Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 26

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[[Bild: | 200px | thumb |Hermann Minkowski (1864-1909)]]

Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass die Klassengruppe eines quadratischen Zahlbereichs endlich ist. Zu dem Beweis benötigt man Methoden aus der konvexen Geometrie und einige topologische Begriffe, die im folgenden aufgeführt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Geometrie der Zahlen, die mit dem Namen von Minkowski verbunden ist. Der grundlegende Satz ist der Gitterpunktsatz von Minkowski, den wir in diesem Abschnitt vorstellen und beweisen wollen. Im Fall eines quadratischen Zahlbereichs bilden die ganzen Zahlen ein zweidimensionales Gitter, nämlich \Z \oplus \Z \omega, das wir in einem zweidimensionalen reellen Vektorraum auffassen werden. Der Gitterpunktsatz macht eine Aussage darüber, dass gewisse Teilmengen mit hinreichend großem Flächeninhalt (oder allgemeiner Volumen) mindestens zwei Gitterpunkte enthalten müssen.

Wir erinnern zunächst an einige Grundbegriffe aus der konvexen Geometrie, der Topologie und der Maßtheorie.


Definition (Gitter)  

Seien v_1, \ldots , v_n linear unabhängige Vektoren im \R^n. Dann heißt die Untergruppe \Z v_1 \oplus \ldots \oplus \Z v_n ein Gitter im \R^n.

Manchmal spricht man auch von einem vollständigen Gitter.


Definition (konvexe Teilmenge)  

Eine Teilmenge T \subseteq \R^n heißt konvex, wenn mit je zwei Punkten P,Q \in T auch jeder Punkt der Verbindungsstrecke, also jeder Punkt der Form

 rP+(1-r)Q \mbox{ mit } r \in [0,1] \,  ,
ebenfalls zu T gehört.
Bildkommentar
Bildkommentar

Der Durchschnitt von konvexen Teilmengen ist wieder konvex (Aufgabe 26.3). Daher kann man definieren:


Definition (konvexe Hülle)  

Zu einer Teilmenge U \subseteq \R^n heißt die kleinste konvexe Teilmenge T, die U umfasst, die konvexe Hülle von T.

Die konvexe Hülle ist einfach der Durchschnitt von allen konvexen Teilmengen, die U umfassen.

Bildkommentar

Im zweidimensionalen kann man sich die konvexe Hülle so vorstellen, dass man eine Schnur um die fixierten Punkte aus U legt und die Schnur dann zusammen zieht.


Definition (Grundmasche)  

Zu einem durch linear unabhängige Vektoren v_1, \ldots , v_n gegebenen Gitter bezeichnet man die konvexe Hülle der Vektoren e_1v_1 + \ldots +e_nv_n mit e_i \in \{0,1\} als die Grundmasche (oder Fundamentalmasche) des Gitters.

Die in der vorstehenden Definition auftauchenden Vektoren sind die Eckpunkte des von den Basisvektoren v_1, \ldots ,v_n erzeugten Parallelotops. Die Elemente der Grundmasche selbst sind alle Vektoren der Form

 r_1v_1 + \ldots + r_nv_n \mbox{ mit } r_i \in [0,1] \,
Wir werden die Grundmasche häufig mit \mathfrak M bezeichnen. Zu einem Gitterpunkt P nennt man die Menge P+ {\mathfrak M} eine Masche des Gitters. Ein beliebiger Punkt Q \in \R^n hat eine eindeutige Darstellung Q=t_1v_1 + \ldots + t_nv_n und damit ist Q = (\lfloor t_1 \rfloor v_1  + \ldots + \lfloor t_n \rfloor v_n) + ( (t_1 - \lfloor t_1 \rfloor) v_1  + \ldots + (t_n-\lfloor t_n \rfloor) v_n), wobei der erste Summand zum Gitter gehört und der zweite Summand zur Grundmasche. Insbesondere haben zwei verschiedene Maschen nur Randpunkte, aber keine inneren Punkte gemeinsam.
Bildkommentar

Definition (Zentralsymmetrisch)  

Eine Teilmenge T \subseteq \R^n heißt zentralsymmetrisch, wenn mit jedem Punkt P \in T auch der Punkt P zu T gehört.

Der Begriff der Kompaktheit sollte aus den Anfängervorlesungen bekannt sein.


Definition (Kompaktheit)  

Ein topologischer Raum X heißt kompakt, wenn es zu jeder offenen Überdeckung

 X= \bigcup_{i \in I} U_i \, \, \, \text{ mit } U_i \text{ offen und einer beliebigen Indexmenge } \,
eine endliche Teilmenge J \subseteq I gibt derart, dass
 X= \bigcup_{i \in J} U_i \,
ist.

Für eine Teilmenge im \R^n ist eine Teilmenge T genau dann kompakt, wenn sie abgeschlossen und beschränkt ist.

Die endliche Vereinigung von kompakten Mengen ist kompakt. Abgeschlossene Teilmengen von kompakten Mengen sind wieder kompakt. Zu zwei disjunkten kompakten Mengen X und Y in einem metrischen Raum Z gibt es einen Minimalabstand d. D.h. zu jede zwei Punkten x \in X undy \in Y ist d(x,y) \geq d.

Wir stellen einige Grundbegriffe aus der Maßtheorie zusammen.

Nicht jeder Teilmenge des \R^n kann man sinnvollerweise ein Maß zuordnen. In der Maßtheorie werden die sogenannten Borelmengen eingeführt, und diesen Borelmengen kann ein Maß, das sogenannte Borel-Lebesque Maß λ zugeordnet werden. Die Borelmengen umfassen unter anderem alle offenen Mengen, alle abgeschlossenen Mengen (insbesondere alle kompakten Mengen). Borelmengen sind unter abzählbarer Vereinigung und abzählbaren Durchschnitten abgeschlossen, und mit einer Borelmenge ist auch deren Komplement eine Borelmenge.

Das Borel-Lebesque Maß λ hat seine Werte in \overline{\R}_{\geq 0}  = \R_{\geq 0} \cup \{\infty\} und ist durch folgende Eigenschaften charakterisiert (der Nachweis der Existenz erfordert einigen Aufwand):

  1. Für einen Quader Q mit den Seitenlängen s_1, \ldots ,s_n ist \lambda(Q)= s_1 \cdot s_2 \cdots s_n.
  2. Für eine abzählbare Familie von disjunkten Borelmengen Ti, i \in I, ist \lambda(\bigcup _{i \in I}T_i) = \sum_{i \in I} \lambda(T_i).
  3. Das Borel-Lebesque Maß λ ist translationsinvariant, d.h. für eine Borelmenge T und einen Vektor v \in \R^n ist auch die um v verschobene Menge v + T eine Borelmenge mit λ(v + T) = λ(T).

Weitere wichtige Eigenschaften sind:

Für U \subseteq T ist \lambda(U) \leq \lambda(T).
Teilmengen, die in einem echten linearen Unterraum des \R^n liegen, haben das Maß 0.
Ein einzelner Punkt und damit auch jede abzählbare Ansammlung von Punkten hat das Maß 0.
Unter einer linearen Abbildung L: \R^n \rightarrow \R^n verhält sich das Borel-Lebesque Maß so: zu einer Borelmenge T ist auch das Bild L(T) eine Borelmenge mit \lambda(L(T)) = \mid\!  \det(L)\!\mid \cdot \lambda(T).

Eine Basis v_1 , \ldots , v_n von \R^n liefert ein Gitter \Gamma \subset \R^n zusammen mit der Grundmasche \mathfrak M, nämlich das durch die vi aufgespannte Parallelotop. Dessen Volumen (also dessen Borel-Lebesgue-Maß) wird im Folgenden eine Rolle spielen. Das Volumen berechnet sich wie folgt: man schreibt die Vektoren vi (die ja jeweils n Einträge haben) als Spalten einer quadratischen n \times n-Matrix M. Dann ist

 \operatorname{Vol}({\mathfrak M}) = {{|}} \det (M){{|}} \,  .
Dies folgt aus (bzw. ist äquivalent mit) der oben zitierten Aussage, wie sich das Borel-Lebesgue-Maß unter linearen Abbildung verhält, wenn man sie auf die lineare Abbildung anwendet, die die Einheitsvektoren ei auf vi schickt.

Zu einem Gitter \Gamma \subset \R^n gibt es keine eindeutig definierte Gitterbasis und damit auch keine eindeutig definierte Grundmasche. Wenn bspw. v1,v2 eine Basis eines zweidimensionalen Gitters bilden, so ist auch v1,v2 + tv1 (t \in \Z) eine Basis desselben Gitters. Wenn man also von einer Grundmasche eines Gitters spricht, so meint man in Wirklichkeit die Grundmasche zu einer fixierten Basis eines Gitters. Wichtig ist dabei, dass das Volumen einer Grundmasche nur vom Gitter selbst abhängt, nicht aber von der Gitterbasis!

Sei nämlich w_1 , \ldots , w_n eine weitere Gitterbasis. Dann gibt es zunächst eine quadratische invertierbare reellwertige Matrix A, die den Basiswechsel beschreibt, also w = Av. Da die wi zum Gitter gehören muss diese Matrix ganzzahlig sein. Aus dem gleichen Grund muss die inverse Matrix ganzzahlig sein. Damit muss die Determinante von A> aber entweder 1 oder − 1 sein. Nach der Formel für das Maß unter linearen Abbildungen haben also die Parallelotope zur Basis v und zur Basis w das gleiche Volumen. Man spricht daher auch vom Volumen (oder Kovolumen) des Gitters.



Satz (Gitterpunktsatz von Minkowski)  

Sei Γ ein GitterDefinition im \R^n mit Grundmasche \mathfrak M. Es sei T eine konvexe, kompakte, zentralsymmetrische Teilmenge in \R^n, die zusätzlich die Volumenbedingung

 \operatorname{Vol} (T) \geq 2^n\operatorname{Vol} ({\mathfrak M}) \,
erfülle. Dann enthält T mindestens einen von null verschiedenen Gitterpunkt.

Beweis  

Wir betrachten das verdoppelte Gitter . Ist v_1 , \ldots , v_n eine Basis für Γ, so ist 2v_1 , \ldots , 2v_n eine Basis für , und für das Volumen gilt \operatorname{Vol} (2\Gamma) =2^n\operatorname{Vol} (\Gamma). Wir bezeichnen die Grundmasche von mit \mathfrak N. Zu jeder Masche {\mathfrak N}_Q=Q+{\mathfrak N}, Q \in 2 \Gamma, betrachten wir den Durchschnitt T_Q=T \cap {\mathfrak N}_Q. Da T kompaktDefinition und insbesondere beschränkt ist, gibt es nur endlich viele Maschen derart, dass dieser Durchschnitt nicht leer ist. Seien diese Maschen (bzw. ihre Ausgangspunkte) mit {\mathfrak N}_i (bzw. Qi), i \in I, bezeichnet (da der Nullpunkt aufgrund der KonvexitätDefinition und der Zentralsymmetrie zu T gehört, umfasst I zumindest 2n Elemente). Die in die Grundmasche {\mathfrak N} verschobenen Durchschnitte bezeichnen wir mit

 \tilde{T_i} := T_i - Q_i \,  .
Wir behaupten zunächst, dass die \tilde{T_i} nicht paarweise disjunkt sind. Sei also angenommen, sie wären paarweise disjunkt. Mindestens eines der Ti hat positives Volumen, sagen wir für i = 1. Wegen der angenommenen Disjunktheit sind insbesondere
 X:=\tilde{T_1} \mbox{ und } Y:=\bigcup_{i \in I, i \neq 1 } \tilde{T_i} \,
disjunkt zueinander. Wir haben also zwei disjunkte kompakte Teilmengen, und diese besitzen einen Minimalabstand d (d.h. zu jedem Punkt aus X liegen in einer d-Umgebung keine Punkte aus Y).

Sei x \in X ein innerer Punkt (den es gibt, da X positives Volumen besitzt) und sei y \in Y. Mit S sei die Verbindungstrecke von x nach y bezeichnet, die ganz in \mathfrak N verläuft. Wir wählen einen Punkt s \in S, der weder zu Xnoch zu Y gehört (solche Punkte gibt es wegen des Minimalabstandes). Da s sowohl zu X als auch zu Y einen Minimalabstand besitzt, gibt es eine ε-Umgebung B von s, die disjunkt zu X und Y ist. Wir können ferner annehmen, dass B ganz innerhalb von \mathfrak N liegt (wegen der Wahl von x). Als eine Ballumgebung hat B ein positives Volumen, was zu folgendem Widerpruch führt.

  \operatorname{Vol} ({\mathfrak N})
  
\geq \operatorname{Vol} (X \cup Y \cup B)

= \operatorname{Vol} (\bigcup_{i \in I} \tilde{T_i}) + \operatorname{Vol}(B)
> \sum_{i \in I} \operatorname{Vol}(\tilde{T}_i)
= \sum_{i \in I} \operatorname{Vol}(T_i)
= \operatorname{Vol}(T)
\geq  2^n \operatorname{Vol}({\mathfrak M})
= \operatorname{Vol}({\mathfrak N}) 



 \,   .
Es gibt also Indizes i \neq j und einen Punkt z \in \tilde{T}_i \cap  \tilde{T}_j (z muss selbst nicht zu T gehören). Sei
 z_i:= z+Q_i \in T_i \text{ und }z_j:= z+Q_j \in T_j \,  .
Wegen Q_i,Q_j \in 2\Gamma ist auch Q_i -Q_j \in  2\Gamma und daher
 0 \neq \frac{Q_i -Q_j}{2} \in \Gamma \,  .
Aus z_i \in T folgt (wegen der Zentralsymmetrie) auch -z_i \in T und wegen der Konvexität von T ergibt sich
  \frac{Q_i -Q_j}{2}
  
=  \frac{1}{2} (z-z_i) - \frac{1}{2}(z-z_j)

= - \frac{1}{2} z_i + \frac{1}{2}z_j
\in T



 



 \,   .
Wir haben also einen von null verschiedenen Gitterpunkt in T gefunden.
 \Box



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