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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 3

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Die Zariski-Topologie

In Proposition 2.8 haben wir gezeigt, dass die affin-algebraischen Teilmengen eines affinen Raumes die Axiome für abgeschlossene Mengen einer Topologie erfüllen. Diese Topologie nennt man die Zariski-Topologie.


In einem affinen Raum 𝔸Kn versteht man unter der Zariski-Topologie diejenige Topologie, bei der die affin-algebraischen Mengen als abgeschlossen erklärt werden.

Die offenen Mengen der Zariski-Topologie sind also die Komplemente der affin-algebraischen Mengen. Sie werden zu einem Ideal 𝔞 mit

D(𝔞)=𝔸KnV(𝔞)

bezeichnet. Die Zariski-Topologie weicht sehr stark von anderen Topologien ab, insbesondere von solchen, die durch eine Metrik gegeben sind. Insbesondere ist die Zariski-Topologie nicht hausdorffsch. Generell kann man sagen, dass die offenen Mengen (außer der leeren Menge) in der Zariski-Topologie sehr groß sind (siehe Aufgabe 3.20), während die abgeschlossenen (also die affin-algebraischen Mengen) sehr dünn sind (außer dem ganzen Raum selbst).


Die Zariski-Topologie auf der affinen Geraden 𝔸K1 über einem Körper K lässt sich einfach beschreiben. Als (Zariski)-abgeschlossene Teilmenge haben wir zunächst einmal die gesamte affine Gerade, die durch V(0) beschrieben wird. Alle anderen abgeschlossenen Teilmengen werden durch V(𝔞) mit  𝔞0  beschrieben. Da K[X] ein Hauptidealbereich ist, kann man sogar 𝔞=(f), f0, ansetzen. Die zugehörige Nullstellenmenge besteht also aus endlich vielen Punkten. Andererseits ist jeder einzelne Punkt P mit der Koordinate a die einzige Nullstelle des linearen Polynoms Xa, also ist  {P}=V(Xa)  Zariski-abgeschlossen. Eine endliche Ansammlung von Punkten P1,,Pk mit den Koordinaten a1,,ak ist die Nullstellenmenge des Polynoms (Xa1)(Xak). Die Zariski-abgeschlossenen Mengen der affinen Geraden bestehen also aus allen endlichen Teilmengen (einschließlich der leeren) und der gesamten Menge.




Jeder Punkt

P=(a1,,an)𝔸Kn

ist Zariski-abgeschlossen, und zwar ist

P=V(X1a1,X2a2,,Xnan).

Punkte sind (neben der leeren Menge und dem gesamten Raum) die einfachsten affin-algebraischen Mengen. Das Ideal (genannt Punktideal) (X1a1,X2a2,,Xnan) ist maximal, siehe Aufgabe 2.12.


Der Schnitt von zwei und
von drei Ebenen

Nach Proposition 2.8  (3) sind somit alle endlichen Teilmengen des affinen Raumes Zariski-abgeschlossen und somit sind die Komplemente 𝔸KnE, wenn E eine endliche Punktemenge bezeichnet, Zariski-offen. Ferner ist zu einer rationalen Funktion P/Q mit  P,QK[X1,,Xn]  und  Q0  der Definitionsbereich, nämlich D(Q), offen.



Das Verschwindungsideal

Es sei  T𝔸Kn  eine Teilmenge. Dann nennt man

{FK[X1,,Xn]F(P)=0 für alle PT}

das Verschwindungsideal zu T. Es wird mit Id(T) bezeichnet.

Es handelt sich dabei in der Tat um ein Ideal: Wenn  F(P)=0  und  G(P)=0  für alle  PT  ist, so gilt dies auch für die Summe F+G und für jedes Vielfache HF.

Damit haben wir zwei Zuordnungen in entgegengesetze Richtung: Einer Teilmenge im affinen Raum wird das Verschwindungsideal zugeordnet und einem Ideal im Polynomring das zugehörige Nullstellengebilde. Wir interessieren uns dafür, inwiefern sich Ideale und Nullstellengebilde entsprechen.


Das Verschwindungsideal zur leeren Menge ist das Einheitsideal, da es keinen Punkt gibt, auf dem die Nullstellenbedingung überprüft werden müsste.

Das Verschwindungsideal zum Gesamtraum 𝔸Kn hängt vom Körper ab. Wenn dieser unendlich ist, so gibt es nur das Nullpolynom, das überall verschwindet, und folglich ist das Verschwindungsideal gleich dem Nullideal. Dies folgt aus Aufgabe 3.18.

Ist hingegen der Körper endlich mit q Elementen, so ist  xqx=0  für jedes  xK.  Also verschwindet das Polynom XqX auf jedem Punkt der affinen Geraden und gehört somit zum Verschwindungsideal der affinen Geraden. In höherer Dimension ist das Verschwindungsideal von 𝔸Kn gleich (X1qX1,X2qX2,,XnqXn).



Es sei  P=(a1,,an)𝔸Kn.  Dann ist das Verschwindungsideal Id(P) gleich dem Ideal (X1a1,,Xnan). Zunächst ist klar, dass die linearen Polynome Xiai im Punkt P verschwinden (wegen (Xiai)(P)=aiai=0). Damit gehört auch das von diesen Polynomen erzeugte Ideal zum Verschwindungsideal. Es sei umgekehrt F ein Polynom mit  F(P)=0.  Wir schreiben F in den „neuen Variablen“

X~1=X1a1,,X~n=Xnan,

indem wir Xi durch Xiai+ai ersetzen. In den neuen Variablen sei  F=νbνX~ν.  Dieses Polynom besteht aus der Konstanten b0, in jedem anderen Monom kommt mindestens eine Variable vor. Also können wir

F=F1X~1++FnX~n+c

mit gewissen Polynomen Fi schreiben. Daher ist  F(P)=c=0  und  F(X~1,,X~n)




Lemma  

Es seien  VW𝔸Kn  Teilmengen.

Dann gilt für die zugehörigen Verschwindungsideale die Inklusion

Id(W)Id(V).

Beweis  

Es sei  FId(W),  d.h. es ist  F(P)=0  für alle  PW.  Dann ist erst recht  F(P)=0  für alle  PV.  Also ist auch  FId(V)



Lemma  

Es sei  IK[X1,,Xn]  ein Ideal und sei  T𝔸Kn  eine Teilmenge. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist  TV(Id(T))
  2. Es ist  IId(V(I))
  3. Es ist  V(I)=V(Id(V(I)))
  4. Es ist  Id(T)=Id(V(Id(T)))

Beweis  

(1). Es sei  PT  ein Punkt. Dann verschwindet nach Definition jedes Polynom  FId(T)  auf T, also  PV(Id(T))

(2). Es sei  FI.  Dann verschwindet F auf ganz V(I) und daher ist  FId(V(I))

(3). Nach (1), angewandt auf  T=V(I),  haben wir die Inklusion „ “. Nach (2) ist  IId(V(I)).  Wendet man darauf V() an, so ergibt sich nach Lemma 2.7 die andere Inklusion.

(4). Wie (3).



Die Inklusionen in Lemma 3.8 (1), (2) sind echt. Es sei zum Beispiel  T𝔸K1  eine unendliche echte Teilmenge (was voraussetzt, dass K unendlich ist). Dann ist  Id(T)=0,  und also ist  V(0)=𝔸K1  echt größer als T.

Zu (2). Es sei  I=(X2),   R=K[X].  Dann ist  V(I)={0}  und  Id({0})=(X),  aber  X(X2).  Ein extremeres Beispiel für  R=[X,Y]  ist  I=(X2+Y2)  mit  V(I)={(0,0)}.  Das Verschwindungsideal zu diesem Punkt ist aber das Ideal (X,Y).




Lemma  

Es sei  T𝔸Kn  eine Teilmenge.

Dann ist der Zariski-Abschluss von T gleich

T=V(Id(T)).

Beweis  

Die Inklusion  TV(Id(T))  wurde in Lemma 3.8  (1) gezeigt. Da V(Id(T)) nach Definition abgeschlossen ist, folgt daraus  TV(Id(T))

Es sei umgekehrt  PV(Id(T))  und sei  PT  angenommen. Dies bedeutet, dass es eine Zariski-offene Menge U gibt mit  PU  und  UT=.  Es sei  U=D(𝔞).  Die Bedingung  PU  bedeutet, dass es ein  G𝔞  mit  G(P)0  geben muss. Es ist dann  PD(G)U  und damit  TD(G)=.  Also ist  TV(G)  und somit  GId(T).  Wegen  G(P)0  ergibt sich ein Widerspruch zu  PV(Id(T))



Das Radikal

Ein Ideal 𝔞 in einem kommutativen Ring R heißt Radikal (oder Radikalideal), wenn Folgendes gilt: Falls  fn𝔞  ist für ein  n,  so ist bereits  f𝔞


Es sei R ein kommutativer Ring und  𝔞R  ein Ideal. Dann nennt man die Menge

{fRes gibt ein r mit fr𝔞}

das Radikal zu 𝔞. Es wird mit rad(𝔞) bezeichnet.

Das Radikal zu einem Ideal ist selbst ein Radikal und insbesondere ein Ideal.


Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring und  𝔞R  ein Ideal.

Dann ist das Radikal zu 𝔞 ein Radikalideal.

Beweis  

Wir zeigen zunächst, dass ein Ideal vorliegt. 0 gehört offenbar zum Radikal und mit  frad(𝔞),  sagen wir  fr𝔞,  ist auch  (af)r=arfr𝔞,  also gehört af zum Radikal. Zur Summeneigenschaft seien  f,grad(𝔞)  mit  fr𝔞  und  gs𝔞.  Dann ist

(f+g)r+s=i+j=r+s(r+si)figj=i+j=r+s,i<r(r+si)figj+i+j=r+s,ir(r+si)figj𝔞.

Es sei nun  fkrad(𝔞).  Dann ist  (fk)r=fkr𝔞,  also  frad(𝔞)



Lemma  

Es sei  T𝔸Kn  eine Teilmenge.

Dann ist das Verschwindungsideal zu T ein Radikal.

Beweis  

Es sei  FK[X1,,Xn]  ein Polynom, und sei  FsId(T).  Dann ist  Fs(P)=0  für alle  PT.  Dann ist aber auch  F(P)=0  für alle  PV,  also  FId(T)


Wir werden später sehen, dass über einem algebraisch abgeschlossenen Körper sich Radikale und algebraische Nullstellengebilde entsprechen. Das ist der Inhalt des Hilbertschen Nullstellensatzes.


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