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Kurs:Analysis II/Kapitel IV: Partielle Differentiation für Funktionen mehrerer Veränderlicher/Partielle Ableitungen erster Ordnung (§1)

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Definition 1

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Seien die Dimensionen n,m gewählt, f=f(x):Ωm sei eine auf der offenen Menge Ωn erklärte Funktion und schließlich sei x0=(x10,,xn0)Ω ein fester Punkt. Für hinreichend kleines ε>0 betrachten wir die Funktion
Φj:(xj0ε,xj0+ε)m vermöge Φj(t):=f(x10,,xj10,t,xj+10,,xn0),t(xj0ε,xj0+ε).
Existiert die Ableitung der Funktion Φj an der Stelle t=xj0, so heißt Φ'j(xj0) die partielle Ableitung von f nach xj im Punkt x0. Wir schreiben
Φ'j(xj0)=:fxj(x0)=xjf(x0) für ein j{1,,n}.

Definition 2

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Sei Ωn eine offene Menge. Existieren die partiellen Ableitungen fxj(x) mit j=1,,n für alle xΩ und stellen sie in Ω eine stetige Funktion dar, so gehört die Funktion f zur Klasse C1(Ω,m) der einmal stetig differenzierbaren Funktionen – oder kurz fC1(Ω,m). Falls m=1 ist, schreiben wir C1(Ω):=C1(Ω,). Für m=2 identifizieren wir 2= und setzen C1(Ω,):=C1(Ω,2). Falls der Bildbereich aus dem Zusammenhang hervorgeht, werden wir diesen nicht notwendig angeben.

Satz 1 (Kettenregel in mehreren Veränderlichen)

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Voraussetzungen:
(1) Die Mengen Ωn und Θm – mit m,n – sind offen.
(2) Die Funktion y=f(x)=(f1(x1,,xn),,fm(x1,,xn)):ΩΘ gehört zur Klasse C1(Ω,m).
(3) Weiter sei fC0(Ω,m) erfüllt.
(4) Es sei z=g(y)=g(y1,,ym):Θ eine Funktion der Klasse C1(Θ,).
Behauptung: Dann gehört die Funktion
h=h(x)=g(f(x))=g(f1(x1,,xn),,fm(x1,,xn)):Ω
zur Klasse C1(Θ,) und es gilt
(5) xjh(x)=k=1mykg(f(x))fk(x)xj,xΩ
für j=1,,n.

Beweis

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Offenbar genügt es, die Situation n=1,Ω=(a,b) und gC1(Θ,) zu betrachten. Zu zeigen ist die Differenzierbarkeit von h und die Identität (5): Sei x0(a,b) und x(a,b) mit 0<|xx0|<ε gewählt. Dann gilt

h(x)h(x0)=g(f1(x),,fm(x))g(f1(x0),,fm(x0))=[g(f1(x),,fm(x))g(f1(x0),,fm(x))]+[g(f1(x0),f2(x),fm(x))g(f1(x0),f2(x0),,fm(x))]++[g(f1(x0),,fm1(x0),fm(x))g(f1(x0),,fm(x0))].

Wendet man auf die Ausdrücke in den eckigen Klammern den Mittelwertsatz der Differentialrechnung an, so folgt

h(x)h(x0)=gy1(η1,f2(x),,fm(x))(f1(x)f1(x0))+gy2(f1(x0),η2(x),,fm(x))(f2(x)f2(x0))++gym(f1(x0),,fm1(x0),ηm)(fm(x)fm(x0))

mit |ηjfj(x0)||fj(x)fj(x0)| für j=1,,m. Für den Differenzenquotienten erhalten wir dann

h(x)h(x0)xx0=gy1(η1,f2(x),,fm(x))f1(x)f1(x0)xx0++gym(f1(x0),,fm1(x0),ηm)fm(x)fm(x0)xx0.

Mittels Grenzübergang xx0 folgt in

h(x0)=gy1(f(x0))f1(x0)++gym(f(x0))fm(x0)

die Behauptung.

q.e.d.

Satz 2 (Mittelwertsatz in mehreren Veränderlichen)

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Sei fC1(Ω) eine reellwertige Funktion auf der offenen Menge Ωn. Weiter seien x,xΩn zwei Punkte, so dass deren Verbindungsstrecke die folgende Inklusion erfüllt:
σ(x,x):={xn:x=λx+(1λ)x,0λ1}Ω.
Dann gibt es einen Punkt zσ:=σ(x,x){x,x}, so dass
f(x)f(x)=k=1nfxk(z)(xkxk)
gilt.

Beweis

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Wir wenden nun den Mittelwertsatz der Differentialrechnung aus Kapitel II §3 auf die Funktion

g(λ):=f(λx+(1λ)x),0λ1

an. Da g differenzierbar in λ ist, folgt gC1((0,1))C0([0,1]). Dann erhalten wir die Identität

(6) f(x)f(x)=g(1)g(0)=g(τ)

mit einem geeigneten τ(0,1). Wir berechnen

g(λ)=ddλf(x1+λ(x1x1),,xn+λ(xnxn))=fx1(x+λ(xx))(x1x1)++fxn(x+λ(xx))(xnxn).

Mit Hilfe von (6) folgt die behauptete Gleichung

f(x)f(x)=k=1nfxk(z)(xkxk),

wobei z:=x+τ(xx)σ(x,x) erklärt ist.

q.e.d.

Definition 3

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Sei Ωn eine offene Menge und fC1(Ω) eine reellwertige Funktion, so nennen wir
f(x)=(fx1(x),,fxn(x)),xΩ
den Gradienten von f an der Stelle x.

Definition 4

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Mit C0(Ω) bezeichnen wir den Vektorraum aller reellwertigen stetigen Funktionen auf der offenen Menge Ωn.

Satz 3

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Jede Funktion f=f(x)C1(Ω) ist in der offenen Menge Ωn stetig, d. h. die Inklusion C1(Ω)C0(Ω) ist erfüllt.

Beweis

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Diese Aussage ergibt sich als Folgerung aus Satz 2. Es gilt nämlich

|f(x)f(x)|=|f(z)(xx)||f(z)||xx|

für alle x,xΩ mit zσ(x,x)Ω.

Definition 5

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Sei fC1(Ω) auf der offenen Menge Ωn eine Funktion und vn mit |v|=1 ein Richtungsvektor. Dann nennen wir die Ableitung der Funktion
Φ(t):=f(x+tv),t(ε,ε) mit einem ε>0
an der Stelle t=0 die Richtungsableitung von an der Stelle xΩ in Richtung v, also
(7) Φ(0)=f(x)v=:vf(x).

Satz 4

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Für eine Funktion fC1(Ω) auf der offenen Menge Ωn gilt die Abschätzung
(8) |f(x)|vf(x)+|f(x)| für alle vn mit |v|=1
in jedem Punkt xΩ. Falls |f(x)|>0 erfüllt ist, so tritt Gleichheit in (8) genau in den Fällen
v=|f(x)|1f(x) bzw. v=|f(x)|1f(x)
ein. Somit zeigt der Gradient in Richtung des höchsten Anstiegs von f.

Beweis

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Die Identität (7) mit vf(x)=f(x)v und vn sowie |v|=1 liefert die Ungleichung

|vf(x)||f(x)|.

Die Diskussion des Gleichheitszeichens überlassen wir dem Leser.

q.e.d.

Definition 6

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Für eine Abbildung
y=f(x)=(f1(x1,,xn),,fm(x1,,xn)):Ωm mit fC1(Ω,m)
auf der offenen Menge Ωn nennen wir
(9) f(x):=(fi(x)xj)i=1,,mj=1,,n=(f1,x1(x)f1,xn(x)fm,x1(x)fm,xn(x))
die Funktionalmatrix (oder Jacobimatrix) von f an der Stelle x.

Satz 5

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Sei die Gültigkeit von (1) und (2) aus Satz 1 vorausgesetzt und weiter gehöre die Funktion
(10) z=g(y)=(g1(y1,,ym),,gl(y1,,ym)):Θl
zur Klasse C1(Θ,l),l. Dann liegt die Funktion
h(x):=(h1(x),,hl(x))=g(f(x))=(g1(f1(x),,fm(x))gl(f1(x),,fm(x))):Ωl
in der Klasse C1(Ω,l) und es gilt
xjhi(x)=k=1mgiyk(f(x))fk(x)xj
mit i=1,,l und j=1,,n bzw.
(11) h(x)=g(f(x))f(x),xΩ.

Beweis

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Dieser ergibt sich unmittelbar aus Satz 1 und Definition 6.

q.e.d.

Satz 6 (Differentialgleichungssystem von Cauchy und Riemann)

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Sei die Funktion w=f(z)=u(x,y)+iv(x,y):Ω auf der offenen Menge Ω holomorph. Dann folgt fC1(Ω,) und f erfüllt eine der folgenden beiden gleichwertigen Bedingungen:
(12) fx+ify=0 in Ω
oder das Cauchy -Riemannsche Differentialgleichungssystem
(13) ux=vy,uy=vx in Ω.
Dabei erklären wir u=Ref(z) und v=Imf(z) als Real- bzw. Imaginärteil der Funktion f.

Beweis

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Da f(z) holomorph in Ω ist, existiert

f(z)=limkf(z+ζk)f(z)ζk

für jede komplexe Nullfolge {ζk}k{0} mit ζk0 (k). Somit ergibt sich

f(z)=limε,ε0f(z+ε)f(z)ε=limε,ε0f(x+ε,y)f(x,y)ε=fx(x,y),
f(z)=limε,ε0f(z+iε)f(z)iε=limε,ε0f(x,y+ε)f(x,y)iε=1ify(x,y).

Damit erhalten wir fC1(Ω,) und folglich

fx=f(x)=1ify oder fx1ify=fx+ify=0 in Ω.

Weiter gilt

0=fx1ify=(u(x,y)+iv(x,y))x+i(u(x,y)+iv(x,y))y=(uxvy)+i(vx+uy)

genau dann, wenn

ux=vy,vx=uy in Ω

erfüllt ist.

q.e.d.

Bemerkungen

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1. Umgekehrt kann man von dem Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungssystem auf die Holomorphie der Funktion schließen.
2. Die Eigenschaft (12) holomorpher Funktionen beinhaltet die Winkeltreue der Abbildung f:Ω in allen Punkten zΩ mit f(z)0. Wegen fy=ifx entsteht nämlich die Tangente an die Kurve yf(x,y) durch eine Drehung um π2 aus der Tangente an die Kurve xf(x,y).
3. Die Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen implizieren, dass die folgende Matrix

(14) 1ux2+uy2(ux(x,y),uy(x,y)vx(x,y),vy(x,y)),z=x+iyΩ

orthogonal mit Determinante +1 ist – also eine Drehung darstellt. Somit sind holomorphe Funktionen mit nichtverschwindender Ableitung infinitesimal Drehungen in der x,y-Ebene.
4. Winkeltreue Abbildungen wurden von C. F. Gauß auch konform genannt; sie sind bei der Erstellung von Landkarten bedeutend.

Definition 7

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Eine offene Menge Ωn heißt Gebiet, wenn sie im folgenden Sinne zusammenhängend ist: Zu je zwei Punkten x,xΩ gibt es einen stetigen Weg
φ(t):[0,1]ΩC0([0,1],n) mit φ(0)=x und φ(1)=x.
Dieser Weg verbindet x und x stetig in Ω.

Satz 7

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Sei Ωn ein Gebiet und fC1(Ω) eine reellwertige Funktion mit f(x)0 in Ω. Dann ist f(x)c für alle xΩ erfüllt – mit einer Konstante c.

Beweis

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Im ersten Teil wird die Eigenschaft 'die Funktion f ist konstant' lokal geprüft, während im zweiten Teil die globale Aussage gezeigt wird.

1. Sei xΩ ein beliebiger Punkt, so gibt es eine Kugel Kε(x)Ω mit einem hinreichend kleinen ε>0. Zu yKε(x) gibt es nach dem Mittelwertsatz – in mehreren Veränderlichen – einen Punkt zσ(x,y) mit der Eigenschaft

f(y)f(x)=f(z)(yx)=0,

weil f nach Voraussetzung verschwindet. Somit folgt

f(x)=f(y) für alle yKε(x)

und f ist lokal konstant.

2. Wie im Teil 3.) des Beweises von Satz 5 aus Kapitel II §5 zeigt man über die Gebietseigenschaft, dass f global konstant ist.

q.e.d.

Satz 8 (Additionstheorem für die Arcusfunktionen)

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Für alle x,y mit xy1 und |arctanx+arctany|<π2 gilt
(15) arctanx+y1xy=arctanx+arctany.
Für alle x,y mit |x|1 und y1 sowie |arcsinx+arcsiny|1 gilt
(16) arcsin(x1y2+y1x2)=arcsinx+arcsiny.

Beweis

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Zum Beweis von (15) betrachte man die Funktion

f(x,y)=arctan(x+y1xy)arctanxarctany

für alle x,y mit xy1 und |arctanx+arctany|<π2. Man berechnet dann

fx(x,y)=0=fy(x,y)

und somit ist f konstant. Da f(0,0)=0 richtig ist, folgt f(x,y)0 und somit die Identität (15). Ebenso beweist man (16).

q.e.d.

Wir bezeichnen mit die Transposition von Matrizen.

Satz 9

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Auf der offenen Menge Ωn sei die Funktion
f=(f1,,fm):ΩmC1(Ω,m)
gegeben. Dann gilt in jedem Punkt xΩ die linear approximative Darstellung
(17) f(x+h)=f(x)+f(x)h+F(x,h)h,h=(h1,,hn)n{0} mit 0<|h|<ε
für ein hinreichend kleines ε>0. Hierbei liefert hf(x)h eine lineare Abbildung vom n in den m mit der Funktionalmatrix f(x). Ferner haben wir für die m×n-Matrix F(x,h)m×n die asymptotische Beziehung
limh0,hn{0}F(x,h)=0,
wobei wir ihre Konvergenz natürlich im mn verstehen.

Beweis

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Für j=1,,m wenden wir auf jede Komponentenfunktion fj den Mittelwertsatz an. Dann gibt es eine Zwischenstelle z(j)σ(x,x+h) mit der Eigenschaft

fj(x+h)fj(x)=fj(x1+h1,,xn+hn)fj(x1,,xn)
=fj(z(j))h=fj(x)h+(fj(z(j))fj(x))h.

Mit der m×n-Matrix-wertigen Funktion

(18) F(x,h):=(f1(z(1))f1(x)fm(z(m))fm(x))

erhalten wir die angegebene Darstellung.

q.e.d.