt. Der allgemeine Abbildungsbegriff deckt eben auch Situationen ab, bei denen man zunächst gar nicht unbedingt an Abbildungen denkt.
Betrachten wir bspw. die Potenzmenge einer Menge M. Jede Teilmenge von M kann man mit einer Abbildung von M in die zweielementige Menge {0,1} identifizieren, siehe Aufgabe 1.15. Hier ist also die Wertemenge extrem einfach und die Abbildung repräsentiert an jeder Stelle eine Ja/Nein-Entscheidung.
Andererseits kann man (geordnete) Paare (x,y) zu einer Menge M, also Elemente aus der Produktmenge
, als eine Abbildung
Definition (Tupel)
Es seien I und M Mengen. Dann nennt man eine Abbildung
spricht man von einem n-Tupel in M.Die Menge I heißt in diesem Zusammenhang auch Indexmenge, ein Element aus der Indexmenge heißt Index. Bei einem I-Tupel x sind die Elemente durch die Indices indiziert. Zu
heißt xi die i-te Komponente des Tupels. Ein n-Tupel schreibt man meist als
Die Menge aller I-Tupel wird mit
schreibt man auch
ist also nichts anderes als die Menge der Zweitupel von reellen Zahlen, der reelle Raum
besteht aus allen reellen Tripeln.
Bei
spricht man von Folgen in M, worauf wir in aller Ausführlichkeit noch eingehen werden. Eine endliche Indexmenge kann man stets durch eine Menge der Form
ersetzen (diesen Vorgang kann man eine Nummerierung der Indexmenge nennen), doch ist das nicht immer sinnvoll. Wenn man z.B. mit einer Indexmenge
startet und sich dann für gewisse Teilindexmengen
interessiert, so ist es natürlich, die von I ererbten Bezeichnungen beizubehalten, anstatt J mit einer neuen Nummerierung
zu versehen. Häufig gibt es für ein bestimmtes Problem „natürliche“ Indexmengen, die (allein schon mnemotechnisch) einen Teil des strukturellen Gehalts des Problems widerspiegeln. Eine lineare Abbildung vom
in den
wird z.B. durch eine Matrix mit m Zeilen und n Spalten beschrieben, also insgesamt mit mn Einträgen. Diese Matrixeinträge indiziert man am einfachsten mit einem Doppelindex
einführen würde.
- Familien von Mengen
Es können nicht nur Elemente, sondern auch Mengen durch eine Indexmenge indiziert werden. Dann spricht man von einer Mengenfamilie.
Definition
Es sei I eine Menge und zu jedem i sei eine Menge Mi gegeben. Eine solche Situation nennt man eine Familie von Mengen
Dabei können die Mengen völlig unabhängig voneinander sein, es kann aber auch sein, dass sie alle Teilmengen einer bestimmten Grundmenge sind.
Definition
Es sei Mi,
, eine Familie von Teilmengen einer Grundmenge G. Dann heißt
Man beachte, dass dabei der Durchschnitt und die Vereinigung auf den All- bzw. den Existenzquantor zurückgeführt wird.
Definition
Es sei I eine Menge und zu jedem
sei eine Menge Mi gegeben. Dann nennt man die Menge
Sobald eine der beteiligten Mengen Mi leer ist, ist auch das Produkt leer, da es dann für die i-te Komponente keinen möglichen Wert gibt. Wenn aber umgekehrt alle Mengen Mi nicht leer sind, so ist auch ihr Produkt nicht leer, da man für jeden Index i dann ein Element
wählen kann. Bei einem formalen axiomatischen Aufbau der Mengentheorie muss man übrigens fordern, dass dieses Wählen möglich ist. Dies ist der Inhalt des Auswahlaxioms.
Beispiel
Zu
sei
. Es gelten die Inklusionen
Beispiel
Zu
sei
. Es gelten die Inklusionen
Beispiel
Es sei x eine reelle Zahl[2] und es sei xn diejenige rationale Zahl, die sich aus allen Vorkommaziffern und den ersten n Nachkommaziffern von x im Dezimalsystem ergibt. Wir definieren die Intervalle
und es ist
, ist also eine Intervallschachtelung für x.Beispiel
Es sei M eine Menge. Für
definieren wir rekursiv[3]
- Fußnoten
- ↑ Man beachte, dass hier negativ in einem neuen Sinn auftritt. In jedem Körper K gibt zu jedem Element
das negative Element − x, also das Inverse von x bzgl. der Addition. Das Element − x ist aber nicht in einem absoluten Sinn negativ, sondern nur in Bezug auf x. Dagegen gibt es in einem angeordneten Körper wirklich negative und positive Elemente. - ↑ Die reellen Zahlen werden wir später axiomatisch einführen, Intervallschachtelungen repräsentieren ein wichtiges Existenzprinzip für reelle Zahlen.
- ↑ Es wird also eine Definition unter Bezug auf einen Vorgänger gemacht.
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![[\, ]: K \longrightarrow K
, \, x \longmapsto [x] \, ,](http://upload.wikimedia.org/math/0/9/d/09d0e61ccaabeb7dfb2b4c62f3b24674.png)
![[x]=n, \text{ falls } x \in [n,n+1[ \text{ und } n \in \Z \, ,](http://upload.wikimedia.org/math/5/9/0/590457dcfe93426d6abb6b83d839db41.png)



















![M_n = [x_n, x_n + (\frac{1}{10})^n ] \subset \R \, .](http://upload.wikimedia.org/math/1/b/d/1bd48189a9f524a6ebef7a6b28ac9f66.png)


