Schopenhauer Aphorismen zur Lebensweisheit. Von dem, was einer ist.
Aus Wikiversity
Das Schlüsselwort der Schopenhauerschen Grundbestimmung Was einer ist lautet Unterschiede. Sie sind von der Natur zwischen die Menschen gesetzt. Diese echten persönlichen Vorzüge seien durchgreifender für Glück oder Unglück als das, was man besitze oder was der Einzelne in den Augen anderer sei. Sie würden mehr als Herkommen, als Rang oder Reichtum bewirken. Denn inneres Behagen oder Unbehagen liege in der Hauptsache in dem, was in einem selbst bestehe oder vorgehe.
- Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.
- Dieselbe Begebenheit, welche sich in einem geistreichen Kopfe interessant darstelle, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine schale Szene aus der Alltagswelt sein.
- Gesellschaftliche Stellung und materieller Reichtum ließen jeden nur seine Rolle spielen. Aber keineswegs entsprächen sie einer inneren Verschiedenheit des Glücks. Auch hier stecke in jedem derselbe Tropf mit seiner Not und Plage.
-
- Goethe (1808) hat es Mephistopheles bündig formulieren lassen:
- Du bist am Ende - was du bist.
- Setz' dir Perücken auf von Millionen Locken,
- Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
- Du bleibst doch immer was du bist.
Die Persönlichkeit ist nach Schopenhauer eine Lebenskonstante. Wandelbar dagegen seien die Lebensumstände. Demgemäß trage das Leben eines jeden Menschen, trotz aller Abwechslung von außen, durchgängig denselben Charakter, - vergleichbar eine Reihe von Variationen auf e i n Thema. Auch könne sich das Temperament im Verlaufe des Lebens abstufen, jedoch nicht der Charakter.[1]
- Aus seiner Individualität kann keiner heraus.
- Das Schicksal kann sich ändern; die eigene Beschaffenheit nimmer.
Große Bedeutung misst Schopenhauer dem geistigen Innenleben bei.
- Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile nicht abzuwenden vermag.
- Ein guter, gemäßigter, sanfter Charakter kann unter dürftigen Umständen zufrieden sein; während ein begehrlicher, neidischer und böser es bei allem Reichthum nicht ist.
Für das Lebensglück sei demnach das, was wir sind, die Persönlichkeit, das Erste und Wesentlichste. Sie könne nicht entrissen werden. Ihr Wert kann insofern ein absoluter heißen im Gegensatz zu den beiden anderen.[2] Da die Persönlichkeit [Anlagen und Fähigkeiten] nach Schopenhauer naturgegeben ist [genetisch fixiert], sei ihr Erwerb nicht in das Ermessen des Einzelnen gelegt. Sie stehe von Anbeginn für das ganze Leben unveränderlich fest. Schopenhauer zitiert Goethe als Gewährsmann:
-
- Nach dem Gesetz, wonach du angetreten,
- So mußt du sein, du kannst dir nicht entfliehn.
Das gelte es zu berücksichtigen bei der Wahl von Stand [veraltet für Beruf], Beschäftigung und Lebensweise.
Die Hochschätzung der Persönlichkeit bedeute jedoch nicht, den Erwerb des Nötigen und Angemessenen zu vernachlässigen.
- Aber eigentlicher Reichtum, d. h. großer Überfluß, vermag wenig zu unserem Glück; daher viele Reiche sich unglücklich fühlen; weil sie ohne eigentliche Geistesbildung, ohne Kenntnisse und deshalb ohne ein objektives Interesse, welches sie zu einer geistigen Beschäftigung befähigen könnte, sind. Denn was der Reichthum über die Befriedigung der wirklichen und natürlichen Bedürfnisse hinaus noch leisten kann ist von geringem Einfluß auf unser eigentliches Wohlbehagen.
- Innere Leere treibe zur Geselligkeit, da man sich selbst in seiner Banalität nicht ertrage. Schopenhauer spricht von der Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe und meint: Wo viele Gäste sind ist viel Pack. Nach seiner Auffassung tauge nur jeder sechste Zeitgenosse etwas. Die verleibenden fünf seien der Rede nicht wert. Geselligkeit um der Geselligkeit willen empfindet Schopenhauer als eine Art Notgemeinschaft geistloser Naturen.
Zu dem, was einer ist, zählt Schopenhauer auch Ausbildung. Sie wird - im Gegensatz zur Intelligenz, die angeboren ist und die in der Regel auch vererbt wird - erworben. Die Prämisse Ausbildung hier zu nennen wird nur plausibel, wenn man Schopenhauer unterstellt, er sehe den Erwerb von Wissen und Können als die natürliche Folge von Intelligenz und Gedächtnis, dass Begabung und Talent notwendig zu Wissen und Können führen.
- Der moralische Wert wie auch der intellektuelle werde nicht von außen angelegt, sondern gehe aus der Tiefe unseres eigenen Wesens hervor. Daher können keine Pestalozzische[n] Erziehugskünste aus einem geborene Tropf einen denkenden Menschen bilden: nie!“
- Die Wirkung der Persönlichkeit, das Gespür für persönliche Vorzüge, die dem Anderen abgehen, beschäme.
- Darum eben ist der auf persönliche Vorzüge gerichtete Neid der unversöhnlichste, wie auch der am sorgfältigsten verhehlte.
- Ein heiteres Naturell lasse andere Glückgüter hinter sich, denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst.
- Einer sei jung, schön, reich und geehrt; so frägt man sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei auch heiter sei: ist er hingegen heiter; so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich.[3]
- Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit.
- Pessimismus, so sehr er dem Glück abträglich sei, helfe anderseits, Rückschläge und Desaster hintan zu halten:
- Denn wer alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe des Ausdrucks leiht.
Schönheit erkennt Schopenhauer unumwunden an.
- Schönheit ist ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen im Voraus für uns gewinnt.
Langeweile sei nach Entbehrung oder Schmerz der ärgste Feind des Glücks.
- Äußerlich nämlich gebiert Not und Entbehrungen den Schmerz [4]; hingegen Sicherheit und Überfluß die Langeweile.
Neugier: Geistige Stumpfheit verstärke Langeweile. Diese wiederum führe zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinste Vorgänge der Außenwelt.
- Denn je mehr Einer an sch selber hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger auch können die Uebrigen ihm sein. […] Demgemäß wird man, im Ganzen, finden, daß Jeder in dem Maaße gesellig ist, als er geistig arm und überhaupt gemein [5] ist. Denn man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.
Die ursprüngliche Bestimmung der Kräfte, auch der Geisteskräfte, mit denen die Natur die Menschen ausgerüstet habe, sei der Kampf gegen die Not. Dem Dynamischen rät Schopenhauer:
- Wenn dieser Kampf einmal rastet, da werden ihm die unbeschäftigten Kräfte zur Last: er muß daher jetzt mit ihnen s p i e l e n.
Zum Unterhaltungswert, der sich dem Leben abgewinnen lässt, würden auch die geistige Genüsse gehören. Sie bestehen nach Schopenhauer im Erkennen. [6]
- Minimales Erkennen sei das Wesen des Kartenspiels, das Schopenhauer für vulgär hält.
- Der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete Mensch führe ein durchweg belebtes und bedeutendes Dasein. Nur er sei eigentlich in der Lage, die so verschiedenen Leistungen der Hochbegabten aller Zeiten und Länder zu genießen, weil sie nur ihm ganz verständlich und fühlbar seien. Für ihn demnach haben jene wirklich gelebt, an ihn haben sie sich eigentlich gewandt.
- Ein solches intellektuelles Leben schützt aber nicht nur gegen die Langeweile, sonder auch gegen die verderblichen Folgen derselben. Es wir nämlich zur Schutzwehr gegen schlechte Gesellschaft.
Schopenhauer über sich: So hat mir meine Philosophie nie etwas eingebracht; aber sie hat mir viel erspart.
Die Durchschnittsköpfe hätten ihren Schwerpunkt außer sich selbst, in Besitz, Rang, Frau und Kinder, Freunde, Gesellschaft usw. Sie würden, sobald die Mittel es erlauben, bald Landhäuser, bald Pferde kaufen, Feste geben, bald Reisen machen. Beim Reisen stehe bei vielen das Sehen für das Denken.
Zur Freizeit meint Schopenhauer:
- Die freie Muße eines jeden ist nur so viel wert, als er selbst wert ist.
Das Missliche einer überdurchschnittlichen intellektuellen Ausstattung bestehe darin,
- daß die großen Geistesgaben ihren Besitzer den übrigen Menschen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr einer an sich selber hat, desto weniger er an ihnen finden kann.
- Geistige Fähigkeiten, spürt sie der intellektuell Schlichte, werden, wenn sie ihm aufstoßen, seinen Widerwillen, ja, seinen Hass erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl der Inferiorität, und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid verspürt.
- ↑ a. a. O., Vom Unterschiede der Lebensalter
- ↑ Materieller Besitz und Ansehen
- ↑ Die Märchenweisheit vom «Hans im Glück»
- ↑ Not und Schmerz verwendet Schopenhauer in den «Aphorismen zur Lebensweisheit» gelegentlich synonym.
- ↑ durchschnittlich
- ↑ Kommentar: Erkennen (von Zusammenhängen) und Imagination (Vorstellung) machen die Dimension des Geistigen aus.