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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 6

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Ebene polynomiale Parametrisierungen
Eine parametrisierte Kurve kann man sich als einen Bewegungsablauf vorstellen.


Wir betrachten jetzt Abbildungen φ:𝔸K1𝔸K2, die durch zwei Polynome  P,QK[T]  in einer Variablen gegeben sind. Das Bild einer solchen Abbildung liegt in einer affin-algebraischen Kurve, wie der folgende Satz zeigt. Man spricht auch von parametrisierten Kurven oder genauer von polynomial parametrisierten Kurven. Es konkurrieren hier zwei Standpunkte, wie man eine algebraische Kurve beschreiben kann. Die Punkte einer durch eine Kurvengleichung gegebenen Kurve sind nur implizit gegeben. Man kann zwar zu jedem Punkt der Ebene leicht überprüfen, ob er auf der Kurve liegt, es ist aber im Allgemeinen schwierig, Punkte auf der Kurve zu finden oder explizit anzugeben. Eine parametrisierte Kurve ist hingegen explizit gegeben, zu jedem Punkt der affinen Geraden kann man den Bildpunkt einfach ausrechnen und erhält so die Kurvenpunkte explizit. Es ist aber nicht jede algebraische Kurve durch Polynome parametrisierbar.



Satz  

Es sei K ein Körper und seien  P,QK[T]  Polynome.

Dann gibt es ein Polynom FK[X,Y], F0, mit  F(P,Q)=0.  D.h. das Bild einer polynomial parametrisierten Kurve liegt in einer ebenen algebraischen Kurve  C=V(F)

Wenn K unendlich ist und (P,Q) nicht beide konstant sind, so ist der Zariski-Abschluss des Bildes eine irreduzible Kurve C.

Beweis  

Es seien d und e die Grade von P und Q. Wir berechnen die Monome

PiQj.

Dies sind Polynome in T vom Grad di+ej. Zu  in  und  jm  gibt es (n+1)(m+1) solche Monome. Die Monome PiQj, in, jm, leben also allesamt in dem dn+em+1-dimensionalen K-Vektorraum, der von 1=T0,T1,T2,,Tdn+em erzeugt wird. Bei  (n+1)(m+1)>dn+em+1  muss es also eine nicht-triviale lineare Abhängigkeit zwischen diesen PiQj geben. Diese ergibt ein Polynom  F(X,Y)0  mit  F(P,Q)=0

Die angegebene numerische Bedingung  (n+1)(m+1)>dn+em+1  lässt sich mit n,m hinreichend groß erfüllen.

Von nun an sei K unendlich. Der Zariski-Abschluss des Bildes  B=φ(𝔸K1)  ist V(Id(B)) nach Lemma 3.10 und irreduzibel nach Satz 5.10. Da K unendlich ist und die Abbildung nicht konstant ist, muss wegen der Irreduzibilität auch V(Id(B)) unendlich viele Punkte enthalten. Nach Lemma 4.3 ist Id(B) ein Primideal und enthält nach dem ersten Teil ein FId(B), F0. Da K[X,Y] faktoriell ist, muss auch ein Primfaktor von F dazu gehören, sodass wir annehmen können, dass F ein Primpolynom ist. Wir haben die Inklusion

BB=V(Id(B))V(F).

Für ein  HId(B)  ist

V(Id(B))V(H)V(F)

unendlich, sodass es nach Satz 4.8 einen gemeinsamen nichtkonstanten Faktor von H und F geben muss. Da F prim ist, muss H ein Vielfaches von F sein und  Id(B)=(F)



Wir betrachten die Kurve, die durch die Parametrisierung

x=t2+t+1 und y=2t2+3t1

gegeben ist. Es ist  x1=t2+t  und  y+1=2t2+3t.  Eine einfache Addition ergibt

(y+1)2(x1)=3t2t=t.

Daher können wir

x1=t2+t=(y2x+3)2+(y2x+3)

schreiben. Ausmultiplizieren ergibt insgesamt die Gleichung

y2+4x24xy15x+7y+13=0.


Wir betrachten die durch

P=t21 und Q=t3t=t(t21)

gegebene Abbildung

𝔸K1𝔸K2.

Für die beiden Punkte  t=±1  ergibt sich der Wert (0,0). Für alle anderen Stellen  t±1  kann man

t=t3tt21=Q(t)P(t)

schreiben. D.h. dass t aus den Bildwerten rekonstruierbar ist, und das bedeutet, dass die Abbildung dort injektiv ist. Die Bildkurve ist also eine Kurve, die sich an genau einer Stelle überschneidet.

Wir bestimmen die Kurvengleichung, und schreiben x=t21 und y=t3t. Es ist  t2=x+1  und

y2=t2(t21)2=t2x2=(x+1)x2=x3+x2.

Das beschreibende Polynom ist also

Y2X3X2.



Rationale Parametrisierungen

Wir betrachten eine rationale Funktion

Y=PQ

mit Polynomen  P,QK[T]  in einer Variablen. Hier hat man in natürlicher Weise sofort eine neue Form der Parametrisierung, indem man die Abbildung

𝔸K1D(Q)𝔸K2,t(t,P(t)Q(t)),

betrachtet. Dabei ist D(Q) der Definitionsbereich der Abbildung, und zwar besteht

D(Q)=𝔸K1V(Q)

aus allen Punkten, wo das Nennerpolynom Q nicht 0 ist. Offenbar kann man mit dieser Abbildung wieder alle Punkte des Graphen der rationalen Funktion erfassen, d.h. sie leistet ebenso wie eine polynomiale Parametrisierung eine explizite Beschreibung der Kurve. Es ist also zur Beschreibung von Kurven sinnvoll, auch Parametrisierungen zuzulassen, bei denen die Komponentenfunktionen rational sind.


Zwei rationale Funktionen  φ1=P1Q1  und  φ2=P2Q2  mit P1,P2,Q1,Q2K[T], Q1,Q20, heißen eine rationale Parametrisierung einer algebraischen Kurve  C=V(F)  (FK[X,Y] nicht konstant), wenn

F(φ1(T),φ2(T))=0

ist und (φ1,φ2) nicht konstant ist.

Man beachte, dass die Gleichheit in der vorstehenden Definition im rationalen Funktionenkörper zu verstehen ist, also in K(T). Bei unendlichem K ist dies äquivalent damit, dass diese Gleichheit für alle Werte  tK  gilt, für die die Nennerpolynome definiert sind.


Eine ebene algebraische Kurve  C=V(F)  heißt rational, wenn sie irreduzibel ist und es eine rationale Parametrisierung für sie gibt.

Das folgende einfache Beispiel zeigt, dass man mit rationalen Funktionen mehr Kurven parametrisieren kann, als wenn man nur mit Polynomen arbeitet. Es sei aber schon hier erwähnt, dass dieser Unterschied im Kontext der projektiven Geometrie wieder verschwindet.


Wir betrachten die Hyperbel  H=V(XY1)  und behaupten, dass es keine polynomiale Parametrisierung davon gibt. Dies folgt einfach daraus, dass zu zwei Polynomen P(t) und Q(t) die Bedingung, für jedes t auf H zu liegen, gerade

P(t)Q(t)=1 für alle t𝔸K1

bedeutet, bzw., dass  P(t)Q(t)=1  im Polynomring K[t] ist (was im Fall eines unendlichen Körpers äquivalent ist; bei einem endlichen Körper ist die zweite Identität die „richtige“ Bedingung). Das bedeutet aber, dass diese Polynome invers zueinander sind und daher Einheiten sind. Im Polynomring sind aber lediglich die Konstanten 0 Einheiten. Also sind beide Polynome konstant und damit ist die dadurch definierte Abbildung konstant, und es liegt keine polynomiale Parametrisierung vor. Dagegen ist

𝔸K1{0}𝔸K2,t(t,1t),

eine rationale Parametrisierung der Hyperbel.


Wir wollen zeigen, dass das Bild einer nicht-konstanten rationalen Abbildung stets eine algebraische Gleichung erfüllt, also stets eine rationale Parametrisierung einer algebraischen Kurve liefert. Im polynomialen Fall ergab sich eine algebraische Gleichung aus einem Zählargument (es musste eine Gleichung geben, da die Anzahl der Monome in zwei Variablen „schneller mit dem Grad wächst“ als die in einer Variablen). Wir werden ein ähnliches Argument verwenden, allerdings in Kombination mit einem weiteren Trick, der „Homogenisierung“. Bei diesem Trick wird unter Hinzunahme einer weiteren Variablen (das ist der Preis, den man dabei zahlen muss) eine nicht-homogene Situation homogen gemacht. Diesen Prozess verwenden wir hier rein algebraisch, dahinter steht aber das Zusammenspiel zwischen affiner und projektiver Geometrie.


Es sei FK[X1,,Xn], F0, ein Polynom in n Variablen mit der homogenen Zerlegung

F=i=0dFi

und sei Z eine weitere Variable. Dann nennt man das homogene Polynom

F̂=i=0dFiZdiK[X1,,Xn,Z]

vom Grad d die Homogenisierung von F.

Aus der Homogenisierung kann man das ursprüngliche Polynom zurückgewinnen, wenn man die zusätzliche Variable Z gleich 1 setzt. Man spricht von dehomogenisieren.



Es seien  P1,P2,P3K[S,T]  drei homogene Polynome vom gleichen Grad.

Dann gibt es ein homogenes Polynom FK[X,Y,Z], F0, mit

F(P1,P2,P3)=0.
Dies folgt aus einem ähnlichen Abzählargument wie im Beweis zu Satz 6.1, siehe Aufgabe 6.7.



Wir betrachten die Abbildung

(S,T)(S2,T2,ST)=(X,Y,Z),

die durch homogene Polynome (sogar durch Monome) gegeben ist. Es ist einfach, eine algebraische Relation für das Bild zu finden, es ist nämlich

Z2=(ST)2=S2T2=XY,

d.h. das Bild der Abbildung liegt in V(Z2XY). Siehe auch Aufgabe 6.29.




Satz  

Es seien zwei rationale Funktionen φ1=P1Q1 und φ2=P2Q2 mit P1,P2,Q1,Q2K[T], Q1,Q20, gegeben, die nicht beide konstant seien.

Dann gibt es ein nichtkonstantes Polynom  FK[X,Y]  mit

F(φ1(T),φ2(T))=0.

Das bedeutet, dass φ1 und φ2 eine rationale Parametrisierung definieren.

Beweis  

Wir können durch Übergang zu einem Hauptnenner annehmen, dass die rationale Abbildung durch

φ1=P1Q und φ2=P2Q

mit  P1,P2,QK[T],   Q0  gegeben ist. Es seien  H'1,H'2,H'3K[T,S]  die Homogenisierungen von diesen Polynomen mit der neuen Variablen S und es sei e der größte Grad dieser Polynome. Wir setzen  Hi=Segrad(Hi)H'i.  Die H1,H2,H3 haben dann alle den Grad e und ihre Dehomogenisierungen (S=1) sind nach wie vor P1,P2,Q. Nach Lemma 6.8 gibt es ein homogenes Polynom  FK[U,V,W],   F0,  vom Grad d (bezüglich U,V,W) mit

F(H1,H2,H3)=0.

Wir betrachten

1WdF(U,V,W)=F(UW,VW,WW),

welches ein Polynom in den beiden rationalen Funktionen UW,VW ist. Für diesen Übergang ist es wichtig, dass F homogen ist. Einsetzen der homogenen Polynome in diese Gleichung ergibt

0=F(H1H3,H2H3,1).

Dies ist eine Gleichheit im Quotientenkörper von K[S,T]. Wenn man darin  S=1  setzt (also dehomogenisiert), so erhält man

0=F(P1Q,P2Q),

also eine Gleichung für die ursprünglichen rationalen Funktionen.


Die Zissoide des Diokles (im Bild schwarz) ist rational parametrisierbar.

Bemerkung

Man kann einen Schritt weiter gehen und sich fragen, ob es noch andere Möglichkeiten gibt, eine algebraische Kurve  C=V(F)  durch eine Abbildung φ:KK2 zu beschreiben, wo φ aus einer größeren Funktionenklasse sein darf. Ein wichtiger Satz ist hier der Satz über implizite Funktionen, der für  K=  oder  K=  besagt, dass falls die partiellen Ableitung von F an einem Punkt der Kurve nicht beide null sind, dass es dann eine (unendlich oft und sogar analytisch) differenzierbare Abbildung φ gibt, die die Kurve in einer gewissen kleinen offenen Umgebung des Punktes beschreibt. Eine algebraische Version des Satzes über implizite Funktionen findet sich im Potenzreihenansatz wieder, den wir später behandeln werden.



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