Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 15
Aus Wikiversity
Bevor wir uns mit algebraischer Zahlentheorie, insbesondere mit quadratischen Zahlbereichen, genauer beschäftigen können, brauchen wir einige neue algebraische Begriffe. Zur Motivation betrachten wir das folgende kommutative Diagramm.
eine endliche Körpererweiterung vom Grad zwei. Ferner ist
der kleinste Körper, der die ganzen Zahlen
enthält, und ebenso ist
der kleinste Körper, der die Gaußschen Zahlen
enthält. Die Gaußschen Zahlen sind, in einem zu präzisierenden Sinne, die ganzen Zahlen im Körper
.
Dies ist nicht selbstverständlich. Betrachten wir stattdessen die Körpererweiterung
(ebenfalls vom Grad zwei), was ist dann der Ring der ganzen Zahlen?
und
ist der Ring der Eisenstein-Zahlen, den wir in der zweiten Vorlesung kennengelernt haben. Für die beiden Ringe
und
ist
der kleinste sie enthaltende Körper. Auf den ersten Blick wirkt vermutlich
natürlicher. Andererseits ist der Ring der Eisenstein-Zahlen euklidisch und damit faktoriell, hat also deutlich bessere Eigenschaften.
Im Folgenden werden wir bestimmen, was für eine beliebige endliche Körpererweiterung
der richtige Ganzheitsring in L ist. Zuerst präzisieren wir, was wir eben dadurch beschrieben haben, dass
der kleinste Körper ist, der
enthält.
Definition (Quotientenkörper)
Zu einem Integritätsbereich R ist der Quotientenkörper Q(R) definiert als die Menge der formalen Brüche
Mit natürlichen Identifikationen meinen wir die (Erweiterungs- bzw. Kürzungs-)Regel
ist
das Inverse.
Der Integritätsbereich R findet sich in Q(R) wieder durch die Elemente
. Diese natürliche Inklusion
hat bei
das Inverse
. Zwischen R und Q(R) gibt es keinen weiteren Körper. Ein solcher muss nämlich zu
das (eindeutig bestimmte) Inverse
enthalten und dann aber auch alle Produkte
.Definition (Algebra)
Seien R und A kommutative Ringe und sei
ein fixierter Ringhomomorphismus. Dann nennt man A eine R-Algebra.
Wenn eine R-Algebra vorliegt so nennt man den zugehörigen Ringhomomorphismus auch den Strukturhomomorphismus. Das vielleicht wichtigste Beispiel einer R-Algebra ist der Polynomring R[X]. Ein R-Algebra-Homomorphismus von R[X] in eine weitere R-Algebra B ist gegeben durch die Zuordnung
, wobei
ein Element ist. Diese Abbildung nennt man den Einsetzungshomomorphismus. Er schickt ein Polynom
| ∑ | riXi |
| i = 0 |
,
, auf
, wobei die ri via dem Strukturhomomorphismus als Elemente in B aufgefasst werden.
Wenn ein Polynom
das algebraische Element
annulliert (also P(f) = 0 ist), so kann man durch den Leitkoeffizienten dividieren und erhält dann auch ein normiertes annullierendes Polynom. Über einem Körper sind also die Begriffe ganz (später) und algebraisch äquivalent.
Definition (Minimalpolynom)
Sei K ein Körper und A eine kommutative K-Algebra. Es sei
ein über K algebraisches Element. Dann heißt das normierte Polynom
mit P(f) = 0 und vom minimalen Grad mit dieser Eigenschaft, das Minimalpolynom von f.
Die über den rationalen Zahlen
algebraischen komplexen Zahlen erhalten einen speziellen Namen.
Definition (Algebraische Zahlen)
Eine komplexe Zahl z heißt algebraisch oder algebraische Zahl, wenn sie algebraisch über den rationalen Zahlen
ist. Andernfalls heißt sie transzendent.
Bemerkung (Algebraische und transzendente Zahlen)
Eine komplexe Zahl
ist genau dann algebraisch, wenn es ein von null verschiedenes Polynom P mit rationalen Koeffizienten gibt mit P(z) = 0. Durch Multiplikation mit einem Hauptnenner kann man für eine algebraische Zahl auch ein annullierendes Polynom mit ganzzahligen Koeffizienten finden (das allerdings nicht mehr normiert ist). Eine rationale Zahl q ist trivialerweise algebraisch, da sie Nullstelle des linearen rationalen Polynoms X − q ist. Weiterhin sind die reellen Zahlen
und q1 / n für
algebraisch. Dagegen sind die Zahlen e und π nicht algebraisch. Diese Aussagen sind keineswegs selbstverständlich, die Transzendenz von π wurde beispielsweise von Lindemann 1882 gezeigt
Definition (Körpererweiterungen)
Sei L ein Körper und
ein Unterkörper von L. Dann heißt L ein Erweiterungskörper (oder Oberkörper) von K und die Inklusion
heißt eine Körpererweiterung.
Eine K-Algebra A kann man stets in natürlicher Weise als Vektorraum über dem Körper K auffassen (ist K kein Körper, so ist eine K-Algebra ein K-Modul. Die Skalarmultiplikation wird dabei einfach über den Strukturhomomorphismus erklärt. Durch den Vektorraumbegriff hat man sofort die folgenden Begriffe zur Verfügung.
Definition (Endliche Körpererweiterungen)
Eine Körpererweiterung
heißt endlich, wenn L ein endlich-dimensionaler Vektorraum über K ist.
Definition (Grad)
Sei
eine endliche Körpererweiterung. Dann nennt man die K-(Vektorraum-)Dimension von L den Grad der Körpererweiterung.
Ein Element
einer Körpererweiterung
definiert durch Multiplikation eine K-lineare Abbildung
Bemerkung (Berechnung von Determinante und Spur einer linearen Abbildung)
Zu einer linearen Abbildung
und die Spur
wie folgt berechnet. Man wählt eine K-Basis
und repräsentiert die lineare Abbildung bezüglich dieser Basis durch eine quadratische
-Matrix
und rechnet dann die Determinante aus. Es folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz, dass dies unabhängig von der Wahl der Basis ist. Die Spur ist gegeben durch
Definition (Norm)
Sei
eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element
nennt man die Determinante der K-linearen Abbildung
Definition (Spur)
Sei
eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element
nennt man die Spur der K-linearen Abbildung
Lemma
Sei
eine endliche KörpererweiterungDefinition. Dann hat die Norm
- Es ist N(fg) = N(f)N(g).
- Für
ist N(f) = fn, wobei n den Grad der Körpererweiterung bezeichne. - Es ist N(f) = 0 genau dann, wenn f = 0 ist.
Beweis
- Folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz.
- Zu einer beliebigen Basis von L wird die Multiplikation mit einen Element aus K durch die Diagonalmatrix beschrieben, bei der jeder Diagonaleintrag f ist. Die Determinante ist dann fn.
- Die eine Richtung ist klar, sei also
. Dann ist f eine Einheit und daher ist die Multiplikation mit x eine bijektive lineare Abbildung, und deren Determinante ist
.

Lemma
Sei
eine endliche KörpererweiterungDefinition vom Grad n. Dann hat die Spur
- Die Spur ist additiv und K-linear, also S(f + g) = S(f) + S(g) und S(λf) = λS(f) für
. - Für
ist S(f) = nf.
Beweis
Dies folgt aus den Definitionen.

Eine Körpererweiterung
heißt einfach, wenn sie von einem Element f erzeugt wird. Das bedeutet, dass es außer L keinen Körper zwischen K und L gibt, der f enthält. Das Element f nennt man dann auch ein primitives Element der Körpererweiterung. Ist L endlich und einfach, so ist
Satz
Sei
eine einfache endliche KörpererweiterungDefinition vom Grad n. Dann hat das Minimalpolynom P von f die Gestalt
Beweis
Das Minimalpolynom und das charakteristische Polynom der durch f definierten K-linearen Abbildung
von L diese lineare Abbildung durch die Matrix (λij)ij gegeben. Dann ist das charakteristische Polynom gleich
, so dass also an − 1 = − S(f) gilt. Setzt man in der obigen Gleichung X = 0, so ergibt sich, dass a0 die Determinante der negierten Matrix ist, woraus a0 = ( − 1)nN(f) folgt.
Definition (Separable Körpererweiterung)
Sei
eine endliche Körpererweiterung. Sie heißt separabel, wenn für jedes Element
das Minimalpolynom separabel ist, also in keinem Erweiterungskörper eine mehrfache Nullstelle besitzt.
In unserem Zusammenhang, wo wir uns für Körpererweiterungen von
interessieren, also in Charakteristik null sind, ist eine Körpererweiterung stets separabel (siehe Aufgabe 15.8), und wir haben den folgenden Satz zur Verfügung.
Satz (vom primitiven Element)
Sei
eine separable endliche Körpererweiterung. Dann wird L von einem Element erzeugt, d.h. es gibt
mit
.Beweis

![\begin{matrix}\mathbb Z & \longrightarrow & \Z[i] \\ \downarrow & & \downarrow \\ \mathbb Q & \longrightarrow & \mathbb Q[i] \end{matrix} \,](http://upload.wikimedia.org/math/8/4/d/84dcec7a1f5d62415655d01683e9f532.png)
![\begin{matrix}
\mathbb Z & \longrightarrow & \Z[\sqrt{-3}] & \longrightarrow & \Z[\omega] \\ \downarrow & & \downarrow & & \downarrow \\ \mathbb Q & \longrightarrow & \mathbb Q[\sqrt{-3}] & = & \mathbb Q[\sqrt{-3}] \end{matrix} \,](http://upload.wikimedia.org/math/0/7/8/07858d3cac4372b8db1129bafb58161b.png)













![L = K[f] \cong K[X]/(P) \, ,](http://upload.wikimedia.org/math/4/1/b/41bb7f227d97a258ce3fb993ba36b221.png)


![L =K(f) \cong K[X]/(P) \,](http://upload.wikimedia.org/math/a/c/7/ac796ac05360fc532bebd37c7a93c315.png)