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Kurs:Aufbau des Zahlensystems/Vorlesung 11

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In dieser Vorlesung besprechen wir Restklassenbildung. Dies ist ein wichtiger Spezialfall der Bildung einer Quotientenmenge zu einer Äquivalenzrelation. Ein zusätzlicher Aspekt ist, dass man auf diesen Quotientenmengen Verknüpfungen hat, die sich von der Startmenge her vererben. Unmittelbare Anwendungen sind ein besseres Verständnis der Division mit Rest der ganzen Zahlen, insbesondere der algebraischen Struktur der Reste, und später die Konstruktion der reellen Zahlen aus dem Ring der rationalen Cauchy-Folgen.

Um die folgenden Aussagen prägnanter formulieren zu können, brauchen wir eigene Begriffe für strukturerhaltende Abbildungen, das sind Abbildungen, die mit den gegebenen Verknüpfungen verträglich sind.


Es seien (G,,eG) und (H,,eH) Gruppen. Eine Abbildung

ψ:GH

heißt Gruppenhomomorphismus, wenn die Gleichheit

ψ(gg)=ψ(g)ψ(g)

für alle  g,gG  gilt.

Beispielsweise ist eine lineare Abbildung insbesondere ein Gruppenhomomorphismus.


Es seien R und S Ringe. Eine Abbildung

φ:RS

heißt Ringhomomorphismus, wenn folgende Eigenschaften gelten:

  1.  φ(a+b)=φ(a)+φ(b)
  2.  φ(1)=1
  3.  φ(ab)=φ(a)φ(b)



Restklassengruppen

Bei der folgenden Konstruktion denke man an die Gruppe zusammen mit der Untergruppe n aller Vielfachen zu einer fixierten Zahl n, also an die Situation  n,  oder an die Situation eines Untervektorraumes  UKn,  siehe Aufgabe *****.


Es sei (G,0,+) eine kommutative Gruppe und  HG  eine fixierte Untergruppe. Für Elemente  x,yG  setzen wir  xHy  (und sagen, dass x und y äquivalent bezüglich H sind), wenn  xyH

In dem eingangs erwähnten Beispiel sind zwei ganze Zahlen äquivalent, wenn ihre Differenz ein Vielfaches von n ist. Diese Äquivalenzrelation wurde schon in Beispiel 8.5 betrachtet. Wir sichern zuerst, dass wirklich in voller Allgemeinheit eine Äquivalenzrelation vorliegt.



Lemma  

Es sei (G,0,+) eine kommutative Gruppe,  HG  eine Untergruppe und H die durch H auf G definierte Relation.

Dann liegt eine Äquivalenzrelation vor, und die Äquivalenzklasse zu 0 ist gerade H.

Beweis  

Wegen

xx=0H

ist die Relation reflexiv. Mit  xyH  ist auch  yxH,  da Untergruppen unter dem Negativen abgeschlossen sind, was die Symmetrie der Relation bedeutet. Mit  xHy  und  yHz,  also  xy,yzH,  ist auch

xz=(xy)+(yz)H,

da Untergruppen unter der Addition abgeschlossen sind, und somit ist auch  xHz.  Damit ist die Relation auch transitiv. Die Äquivalenz von x mit 0 bedeutet  x0=xH,  sodass die letzte Aussage auch klar ist.


Die Äquivalenzklassen heißen in dieser Situation auch die Nebenklassen der Relation. Sie haben die Gestalt

[x]=x+H={x+hhH},

sie bestehen also aus allen Elementen, die man von x aus durch Addition mit einem Element aus H erreichen kann. Man kann sich dabei H als einen mehr oder weniger restriktiven Vorrat an Sprungmöglichkeiten oder Bewegungsmöglichkeiten vorstellen, und die Äquivalenz zwischen x und y bedeutet, dass man von x nach y mit einem erlaubten Sprung gelangen kann.



Satz  

Es sei (G,0,+) eine kommutative Gruppe,  HG  eine Untergruppe und G/H die Quotientenmenge zur durch H definierten Äquivalenzrelation auf G mit der kanonischen Projektion

q:GG/H,g[g].

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte Gruppenstruktur auf G/H derart, dass q ein Gruppenhomomorphismus ist.

Beweis  

Da die kanonische Projektion zu einem Gruppenhomomorphismus werden soll, muss die Verknüpfung durch

[x]+[y]=[x+y]

gegeben sein, was bereits die Eindeutigkeit sichert. Wir müssen also zeigen, dass durch diese Vorschrift eine wohldefinierte Verknüpfung auf G/H definiert ist, die unabhängig von der Wahl der Repräsentanten ist. D.h. wir haben für [x]=[x] und [y]=[y] zu zeigen, dass  [x+y]=[x+y]  ist. Nach Voraussetzung können wir x=x+h und y=y+h mit  h,hH  schreiben. Damit ist

x+y=(x+h)+(y+h)=x+y+(h+h)

und somit ist  [x+y]=[x+y].  Aus der Wohldefiniertheit der Verknüpfung auf G/H und der Surjektivität der kanonischen Projektion folgen die Gruppeneigenschaften und die Homomorphieeigenschaft der Projektion.



Es sei (G,0,+) eine kommutative Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Die Quotientenmenge

G/H

mit der aufgrund von Satz 11.5 eindeutig bestimmten Gruppenstruktur heißt Restklassengruppe von G modulo H. Die Elemente  [g]G/H  heißen Restklassen. Für eine Restklasse [g] heißt jedes Element gG mit [g]=[g] ein Repräsentant von [g].


Die Untergruppen der ganzen Zahlen sind nach Satz . von der Form n mit n0. Die Restklassengruppen werden mit

/(n)

bezeichnet (sprich „ modulo n“). Bei  n=0  ist das einfach selbst, bei  n=1  ist das die triviale Gruppe. Im Allgemeinen ist die durch die Untergruppe n definierte Äquivalenzrelation auf dadurch gegeben, dass zwei ganze Zahlen a und b genau dann äquivalent sind, wenn ihre Differenz ab zu n gehört, also ein Vielfaches von n ist. Daher ist (bei n1) jede ganze Zahl zu genau einer der n Zahlen

0,1,2,,n1

äquivalent (oder, wie man auch sagt, kongruent modulo n ), nämlich zum Rest, der sich bei Division durch n ergibt. Diese Reste bilden also ein Repräsentantensystem für die Restklassengruppe, und diese besitzt n Elemente. Diese werden im Allgemeinen mit 0,1,2,,n1 bezeichnet. Dabei ist 0 das neutrale Element, das negative Element zu k ist nk und die Summe i+k ist i+k bzw. i+kn, falls  i+kn  ist. Die Tatsache, dass die Restklassenabbildung

/(n),a[a]=amodn,

ein Homomorphismus ist, kann man auch so ausdrücken, dass der Rest einer Summe von zwei ganzen Zahlen nur von den beiden Resten, nicht aber von den Zahlen selbst, abhängt.




Restklassenringe

Eine Teilmenge 𝔞 eines kommutativen Ringes R heißt Ideal, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  1.  0𝔞
  2. Für alle  a,b𝔞  ist auch  a+b𝔞
  3. Für alle  a𝔞  und  rR  ist auch  ra𝔞

Ein Ideal ist insbesondere eine Untergruppe der kommutativen Gruppe (R,+,0). Bei  R=  ist jede Untergruppe bereits ein Ideal. Die Restklassengruppe R/𝔞 ist in kanonischer Weise nach Satz 11.5 eine kommutative Gruppe und die kanonische Abbildung

RR/𝔞

ist mit der Addition verträglich. Wir werden sehen, dass man in R/𝔞 zusätzlich eine Multiplikation und ein Einselement definieren kann derart, dass R/𝔞 zu einem kommutativen Ring wird und dass die kanonische Abbildung auch die Multiplikation respektiert, also ein Ringhomomorphismus ist.

Die Nebenklassen a+𝔞 sind gerade die Nebenklassen zur Untergruppe  𝔞R.  Zwei Elemente  a,bR  definieren genau dann die gleiche Nebenklasse, also  a+𝔞=b+𝔞,  wenn ihre Differenz ab zum Ideal gehört.


Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring,  𝔞R  ein Ideal und R/𝔞 die Quotientenmenge zur durch 𝔞 definierten Äquivalenzrelation auf R mit der kanonischen Projektion

q:RR/𝔞,g[g].

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte Ringstruktur auf R/𝔞 derart, dass q ein Ringhomomorphismus ist.

Beweis  

Nach Satz 11.5 gibt es nur eine Gruppenstruktur auf R/𝔞 derart, dass die kanonische Abbildung ein Gruppenhomomorphismus ist. Da ein Ringhomomorphismus insbesondere ein Gruppenhomomorphismus bezüglich der Addition ist, ist dies die einzige additive Struktur, die in Frage kommt.

Da die kanonische Abbildung die Multiplikation respektieren soll, kommt nur 1 als neutrales Element der Multiplikation und

ab=ab

als Multiplikation in Frage. Wir müssen zeigen, dass diese Multiplikation wohldefiniert ist. Es seien zwei Restklassen mit unterschiedlichen Repräsentanten gegeben, also a=a und b=b. Dann ist aa𝔞 und bb𝔞 bzw. a=a+x und b=b+y mit  x,y𝔞.  Daraus ergibt sich

ab=(a+x)(b+y)=ab+ay+xb+xy.

Die drei hinteren Summanden gehören zum Ideal, sodass die Differenz  abab𝔞  ist.

Aus der Wohldefiniertheit folgen die anderen Eigenschaften und insbesondere, dass ein Ringhomomorphismus in den Restklassenring vorliegt.


Die kanonische Projektion nennt man wieder die Restklassenabbildung oder den Restklassenhomomorphismus. Das Bild von  aR  in R/𝔞 wird mit [a], häufig aber auch mit a oder einfach mit a selbst bezeichnet und heißt die Restklasse von a. Bei dieser Abbildung gehen genau die Elemente aus dem Ideal auf 0, d.h. der Kern dieser Restklassenabbildung ist das vorgegebene Ideal.



Die Restklassenringe von

Wir werden später die reellen Zahlen als den Restklassenring zum Ring aller rationalen Cauchy-Folgen modulo dem Ideal, das aus allen Nullfolgen besteht, erhalten. Zunächst sind die Restklassenringe zum Ring und zu den Idealen n die wichtigsten Beispiele. Die praktische Bedeutung von Lemma 11.9 liegt darin, dass man mit Resten nahezu gedankenlos rechnen darf, wenn man sich für das Restergebnis interessiert. Es ist egal, wann und wie oft man Zahlen durch ihre Reste oder durch andere Zahlen mit dem gleichen Rest ersetzt. In Aufgabe ***** und Aufgabe ***** hatten wir dies teilweise schon direkt nachgewiesen.

Durch die Konstruktion erhalten wir für jede natürliche Zahl  n+  einen kommutativen Ring mit n Elementen. Der folgende Satz charakterisiert, wann es sich um einen Körper handelt.


Satz  

Es sei  n.  Der Restklassenring /(n) ist genau dann ein Körper,

wenn n eine Primzahl ist.

Beweis  

Bei  n=0  ist der Restklassenring gleich selbst und kein Körper. Bei  n=1  besteht der Restklassenring aus nur einem Element und es ist  0=1.  Dies ist bei einem Körper explizit ausgeschlossen, und 1 ist keine Primzahl. Es sei also von nun an  n2.  Wenn n keine Primzahl ist, so gibt es eine Darstellung

n=rs

mit kleineren Zahlen

1<r,s<n.

Im Restklassenring /(n) bedeutet dies, dass die Restklassen r und s nicht 0 sind, dass aber ihr Produkt

rs=rs=n=0

ist. Das kann nach Lemma 7.17 in einem Körper nicht sein.

Sei nun n eine Primzahl. Wir müssen zeigen, dass jede von 0 verschiedene Restklasse r, 0<r<n, ein inverses Element besitzt. Da n prim ist, sind r und n teilerfremd. Nach dem Lemma von Bézout gibt es ganze Zahlen a,b mit

ar+bn=1.

Dies führt im Restklassenring zur Identität

1=ar+bn=ar+bn=ar,

die besagt, dass r und a invers zueinander sind.


Der Beweis zeigt auch, wie man zu einem Element r zwischen 1 und der Primzahl p das Inverse in /(p) findet. Man muss mit Hilfe des euklidischen Algorithmus in eine Darstellung der 1 finden. Aus

ar+bp=1

lässt sich dann ablesen, dass die Restklasse von a das inverse Element zu r ist.


Der Restklassenkörper  /(7)={0,1,2,3,4,5,6}  hat die folgenden Verknüpfungstabellen:

+ 0 1 2 3 4 5 6
0 0 1 2 3 4 5 6
1 1 2 3 4 5 6 0
2 2 3 4 5 6 0 1
3 3 4 5 6 0 1 2
4 4 5 6 0 1 2 3
5 5 6 0 1 2 3 4
6 6 0 1 2 3 4 5


0 1 2 3 4 5 6
0 0 0 0 0 0 0 0
1 0 1 2 3 4 5 6
2 0 2 4 6 1 3 5
3 0 3 6 2 5 1 4
4 0 4 1 5 2 6 3
5 0 5 3 1 6 4 2
6 0 6 5 4 3 2 1



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