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Kurs:Diskrete Mathematik (Osnabrück 2026)/Vorlesung 8

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In dieser Vorlesung besprechen wir die Teilbarkeitsrelation innerhalb der natürlichen und der ganzen Zahlen genauer. Dies ist einerseits eine wichtige Ordnungsrelation, die darüber hinaus eng mit der additiven und der multiplikativen Struktur der ganzen Zahlen verbunden ist. Insbesondere werden wir die Untergruppen der ganzen Zahlen charakterisieren, was wiederum eine wichtige Voraussetzung für die Konstruktion von endlichen Ringen und Körpern in der zwölften Vorlesung ist, und wir werden die Eindeutigkeit der Primfaktorzerlegung in beweisen. Ferner führen die Überlegungen zum euklidischen Algorithmus.



Das Lemma von Bézout

Die Wasserspedition „Alles im Eimer“ verfügt über einen 7- und einen 10-Liter-Eimer, die allerdings keine Markierungen haben. Sie erhält den Auftrag, insgesamt genau einen Liter Wasser von der Nordsee in die Ostsee zu transportieren. Kann sie diesen Auftrag erfüllen?

Die Aufgabe ist lösbar: Man macht dreimal den 7-Liter-Eimer in der Nordsee voll und transportiert dies in die Ostsee. Danach (oder gleichzeitig) macht man zweimal den 10-Liter-Eimer in der Ostsee voll und transportiert dies in die Nordsee. Unterm Strich hat man dann

37210=1

Liter transportiert (eine andere Möglichkeit ist 51077=1).


Die dieser Überlegung zugrunde liegende Aussage heißt Lemma von Bézout.


Satz  

Es seien  a,b  zwei teilerfremde natürliche Zahlen.

Dann gibt es ganze Zahlen  r,s  mit  ra+sb=1

Beweis

Dies ergibt sich 

(weiter unten) als Korollar zu Korollar 8.5, man kann es aber auch direkt durch Induktion über das Maximum von a und b beweisen, siehe

Aufgabe 8.7.

Man sagt auch, dass  ra+sb=1  eine Darstellung der 1 als eine Linearkombination der a und b ist. Die r,s heißen Koeffizienten der Darstellung.



Die Untergruppen von

Die Division mit Rest für ganze Zahlen ist analog zur Polynomdivision.


Es sei d eine fixierte positive natürliche Zahl.

Dann gibt es zu jeder ganzen Zahl n eine eindeutig bestimmte ganze Zahl q und eine eindeutig bestimmte natürliche Zahl r, 0rd1, mit

n=qd+r.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.8.


Wie im eingangs gegebenen Beispiel kann man sich eine Menge a1,,ak von ganzen Zahlen (Eimergrößen) vorgeben und sich fragen, welche Zahlen man daraus mit Hilfe von ganzzahligen Koeffizienten bilden kann (welche Wassermengen man transportieren kann). Es geht also um die Menge aller Zahlen der Form

n1a1++nkak mit nj.

Diese Gesamtmenge bildet eine Untergruppe von , siehe Aufgabe 8.38, man spricht von der von den a1,,ak erzeugten Untergruppe von . Statt Eimern kann man sich auch eine Menge von ganzzahligen Pfeilen, die man hintereinanderlegen und umdrehen kann, vorstellen, oder eine vorgegebene Menge an Sprungmöglichkeiten, oder eine Menge an Gewichten. Der folgende Satz heißt auch „Ein-Eimer-Satz“.



Satz  

Die Untergruppen von sind genau

die Teilmengen der Form

d={kdk}

mit einer eindeutig bestimmten nichtnegativen Zahl d.

Beweis  

Eine Teilmenge der Form d ist aufgrund des Distributivgesetzes eine Untergruppe. Es sei umgekehrt  H  eine Untergruppe. Bei  H=0  kann man  d=0  nehmen, sodass wir voraussetzen dürfen, dass H neben 0 noch mindestens ein weiteres Element x enthält. Wenn x negativ ist, so muss die Untergruppe H auch das Negative davon, also x enthalten, welches positiv ist. D.h. H enthält auch positive Zahlen. Es sei nun d die kleinste positive Zahl aus H. Wir behaupten  H=d.  Dabei ist die Inklusion  dH  klar, da mit d alle (positiven und negativen) Vielfachen von d dazugehören müssen. Für die umgekehrte Inklusion sei  hH  beliebig. Nach der Division mit Rest gilt

h=qd+r mit 0r<d.

Wegen hH und qdH ist auch  r=hqdH.  Nach der Wahl von d muss wegen  r<d  gelten:  r=0.  Dies bedeutet  h=qd  und damit  hd,  also  Hd



Es seien a1,,ak ganze Zahlen und  H=(a1,,ak)={n1a1+n2a2++nkaknj}  die davon erzeugte Untergruppe.

Eine ganze Zahl t ist ein gemeinsamer Teiler der a1,,ak genau dann, wenn  Ht  ist, und t ist ein größter gemeinsamer Teiler genau dann, wenn  H=t  ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.15.


Dies besagt insbesondere, dass es stets einen größten gemeinsamen Teiler gibt. Im teilerfremden Fall bedeutet es, dass es eine Darstellung der 1 als ganzzahlige Linearkombination der ai gibt.



Der Euklidische Algorithmus

Der euklidische Algorithmus dient dazu, zu gegebenen Zahlen a,b ihren größten gemeinsamen Teiler zu bestimmen, und eine Darstellung dieses größten gemeinsamen Teilers als eine Linearkombination der a und b explizit zu finden.

Es seien a,b ganze Zahlen,  b0.  Dann kann man die Division mit Rest durchführen und erhält a=qb+r mit 0r<|b|. Danach kann man (bei r0) die Division mit Rest von b durch r durchführen, d.h. b nimmt die Rolle von a und r die Rolle von b ein und man erhält einen neuen Rest. Dies kann man fortsetzen, und da dabei die Reste immer kleiner werden bricht das Verfahren irgendwann ab.



Es seien zwei ganze Zahlen a,b (mit b0) gegeben. Dann nennt man die durch die Anfangsbedingungen r0=a und r1=b und die mittels der Division mit Rest

ri=qiri+1+ri+2

rekursiv bestimmte Folge ri die Folge der euklidischen Reste.



Satz  

Es seien ganze Zahlen r0=a und r1=b0 gegeben.

Dann besitzt die Folge ri, i=0,1,2, der euklidischen Reste folgende Eigenschaften.

  1. Es ist ri+2=0 oder ri+2<ri+1.[1]
  2. Es gibt ein (minimales) k2 mit rk=0.
  3. Es ist
    ggT(ri1,ri)=ggT(ri,ri+1)

    für alle  i=1,,k

  4. Es sei  k2  der erste Index derart, dass  rk=0  ist. Dann ist
    ggT(a,b)=rk1.

Beweis  

  1. Dies folgt unmittelbar aus der Definition der Division mit Rest.
  2. Solange  ri0  ist, wird die Folge der natürlichen Zahlen ri immer kleiner, sodass irgendwann der Fall  ri=0  eintreten muss.
  3. Wenn t ein gemeinsamer Teiler von ri und von ri+1 ist, so zeigt die Beziehung
    ri1=qi1ri+ri+1,

    dass t auch ein Teiler von ri1 und damit ein gemeinsamer Teiler von ri1 und von ri ist. Die Umkehrung folgt genauso.

  4. Dies folgt aus (3) mit der Gleichungskette
    ggT(a,b)=ggT(b,r2)=ggT(r2,r3)==ggT(rk2,rk1)=ggT(rk1,rk)=ggT(rk1,0)=rk1.


Beispiel

Aufgabe

Bestimme in mit Hilfe des euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler von 71894 und 45327.


Lösung


Der Euklidische Algorithmus liefert:

71894=145327+26567
45327=126567+18760
26567=118760+7807
18760=27807+3146
7807=23146+1515
3146=21515+116
1515=13116+7
116=167+4
7=14+3
4=13+1.

Die Zahlen 71894 und 45327 sind also teilerfremd.


Bei kleinen Zahlen sieht man häufig relativ schnell direkt, was ihr größter gemeinsamer Teiler ist, da man die Primfaktorzerlegung kennt bzw. mögliche gemeinsame Teiler schnell übersehen kann. Bei zwei größeren Zahlen müssten aber viel zu viele Probedivisionen durchgeführt werden! Der euklidische Algorithmus ist also zur Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers ein sehr effektives Verfahren!



Darstellung des größten gemeinsamen Teilers

Mit dem euklidischen Algorithmus kann man auch durch Zurückrechnen eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers als Linearkombination der beiden vorgegebenen Zahlen erhalten. Dazu seien

ri=qiri+1+ri+2

die Gleichungen im euklidischen Algorithmus und  rk1=ggT(r0,r1).  Aus der letzten Gleichung

rk3=qk3rk2+rk1

erhält man die Darstellung

rk1=rk3qk3rk2

von rk1 als Linearkombination mit rk3 und rk2. Mit der vorhergehenden Zeile

rk4=qk4rk3+rk2

bzw.

rk2=rk4qk4rk3

kann man in dieser Darstellung rk2 ersetzen und erhält eine Darstellung von rk1 als Linearkombination von rk3 und rk4. So fortfahrend erhält man schließlich eine Darstellung von

rk1=ggT(r0,r1)

als Linearkombination von r0 und r1.


Wir wollen für 52 und 30 eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers finden. Wir führen dazu den euklidischen Algorithmus durch.

52=130+22
30=122+8
22=28+6
8=16+2
6=32+0.

D.h. 2 ist der größte gemeinsame Teiler von 52 und 30. Rückwärts gelesen erhält man daraus die Darstellung

2=86=8(2228)=3822=3(3022)22=330422=3304(5230)=730452.



Kleinstes gemeinsames Vielfaches und größter gemeinsamer Teiler

Zu einer ganzen Zahl a besteht a aus allen Vielfachen von a. Zu zwei Zahlen a,b besteht somit der Durchschnitt ab aus allen Zahlen, die sowohl von a als auch von b Vielfache sind, also aus allen gemeinsamen Vielfachen von a und b. In der Tat gilt die folgende Aussage.



Es seien a1,,ak ganze Zahlen.

Dann ist

a1a2ak=u,

wobei u das kleinste gemeinsame Vielfache der a1,,ak ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.28.


Für ganze Zahlen setzen wird den größten gemeinsamen Teiler und das kleinste gemeinsame Vielfache stets positiv an, um Eindeutigkeit zu erzielen. Grundsätzlich hat jeweils das Negative dazu die gleichen Eigenschaften.


Für natürliche Zahlen a,b,g gelten folgende Aussagen.

  1. Für teilerfremde a,b ist
    kgV(a,b)=ab.
  2. Es gibt  c,d  mit
    a=cggT(a,b) und b=dggT(a,b),

    wobei c,d teilerfremd sind.

  3. Es ist
    kgV(ga,gb)=gkgV(a,b).
  4. Es ist
    ggT(a,b)kgV(a,b)=ab.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.29.


Der Teil (4) der vorstehenden Aussage erlaubt es, das kleinste gemeinsame Vielfache zu zwei Zahlen algorithmisch dadurch zu bestimmen, dass man ihren größten gemeinsamen Teiler mit Hilfe des euklidischen Algorithmus bestimmt und das Produkt durch diesen teilt.



Der Hauptsatz der elementaren Zahlentheorie

Wir möchten nun zur Primfaktorzerlegung, deren Existenz wir bereits in Satz 2.6 (Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)) gezeigt haben, beweisen, dass sie eindeutig ist. Natürlich kann man

12=322=232=223

schreiben, mit eindeutig ist also eindeutig bis auf die Reihenfolge gemeint. Um dies zu zeigen brauchen wir zunächst das sogenannte Lemma von Euklid, das eine wichtige Eigenschaft einer Primzahl beschreibt.


Satz  

Es sei p eine Primzahl und p teile ein Produkt ab von natürlichen Zahlen  a,b

Dann teilt p einen der Faktoren.

Beweis  

Wir setzen voraus, dass a kein Vielfaches von p ist (andernfalls sind wir fertig). Dann müssen wir zeigen, dass b ein Vielfaches von p ist. Unter der gegebenen Voraussetzung sind a und p teilerfremd. Nach dem Lemma von Bézout gibt es ganze Zahlen r,s mit

ra+sp=1.

Da ab ein Vielfaches von p ist, gibt es ein t mit

ab=tp.

Daher ist

b=b1=b(ra+sp)=abr+bsp=tpr+bsp=p(tr+bs).

Also ist b ein Vielfaches von p.


Aus dem Lemma von Euklid folgt sofort die etwas stärkere Aussage: Wenn eine Primzahl p ein beliebiges Produkt a1a2an teilt, dann teilt p mindestens einen Faktor. Man wendet das Lemma einfach auf (a1a2an1)an an (formal ist das eine Induktion über die Anzahl der Faktoren). Dies wird im Beweis des folgenden Hauptsatzes der elementaren Zahlentheorie verwendet.


Satz  

Jede natürliche Zahl n, n2,

besitzt eine eindeutige Zerlegung in Primfaktoren.

D.h. es gibt eine Darstellung

n=p1pr

mit Primzahlen pi, und dabei sind die Primfaktoren bis auf ihre Reihenfolge eindeutig bestimmt.

Beweis  

Die Existenz der Primfaktorzerlegung wurde bereits in Satz 2.6 (Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)) gezeigt. Die Eindeutigkeit wird durch Induktion über n gezeigt. Für  n=2  liegt eine Primzahl vor. Sei nun  n3  und seien zwei Zerlegungen in Primfaktoren gegeben, sagen wir

n=p1pr=q1qs.

Wir müssen zeigen, dass nach Umordnung die Primfaktorzerlegungen übereinstimmen. Die Gleichheit bedeutet insbesondere, dass die Primzahl p1 das Produkt rechts teilt. Nach Satz 8.12 muss dann p1 einen der Faktoren rechts teilen. Nach Umordnung können wir annehmen, dass q1 von p1 geteilt wird. Da q1 selbst eine Primzahl ist, folgt, dass  p1=q1  sein muss. Daraus ergibt sich durch Kürzen, dass

p2pr=q2qs

ist. Nennen wir diese Zahl n. Da  n<n  ist, können wir die Induktionsvoraussetzung auf n anwenden und erhalten, dass links und rechts die gleichen Primzahlen stehen. 


In der kanonischen Primfaktorzerlegung schreibt man die beteiligten Primzahlen in aufsteigender Reihenfolge mit ihrem jeweiligen Exponenten, also beispielsweise

840=23357.



Fußnoten
  1. Für  i1.  Da b auch negativ sein könnte ist dies bei  i=0  als  r2<|r1|  zu lesen.


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PDF-Version dieser Vorlesung
Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)