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Kurs:Aufbau des Zahlensystems/Vorlesung 7

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Kommutative Ringe

Wir erfassen die in der letzten Vorlesung etablierten algebraischen Eigenschaften der ganzen Zahlen mit einem neuen Begriff.


Eine Menge heißt ein Ring, wenn es zwei Verknüpfungen (genannt Addition und Multiplikation)

und (nicht notwendigerweise verschiedene) Elemente gibt, die die folgenden Eigenschaften erfüllen.

  1. Axiome der Addition
    1. Assoziativgesetz: Für alle gilt .
    2. Kommutativgesetz: Für alle gilt .
    3. ist das neutrale Element der Addition, d.h. für alle ist .
    4. Existenz des Negativen: Zu jedem gibt es ein Element mit .
  2. Axiome der Multiplikation
    1. Assoziativgesetz: Für alle gilt .
    2. ist das neutrale Element der Multiplikation, d.h. für alle ist .
  3. Distributivgesetz: Für alle gilt und .

Ein Ring heißt kommutativ, wenn die Multiplikation kommutativ ist.

Ein kommutativer Ring ist insbesondere ein kommutativer Halbring, alle für Halbringe geltenden Eigenschaften wie beispielsweise die allgemeine binomische Formel gelten insbesondere auch für kommutative Ringe. Der wesentliche Unterschied liegt in der zusätzlichen Bedingung (1.4), der Existenz des Negativen. Dieses Negative ist eindeutig bestimmt: Wenn nämlich sowohl als auch die Eigenschaft haben, dass ihre Addition zu den Wert ergibt, so erhält man direkt

Für das zu jedem eindeutig bestimmte Negative schreiben wir . Wegen

ist auch das Negative zu , also . Bei stimmt diese Definition mit der in der letzten Vorlesung gemachten Definition 6.6 überein, wie der Beweis der Existenz des Negativen in Lemma 6.10 zeigt.

Mit diesem neuen Begriff können wir festhalten.


Die ganzen Zahlen

bilden einen kommutativen Ring.

Dies folgt unmittelbar aus Lemma 6.10 und Lemma 6.13.


In einem kommutativen Ring und Elemente verwendet man

als abkürzende Schreibweise. Man spricht von der Subtraktion bzw. der Differenz. Die Subtraktion ist also die Addition von mit dem Negativen (also ) von . Bei natürlichen Zahlen mit stimmt die innerhalb der natürlichen Zahlen genommenen Differenz (siehe die zehnte Vorlesung) mit der hier in über das Negative genommenen Differenz überein. Dies beruht darauf, dass es sich jeweils um eine Lösung der Gleichung

handelt und diese Gleichung eine eindeutige Lösung besitzt.



Es sei ein kommutativer Ring und seien Elemente aus .

Dann gelten folgende Aussagen.

  1. (Annullationsregel),

  2. (Vorzeichenregel),

  1. Es ist . Durch beidseitiges Abziehen (also Addition mit ) von ergibt sich die Behauptung.
  2. nach Teil (1). Daher ist das (eindeutig bestimmte) Negative von .

  3. Nach (2) ist und wegen folgt die Behauptung.
  4. Dies folgt auch aus dem bisher Bewiesenen.


Wie in jedem kommutativen Halbring kann man in jedem kommutativen Ring Ausdrücke der Form mit und sinnvoll interpretieren, und zwar ist die -fache Summe von mit sich selbst. Auch die Potenzschreibweise wird wieder verwendet und es gelten insbesondere die in Lemma 5.8 formulierten Potenzgesetze. Darüber hinaus kann man auch für negative Zahlen den Ausdruck interpretieren, nämlich als

Insbesondere ist

in jedem kommutativen Ring sinnvoll interpretierbar. Dabei gelten naheliegende Rechengesetze, siehe Aufgabe 7.10.



Gruppen

Wir schauen uns kurz die Addition in einem kommutativen Ring genauer an. Hier begegnen wir einer Struktur, die später bei Körpern wieder auftaucht. Mit dieser Struktur kann man viele strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen der Addition (in ) und der Multiplikation (beispielsweise in oder in ) erfassen.


Eine Menge mit einem ausgezeichneten Element und mit einer Verknüpfung

heißt Gruppe, wenn folgende Eigenschaften erfüllt sind.

  1. Die Verknüpfung ist assoziativ, d.h. für alle gilt
  2. Das Element ist ein neutrales Element, d.h. für alle gilt
  3. Zu jedem gibt es ein inverses Element, d.h. es gibt ein mit

Eine Gruppe heißt kommutativ (oder abelsch), wenn die Verknüpfung kommutativ ist, wenn also für alle gilt.



Es sei eine Gruppe.

Dann ist zu jedem das Element mit

eindeutig bestimmt.

Es sei

und

Dann ist


Ein kommutativer Ring ist bezüglich der Addition insbesondere eine kommutative Gruppe. Insbesondere bilden die ganzen Zahlen eine kommutative Gruppe, das inverse Element zu ist das negative Element . Allgemein gilt in Gruppen die eindeutige Lösbarkeit von mit der Verknüpfung formulierten Gleichungen.



Es sei eine Gruppe.

Dann besitzen zu je zwei Gruppenelementen die beiden Gleichungen

eindeutige Lösungen .

Wir betrachten die linke Gleichung. Aus beidseitiger Multiplikation mit (bzw. mit ) von links folgt, dass nur

als Lösung in Frage kommt. Wenn man dies einsetzt, so sieht man, dass es sich in der Tat um eine Lösung handelt.



Die Ordnung auf den ganzen Zahlen

Wir erweitern die Größergleichrelation auf den natürlichen Zahlen zu einer Ordnung auf den ganzen Zahlen.


Auf den ganzen Zahlen definieren wir folgendermaßen die Größergleichrelation . Wir sagen

wenn es eine natürliche Zahl mit

gibt.

Damit gilt bei der Interpretation an der Zahlengeraden wieder, dass

bedeutet, dass rechts von liegt.

  1. Wenn ist, so ist

    einfach die Ordnung auf , wie unmittelbar aus Lemma 4.5 folgt.

  2. Wenn ist und negativ, so ist

    da ja dann

    mit ist, da ja sowohl als auch natürliche Zahlen sind.

  3. Wenn und beide negativ sind, so ist

    genau dann, wenn (innerhalb der natürlichen Zahlen)

    gilt. Die Beziehung mit einer natürlichen Zahl ist ja zu äquivalent, was man als schreiben kann.




Die Größergleichrelation auf den ganzen Zahlen erfüllt die folgenden Eigenschaften.

  1. Es liegt eine totale Ordnung vor.
  2. Aus folgt für beliebige ,
  3. Aus und folgt für beliebige .
  1. Siehe Aufgabe 7.17.
  2. Die Beziehung bedeutet, dass es eine natürliche Zahl mit gibt. Durch beidseitige Addition von ergibt sich , was bedeutet.
  3. Die Voraussetzung bedeutet, dass sind. Somit ist auch , also .


Damit bilden die ganzen Zahlen einen angeordneten Ring im Sinne der folgenden Definition.


Ein kommutativer Ring heißt angeordnet, wenn es eine totale Ordnung auf gibt, die die beiden Eigenschaften

  1. Aus folgt für beliebige ,
  2. Aus und folgt für beliebige ,

erfüllt.

Die erste Eigenschaft nennt man Verträglichkeit mit der Addition, die zweite Verträglichkeit mit der Multiplikation. Neben den ganzen Zahlen werden wir später zwei weitere angeordnete Ringe kennenlernen, nämlich den Körper der rationalen Zahlen und den Körper der reellen Zahlen. Für all diese Ringe bzw. Körper gelten die folgenden Eigenschaften. Man überlege sich für den Fall der ganzen Zahlen, ob und inwiefern sich die Beweise der folgenden Aussagen vereinfachen.


In einem angeordneten Ring gelten die folgenden Eigenschaften.

  1. .
  2. Es ist genau dann, wenn ist.
  3. Es ist genau dann, wenn ist.
  4. Es ist genau dann, wenn ist.
  5. Aus und folgt .
  6. Aus und folgt .
  7. Aus und folgt .
  8. Aus und folgt .
  9. Aus und folgt .
  10. Aus und folgt .
  1. Nehmen wir an, dass nicht gilt. Da eine totale Ordnung vorliegt, muss

    gelten, Dies müssen wir zum Widerspruch führen. Nehmen wir an. Aufgrund der Verträglichkeit mit der Addition kann man beidseitig addieren und erhält

    Aufgrund der Verträglichkeit mit der Multiplikation mit positiven Elementen kann man diese Abschätzung quadrieren und erhält

    also ist zugleich , ein Widerspruch.

  2. Folgt unmittelbar aus der Verträglichkeit mit der Addition.
  3. Folgt unmittelbar aus der Verträglichkeit mit der Addition.
  4. Folgt unmittelbar aus der Verträglichkeit mit der Addition.
  5. Zweimalige Anwendung der Verträglichkeit mit der Addition liefert
  6. Aus ergibt sich nach (3). Aus der Verträglichkeit mit der Multiplikation ergibt sich

    Addition mit ergibt .

  7. Siehe Aufgabe 7.19.
  8. Zweimalige Anwendung von (6) liefert
  9. Nach (2) ist , also

    was wiederum bedeutet.

  10. Folgt aus (2) und aus .


Die Eigenschaft (2) kann man so verstehen, dass das Negative eines positiven Elementes negativ ist. Allerdings tritt dabei negativ in zwei verschiedenen Bedeutungen auf!



Körper

Ein kommutativer Ring heißt Körper, wenn ist und wenn jedes von verschiedene Element ein multiplikatives Inverses besitzt.

Ein Körper ist also insbesondere ein kommutativer Ring. Jede Eigenschaft, die in einem kommutativen Ring gilt, gilt auch in einem Körper (aber nicht umgekehrt).

Die beiden wichtigsten Körper sind für uns der Körper der rationalen Zahlen und der Körper der reellen Zahlen, der Körper mit zwei Elementen wurde in Beispiel 5.4 besprochen. Zu einem Element bezeichnet man, wie in jedem kommutativen Ring, dasjenige Element, das mit addiert die ergibt, als das Negative von , geschrieben . Zu einem Element , , bezeichnet man dasjenige Element, das mit multipliziert die ergibt, als das Inverse von (oder den Kehrwert von oder die zu reziproke Zahl ), geschrieben . Auch dieses ist eindeutig bestimmt.

In einem Körper wird für beliebige Elemente  mit , die Bruchschreibweise

verwendet. Es handelt sich also um eine Abkürzung für das Produkt von mit dem inversen Element von . Die Zahl ist das eindeutig bestimmte Element, das mit multipliziert das Element ergibt. Diese Schreibweise passt mit der Bruchschreibweise für rationale Zahlen zusammen, da ja

ist.

Die Berechnung von

nennt man Division, wobei der Dividend und der Divisor der Division heißt, das Ergebnis heißt Quotient.


In einem Körper ist wie in jedem kommutativen Ring die additive Struktur eine kommutative Gruppe. Insbesondere besitzt in jedem Körper eine Gleichung der Form

mit eine eindeutige Lösung, nämlich

wie sich direkt aus Lemma 7.8 ergibt. Darüber hinaus ist zu jedem Körper die multiplikative Struktur, wenn man die herausnimmt, also eine kommutative Gruppe. Dies bedeutet wiederum, dass eine Gleichung der Form

mit eine eindeutige Lösung in besitzt, nämlich


Die folgende Eigenschaft heißt die Nichtnullteilereigenschaft eines Körpers. Sie gilt auch für , im Allgemeinen aber nicht für jeden kommutativen Ring, siehe Aufgabe 7.5.



Es sei ein Körper. Aus

folgt oder .

Beweis

Siehe Aufgabe 7.36.


In einem Körper kann man die Potenzschreibweise erweitern. Zu , , und einer natürlichen Zahl versteht man, wie in jedem kommutativen Ring, unter das -fache Produkt von mit sich selbst ( Faktoren). Für negatives schreibt man mit und setzt

Für diese Potenzen gelten die folgenden Potenzgesetze , die die Potenzgesetze für positive Exponenten (siehe Lemma 5.8), die in jedem kommutativen Halbring gelten, wesentlich erweitern.


Es sei ein Körper und seien Elemente aus . Dann gelten die folgenden Potenzgesetze für .

  1. Es ist
  2. Es ist das inverse Element zu .

(1) folgt aus Aufgabe 7.13, da eine Gruppe ist. (2). Bei ist die linke Gleichheit eine Definition und die Behauptung folgt aus

Daraus folgt auch die Aussage für negatives . Für (3), (4), (5) siehe Aufgabe 7.37.


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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)