In dieser Lerneinheit wird der Unterschied zwischen Wegintegralen und Integralen über messbare Teilmengen in der komplexen Analysis behandelt. Die zentralen Aussagen in der Einführung für die Funktionentheorie beziehen sich in der Regel Wegintegrale in der Cauchy-Integralformel, dem Cauchy-Integralsatz oder dem Residuensatz über nullhomologe Zyklen. In dieser Lerneinheit werden komplexe Flächenintegrale über Stammfunktionen behandelt und diese mit reellwertigen Doppelintegrale über Realteil und Imaginärteil verglichen.
Folgende Wegintegrale kann man dabei unterscheiden:
(Wegintegral mit Wegableitung) Durch die Wegableitung in der Definition erhält man die Wegunabhängigkeit.
(Wegintegral ohne Wegableitung) Ohne die Wegableitung ein Integral erhält man ein wegabhängiges Integral. Z.B. ist bei einem Weg-Zeit-Risikointegral genau diese Wegabhänigkeit wesentlich, um den Weg mit kleinsten Risiko in einem Optimierungsprozess zu finden.
(Doppenintegral über Real- und Imaginärteil) Dabei wird das komplexewertige Integral mit der Identifzierung von und als mehrdimensionales Integral von nach aufgefasst.
(Flächenintegral über orientierte Fläche) Eine orientierte Fläche ist eine Abbildung , wobei die Orientierung durch einen Gradienten beschrieben wird, mit der Notation:
Zunächst werden das Wegintegral und das Integral über messbare Mengen gegenübergestellt. Dabei wird der Messbarkeitsbegriff aus der Maßtheorie verwendet und für die Borelsche Sigma-Algebra als zweidimensionaler -Vektorraum verwendet. Dabei wird die Sigma-Algebra von allen offenen Teilmengen von erzeugt.
Für ein Integral über messbare Teilmengen ist das Integral einer Funktion über eine messbare Teilmenge der komplexen Ebene formal wie folgt mit definiert:
Dabei wird mit dem Lebesgue-Maß als Integral über eine messbare Menge bzgl. einer komplexwertigen Dichtefunktion berechnet.
In einem ersten Schritt werden die Integrale über die folgenden Flächen als einführendes Beispiel mit einem reellen Doppelintegral behandelt, wobei man die komplexen Zahlen als interpretiert und die Komponentenfunktionen als reelles Doppelintegral von über den Realteil und den Imaginärteil betrachtet.
Dabei sind und klassische Funktionen aus der reellen mehrdimensionalen Analysis.
Ein Rechteck wird im Folgenden als Teilmenge der komplexen Zahlen definiert, wobei für der Realteil zwischen und liegt und der Imaginärteil zwischen und .
Für ein Rechteck kann man das Integral über die messbare Menge wie folgt berechnen:
Der Faktor vor dem Doppelintegral entsteht als innere Ableitung von .
Insgesamt kann als Doppelintegral über ein Rechteck als komplexwertiges "Volumen" unter der Funktion über interpretiert werden.
Beispiel 1 - Flächenintegral über ein Rechteck als Doppelintegral
Der Unterschied zwischen dem Doppelintegral über Realteil und Imaginärteil (Beispiel 1) zum komplexen Flächenintegral ergibt sich algebraisch durch die Multiplikation . In Beispiel 1 berechnet man das Integral mit einer reellwertig unabhängigen Betrachtung des Realteilintegrals und des Imaginärteils. In Beispiel 1 geht also die innere Ableitung des Wegintegrals in Imaginärteilrichtung nicht mit ein. Dadurch ergeben sich die unterschiedlichen Ergebnisse in Beispiel 1 und 2.
Verwendet werden daher im weiteren Verlauf die komplexen Flächenintegrale mit der Flächenstammfunktion.
Bemerkung zu Beispiel 2 - Komplexes Flächenintegral
Bei einem Integral über eine orientierte Fläche spielt nicht nur die messbare Teilmenge und die Dichtefunktion bei dem Flächenintegral eine Rolle, sondern zusätzlich auch die Orientierung. Diesen Unterschied gab es analog auch beim Wegintegral über . Die Spur eines Weges entspricht der Menge während eine Orientierung auf dem Weg induziert, wobei der Anfangspunkt der Endpunkt des Weges ist.
Flächenintegral als Doppelintegral über Kreisscheiben
Für ein Integral über eine messbare Menge erhält man über die Zerlegung in Realteilfunktion und Imaginärteilfunktion folgende Integraldarstellung unter Verwendung der Transformationsformel für Polarkoordinaten:
Wenn eine Kreisscheibe ist mit Mittelpunkt und Radius ist, erhält man folgendes Doppelintegral:
Der Abschluss der Kreisscheibe kann auch entfallen, da der Kreisrand bzgl. des Lebesque-Maßes eine Nullmenge ist. Ferner benötigt man für die Anwendung der Transformationsformel die Eigenschaft, dass die Transformation eine bijektive Abbildung ist. Für ist die Polarkoordinatentransformation allerdings keine bijketive Abbildung mehr. Streng genommen müsste man daher das innere Integral für die punktierte Kreisscheibe als Grenzwert für berechnen.
Das Integral stimmt aber mit dem obigen Integral überein, da auch in diesem Fall eine Nullmenge ist.
Beispiel 1 - Doppelintegral über Kreisscheiben - Nullpunkt
Wendet man diese Definition wieder für die holomorphe Funktion mit an, so erhält man über die Transformationsformel das folgende Integral über die Kreisscheibe um mit dem Radius wie folgt:
Beispiel 2 - Doppelintegral über Kreisscheiben - nicht Nullpunkt
Wendet man diese Definition wieder für die holomorphe Funktion mit an, so erhält über die Transformationsformel das folgende Integral über die Kreisscheibe um mit dem Radius wie folgt:
Insgesamt ist das Wegintegral für holomorphe Funktionen auf konvexen Gebieten unabhängig vom Mittelpunkt immer 0, während das Doppelintegral für die komplexwertige Flächenberechnung auch Werte annehmen kann.
Nun betrachtet man eine Stammfunktion einer holomorphen Funktion , wobei der Wert der Stammfunktion einen komplexwertig orientierten Flächeninhalt einer Funktion auf einem Gebiet darstellt.
Komplexwertiges Integral über das rot markierte Rechteck in der Gaußschen Zahlenebene. Die Fläche des rot markierte Rechtecks muss dabei vollständig in dem Gebiet liegen
Stammfunktion in den komplexen Zahlen in einer Flächeninterpretation
Wenn man in den reellen Zahlen eine Stammfunktion einer Funktion bildet, so gibt die Differenz den orientierten Flächeninhalt an, d.h. Flächen mit für stetige Funktionen mit haben ein negatives Vorzeichen. Positiv und negativ orientierte Flächeninhalte können sich gegenseitig im Gesamtintegral aufheben, wenn die eingeschlossene Fläche zwischen oberhalb der -Achse mit der eingeschlossenen Fläche unterhalb der -Achse übereinstimmt, wie z.B. bei
Wenn die möglichen Orientierung in und vergleicht, erhält man:
(reelle Zahlen ) positive Orientierung und negative Orientierung
(komplexe Zahlen ) beliebige Winkel mit Richtung .
Eine Stammfunktion soll nun geometrisch interpretiert werden und den komplexen orientierten Flächeninhalt auf dem rot markierten Rechteck in der Animation darstellen. Die Wahl des Punktes legt dabei die Konstante der Stammfunktion über eindeutig fest.
Diese komplexe Integralinterpretation der Stammfunktion unterscheidet von der reellwertiges Doppelintegral über Realteil und Imaginärteil. Der Unterschied zwischen beiden Integraltypen kann algebraisch für holomorphe Funktionen bestimmen.
In den komplexen Zahlen kann auf konvexen oder sternförmigen Gebieten eine Stammfunktion als Wegintegral darstellen:
wobei das Wegintegral über einen Weg von nach in dem Gebiet verläuft. Ist eine holomorphe Funktion in einem einfach zusammenhängenden Gebiet, dann gilt insbesondere
Die Taylorreihe ist eindeutig für holomorphe Funktionen festgelegt. Zwei Stammfunktionen und von unterscheiden sich in einer Konstante (siehe Differenzsatz für Stammfunktionen), denn aus und folgt und damit ist die Differenz eine Konstante aus den komplexen Zahlen. Aus der Holomorphie von erhält man mit der Potenzreihenentwicklung für in einem Entwicklungspunkt . Wenn Stammfunktionen als Wegintegrale ausgehend von Entwicklungspunkt in eine Potenzreihendarstellung mit dem Entwicklungspunkt entwickelt werden, ist die Potenzreihendarstellung auf der Kreisscheibe mit eindeutig mit: