Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 22
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In dieser und der nächsten Vorlesung beweisen wir zwei Versionen zur eindeutigen Primfaktorzerlegung in Zahlbereichen, die beide Abschwächungen zur eindeutigen Primfaktorzerlegung in
sind. Die eine besagt, dass für einen Zahlbereich die eindeutige Primfaktorzerlegung von Elementen „lokal“ gilt (Satz 22.17 und Bemerkung 22.19). Die zweite Version besagt, dass man auf der Ebene der Ideale eine eindeutige Faktorzerlegung in Primideale erhält (Satz von Dedekind 23.13). Für die erste Version benötigen wir die Begriffe Nenneraufnahme, Lokalisierung und diskreter Bewertungsring.
- Nenneraufnahme
Definition (Multiplikatives System)
Sei R ein kommutativer Ring. Eine Teilmenge
heißt multiplikatives System, wenn die beiden Eigenschaften

- Wenn
, dann ist auch 
gelten.
Beispiel (Primideal)
Sei R ein kommutativer Ring und
ein Primideal. Dann ist das Komplement
ein multiplikatives System. Dies folgt unmittelbar aus der Definition.
Beispiel (Potenzen eines Elementes)
Sei R ein kommutativer Ring und
ein Element. Dann bilden die Potenzen fn,
, ein multiplikatives System.
Beispiel
Sei R ein Integritätsbereich. Dann bilden alle von null verschiedenen Elemente in R ein multiplikatives System, das mit R * = R − {0} bezeichnet wird.
Definition (Nenneraufnahmme)
Sei R ein Integritätsbereich und sei
ein multiplikatives System,
. Dann nennt man den Unterring
Für die Nenneraufnahme an einem Element f schreibt man einfach Rf statt
. Man kann eine Nenneraufnahme auch dann definieren, wenn R kein Integritätsbereich ist, siehe Aufgabe 22.1.
Definition (Lokalisierung)
Sei R ein Integritätsbereich und sei
ein Primideal. Dann nennt man die Nenneraufnahme an
die Lokalisierung von R an
. Man schreibt dafür
. Es ist also
Definition (Lokaler Ring)
Ein kommutativer Ring R heißt lokal, wenn R genau ein maximales Ideal besitzt.
Der folgende Satz zeigt, dass diese Namensgebung Sinn macht.
Satz
Sei R ein Integritätsbereich und sei
ein Primideal in R. Dann ist die Lokalisierung
ein lokaler Ring mit maximalem Ideal
Beweis
Die angegebene Menge ist in der Tat ein Ideal in der Lokalisierung
. Wir zeigen, dass das Komplement nur aus Einheiten besteht, so dass es sich um ein maximales Ideal handeln muss. Sei also
, aber nicht in
. Dann sind
und somit gehört der inverse Bruch
ebenfalls zur Lokalisierung.

Satz (Durchschnitt von Lokalisierungen)
Sei R ein Integritätsbereich mit Quotientenkörper Q(R).
Dann gilt
Beweis
Die Inklusion
ist klar. Sei also
und sei angenommen, q gehöre zum Durchschnitt rechts. Für jedes maximale Ideal
ist also
, d.h. es gibt
und
mit
. Wir betrachten das Ideal
,
, mit
, wobei
gesetzt wurde. Damit ist

Satz
Sei R ein normaler Integritätsbereich und sei
ein multiplikatives System.
Dann ist auch die Nenneraufnahme RS normal.
Beweis
Siehe Aufgabe 22.7.

- Diskrete Bewertungsringe
Definition (Diskreter Bewertungsring)
Lemma
Ein diskreter BewertungsringDefinition ist
ein lokaler, noetherscher Hauptidealbereich mit genau zwei Primidealen, nämlich 0 und dem maximalen Ideal
.
Beweis
Ein diskreter Bewertungsring ist kein Körper. In einem Hauptidealbereich, der kein Körper ist, wird jedes maximale Ideal von einen Primelement erzeugt, und die Primerzeuger zu verschiedenen maximalen Idealen können nicht assoziiert sein. Also gibt es genau ein maximales Ideal. Nach Satz 19.1 ist ein Hauptidealbereich insbesondere ein Dedekindbereich, so dass es als weiteres Primideal nur noch das Nullideal gibt.

Definition (Ordnung)
, in einem diskreten Bewertungsring mit Primelement p heißt die Zahl
mit der Eigenschaft f = upn, wobei u eine Einheit bezeichne, die Ordnung von f. Sie wird mit ord(f) bezeichnet.Die Ordnung ist also nichts anderes als der Exponent zum (bis auf Assoziiertheit) einzigen Primelement in der Primfaktorzerlegung. Sie hat folgende Eigenschaften.
Lemma
Sei R ein diskreter Bewertungsring mit maximalem Ideal
.
Dann hat die Ordnung
.
.
genau dann, wenn
.
genau dann, wenn
.
Beweis
Siehe Aufgabe 22.12.

Wir wollen eine wichtige Charakterisierung für diskrete Bewertungsringe beweisen, die insbesondere beinhaltet, dass ein normaler lokaler Integritätsbereich mit genau zwei Primidealen bereits ein diskreter Bewertungsring ist. Dazu benötigen wir einige Vorbereitungen.
Lemma
Sei R ein kommutativer RingDefinition und sei
nicht nilpotent.
Dann gibt es ein Primideal
in R mit
.
Beweis
Wir betrachten die Menge der Ideale
eine total geordnete Teilmenge, so ist deren Vereinigung ebenfalls ein Ideal, das keine Potenz von f enthält. Nach dem Lemma von Zorn gibt es daher maximale Elemente in M.
Wir behaupten, dass ein solches maximales Element
ein Primideal ist. Sei dazu
und
, und sei
angenommen. Dann hat man echte Inklusionen
gibt mit

Lemma
Sei R ein noetherscherDefinition lokaler kommutativer Ring. Es sei vorausgesetzt, dass das maximale Ideal
das einzige Primideal von R ist.
Dann gibt es einen Exponenten
mit
Beweis
Wir behaupten zunächst, dass jedes Element in R eine Einheit oder nilpotent ist. Sei hierzu
keine Einheit. Dann ist
. Angenommen, f ist nicht nilpotent. Dann gibt es nach Lemma 22.15 ein Primideal
mit
. Damit ergibt sich der Widerspruch
.
Es ist also jedes Element im maximalen Ideal nilpotent. Insbesondere gibt es für ein endliches Erzeugendensystem
von
eine natürliche Zahl m mit
für alle
. Sei n = km. Dann ist ein beliebiges Element aus
von der Gestalt
und
, so dass ein fi mit einem Exponenten
vorkommt. Daher ist das Produkt 0.
Satz
Sei R ein noetherscherDefinition lokaler Integritätsbereich mit der Eigenschaft, dass es genau zwei Primideale
gibt. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.
- R ist ein diskreter Bewertungsring.
- R ist ein Hauptidealbereich.
- R ist faktoriell.
- R ist normal.
ist ein Hauptideal.
Beweis
folgt direkt aus der Definition 22.11.
folgt aus Satz 3.7.
folgt aus Satz 17.10.
. Sei
,
. Dann ist R / (f) ein noetherscher lokaler Ring mit nur einem Primideal (nämlich
). Daher gibt es nach Lemma 22.15 ein
mit
. Zurückübersetzt nach R heißt das, dass
gilt. Wir wählen n minimal mit den Eigenschaften
mit
und betrachte
, gehört nicht zu R, sonst wäre
. Da R nach Voraussetzung normal ist, ist h − 1 auch nicht ganz über R. Nach dem Modulkriterium Lemma 17.5 für die Ganzheit gilt insbesondere für das maximale Ideal
die Beziehung
Daher ist
ein Ideal in R, das nicht im maximalen Ideal enthalten ist. Also ist
. Das heißt einerseits
und andererseits gilt für ein beliebiges
die Beziehung
, also x = h(h − 1x), also
und somit
.
. Sei
. Dann ist π ein Primelement und zwar bis auf Assoziiertheit das einzige. Sei
,
keine Einheit. Dann ist
und daher f = πg1. Dann ist g1 eine Einheit oder
. Im zweiten Fall ist wieder g1 = πg2 und f = π2g2.
Wir behaupten, dass man f = πku mit einer Einheit u schreiben kann. Andernfalls könnte man f = πngn mit beliebig großem n schreiben. Nach Lemma 22.15 gibt es ein
mit
. Bei
ergibt sich πm = af = aπm + 1b und der Widerspruch 1 = abπ.
Es lässt sich also jede Nichteinheit
als Produkt einer Potenz des Primelements mit einer Einheit schreiben. Insbesondere ist R faktoriell. Für ein beliebiges Ideal
ist
mit Einheiten ui. Dann sieht man leicht, dass
ist mit n = mini{ni}.

Korollar
Sei R ein Dedekindbereich und sei
ein maximales Ideal in R.
Dann ist die Lokalisierung
Beweis
Die Lokalisierung
ist lokal nach Satz 22.8, so dass es lediglich die zwei Primideale 0 und
gibt. Ferner ist R noethersch. Da R normal ist, ist nach Satz 22.10 auch die Lokalisierung
normal. Wegen Satz 22.17 ist
ein diskreter Bewertungsring.

Bemerkung
Korollar 22.18 besagt in Verbindung mit Satz 22.17, dass wenn man bei einem Dedekindbereich und spezieller einem Zahlbereich R zur Lokalisierung
an einem maximalen Ideal
übergeht, dass dort die eindeutige Primfaktorzerlegung gilt.
Korollar
Sei R ein Dedekindbereich.
Dann ist R der Durchschnitt von diskreten Bewertungsringen.
Beweis
Nach Satz 22.9 ist
durch alle maximalen Ideale von R läuft. Nach Satz 22.17 sind die beteiligten Lokalisierungen
allesamt diskrete Bewertungsringe.



















