Zum Inhalt springen

Kurs:Algebraische Zahlentheorie (Osnabrück 2026)/Vorlesung 20

Aus Wikiversity



Zerlegungsverhalten

Wir besprechen nun systematisch, wie eine Primzahl in einem Zahlbereich zerlegt wird, also wie viele Primideale von oberhalb von liegen, wie diese sich zueinander verhalten und wie die Abhängigkeit von aussieht. Viele Eigenschaften hängen dabei allein vom Faserring ab, von dem wir nach Korollar 8.8 wissen, dass als additive Gruppe bzw. als -Vektorraum isomorph zu ist, wenn der Grad der Erweiterung ist.


Es sei    eine endliche Erweiterung von kommutativen Ringen, sei ein Primideal von und ein Primideal von über . Dann nennt man den Grad der Erweiterung der Restekörper    den Trägheitsgrad von über .

Wenn    eine endliche Erweiterung von Dedekindbereichen ist und ein maximales Ideal von ist und ein maximales Ideal von über , so ist der Trägheitsgrad einfach der Grad der Körpererweiterung

(der Trägheitsgrad im Nullideal ist einfach der Grad der Erweiterung der Quotientenkörper). Wenn und damit auch ein Zahlbereich ist, so sind diese Körper stets endlich von gleicher Charakteristik , und daher liegt eine Erweiterung der Form    mit    und    vor. Dabei muss eine Potenz von sein, also  ,  was bedeutet, dass ein Vielfaches von ist. Bei    ist das natürlich keine Einschränkung.




Lemma  

Es sei ein kommutativer Ring und    eine endliche Erweiterung der Form    mit einem normierten Polynom    vom Grad . Es sei ein Primideal von .

Dann ist die Summe über alle Trägheitsgrade zu Primidealen über durch beschränkt.

Beweis  

Durch Übergang mittels kann man direkt annehmen, dass    ein Körper ist und dass das Primideal das Nullideal ist. Es liegt dann die endliche Erweiterung    vor. Die Primideale von oberhalb von entsprechen den Primidealen von und damit den irreduziblen Teilern von in . Sei    die Primfaktorzerlegung von in . Die relevanten Körpererweiterungen sind dann die

Die Aussage folgt daher direkt aus Gradeigenschaften von Polynomen über einem Körper.



Satz  

Es sei ein Dedekindbereich mit Quotientenkörper ,    eine Körpererweiterung vom Grad und der ganze Abschluss von in . Es sei ein von verschiedenes Primideal von mit der Primidealzerlegung

in . Die Körpererweiterungen    haben die Trägheitsgrade .

Dann ist

Beweis  

Nach dem chinesischen Restsatz für Dedekindbereiche ist

Wir können über dem diskreten Bewertungsring argumentieren, also davon ausgehen, dass ein diskreter Bewertungsring mit dem maximalen Ideal ist. Die angeführten Restklassenringe ändern sich dadurch nicht. Es ist ein freier -Modul vom Rang und somit ist

ein -Vektorraum der Dimension . Oben rechts steht das Produkt der -Vektorräume und es ist zu zeigen, dass deren -Dimension gleich ist. Dies zeigen wir durch Induktion über  ,  wobei der Induktionsanfang für    die Definition des Trägheitsgrades ist. Wegen    liegt eine kurze exakte Sequenz

vor. Dabei ist

Deshalb folgt die Aussage aufgrund der Vektorraumadditivität in kurzen exakten Sequenzen.


Die in diesem Satz auftretende Gleichung nennt man auch fundamentale Gleichung. Nach Lemma 18.3 liegt genau dann Verzweigung oberhalb von vor, wenn einer der Verzweigungsindizes größer als ist.

Die beiden extremen Möglichkeiten für das Zerlegungsverhalten bekommen einen eigenen Namen.


Es sei ein Dedekindbereich mit Quotientenkörper ,    eine Körpererweiterung vom Grad und der ganze Abschluss von in . Ein von verschiedenes Primideal von heißt voll zerlegt in , wenn es Primideale in oberhalb von gibt.

Im voll zerlegten Fall ist    für  .  Es liegt keine Verzweigung von und alle Restekörper stimmen mit dem Grundkörper (der Faser) überein.


Es sei ein Dedekindbereich mit Quotientenkörper ,    eine Körpererweiterung vom Grad und der ganze Abschluss von in . Ein von verschiedenes Primideal von heißt unzerlegt in , wenn es genau ein Primideal in oberhalb von gibt.

In diesem Fall ist  


Wir betrachten die Ringerweiterung  .  Auf der Ebene der Quotientenkörper liegt die quadratische Körpererweiterung der zugehörigen Funktionenkörper    vor, und ist der ganze Abschluss von in . Die Primideale von sind von der Form mit    oder von der Form mit einem quadratischen Polynom ohne reelle Nullstelle. Die Restekörper in diesem zweiten Fall sind isomorph zu . Die Primideale in sind alle von der Form mit  

In der Erweiterung liegt über dem Primideal das entsprechende Ideal, dieses Ideal ist also unzerlegt, die Verzweigungsordnung ist und die Restekörpererweiterung ist  ,  der Trägheitsgrad ist also . Zu einem Primideal zu einem reellen Polynom ohne reelle Nullstelle seien und die zueinander konjugierten komplexen Nullstellen. In gilt die Idealzerlegung  .  Die Verzweigungsordnungen sind also und in den Restekörpern liegt ein Isomorphismus vor, die Trägheitsgrade sind also . Diese Primideale sind voll zerlegt.




Zerlegung in quadratischen Zahlbereichen

Das Zerlegungsverhalten von Primzahlen in einer quadratischen Erweiterung kann man gut überblicken, wenn man das quadratische Reziprozitätsgesetz verwendet. Das quadratische Reziprozitätsgesetz gehört zu den Hauptresultaten der Zahlentheorie und wurde erstmals von Gauß bewiesen. Es seien und verschiedene ungerade Primzahlen. Es geht dann um die Frage, ob in ein Quadrat ist, also eine Quadratwurzel besitzt, oder eben nicht. Die Aussage des Satzes ist nun, dass dies in einer direkten Beziehung zu der „reziproken Eigenschaft“ steht, ob in ein Quadrat ist. Es gibt eine Reihe von ziemlich verschiedenen Beweisen für diesen Satz, auch relativ elementare, siehe beispielsweise Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2025)/Vorlesung 8. Der Nachteil dieser elementaren Beweise ist, dass sie konzeptionell eher undurchsichtig sind. Man kann die Beweise Zeile für Zeile nachprüfen, fragt sich letztlich aber dennoch, warum die Aussage überhaupt stimmt. Wir werden das quadratische Reziprozitätsgesetz im Rahmen der Kreisteilungskörper in der 23. Vorlesung beweisen.


Für eine ungerade Primzahl und eine zu teilerfremde Zahl    definiert man das Legendre-Symbol, geschrieben (sprich „ nach “), durch

Für einfache Eigenschaften des Legendre-Symbols siehe den Anhang. Die folgende Aussage heißt Quadratisches Reziprozitätsgesetz.


Satz

Es seien und verschiedene ungerade Primzahlen. Dann gilt:



Satz  

Es sei eine ungerade Primzahl und sei der zugehörige quadratische Zahlbereich.

Dann ist eine ungerade Primzahl    in genau dann voll zerlegt, wenn eine gewisse Kongruenzbedingung modulo erfüllt. Insbesondere gibt es unendliche viele Primzahlen , die in voll zerlegt sind, und unendlich viele Primzahlen , die in unzerlegt sind.

Beweis  

Wenn Zerlegung stattfindet, so handelt es sich direkt um eine volle Zerlegung aufgrund von Satz 20.4 (oder wegen Aufgabe 9.20). Wegen    und Satz 9.8 können wir direkt von der Beschreibung des Faserringes ausgehen. Zerlegung von liegt also genau dann vor, wenn ein Quadrat in ist. Aufgrund des Quadratischen Reziprozitätsgesetzes ist dies genau dann der Fall, wenn, abhängig von den Resten von und modulo , ein Quadrat oder ein Nichtquadrat modulo ist. So oder so ist dies durch eine Kongruenzbedingung modulo festgelegt.

Nach dem Satz von Dirichlet über arithmetische Progressionen gibt es in jeder Resklasse modulo unendlich viele Primzahlen.



Weitere Beispiele

Es sei    der fünfte Kreisteilungsring. Wir beschreiben exemplarisch das Verhalten von Primzahlen in diesem Zahlbereich. Es sei zuerst  .  Hier ist über

und somit  .  Es gibt also nur ein Primideal oberhalb von und dessen Restklassenkörper ist , der Trägheitsgrad ist also und der Verzweigungsindex ist .

Das Zerlegungsverhalten der anderen Primzahlen    versuchen wir mit Hilfe eines Zwischenringes zu verstehen. Sei

Eine direkte Rechnung (siehe Beispiel 17.5) zeigt  ,  d.h. es liegt ein Zwischenring

vor, wobei der Ganzheitsring zu mit Satz 9.8 bestimmt wurde.

Für

ist ein Quadrat modulo . Über diesen Primzahlen liegen in zwei Primideale, beide mit dem Restekörper und dem Trägheitsgrad . Über diesen Primzahlen zerfällt das fünfte Kreisteilungspolynom in zwei Faktoren vom Grad . Ob es weiter in Linearfaktoren zerfällt, hängt von ab.

Bei    sind fünfte Einheitswurzeln in und das Kreisteilungspolynom hat die Zerlegung

Über liegen also vier Primideale, jeweils mit dem Trägheitsgrad . Ein entsprechendes Verhalten gilt für alle Primzahlen mit    nach Korollar 23.3.

Bei    gibt es nur die als fünfte Einheitswurzel und es gilt

wobei für eine Quadratwurzel von aus einzusetzen ist. Bei    ist beispielsweise    und daher ist

Bei    (aber ) ist kein Quadrat in und somit ist

Nach Satz 23.2 liegen über diesen Primidealen im Kreisteilungskörper jeweils nur ein Primideal mit dem Restekörper .


Es ist einfach Beispiele von Zahlbereichen anzugeben, in denen jedes Primideal des Grundringes zerlegt (also nicht unzerlegt) ist. Für das folgende Beispiel siehe auch Korollar 22.9.


Es seien    verschiedene quadratfreie Zahlen, sei

die zugehörige Körpererweiterung vom Grad und sei

der Ganzheitsring von in , wobei für dieses Beispiel der Unterschied zwischen und irrelevant ist. Wir bestimmen die Faser über einem Primideal zu einer Primzahl . Der beschreibende Ring ist

Wir beschränken uns auf Primzahlen , die weder noch teilen, was bedeutet, dass die zugehörigen Restklassen Einheiten in sind. Wenn (entsprechend für ) ein Quadrat in ist, sagen wir

so ist

wobei die letzte Identifizierung durch gegeben ist. Der Faserring ist also ein Produktring und kein Körper und zerfällt in und dann auch in in zumindest zwei Primideale.

Wenn hingegen sowohl als auch Nichtquadrate in sind, so ist das Produkt ein Quadrat, sagen wir  .  Dann gelten, da ja eine Einheit ist, in die Idealgleichheiten

und damit ist

es liegt also wieder ein Produktring vor.



<< | Kurs:Algebraische Zahlentheorie (Osnabrück 2026) | >>
PDF-Version dieser Vorlesung
Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)