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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 24

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Tangenten bei Parametrisierungen



Satz  

Es sei K ein unendlicher Körper und

φ:𝔸K1𝔸Kn

eine durch n Polynome  φ=(φ1(t),,φn(t))  in einer Variablen gegebene Abbildung, deren Bild in der Kurve  C=V(F1,,Fm)  liege. Es sei  P=φ(Q)C

Dann liegt der (Ableitungs)-Vektor (φ1t(Q),,φnt(Q)) im Kern der durch die Jacobi-Matrix

(FiXj(P))ij

definierten linearen Tangentialabbildung

(TF)P:𝔸Kn𝔸Km.

Ist  n=2  und verschwinden nicht beide partiellen Ableitungen von φ und ist P ein glatter Punkt von C, so definiert der Vektor (φ1t(Q),φ2t(Q)) die Richtung der Tangente von C in P.

Beweis  

Wegen  φ(𝔸K1)V(F1,,Fm)  ist die Hintereinanderschaltung Fφ die konstante Abbildung auf den Nullpunkt. Über einem unendlichen Körper sind dann auch die beschreibenden Komponentenpolynome gleich 0. Daher ist nach der (algebraischen) Kettenregel auch

0=(T(Fφ))Q=(TF)P(Tφ)Q,

und das ist die Behauptung. Daraus folgt auch der Zusatz, da unter den angegebenen Bedingungen der Kern der Jacobi-Matrix und das Bild der Tangentialabbildung eindimensional sind, also wegen der Inklusion übereinstimmen müssen.



Wir knüpfen an Beispiel 6.3 an, d.h. wir betrachten die Kurve V(y2x2x3) mit der Parametrisierung

(φ(t),ψ(t))=(t21,t(t21))=(x,y).

Die partiellen Ableitungen von F sind

Fx=2x3x2 und Fy=2y.

Die Jacobi-Matrix der Parametrisierung ist

(φt,ψt)=(2t,3t21).

Damit ist in der Tat (mit P=(φ(t),ψ(t)))

(Fx(P),Fy(P))(2t3t21)=(2(t21)3(t21)2,2(t3t))(2t3t21)=4t(t21)6t(t21)2+2(t3t)(3t21)=4t3+4t6t5+12t36t+6t52t36t3+2t=0.

Für  t=2  ergibt sich beispielsweise der Bildpunkt  P=(3,6).  Für diesen Wert ist der Ableitungsvektor gleich (4,11). Die partiellen Ableitungen an P ergeben den Gradienten (33,12), der senkrecht zum Tangentialvektor steht. Die Tangente selbst wird durch

{(3,6)+s(4,11)sK} oder als V(11x+4y+9)

beschrieben.




Tangenten bei Raumkurven

Wir beschränken uns zwar hauptsächlich auf den Fall von ebenen Kurven, dennoch kann man auch für Kurven in einer höherdimensionalen Umgebung und überhaupt für beliebige Varietäten mit der Hilfe von Ableitungen die Begriffe glatt und singulär definieren. Wir demonstrieren dies kurz für Raumkurven, die durch zwei Polynome  F,GK[X,Y,Z]  in drei Variablen ohne gemeinsamen (nichtkonstanten) Faktor gegeben seien (nicht jede Raumkurve lässt sich so beschreiben!). In diesem Fall betrachtet man zu einem Punkt  PC=V(F,G)  wieder die Jacobi-Matrix

(FxFyFzGxGyGz)P:𝔸K3𝔸K2.

Dann ist P genau dann ein glatter Punkt der Kurve, wenn diese Matrix den Rang zwei hat. Der eindimensionale Kern definiert dann die Tangente.


Wir knüpfen an Beispiel 4.6 an, also den Schnitt C der beiden Zylinder, die durch

F=x2+y21 und G=y2+z21

gegeben sind. Die partiellen Ableitungen sind

F=(2x,2y,0) und G=(0,2y,2z).

Ein singulärer Punkt liegt vor, wenn diese durch die Jacobi-Matrix definierte Abbildung einen Rang 1 hat, und dies ist genau dann der Fall, wenn die beiden partiellen Ableitungstupel linear abhängig sind (und es ein Punkt der zugehörigen Varietät ist). Wegen der beiden Nullen kann lineare Abhängigkeit nur bei  x=z=0  vorliegen, und dort liegt sie für beliebiges y auch vor. Bei  x=z=0  ergibt allerdings nur  y=±1  einen Punkt der Kurve, und das sind die beiden singulären Punkte von C. Dies sind natürlich genau die beiden Schnittpunkte der beiden Kreise, die nach Beispiel 4.6 die irreduziblen Komponenten von C sind.

Wenn die Radien der beiden Zylinder nicht gleich groß sind, sagen wir  r1r2,  so funktioniert die Bestimmung der singulären Punkte zunächst genau gleich, und man gelangt zur Bedingung  y2=r1  und  y2=r2,  die nicht beide zugleich erfüllt sein können. Bei unterschiedlichen Radien ist die Schnittkurve also glatt.




Potenzreihenringe

Es sei R ein kommutativer Ring und T1,,Tn eine Menge von Variablen. Eine formale Potenzreihe ist ein Ausdruck der Form

F=νaνTν=νaνT1ν1Tnνn,

wobei  aνR  für alle  ν=(ν1,,νn)n  ist.

Man addiert zwei Potenzreihen komponentenweise und multipliziert sie in der gleichen Weise wie Polynome. In einer Variablen hat man

FG=(i=0aiTi)(j=0bjTj)=k=0ckTk

mit  ck=i=0kaibki


Es sei R ein kommutativer Ring. Dann bezeichnet man mit

R[[X1,,Xn]]

den Potenzreihenring in n Variablen (oder den Ring der formalen Potenzreihen in n Variablen).

Wir interessieren uns hauptsächlich für den Potenzreihenring K[[T]] in einer Variablen über einem Körper K. Mit Hilfe von Potenzreihenringen kann man „formale Parametrisierungen“ für beliebige algebraische Kurven in jedem Punkt finden, was wir in der nächsten Vorlesung behandeln werden. Zunächst müssen wir einige grundlegende Eigenschaften der Potenzreihenringe verstehen.



Satz  

Es sei K ein Körper und sei K[[T]] der Ring der formalen Potenzreihen in einer Variablen.

Dann ist eine formale Potenzreihe  F=n=0anTn  genau dann eine Einheit, wenn der konstante Term  a00  ist.

Beweis  

Die angegebene Bedingung ist notwendig, da die Abbildung

K[[T]]K,Fa0,

die eine Potenzreihe F auf ihren konstanten Term schickt, ein Ringhomomorphismus ist, siehe Aufgabe 24.8. Für die Umkehrung müssen wir eine Potenzreihe  G=j=0bjTj  mit

FG=(i=0aiTi)(j=0bjTj)=1

angeben. Für b0 ergibt sich daraus die Bedingung  a0b0=1,  die wegen  a00  eine eindeutige Lösung besitzt, nämlich  b0=a01.  Nehmen wir induktiv an, dass die Koeffizienten bj für  j<n  schon konstruiert seien, und zwar derart, dass sämtliche Koeffizienten ck, 1k<n, der Produktreihe FG gleich 0 sind. Für den n-ten Koeffizienten ergibt sich die Bedingung

0=cn=a0bn+a1bn1++an1b1+anb0.

Dabei sind bis auf bn alle Werte schon festgelegt, und wegen  a00  ergibt sich eine eindeutige Lösung für bn.



Korollar  

Es sei K ein Körper und  R=K[[T]]  der Potenzreihenring in einer Variablen.

Dann ist R ein diskreter Bewertungsring.

Beweis  

Zunächst ist R ein lokaler Ring mit maximalem Ideal  𝔪=(T).  Wenn nämlich eine Potenzreihe F keine Einheit ist, so muss nach Satz 24.6 der konstante Term von F gleich 0 sein. Dann kann man aber  F=TF~  mit der umindizierten Potenzreihe F~ schreiben. Die Nullteilerfreiheit folgt durch Betrachten der Anfangsterme: Sind F und G von 0 verschiedene Potenzreihen, so ist

F=akTk+ak+1Tk+1+

und

G=bT+a+1T+1+

mit  ak,b0.  Für die Produktreihe ist dann der Koeffizient

ck+=akb0,

da die kleineren Koeffizienten alle 0 sind. Es bleibt also noch noethersch zu zeigen. Es ergibt sich aber direkt, dass ein Hauptidealbereich vorliegt, und zwar wird jedes Ideal 0 von Tj erzeugt, wobei j das Minimum über alle Indizes von Koeffizienten 0 von Potenzreihen in dem Ideal ist.


Man kann Potenzreihen nicht nur addieren und multiplizieren, sondern auch, unter gewissen Zusatzbedingungen, Potenzreihen in andere Potenzreihen einsetzen. Diese Operation entspricht der Hintereinanderschaltung von Abbildungen.


Es sei K ein Körper und  F=i=0aiTiK[[T]]  eine Potenzreihe. Es sei  G=j=0bjTj  eine weitere Potenzreihe mit konstantem Term 0. Dann nennt man die Potenzreihe

F(G)=a0+a1(j=0bjTj)+a2(j=0bjTj)2+a3(j=0bjTj)3+=k=0ckTk

die eingesetzte Potenzreihe. Ihre Koeffizienten sind durch (c0=a0 und)

ck=s=0kas(j1++js=kbj1bjs)

festgelegt. Hierbei wird über alle geordneten s-Tupel  (j1,,js)+s  summiert.

Man beachte in der vorstehenden Definition, dass wegen  b0=0  nur über  j1  summiert wird, sodass alle beteiligten Summen endlich sind. Die Formeln für das Einsetzen sind derart, dass sie bei Polynomen das übliche Einsetzen von Polynomen in Polynome ergeben. Einsetzen von Potenzreihen in Potenzreihen liefert wieder einen Einsetzungshomomorphismus der Potenzreihenringe.


Lemma  

Es sei K ein Körper mit dem Potenzreihenring K[[T]]. Es sei  GK[[S]]  eine Potenzreihe mit konstantem Term 0.

Dann definiert G durch Einsetzen einen K-Algebrahomomorphismus

K[[T]]K[[S]],FF(G).

Beweis  

Die Abbildung ist wohldefiniert. Um zu zeigen, dass ein Ringhomomorphismus vorliegt, muss man lediglich gewisse Koeffizienten vergleichen. Diese hängen immer nur von endlich vielen Koeffizienten der beteiligten Potenzreihen an, sodass sich diese Aussage aus dem polynomialen Fall ergibt.



Lemma  

Es sei K ein Körper, K[[T]] der Potenzreihenring über K und  G=j=0bjTj  mit b0=0 und b10.

Dann definiert der durch TG definierte Einsetzungshomomorpismus einen K-Algebraautomorphismus auf K[[T]].

Beweis  

Wir zeigen zunächst, dass es eine Potenzreihe  F=i=0aiTi  mit  F(G)=T  gibt. Dabei muss  a0=0  und  a1=b11  sein. Es sei nun die Potenreihe F mit der gewünschten Eigenschaft bis zum (k1)-Koeffizienten bereits konstruiert. Für den Koeffizienten ck hat man nach der Definition 24.8 die Bedingung

0=ck=s=0kas(j1++js=kbj1bjs)=s=0k1as(j1++js=kbj1bjs)+akb1k.

Daraus ergibt sich eine eindeutig lösbare Bedingung an ak.

Wir betrachten nun die Hintereinanderschaltung

K[[T]]TFK[[T]]TGK[[T]].

Dabei ist die Gesamtabbildung der Einsetzungshomomorphismus TT, und das ist die Identität. Insbesondere ist die hintere Abbildung surjektiv. Da K[[T]] nach Korollar 24.7 ein diskreter Bewertungsring ist, sind die Ideale darin bekannt, und nur das Nullideal kommt als Kern der Abbildung in Frage. Die Abbildung ist also auch injektiv und damit bijektiv.


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