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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 29

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Projektion weg von einem Punkt

Die Abbildung

Kn{(1,0,,0)}Kn1,(x0,x1,,xn)(x1,,xn),

heißt die Projektion weg vom Punkt (1,0,,0).

Diese Abbildung ist ein wohldefinierter Morphismus, der außerhalb des Zentrums (1,0,,0) der Projektion definiert ist. Jedem anderen Punkt wird derjenige Punkt des Kn1 zugeordnet, der der Geraden durch den Punkt und dem Zentrum entspricht. Daher ist die Abbildung surjektiv und jede Faser ist eine projektive Gerade ohne den Zentrumspunkt, also eine affine Gerade (es liegt ein sogenanntes Geradenbündel über dem Kn1 vor).

Es handelt sich um die Fortsetzung der Kegelabbildung 𝔸Kn{(0,,0)Kn1 auf den projektiven Raum über die Einbettung  𝔸Kn=D+(X0)Kn.  Die entsprechende Abbildung kann man zu jedem Zentrumspunkt definieren, siehe Aufgabe 29.22.



Abbildungen nach K1

Der folgende Satz liefert eine neue Version der Noetherschen Normalisierung.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  CK2  eine ebene projektive Kurve vom Grad d.

Dann gibt es einen surjektiven Morphismus

CK1

derart, dass alle Fasern aus maximal d Punkten bestehen.

Beweis  

Es sei  PK2  ein Punkt, der nicht auf der Kurve liegt. Einen solchen Punkt gibt es, da der Körper insbesondere unendlich ist. Wir betrachten die Projektion weg von P, die insgesamt einen Morphismus

CK2{P}K1

induziert. Die Faser dieses Morphismus über einem Punkt  QK1  (der eine Richtung in PK2 repräsentiert) besteht genau aus den Punkten der Kurve, die auf der durch Q definierten Geraden

G=V+(aX+bY+cZ)K1K2

liegen. Daher wird die Faser über Q auf G beschrieben, indem man in der Kurvengleichung  C=V+(F)  mittels der Geradengleichung eine Variable eliminiert. Das Ergebnis ist ein homogenes Polynom F¯ in zwei Variablen vom Grad d, das nicht 0 ist, denn sonst wäre P ein Punkt der Kurve. Da wir über einem algebraisch abgeschlossenen Körper sind, besitzt dieses Polynom F¯ mindestens eine und höchstens d Nullstellen, die alle von P verschieden sind. Dies ergibt die Surjektivität und die Abschätzung für die Faser.



Satz  

Es sei K ein Körper und  CK2  eine glatte irreduzible ebene projektive Kurve. Es sei  D=CD+(Z)KSpek(R)  ein affines Teilstück davon. Es sei  q=g/hQ(R)  eine rationale Funktion (mit g,hR,h0).

Dann gibt es einen eindeutigen Morphismus

φ:CK1

derart, dass das Diagramm

D(h)g/h𝔸K1D+(s)CφK1

kommutiert.

Beweis  

Wir definieren zunächst auf D eine Fortsetzung

φ:D1

der rationalen Funktion g/h. Es sei hierzu  PD  ein Punkt der Kurve. Bei  PD(h)  ist nichts zu tun, sei also  h(P)=0.  Da die Kurve glatt ist, ist nach Satz 23.7 der lokale Ring B der Kurve im Punkt P ein diskreter Bewertungsring. Daher hat der Quotient g/h dort eine Beschreibung als

gh=uπn

mit uB× und n (π sei eine Ortsuniformisierende). Es gibt eine offene Umgebung  PD(ψ)D  derart, dass π und u über D(ψ) definiert sind und u dort eine Einheit ist. Bei  n0  ist  g/hRψ  und die Undefiniertheitsstelle ist also sogar als Abbildung nach 𝔸K1 „hebbar“. Bei  n0  ist der umgekehrte Bruch  h/g=u1πn  auf D(ψ) definiert als eine Abbildung nach 𝔸K1. Mittels der „verdrehten Einbettung“ 𝔸K1D+(t)K1 erhält man eine Abbildung nach K1.

Wir müssen zeigen, dass diese zwei Morphismen in die projektive Gerade dort, wo beide definiert sind, übereinstimmen. Das sind die Punkte P, in denen φ weder eine Nullstelle noch einen Pol besitzt. Die Verträglichkeit folgt daraus, dass in einer offenen Umgebung  PU  eine Abbildung

g/h:U(𝔸K1)×=𝔸K1{0}

vorliegt, und dass das Diagramm

(𝔸K1)×i1𝔸K1D+(t)𝔸K1D+(s)K1

kommutiert. Dies ergibt einen wohldefinierten Morphismus auf dem affinen Stück D.

Für einen beliebigen Punkt der projektiven Kurve C und eine affine Umgebung  PDC  liegt die gleiche Situation vor, da  D+(h)D  ist, und somit auf einer offenen nichtleeren Menge die rationale Funktion (mit anderen Zählern und Nennern) definiert ist. Damit lässt sich das vorhergehende Argument genauso anwenden.

Die Eindeutigkeit folgt daraus, dass auf jeder affinen offenen Menge  PU  der Durchschnitt UD+(h) nicht leer ist. Ein Morphismus auf einer integren Varietät in die affine Gerade 𝔸K1 ist durch die rationale Funktion eindeutig festgelegt.


Man kann Satz 29.3 insbesondere auf  C=K1  und eine rationale Funktion  F=G/H  auf  D=𝔸K1K1  anwenden (die projektive Ebene spielt in diesem Fall keine Rolle). Die Fortsetzung von F:D(H)𝔸K1 auf die projektive Gerade hat die Form

K1K1,(x,y)(H1,H2),

wobei H1,H2 die (minimal) gleichgradig gemachten Homogenisierungen von G und H sind. Dabei werden die Polstellen von F auf abgebildet, das Bild von hängt von den Graden und den Leitkoeffizienten von G und H ab.



Die Inversenbildung

𝔸K1D(z)𝔸K1,zz1,

lässt sich zu einem bijektiven Morphismus

K1K1,(x,y)(y,x),

fortsetzen. Dies folgt direkt aus Satz 29.3. Dabei geht ein Punkt  z0  auf 1/z und der Nullpunkt geht auf den unendlich fernen Punkt .




Parametrisierte projektive ebene Kurven

Es sei eine rational parametrisierte affine Kurve s(φ1(s)ψ(s),φ2(s)ψ(s)) gegeben. Wir haben in Satz 6.10 gesehen, dass das Bild eine algebraische Gleichung erfüllt. Dabei haben wir im dortigen Beweis schon die homogenisierte Parametrisierung verwendet, die jetzt als projektive Fortsetzung wieder auftaucht.



Satz  

Es sei

𝔸K1D(ψ)𝔸K2,s(φ1(s)ψ(s),φ2(s)ψ(s)),

eine rationale Parametrisierung in gekürzter (d.h. die φ1,φ2,ψ haben keinen gemeinsamen Teiler) Darstellung. Es sei d der maximale Grad der beteiligten Polynome und es seien φ1̂,φ2̂,ψ̂ die Homogenisierungen (bezüglich der neuen Variablen t) davon. Es seien Hi die Produkte dieser Homogenisierungen mit einer Potenz von t derart, dass H1,H2,H3 alle den Grad d besitzen.

Dann definieren die H1,H2,H3 einen Morphismus

H:K1K2,(s,t)(H1(s,t),H2(s,t),H3(s,t)),

derart, dass das Diagramm

𝔸K1D(ψ)𝔸K2D+(Z)K1HK2

kommutativ ist.

Dabei liegt das Bild unter H auf dem projektiven Abschluss der affinen Bildkurve.

Beweis  

Die Abbildung H ist aufgrund von Aufgabe 28.34 wohldefiniert, und zwar auf ganz K1, da φ1,φ2,ψ insgesamt teilerfremd sind. Zur Kommutativität muss man lediglich beachten, dass  sD(ψ)𝔸K1  einerseits über (s,1) auf

(H1(s,1),H2(s,1),H3(s,1))=(φ1(s),φ2(s),ψ(s))

abgebildet wird und andererseits auf

(φ1(s)ψ(s),φ2(s)ψ(s),1)=(φ1(s),φ2(s),ψ(s)).

Für den Zusatz sei C der affine Abschluss des Bildes und  C¯K2  der projektive Abschluss davon. Wir betrachten das offene Komplement  U=K2C¯.  Da die Abbildung stetig ist, ist das Urbild H1(U) offen in K1, und es kann nur Punkte aus K1D(ψ) enthalten. Eine endliche und offene Teilmenge der projektiven Geraden muss aber leer sein.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  FK[X]  ein Polynom in einer Variablen vom Grad  d1

Dann wird der projektive Abschluss C des Graphen V(YF(X)) durch V(YZd1F̂(X,Z)) beschrieben, wobei F̂(X,Z) die Homogenisierung von F bezeichnet. Dabei gibt es in C bei  d=1  (mit F=aX+b) noch den glatten Punkt (1,a,0) und bei  d2  noch den Punkt (0,1,0), der bei  d3  singulär ist.

Bei  d2  besitzt der Punkt im Unendlichen die Multiplizität d1.

Beweis  

Die Gleichung für den projektiven Abschluss folgt direkt aus Korollar 28.10. Den Schnitt von C mit der projektiven Geraden V+(Z) im Unendlichen erhält man, wenn man in der Gleichung  Z=0  setzt. Bei  d=1  liegt insgesamt die Geradengleichung V+(YaXbZ) vor, und der Schnitt mit V+(Z) legt den einzigen Punkt (1,a,0) fest. Bei  d2  liegt die Kurvengleichung

V+(YZd1sdXdsd1Xd1Zs0Zd)

mit  sd0  vor. Setzt man  Z=0,  so bleibt V+(sdXd) übrig, woraus  X=0  folgt. Dies entspricht dem einzigen unendlich fernen Punkt (0,1,0).

Für die Multiplizität betrachtet man die affine Gleichung der Kurve auf D+(Y). D.h. man setzt  Y=1  und erhält die affine Gleichung

V(Zd1sdXdsd1Xd1Zs0Zd),

und der Punkt (0,1,0) ist in diesen Koordinaten der Nullpunkt. Daher ist die Multiplizität gleich d1 mit der einzigen durch  Z=0  gegebenen Tangente. Bei  g3  ist die Multiplizität 2 und daher liegt ein singulärer Punkt vor.


Dieser Satz ist so zu verstehen, dass bei  d2  die y-Achse (dafür steht der Punkt (0,1,0)) „asymptotisch“ zum Graphen gehört (und auch die einzige Asymptote des Graphen ist). Die unendlich ferne Gerade V+(Z) ist die (einzige) Tangente an diesem Punkt. Die Normalisierung von C ist der K1, und zwar ist die Normalisierungsabbildung nach Satz 29.6, angewendet auf die affine Parametrisierung des Graphen

𝔸K1𝔸K1×𝔸K1=𝔸K2D+(Z)K2,x(x,F(x))=(x,F(x),1),

durch

K1CK2,(x,t)(xtd1,F̂(x,t),td)

gegeben. Dabei geht der unendlich ferne Punkt (1,0) auf  (0,sd,0)=(0,1,0)



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und seien  G,HK[X]  Polynome in einer Variablen vom Grad  d,e1  ohne gemeinsame Nullstelle. Es sei  H0  und sei  F(X)=G(X)/H(X)  die zugehörige rationale Funktion. Es seien Ĝ(X,Z) und Ĥ(X,Z) die zugehörigen Homogenisierungen

Dann wird der projektive Abschluss C des Graphen von F(X) bei  d>e  durch

V+(Ĥ(X,Z)YZde1Ĝ(X,Z))

und bei  de  durch

V+(Ĥ(X,Z)YĜ(X,Z)Zed+1)

beschrieben.

Beweis  

Die affine Beschreibung der Kurve ist V(YHG). Nach Korollar 28.10 wird der projektive Abschluss durch die Homogenisierung von YHG beschrieben. Für diese ist der maximale Grad von YH und G ausschlaggebend, der Summand mit kleinerem Grad muss durch eine geeignete Potenz von Z „aufgefüllt“ werden. Dies ergibt die angegebenen Gleichungen.

Der affine Graph V(YHG) einer rationalen Funktion G/H wird durch

𝔸K1D(H)𝔸K2,x(x,G(x)H(x))=(xH(x)H(x),G(x)H(x)),

parametrisiert. Wir wenden darauf Satz 29.6 an. Bei

d=grad(G)>grad(H)=e

ist die projektive Parametrisierung gleich

K1K2,(x,y)(Ĥ(x,y)xyde1,Ĝ(x,y),Ĥ(x,y)yde),

bei

d=grad(G)grad(H)=e

ist die projektive Parametrisierung gleich

K1K2,(x,y)(Ĥ(x,y)x,Ĝ(x,y)yed+1,Ĥ(x,y)y).




Monomiale projektive Kurven

Zu einer ebenen monomialen Kurve s(se,sd)=(x,y) mit teilerfremden Exponenten  e>d  gehört nach Satz 29.6 die monomiale projektive Kurve

(s,t)(se,sdted,te).

Auf der offenen Menge D+(t) ist dies die ursprüngliche Abbildung und auf D+(s) ist dies die affine Abbildung

t(ted,te).



Satz  

Es seien  e>d  teilerfremd. Für die durch

(s,t)(se,sdted,te)

gegebene ebene projektive monomiale Kurve C vom Grad e gelten folgende Aussagen.

  1. Die Kurve wird durch die homogene Gleichung  Ye=XdZed  vom Grad e beschrieben.
  2. Die Kurve ist glatt für alle Punkte (0,0,1) und (1,0,0).
  3. Die Kurve hat im Punkt (0,0,1) die Multiplizität d und im Punkt (1,0,0) die Multiplizität ed.
  4. Bei  e3  ist die Kurve nicht glatt.

Beweis  

  1. Die affine Gleichung ist XdYe, und nach Korollar 28.10 wird der projektive Abschluss durch die Homogenisierung, also durch V(XdZedYe) beschrieben.
  2. Auf der affinen Kurve  V(XdYe)𝔸K2K2  ist nach Satz 20.12 nur der Nullpunkt, der dem projektiven Punkt (0,0,1) entspricht, (eventuell) nicht glatt. Die Punkte auf der Kurve außerhalb von D+(Z) erhält man, indem man in der Gleichung  Z=0  setzt. Dies erzwingt  Y=0,  sodass es lediglich noch den Punkt (1,0,0) gibt.
  3. Die Multiplizität in einem Punkt ist eine lokale Eigenschaft. Der Punkt (0,0,1) entspricht dem Nullpunkt auf der affinen monomialen Kurve V(XdYe), deren Multiplizität im Nullpunkt nach Korollar 23.9 gleich dem kleineren Exponenten, also gleich d ist. Der Punkt (1,0,0) liegt auf D+(X) und dort ist V(YeZed) die affine Gleichung. Die Multiplizität ist wieder der kleinere Exponent, also gleich ed.
  4. Folgt aus (3).



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