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Kurs:Diskrete Mathematik (Osnabrück 2026)/Vorlesung 17

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Eine lineare Rekursion definiert eine Folge an, die allein aufgrund der Tatsache, dass sie durch endlich viele Anfangsdaten und die Rekursionsgleichung bestimmt ist, über eine große Gesetzmäßigkeit verfügen muss. Generell ist es ein wichtiges Hilfsmittel, eine Folge dadurch besser zu verstehen, dass man sie als Koeffizienten einer Potenzreihe auffasst, in der Hoffnung, dass sich die Gesetzmäßigkeiten dadurch zeigen, dass die Potenzreihe eine (bekannte) Funktion beschreibt, die mit analytischen Methoden untersucht werden kann.




Potenzreihen

Es sei K ein Körper und T eine Variable. Eine formale Potenzreihe in T über K ist ein Ausdruck der Form

F=nanTn,

mit  anK  für alle  n

Man addiert zwei Potenzreihen komponentenweise und multipliziert sie in der gleichen Weise wie Polynome. D.h. man setzt

FG=(i=0aiTi)(j=0bjTj)=k=0ckTk

mit  ck=i=0kaibki.  Die Multiplikation ist also durch das Cauchy-Produkt gegeben.


Es sei K ein Körper und T eine Variable. Dann nennt man die Menge aller formalen Potenzreihen über K in T den Potenzreihenring in einer Variablen (oder den Ring der formalen Potenzreihen in einer Variablen) über K. Er wird mit

K[[T]]

bezeichnet.



Der Ring der formalen Potenzreihen K[[T]] in einer Variablen über einem Körper K

ist ein kommutativer Ring.

Beweis

Siehe Aufgabe 17.5.


Der Polynomring K[T] ist im Potenzreihenring K[[T]] als Unterring

enthalten.


Satz  

Es sei K ein Körper und sei K[[T]] der Ring der formalen Potenzreihen in einer Variablen.

Dann ist eine formale Potenzreihe  F=n=0anTn  genau dann eine Einheit, wenn der konstante Term  a00  ist.

Beweis  

Die angegebene Bedingung ist notwendig, da die Abbildung

K[[T]]K,Fa0,

die eine Potenzreihe F auf ihren konstanten Term schickt, ein Ringhomomorphismus ist, siehe Aufgabe 17.6. Für die Umkehrung müssen wir eine Potenzreihe  G=j=0bjTj  mit

FG=(i=0aiTi)(j=0bjTj)=1

angeben. Für b0 ergibt sich daraus die Bedingung  a0b0=1,  die wegen  a00  eine eindeutige Lösung besitzt, nämlich  b0=a01.  Nehmen wir induktiv an, dass die Koeffizienten bj für  j<n  schon konstruiert seien, und zwar derart, dass sämtliche Koeffizienten ck, 1k<n, der Produktreihe FG gleich 0 sind. Für den n-ten Koeffizienten ergibt sich die Bedingung

0=cn=a0bn+a1bn1++an1b1+anb0.

Dabei sind bis auf bn alle Werte schon festgelegt, und wegen  a00  ergibt sich eine eindeutige Lösung für bn.



Korollar  

Es sei K ein Körper und sei K[[T]] der Ring der formalen Potenzreihen in einer Variablen. Es seien G,H Polynome über K und der konstante Term von H sei nicht 0.

Dann lässt sich der Quotient G/H als eine formale Potenzreihe darstellen.

Beweis  

Dies folgt unmittelbar aus Satz 17.4, angewendet auf H.



Wir betrachten 1T im Potenzreihenring K[[T]] über einem beliebigen Körper K. Nach Satz 17.4 besitzt 1T ein inverses Element, das man über den Ansatz

1=(1T)(b0+b1T+b2T2+b3T3+)

bestimmen kann. Induktiv ergibt sich, dass  bn=1  für alle  n  ist, das Inverse ist also die (formale) geometrische Reihe.




Erzeugende Funktionen

Zu einer Folge an von komplexen Zahlen nennt man die Potenzreihe

n=0anzn

bzw. die durch diese Reihe dargestellte Funktion die erzeugende Funktion zur Folge.

Wenn die Potenzreihe gar nicht konvergiert, so existiert die erzeugende Funktion nur in einem formalen Sinn, als formale Potenzreihe. Die Sprechweise könnte auf den ersten Blick verwirrend sein, da man in der Definition mit einer beliebigen Folge startet und dazu die Potenzreihe bzw. die dadurch dargestellte Funktion betrachtet, also eher eine „erzeugte Funktion“. Es ist aber oft umgekehrt, dass die Potenzreihe zuerst da ist und durch sie eine enge Beziehung zwischen den Folgengliedern, nämlich den Koeffizienten der Reihe, bestimmt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Potenzreihe eine rationale Funktion darstellt.


Zur konstanten Folge  an=1  gehört als erzeugende Funktion die geometrische Reihe n=0zn. Diese stellt nach Satz 9.13 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) auf der offenen Einheitskreisscheibe die rationale Funktion 11z dar.



Zur Folge der natürlichen Zahlen  an=n  gehört als erzeugende Funktion die Potenzreihe n=0nzn. Diese Reihe ist gleich z mal der Ableitung der geometrischen Reihe, also gleich

z(n=0zn)=z(11z).

Es ist ja  (n=0zn)=n=1nzn1  nach Satz 20.9 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)). Wegen

(11z)=1(1z)2

stellt die erzeugende Funktion zu den natürlichen Zahlen die rationale Funktion z(1z)2 dar.


Die Potenzreihe zu einer analytischen Funktion f, also einer Funktion, für die man a priori weiß, dass sie durch eine Potenzreihe beschrieben werden kann, lässt sich auf verschiedene Arten erhalten. Eine Möglichkeit ergibt sich über die Taylorreihe. Es werden also die Koeffizienten an in der Reihenentwicklung

f(x)=n=0anxn

über

an=f(n)(0)n!

bestimmt, wobei f(n)(0) die n-te Ableitung von f im Nullpunkt bezeichnet. Bei einer rationalen Funktion

f=gh

mit  h(0)0  muss man konsequent die Ableitungsregeln anwenden, und dabei möglichst eine Gesetzmäßigkeit erkennen, um nicht nur die Anfangswerte a0,a1,a2, sondern möglichst alle an angeben zu können.

Eine andere Möglichkeit ergibt sich durch algebraische Manipulationen. Hierzu muss man erkennen, wie die Funktion f aus Funktionen konstruiert ist, für die man die Potenzreihenentwicklung schon kennt, und wissen, wie sich die Potenzreihenentwicklungen bei der Konstruktion zueinander verhalten. Ein wichtiges Beispiel ist Satz 17.4, das die Potenzreihe der inversen Funktion  f=1h  aus h beschreibt. Auch der Einsatz von algebraischen Ableitungsregeln wie in Beispiel 17.9 gehört hier dazu.



Folge Potenzreihe Funktion
cn n=0cnzn F(z)
c0,c1,,cd n=0dcnzn n=0dcnzn
cn=1 n=0zn 11z
cn=n n=0nzn z(1z)2
cn=n2 n=0n2zn z(1+z)(1z)3
cn=1n! n=01n!zn ez
cn=(1)n+1n n=1(1)n+1nzn ln(1+z)
cn=1n n=11nzn ln11z
cn=bn n=0bnzn 11bz
cn=(rn) n=0(rn)zn (1+z)r

Die beiden Folgen in den Logarithmusreihen fangen bei c1 an. In der letzten Folge kann das r eine beliebige positive reelle Zahl sein.

Die folgende Aussage kann man beispielsweise auf die Situation anwenden, wo (beliebig viele) Münzen mit k verschiedenen Werten m1,,mk gegeben sind und man sich fragt, auf wie viele Arten man einen bestimmten Betrag n begleichen kann.


Satz  

Es seien  0<m1<m2<<mk  natürliche Zahlen.

Dann ist die Anzahl der Möglichkeiten, eine natürliche Zahl n als Summe

n=c1m1+c2m2++ckmk

mit  ci  darzustellen, gleich dem n-ten Koeffizienten der Potenzreihe (bzw. der erzeugenden Funktion)

(j=0zm1j)(j=0zm2j)(j=0zmkj)=11zm111zm211zmk.

Beweis  

Induktion über k. Bei  k=1  ist eine Darstellung

n=c1m1

genau dann möglich, wenn n ein Vielfaches von m1 ist, und in diesem Fall gibt es genau eine Darstellung. Deshalb ist die zugehörige Potenzreihe gleich j=0zm1j. Diese kann man so auffassen, dass in die geometrische Reihe der Term zm1 eingesetzt wird. Deshalb beschreibt diese Potenzreihe die Funktion 11zm1.

Zum Beweis des Induktionsschlusses sei angenommen, dass die Aussage für k bewiesen ist und seien k+1 natürliche Zahlen gegeben. Die Anzahl der Tupel (c1,,ck+1) mit

i=1k+1cimi=n

kann man auffassen als die Summe über die Anzahl der Tupel (c1,,ck) mit

i=1kcimi=r

für  0rn,  wobei nr ein Vielfaches von mk+1 sein muss. Daher ist aufgrund der Induktionsvoraussetzung, dem Fall  k=1  und der Definition des Cauchy-Produktes für Potenzreihen

#({(c1,,ck+1)i=1k+1cimi=n})=0rn#({(c1,,ck)i=1kcimi=r})#({ck+1ck+1mk+1=nr})=0rn(rter Koeffizient von (j=0zm1j)(j=0zmkj))((nr)ter Koeffizient von j=0zmk+1j)=(nter Koeffizient von (j=0zm1j)(j=0zmkj)(j=0zmk+1j)).




Lineare Rekursionen und erzeugende Funktionen



Satz  

Es sei K ein Körper und sei (xn)n eine Folge in K. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Die Folge erfüllt eine lineare Rekursion der Länge d, also
    xn=a1xn1+a2xn2++adxnd

    für alle  nd  und  ad0

  2. Die erzeugende Funktion der Folge besitzt eine rationale Darstellung
    Fx(t)=n=0xntn=P(t)Q(t)

    mit

    Q(t)=1a1ta2t2adtd

    und P(t) ein Polynom vom Grad d1.

Beweis  

Es sei zunächst (1) erfüllt. Die Koeffizienten des Produktes

(1a1tadtd)(n=0xntn)=n=0cntn

sind

cn=xna1xn1a2xn2adxnd

für  nd.  Da die entsprechende lineare Rekursion vorliegt, sind diese Koeffizienten gleich 0 und das Produkt ist ein Polynom vom Grad d1.

Es sei nun (2) erfüllt. Gemäß dem Beweis zu Satz 17.4 besitzt

Q=1a1ta2t2adtd

eine inverse Potenzreihe n=0bntn, deren Koeffizienten für  nd  durch die Bedingungen

bn+a1bn1+a2bn2++ad1bnd+1+adbnd=0

charakterisiert sind. Diese erfüllen also eine lineare Rekursion wie behauptet. Dies gilt auch, wenn man die Potenzreihe von 1/Q(t) mit einer Potenz von t multipliziert und von solchen Termen eine Linearkombination nimmt.



Satz  

Es sei (xn)n eine komplexe Folge und seien a1,,ad komplexe Zahlen mit  ad0.  Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Die Folge erfüllt eine lineare Rekursion der Länge d, also
    xn=a1xn1+a2xn2++adxnd

    für alle  nd

  2. Die erzeugende Funktion der Folge besitzt eine rationale Darstellung
    Fx(t)=n=0xntn=P(t)Q(t)

    mit

    Q(t)=1a1ta2t2adtd

    und P(t) ein Polynom vom Grad d1.

  3. Die Folge besitzt eine explizite Beschreibung
    xn=i=1kλinPi(n)

    mit komplexen Zahlen λ1,,λk und derart, dass

    grad(Pi)di1

    und dass

    tda1td1ad1tad=i=1k(tλi)di

    ist.

Beweis  

Die Äquivalenz von (1) und (2) ergibt sich aus Satz 17.12, die Implikation von (1) nach (3) folgt aus Korollar 16.12. Wenn (3) erfüllt ist, so schreiben wir

i=1k(Tλi)di=Tda1Td1ad1Tad.

Wenn diese Situation von (1) herkommt, so stimmt dieses Polynom mit dem charakteristischen Polynom der linearen Rekursion überein. Wir vergleichen (1) und (3), wenn dieses Polynom χ und damit auch seine Nullstellen λi mit den Vielfachheiten di fixiert ist, und wir betrachten die Vektorräume

V={(xn)n(xn)n erfüllt die durch χ kodierte lineare Rekursion }

und

W={(xn)n es ist xn=i=1kλinPi(n),grad(Pi)di1}.

Hierbei ist V ein -Vektorraum (ein Untervektorraum des Folgenraumes). Da ferner eine rekursiv definierte Folge durch die Anfangsglieder x0,,xd1 festgelegt ist und da die Zuordnung, die diesem Anfangsgliedtupel ihre Folge zuordnet, gemäß Lemma 16.4 linear ist, besitzt V die Dimension d. Die Bedingung in W ist ebenfalls linear, daher ist auch W ein Vektorraum. Korollar 16.12 kann man direkt als  VW  interpretieren. Für jedes i ist die Dimension des Raumes der Polynome vom Grad di1 gleich di. Die Summe über k ergibt ebenfalls die Dimension d. Daher ist  V=W



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