Beautyretusche

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Sommersemester 2010

Februar/März
Kurs Bildbearbeitung mit Photoshop

Ausgangsbild: zu rote Haut, störender Hintergrund, Grauschleier
nachbearbeitet: Haut geglättet, Make-Up aufgetragen, geschminkt, Gesichts- und Lippenform leicht geändert

Beautyretusche ist die extreme Stilisierung von fotografischen Portraits. Diese Portraits dienen weder der künstlerischen noch der authentischen Darstellung – sie sollen ausschließlich die gewünschten Schlüsselreize (sexy, Jugendlichkeit, Kindchenschema,…) signalisieren. Wesentliche individuelle Merkmale (Hautton, biometrische Maße, Ausdruck,…) werden dabei verändert.

Dazu werden verschiedene Techniken, in der Hauptsache digitale Retuschetechniken, verwendet. In den modernen Massenmedien findet sich so gut wie kein veröffentlichtes Portraitfoto ohne Beautyretusche. Der Grad der Bearbeitung ist sehr unterschiedlich. Einerseits wird in der seriösen Presse nur sehr behutsam, kaum sichtbar retuschiert, andere Medien manipulieren brutal bis zur Unkenntlichkeit. Da wir derart retuschierte Bilder mittlerweile gewohnt sind, fällt dies in der Praxis nicht immer auf.

Geschichte[Bearbeiten]

Menschendarstellungen in der Kunst waren immer idealisiert und wurden einem dem Zeitempfinden entsprechenden Idealbild angenähert. So wurden Frauen in der Zeit von Peter Paul Rubens mit üppigen Formen und mollig als schön angesehen. Heute sieht das Idealbild anders aus, Frauen sollen möglichst schlank sein. Gemälde und heute Fotografien wurden schon immer dahingehend manipuliert, daß das Endergebnis dem Schönheitsideal möglichst nahekommt.

Differenzierung[Bearbeiten]

Bei normaler Portrait-Retusche geht es um die Verbesserung eines Fotos (Augenringe retuschieren, Hautunreinheiten beseitigen).

Bei der Beautyretusche dagegen dient das Foto nur als Rohmaterial. Dieses Rohmaterial wird solange manipuliert, bis es einem (makellosen) Wunschbild entspricht. Dieses Wunschbild drückt in der Regel auffällige Schlüsselreize aus bzw. dient kommerziellen Vermarktungsstrategien (siehe auch Anwendungen).

Im englischen Sprachraum wird der Begriff Virtual Makeover verwendet – wobei das Wort Makeover auch im Zusammenhang mit Chirurgie, Autotuning und Kosmetik verwendet wird.

Beispiele[Bearbeiten]

sanfte Retusche

Im ersten Beispiel fallen die Retuschen erst beim näheren Betrachten auf. So wurde eine Narbe auf der rechten Wange stark abgeschwächt, im Spiegelbild ist sie jedoch noch vorhanden. Das linke Auge hat eine leicht geänderte Form. Im Spiegelbild wurden Haare etc., die auf der gleichen Schärfeebene wie das Gesicht liegen, leicht unscharf gemacht. Im Original ist dies nicht der Fall. Dies soll das Auge auf das Gesicht lenken. Die scheinbare Verschmalerung des Halses ist jedoch eine optische Täuschung. Insgesamt ist dies jedoch eine sehr gekonnte Retusche, man kann hier nicht von einer Täuschung des Betrachters sprechen. Die Struktur der Haut wurde weitgehend erhalten, hier wird meistens korrigiert.

Original
übertriebene Aufhübschung

Beim zweiten Bild wurde eindeutig zu viel Retusche angewandt. Die haut (im Original mit Sommersprossen) wurde total weichgelutscht, Schminke wie Lippenstift und Rouge ist übertrieben. Die Augen wurden stark aufgehellt und umgefärbt. Bei diesem Beispiel sieht man die Manipulationen sofort. Das gesamte Bild wurde gefärbt, das Rot der Haut wurde unterdrückt. Die Retusche der Umgebung ist unsauber (unten rechts), aber im vertretbaren Bereich.

Ziele[Bearbeiten]

Die wesentlichen Merkmale für das Ziel von Beautyretusche sind:


Technisch ausgedrückt will Beautyretusche die Oberflächenstruktur und die biometrischen Maße von Portraits ändern.

Durchführung[Bearbeiten]

Die hier beschriebene Vorgehensweise wurde mit PortraitProfessional 8 sowie Photoshop CS4 durchgeführt. Die Funktionen von PortraitProfessional können auch mit Photoshop nachempfunden werden, dies ist allerdings erheblich aufwendiger.

PortaitProfessional[Bearbeiten]

Das Programm ist auf http://www.portraitprofessional.com/de erhältlich, es ist absolut Laientauglich und selbsterklärend, kostet ca. 50 Euro. Die erweiterte Programmversion kann auch RAW bearbeiten, ist eher für den professionellen Einsatz geeignet und gedacht. Die Optionen des Programmes sind sehr sparsam und vorsichtig anzuwenden, in der Standardeinstellung wird recht rabiat vorgegangen, die Ergebnisse ähneln sehr schnell an "Photoshop Desasters". Mit vorsichtigen Einstellungen kann man jedoch sehr bequem und schnell brauchbare Ergebnisse erreichen, die im Photoshop viel länger gebraucht hätten.

Haut[Bearbeiten]

Unreinheiten wie Pickel werden vollständig entfernt, die gesamte Hautstruktur wird weichgezeichnet. Falten werden entweder verkürzt oder geschwächt, selten jedoch vollständig entfernt. Die bei allen Menschen anzutreffenden Ringe unter den Augen werden in der Beautyretusche ganz oder teilweise entfernt. Haut wird oft als zu rot wahrgenommen, deshalb wird entweder elektronisch Make-Up aufgetragen oder nachträglich das gesamte Bild gelblich-braun nachgefärbt.

Augen[Bearbeiten]

Der Augenbereich wird geschärft, die Iris meist etwas aufgehellt, um einen stechenden Blick zu erzeugen. Wimpern werden leicht verlängert und kräftiger nachgemalt. Meist fehlen einzelne Wimpern, diese werden künstlich erzeugt. Das Augenweiß wird aufgehellt und die Pupille erhält Glanzpunkte.

  • Lidschatten wird mit sehr grellen Farben auf einer extra Ebene und weichem, großem Pinsel gemalt. Durch den Ebenenmodus „ineinanderkopieren“ und eine sehr geringe Deckkraft von 5 - 12% erreicht man eine natürliche Wirkung.
  • Kayal wird mit einer sehr dunklen Farbe aufgetragen, hier bringen „ineinanderkopieren“ oder „weiches Licht“ mit einer Deckkraft von 25 - 40% die besten Ergebnisse.
  • Wimpern werden mit sehr kleinem weichen Pinsel (2-3px) nachgerzeichnet, fehlende Wimpern werden ergänzt. Meist arbeitet man hierbei mit einem neutralen Schwarz
  • Über der Iris wird ein radialer schwarzweiß-Verlauf (von innen nach außen) auf einer extra Ebene angelegt, Ebenenmodus ist hier „negativ multiplizieren“. Dadurch erstrahlen die Augen mehr. Ebenen-Deckkraft ca. 8%.
  • Die Augenfarbe (hier blau) wird mit einer hellen, grellen Farbe übermalt, Ebenenmodus hier „weiches Licht“, Ebenen-Deckkraft ca. 8%.

Lippen[Bearbeiten]

Wie schon der analoge Film so können auch Digitalkameras Rottöne der Haut nur unzufriedenstellend wiedergeben. Rote Lippen werden im Fernsehen bewußt überschminkt, beim Foto geschieht dies meist in Nacharbeit. Man hat in der Beautyretusche außerdem die Möglichkeit, die Lippenform symmetrischer zu gestalten, als dies bei den meisten Menschen der Fall ist.

Die menschlichen Lippen sind immer von deutlichen Falten durchzogen, was uns beim Anblick nicht stört, da wir es von allen Menschen gewohnt sind. Lippen können deshalb ohne Retusche geschärft werden, ohne daß dies negativ auffällt. Wenn sie neben den Augen die einzig wirklich scharfen Bereiche eines Porträts sind, erweckt das den Eindruck, daß das ganze Bild scharf wäre. Ist noch die Kante Gesicht-Hintergrund erkennbar scharf, ist technisch gesehen das Optimum erreicht und das gesamte Porträt kann recht deutlich weichgezeichnet werden.

Zähne[Bearbeiten]

Zähne werden im Foto immer zu dunkel dargestellt, da sie sich in der Mundöffnung befinden und somit weniger ausgeleuchtet werden als der Mund. Deshalb werden Zähne immer leicht gebleicht, um dem Empfinden des natürlichen Anblicks zu entsprechen. Das menschliche Auge denkt sich beim natürlichen Sehen die Zähne heller, als dies im Foto normalerweise dargestellt wird. Die Aufhellung der Zähne ist also strenggenommen keine Bildfälschung sondern eine Anpassung an unsere Sehgewohnheiten. Hierbei sollte der natürliche Ton nicht stark verändert werden, dies wirkt unnätürlich. Besser als eine Tonwertkorrektur ist eine reine Helligkeitsveränderiung. Nur bei echten starken Zahnverfärbungen sollte der elektronische Zahnarzt eingesetzt werden (zumindest wenn das Ergebnis "perfekt" sein soll, für ein realistisches Porträt müssen Verfärbungen erhalten bleiben.

Körper[Bearbeiten]

Anwendungen[Bearbeiten]

Mode, Werbung und Regenbogenpresse sind die häufigsten Anwendungsfelder für Beautyretusche. Es findet sich so gut wie kein veröffentlichtes Portraitfoto ohne Beautyretusche. Einzelne Portraitfotografen bieten diese Manipulationsmethode ebenfalls an. Die Beautyretusche dient bei allen Anwendungsfeldern nur der Verkaufsoptimierung.

Äußere Merkmale, die im statistischen Durchschnittsgeschmack (Mainstream) als attraktiv gelten (siehe auch Studie der Uni Regensburg[1]), dienen als Matrize für das Wunschbild. Diese Matrize wird mit den gewünschten Produkten und Leistungen (Zeitschriftenverkauf, Retortenbands, Autowerbung,…) verknüpft, um so für höhere Verkaufszahlen zu sorgen.

Beautyretusche ist dabei das Mittel zum Zweck: es passt die Portraits der Matrize an.

Automatisierung[Bearbeiten]

Drei Gründe haben zu der Entwicklung automatisierter Beautyretusche geführt:

  • Die präzise Definition des statistischen Durchschnittsgeschmacks („westliches Schönheitsideal“).
  • Ein hoher Marktbedarf zur Befriedigung dieses Mainstream-Ideals.
  • Der hohe technische Standard in der Elektronischen Bildverarbeitung.

Siehe hierzu auch Weblinks.

Kritik[Bearbeiten]

Durch immer größer werdenden ökonomischen Druck[2] passt sich die „Vierte Gewalt“ in der westlichen Gesellschaft immer mehr den Leitbildern der kommerziellen Marktführer an. Da aber die „Vierte Gewalt“ den Mainstream beeinflusst, ist der Mainstream eine direkte Folge einer Kulturdominanz[3] und damit ein verzerrtes Leitbild. Die Macht dieses Leitbildes zeigt sich im gewandelten Schönheitsideal und verschiedenen Krankheitsfolgen.

Ein durch Beautyretusche manipuliertes Portrait ist ein reines Kunstprodukt ohne Realitätsbezug. Durch die Dominanz in den Massenmedien wird dieses Kunstprodukt zum (unrealisierbaren) Schönheitsideal.

weitere Beispiele[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Studie der Uni Regensburg
  2. Siegfried Weischenberg: „[…] die öffentliche Aufgabe, die Journalismus nach höchster Rechtsprechung wahrnehmen soll, ist inzwischen mit der Lupe [zu] suchen. Im gesamten Journalismus wird zunehmend mehr die Kritikerrolle zur Disposition gestellt. Die Krise des Journalismus … erweist sich vor allem als Krise seiner Kritikfunktion; sie wird obsolet, wenn die Distanz fehlt und die Relevanz sowieso. … Bezahlte Journalisten seien, um ihre immer knappere Arbeit zu behalten, wegen der Einschaltquoten und der Werbung-Abhängigkeit, tendenziell wie in der PR mehr am Mainstream orientiert.“
  3. Brigitte Rauschenbach: Kulturelle Hegemonie und Geschlecht als Herausforderung im europäischen Einigungsprozess – eine Einführung

Literatur[Bearbeiten]

  • Meike Jarsetz: Das Photoshop-Buch für digitale Fotografie, Galileo Press Edition Page, Bonn 2009, ISBN 978-3-8362-1244-1
  • Pina Lewandowsky & Katharina Sckommodau: Adobe Photoshop CS4 - Praxis für Profis: Effekte, Montagen, Bildkorrekturen, Addison-Wesley 2009, ISBN 978-3827327925
  • Bianca Schmidt: Beauty-Fotografie digital und analog: Profiworkshop, Verlag Photographie 2006, ISBN 978-3933131829
  • Barbara Davatz: Beauty lies within: Porträts aus einer globalisierten Mode-Welt, Limmat Verlag 2007, ISBN 978-3857915307
  • Christian Haasz & Stefan Weis: Beautyretusche mit Photoshop, Franzis 2010, ISBN 978-3645600385

Weblinks[Bearbeiten]