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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 4

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Irreduzible affin-algebraische Mengen

Eine affin-algebraische Menge  V𝔸Kn  heißt irreduzibel, wenn  V  ist und es keine Zerlegung  V=YZ  mit affin-algebraischen Mengen  Y,ZV  gibt.

Die Zariski-abgeschlossene Menge V ist also irreduzibel genau dann, wenn

V

ist und eine Zerlegung  V=YZ  nur mit  V=Y  oder mit  V=Z  möglich ist. Dasselbe folgt dann sofort für endliche Darstellungen.

Die Irreduzibilität ist eine rein topologische Eigenschaft, wobei man die obige Definition mit abgeschlossenen Mengen formulieren muss anstatt mit affin-algebraischen Mengen (den abgeschlossenen Mengen in der Zariski-Topologie).

Die folgenden Bilder zeigen einige (nicht) irreduzible affin-algebraische Teilmengen. Was sind dabei die irreduziblen Komponenten (siehe unten)?




Wir betrachten den affinen Raum 𝔸Kn. Wenn K endlich ist, so besteht der Raum nur aus endlich vielen Punkten und nur die einpunktigen Teilmengen sind irreduzibel. Insbesondere ist der affine Raum außer bei  n=0  nicht irreduzibel.

Bei unendlichem K ist der affine Raum 𝔸Kn hingegen irreduzibel. Es sei nämlich  𝔸Kn=YZ  mit echt kleineren affin-algebraischen Teilmengen. D.h. für die offenen Komplemente  U=𝔸KnY  und  W=𝔸KnZ  ist einerseits  U,W,  aber  UW=.  Das widerspricht aber Aufgabe 3.20.




Lemma  

Es sei  V𝔸Kn  eine affin-algebraische Menge mit Verschwindungsideal Id(V).

Dann ist V genau dann irreduzibel, wenn Id(V) ein Primideal ist.

Beweis  

Es sei Id(V) kein Primideal. Bei  Id(V)=K[X1,,Xn]  ist  V=,  also ist V nicht irreduzibel nach Definition. Andernfalls gibt es Polynome  F,GK[X1,,Xn]  mit  FGId(V),  aber  F,GId(V).  Dies bedeutet, dass es Punkte  P,QV  mit  F(P)0  und  G(Q)0  gibt. Wir betrachten die beiden Ideale  𝔞1=Id(V)+(F)  und  𝔞2=Id(V)+(G).  Daher ist

V(𝔞1),V(𝔞2)V(Id(V))=V

nach Lemma 3.8  (3). Wegen P∉V(𝔞1) und Q∉V(𝔞2) sind diese Inklusionen echt. Andererseits ist

V(𝔞1)V(𝔞2)=V(𝔞1𝔞2)=V(Id(V))=V,

sodass eine nicht-triviale Zerlegung von V vorliegt und somit V nicht irreduzibel ist.
Es sei nun V nicht irreduzibel. Bei  V=  ist  Id(V)=K[X1,,Xn]  kein Primideal. Es sei also  V  mit der nicht-trivialen Zerlegung  V=YZ.  Es sei  Y=V(𝔞1)  und  Z=V(𝔞2).  Wegen  YV  gibt es einen Punkt PV=V(Id(V)), P∉V(𝔞1). Also gibt es auch ein  F𝔞1,   F(P)0,  und somit  FId(V).  Ebenso gibt es  G𝔞2,   GId(V).  Für einen beliebigen Punkt  QV=YZ  ist  (FG)(Q)=0,  da F auf Y und G auf Z verschwindet. Also ist  FGId(V)  und daher ist Id(V) kein Primideal.



Es sei V eine affin-algebraische Menge. Eine affin-algebraische Teilmenge  WV  heißt eine irreduzible Komponente von V, wenn sie irreduzibel ist und wenn es keine irreduzible Teilmenge  WWV  gibt.

Ist V irreduzibel, so ist V selbst die einzige irreduzible Komponente von V. Wir werden in Satz 9.11 sehen, dass jede affin-algebraische Menge sich als eine endliche Vereinigung von irreduziblen Komponenten schreiben lässt.


Wir betrachten die Gleichung

F=Y2+X2(X+1)2=0.

In den reellen Zahlen hat diese Gleichung zwei Lösungen: da ein reelles Quadrat nie negativ ist, kann F nur dann 0 sein, wenn beide Summanden null sind, und das impliziert einerseits  Y=0  und andererseits  X=0  oder  X=1.  Insbesondere ist die reelle Lösungsmenge nicht zusammenhängend und nicht irreduzibel (und das Verschwindungsideal zur reellen Situation ist sehr groß).

Betrachtet man F dagegen über den komplexen Zahlen, so gibt es eine Faktorisierung

F=(Y+iX(X+1))(YiX(X+1))

in irreduzible Polynome. Dies zeigt zugleich, dass F als Polynom in [X,Y] irreduzibel ist (obwohl das reelle Nullstellengebilde nicht irreduzibel ist). Die Nullstellenmenge über den komplexen Zahlen besteht aus den beiden Graphen  Y=±iX(X+1),  die sich in (0,0) und (1,0) schneiden.

Bei der Gleichung Y2+Z2+X2(X+1)2 gibt es wieder nur zwei reelle Lösungspunkte, das Polynom ist aber sowohl reell als auch komplex betrachtet irreduzibel.




Wir betrachten im affinen Raum 𝔸K3 (K=) die beiden Zylinder

S1={(x,y,z)x2+y2=1} und S2={(x,y,z)y2+z2=1}.

Das sind beides irreduzible Mengen, wie wir später sehen werden (für K unendlich). Wie sieht ihr Durchschnitt aus? Der Durchschnitt wird durch das Ideal 𝔞 beschrieben, das durch X2+Y21 und Y2+Z21 erzeugt wird. Zieht man die eine Gleichung von der anderen ab, so erhält man

X2Z2=(XZ)(X+Z)𝔞.

Die beiden einzelnen Faktoren gehören aber nicht zu 𝔞, da beispielsweise (1,0,1) ein Punkt des Schnittes ist, an dem XZ nicht verschwindet (Charakteristik 2), und (1,0,1) ein Punkt des Schnittes ist, an dem X+Z nicht verschwindet. Die Komponenten des Schnittes werden vielmehr durch

𝔟1=𝔞+(XZ) und 𝔟2=𝔞+(X+Z)

beschrieben. Das sind beides Primideale, der Restklassenring ist

K[X,Y,Z]/(𝔟1)=K[X,Y,Z]/(𝔞+(XZ))=K[X,Y]/(X2+Y21).

Um die zweite Gleichung einzusehen, eliminiert man Z mit der hinteren Gleichung, und die beiden Zylindergleichungen werden dann identisch. Ebenso ist die Argumentation für das andere Ideal. Geometrisch gesprochen heißt dies, dass ein Punkt des Durchschnittes S1S2 in der Ebene  E1=V(ZX)  oder in der Ebene  E2=V(Z+X)  liegt. Es ist

E1S1=E1S1S2=E1S2

und ebenso für E1, da auf diesen Ebenen die beiden Zylindergleichungen identisch werden.

Wie sehen die Durchschnitte in den Ebenen aus? Wir betrachten die Ebene E1 mit den Koordinaten Y und  U=Z+X.  Es ist dann  X=12((Z+X)(ZX))  und damit kann man die erste Zylindergleichung als

(12((Z+X)(ZX)))2+Y2=1

schreiben. Auf der Ebene E1, die ja durch  Z=X  festgelegt ist, wird aus dieser Gleichung

(12U)2+Y2=1

also  14U2+Y2=1.  Dies ist die Gleichung einer Ellipse, was auch anschaulich klar ist. Man beachte, dass in der obigen Berechnung des Restklassenringes K[X,Y,Z]/(𝔟1) aber eine Kreisgleichung auftritt. Dies sollte deshalb nicht überraschen, da Kreis und Ellipse durch eine lineare Variablentransformation ineinander überführbar sind und dass daher insbesondere die Restklassenringe isomorph sind. Als metrisches Gebilde sind Kreis und Ellipse verschieden, und der Durchschnitt der beiden Zylinder besteht aus zwei Ellipsen. Bei einer orthonormalen Variablentransformation bleibt die metrische Struktur erhalten. Die Variablen Y,(X+Z),(XZ) definieren aber keine orthonormale Transformation.

Halten wir also fest: Der Durchschnitt der beiden Zylinder ist

S1S2=V(𝔟1)V(𝔟2),

wobei  𝔟1=(X2+Y21,XZ)  und  𝔟2=(X2+Y21,X+Z)  zwei Ellipsen beschreiben.

Wie liegen diese beiden Ellipsen zueinander? Dazu berechnen wir ihren Durchschnitt, der durch die Summe von 𝔟1 und 𝔟2 beschrieben wird. Es ist

𝔟1+𝔟2=(X2+Y21,XZ,X+Z)=(Y21,X,Z).

Die Lösungsmenge davon besteht aus den beiden Punkten (0,1,0) und (0,1,0).




Zur Anzahl der Punkte auf Kurven

Wir haben bereits gesehen, dass der Schnitt einer Kurven mit einer Geraden nur aus endlich vielen Punkten besteht, es sei denn, die Gerade ist selbst eine Komponente der Kurve (siehe Lemma 1.3). Dies wollen wir zunächst auf den Schnitt von zwei beliebigen ebenen Kurven verallgemeinern. Als Hilfsmittel benötigen wir die folgende Definition.


Es sei K ein Körper und K[X] der Polynomring in einer Variablen über K. Dann nennt man den Quotientenkörper Q(K[X]) den rationalen Funktionenkörper über K (oder Körper der rationalen Funktionen über K). Er wird mit K(X) bezeichnet.



Satz  

Es sei K ein Körper und seien  F,GK[X,Y]  zwei Polynome ohne gemeinsamen nichtkonstanten Faktor.

Dann gibt es nur endlich viele Punkte P1,,Pn mit  PiV(F,G)

Beweis  

Wir betrachten  F,GK[X,Y]  als Elemente in K(X)[Y], wobei K(X) den Körper der rationalen Funktionen in X bezeichne. Es haben dann nach Aufgabe 4.27 auch F und G keinen gemeinsamen Teiler in K(X)[Y]. Da dieser Ring ein Hauptidealbereich ist, erzeugen sie zusammen das Einheitsideal, d.h. es gibt Polynome  A,BK(X)[Y]  mit  AF+BG=1.  Multiplikation mit dem Hauptnenner von A und B ergibt in K[X,Y] die Gleichung  A~F+B~G=H  mit  HK[X].  Eine gemeinsame Nullstelle in 𝔸K2 von F und von G muss also eine Nullstelle von H sein. Es gibt also nur endlich viele Werte für X, für die eine gemeinsame Nullstelle vorliegt. Wenn man die Rollen von X und von Y vertauscht, so sieht man, dass es auch nur endlich viele Werte für Y gibt, an denen eine gemeinsame Nullstelle vorliegen kann. Damit kann es überhaupt nur endlich viele gemeinsame Nullstellen geben.




Korollar  

Es sei K ein Körper und sei  FK[X,Y]  ein Primpolynom. Die Kurve V(F) besitze unendlich viele Elemente.

Dann ist das Verschwindungsideal zu V(F) gleich dem Hauptideal (F) und V(F) ist irreduzibel.

Beweis  

Es ist  (F)Id(V(F)).  Es sei  GId(V(F)).  Nach Lemma 3.8  (3) ist

V(F)=V(Id(V(F)))V(F,G).

Wenn G kein Vielfaches von F ist, so ergibt sich mit Satz 4.8 direkt ein Widerspruch zur Voraussetzung. Also ist

Id(V(F))=(F)

ein Primideal und nach Lemma 4.3 ist V(F) irreduzibel.


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