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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2026-2027)/Teil I/Vorlesung 17



Schriftliches Multiplizieren

Die Grundidee für das schriftliche Multiplizieren liegt im allgemeinen Distributivgesetz. Für zwei natürliche Zahlen der Form

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k und n=b0+b110+b2102+⋯+bℓ10ℓ

ist

m⋅n=(a0+a110+a2102+⋯+ak10k)⋅(b0+b110+b2102+⋯+bℓ10ℓ)=∑0≤i≤k,0≤j≤ℓaibj10i⋅10j=∑0≤i≤k,0≤j≤ℓaibj10i+j=∑s=0k+ℓ(∑i=0kaibs−i)10s.

Hierbei ist im Allgemeinen der Vorfaktor ∑i=0kaibs−i nicht kleiner als 10, aus diesem Ausdruck ist also nicht unmittelbar die Ziffernentwicklung des Produktes ablesbar. In einer solchen Situation ist Bemerkung 15.5 anwendbar. Dies ist aber nicht das Verfahren zum schriftlichen Multiplizieren.


Beim schriftlichen Multiplizieren m⋅n zweier natürlicher Zahlen, die im Dezimalsystem als

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k und n=b0+b110+b2102+⋯+bℓ10ℓ

gegeben sind, geht man folgendermaßen vor.

  1. Man berechnet für jedes  j=0,1,…,ℓ  einzeln die Dezimalziffern[1] ci des Teilproduktes m⋅bj und die Überträge di+1 (mit dem Startwert d0=0) sukzessive über die Gleichungen
    aibj+di=di+1⋅10+ci

    mit

    0≤ci≤9.
  2. Die zu den j (bzw. bj) gehörenden Ziffernfolgen schreibt man untereinander, wobei jeweils c0 unterhalb von bj steht.
  3. Man summiert die verschiedenen verschobenen Teilprodukte im Sinne des schriftlichen Addierens.

Das Ergebnis (im Dezimalsystem) dieser Addition ist die Ausgabe des Multiplikationsalgorithmus.

Das Problem, dass bei der distributiven Multiplikation von zwei natürlichen Zahlen im Dezimalsystem die Vorfaktoren zu groß sind, tritt schon dann auf, wenn die zweite Zahl  n=b0  einstellig ist (sogar wenn beide Zahlen einstellig sind; dies wird durch das kleine Einmaleins erledigt). Diesen Fall betrachten wir zuerst.


Lemma  

Das schriftliche Multiplizieren mit einem einstelligen zweiten Faktor im Zehnersystem ist korrekt.

Beweis  

Die linke Faktor sei

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k

und der rechte Faktor sei  b=b0,  wir haben also die schriftliche Multiplikation der Form

ak…a2a1a0⋅b

im Sinne von Verfahren 17. durchzuführen. Das Ergebnis ist die Zahl ck+1ck…c2c1c0. Wir müssen zeigen, dass dies das wahre Produkt ist. Es ist, wobei wir mehrfach die definierende Gleichung  aib+di=di+1⋅10+ci  verwenden,

mb=(a0+a110+a2102+⋯+ak10k)b=a0b+a1b10+a2b102+⋯+akb10k=(c0+d110)+a1b10+a2b102+⋯+akb10k=c0+(d1+a1b)10+a2b102+⋯+akb10k=c0+(c1+d210)10+a2b102+⋯+akb10k=c0+c110+(d2+a2b)102+⋯+akb10k=c0+c110+(c2+d310)102+⋯+akb10k=…=c0+c110+c2102+⋯+ck10k+ck+110k+1.
◻


Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf die Überträge bei der Multiplikation mit einer einstelligen Zahl.


Beim schriftlichen Multiplizieren mit einer einstelligen Zahl b

sind die Überträge stets <b.

Beweis

Siehe Aufgabe 17.13.
◻


Der Übertrag b−1 tritt in der Tat auf, wie die Multiplikation der 9 mit b zeigt.


Der Übertrag bei der Multiplikation mit einer einstelligen Zahl b wirkt sich im Allgemeinen auf jede Ziffer des Ergebnisses aus, d.h. Überträge setzen sich fort. Daher muss man die einzelnen Ziffern von hinten nach vorne mit b multiplizieren. Beispielsweise ist bei  b=3  und m=333333333 bzw. n=333333334 einerseits

333333333⋅3=999999999

und andererseits

333333334⋅3=1000000002.

Im Gegensatz zur Multiplikation mit der 3 ist die Multiplikation mit den beiden echten Teilern der 10, also mit 2 und 5, besonders einfach, da hier die Überträge nicht fortgesetzt werden können. Um die i-te Ziffer des Produktes einer Zahl m mit der 2 (oder der 5) auszurechnen, muss man nur die i-te und die (i−1)-te Ziffer der Zahl m kennen.

Bei der Multiplikation mit  b=2  und mit  b=5  vereinfacht sich das in Verfahren 17. beschriebene Verfahren zur Multiplikation einer Zahl

m=∑i=0kai⋅10i

mit einer einstelligen Zahl b. Gemäß diesem Verfahren sind die Berechnungen (Division mit Rest)

ai⋅b+di=di+1⋅10+ci

mit

0≤ci≤9

durchzuführen, wobei dadurch die ci und die di rekursiv mit dem Startwert  d0=0  festgelegt sind und wobei die ci die Ziffern des Ergebnisses beschreiben. Wir behaupten, dass man in den beiden Fällen stattdessen nur

ai⋅b=di+1⋅10+ri

berechnen muss und die Ergebnisziffern

ci=di+ri

erhält. Insbesondere hängt ci nur von ai und ai−1 ab. Kurz gesagt: Die i-te Ziffer eines Produktes ak…aiai−1…a2a1a0 mit 2 (oder mit 5) ergibt sich, wenn man die zweistellige Zahl aiai−1 mit 2 bzw. mit 5 multipliziert und von diesem Ergebnis die vordere Ziffer nimmt.

Zunächst sind nach Lemma 17.3 bei der Multiplikation mit einer jeden einstelligen Zahl b die Überträge echt kleiner als b. Bei  b=2  kommen also nur die Überträge 0 oder 1 in Frage. Somit stimmen die ganzzahligen Anteile bei der Division mit Rest von ai⋅2+di bzw. ai⋅2 durch 10 überein (wenn man zu einer geraden Zahl eine 1 addiert, ändert sich die Zehnerziffer nicht), die Beziehung  ci=ri+di  folgt direkt.

Bei  b=5  kommen nur die Überträge 0,1,2,3,4 in Frage. Somit stimmen die ganzzahligen Anteile bei der Division mit Rest von ai⋅5+di bzw. ai⋅5 durch 10 überein (wenn man zu einer durch 5 teilbaren Zahl eine Zahl ≤4 addiert, ändert sich die Zehnerziffer nicht). Die Beziehung  ci=ri+di  folgt wieder direkt.


Als nächstes Hilfsmittel betrachten wir die extreme Situation, wo der rechte Faktor eine Zehnerpotenz ist. Das Dezimalsystem verhält sich bei einer solchen Multiplikation besonders einfach.


Lemma  

Die Dezimaldarstellung eines Produktes aus einer im Dezimalsystem gegebenen natürlichen Zahl

m=akak−1…a2a1a0

und einer Zehnerpotenz 10ℓ erhält man, indem man an diese Ziffernfolge ℓ Nullen anhängt.

Beweis  

Es ist

m⋅10ℓ=(ak10k+⋯+a2102+a110+a0)⋅10ℓ=ak10k+ℓ+⋯+a2102+ℓ+a1101+ℓ+a010ℓ=ak10k+ℓ+⋯+a2102+ℓ+a1101+ℓ+a010ℓ+0⋅10ℓ−1+⋯+0⋅101+0⋅100,

woraus unmittelbar die Dezimaldarstellung des Produktes ablesbar ist.

◻



Satz  

Das schriftliche Multiplizieren im Zehnersystem ist korrekt.

Beweis  

Die beiden Zahlen seien

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k und n=b0+b110+b2102+⋯+bℓ10ℓ.

Beim schriftlichen Multiplizieren berechnet man unabhängig voneinander

ak…a2a1a0⋅bj

für  j=0,1,…,ℓ  und notiert das Ergebnis so, dass die Einerziffer unterhalb von bj steht. So entstehen ℓ+1 Zahlen, die versetzt übereinander stehen. Diese Zahlen werden nach hinten mit Nullen aufgefüllt (wobei man dies nur gedanklich machen muss). Die Summe dieser Zahlen im Sinne des schriftlichen Addierens ist das Endergebnis

m⋅n=m⋅(bℓ10ℓ+bℓ−110ℓ−1+⋯+b2102+b110+b0)=m⋅bℓ10ℓ+mbℓ−1⋅10ℓ−1+⋯+m⋅b2102+m⋅b110+m⋅b0.

Nach Lemma 17.2 werden die m⋅bj im schriftlichen Multiplizieren korrekt ausgerechnet. Dadurch, dass die Einzelergebnisse unterhalb von bj stehen und nach hinten mit Nullen aufgefüllt werden, stehen im Algorithmus wegen Lemma 17.6 die Zahlen m⋅bj10j korrekt übereinander, sodass das schriftliche Addieren nach Satz 16.6 das korrekte Ergebnis liefert.

◻

Eine alternative Möglichkeit, zwei im Dezimalsystem gegebene natürliche Zahlen algorithmisch zu multiplizieren, bietet das Jalousie-Verfahren (oder Rauteverfahren oder Gitterverfahren), das wir an einem Beispiel erläutern wollen. Es soll die Multiplikation 5183⋅475 durchgeführt werden. Dazu legt man ein (mehr oder weniger) rechteckiges Schema der Form

3⋅4╱|╲8╱|╲7╱|╲|╱|╲1╱|⋅|╲5╱|╲|╱|╲|╱|╲5╱|⋅|⋅|⋅╱|╲|╱|╲|╱|╲|╱⋅|⋅|⋅|╱╲|╱|╲|╱|╲|╱╲|⋅|╱╲|╱|╲|╱╲|╱╲|╱⋅⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯

an, sodass für jedes Ziffernpaar eine Raute entsteht, die durch die vertikalen Striche in zwei Hälften unterteilt wird. Die Produkte der einstelligen Ziffern gemäß dem kleinen Einmaleins schreibt man in die zugehörige Raute, und zwar die Endziffer rechts und die Zehnerziffer links.

3⋅4╱|╲8╱1|2╲7╱|╲|╱|╲1╱3|2⋅2|1╲5╱|╲|╱|╲|╱|╲5╱0|4⋅5|6⋅1|5⋅╱|╲|╱|╲|╱|╲|╱⋅2|0⋅0|7⋅4|0╱╲|╱|╲|╱|╲|╱╲3|5⋅0|5╱╲|╱|╲|╱╲2|5╱╲|╱⋅121⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯⋯2461925

Dann addiert man die entstehenden Spalten aus einstelligen Zahlen zusammen, notiert die Endziffer der Summe darunter und verarbeitet den Übertrag eine Stelle weiter links. Das Gesamtergebnis steht unter der punktierten Linie. Für die Korrektheit dieses Algorithmus sei auf Aufgabe 17.21 verwiesen. Der Vorteil dieses Algorithmus ist, dass man nur das kleine Einmaleins und die Addition braucht, man muss keine Überträge „im Sinn“ haben.




Schriftliches Subtrahieren


x-y 1 2 3 4 5 6 7 8 9
1 0 × × × × × × × ×
2 1 0 × × × × × × ×
3 2 1 0 × × × × × ×
4 3 2 1 0 × × × × ×
5 4 3 2 1 0 × × × ×
6 5 4 3 2 1 0 × × ×
7 6 5 4 3 2 1 0 × ×
8 7 6 5 4 3 2 1 0 ×
9 8 7 6 5 4 3 2 1 0
10 9 8 7 6 5 4 3 2 1
11 ⋆ 9 8 7 6 5 4 3 2
12 ⋆ ⋆ 9 8 7 6 5 4 3
13 ⋆ ⋆ ⋆ 9 8 7 6 5 4
14 ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ 9 8 7 6 5
15 ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ 9 8 7 6
16 ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ 9 8 7
17 ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ 9 8
18 ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ ⋆ 9


Das kleine Einsminuseins für x−y. Diese Tabelle muss man auswendig kennen, um das schriftliche Subtrahieren effektiv durchführen zu können. Der Eintrag × bedeutet, dass diese Operation (wie 3−7) in ℕ nicht durchgeführt werden kann, der Eintrag ⋆ bedeutet, dass diese Operation in ℕ ausgeführt werden kann, dass sie aber auf eine Operation in der Einerstelle allein zurückgeführt werden kann (wie bei 18−5).


Beim schriftlichen Subtrahieren m−n zweier natürlicher Zahlen mit

m≥n,

die im Dezimalsystem als

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k und n=b0+b110+b2102+⋯+bk10k

gegeben sind, geht man folgendermaßen vor. Man berechnet die Dezimalziffern ci des Ergebnisses und die Überträge di+1 (mit dem Startwert d0=0) sukzessive durch

ci={ai−(bi+di), falls ai≥bi+di,ai+10−(bi+di), falls ai<bi+di,

und

di+1={0, falls ai≥bi+di,1, falls ai<bi+di.

Die Dezimaldarstellung der Differenz m−n ist ck…c2c1c0.



Satz  

Das schriftliche Subtrahieren von natürlichen Zahlen ist korrekt.

Beweis  

Es sei

m=a0+a110+a2102+⋯+ak10k und n=b0+b110+b2102+⋯+bk10k

und

m≥n.

Wir behaupten, dass für jedes  i=−1,0,1,…,k  der Ausdruck

Si=ak10k+⋯+ai+110i+1−di+110i+1+bi10i+⋯+b110+b0+ci10i+⋯+c110+c0

konstant gleich m ist. Für

i=−1

fehlen die b-, die c- und die d-Ausdrücke, sodass dies richtig ist. Wir betrachten den Übergang von Si−1 nach Si, was dem i-ten Rechenschritt entspricht. Im Fall

ai≥bi+di

ist  di+1=0,   ai−di=bi+ci  und somit

Si−1=ak10k+⋯+ai10i−di10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci−110i−1+⋯+c110+c0=ak10k+⋯+ai+110i+1+(bi+ci)10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci−110i−1+⋯+c110+c0=ak10k+⋯+ai+110i+1−di+110i+1+bi10i+⋯+b110+b0ci10i+⋯+c110+c0=Si.

Im Fall

ai<bi+di

ist  di+1=1,   ai=bi+ci+di−10  und somit

Si−1=ak10k+⋯+ai10i−di10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci−110i−1+⋯+c110+c0=ak10k+⋯+ai+110i+1+(bi+ci+di−10)10i−di10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci−110i−1+⋯+c110+c0=ak10k+⋯+ai+110i+1−10⋅10i+bi10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci10i+ci−110i−1+⋯+c110+c0=ak10k+⋯+ai+110i+1−di+1⋅10i+1+bi10i+bi−110i−1+⋯+b110+b0+ci10i+ci−110i−1+⋯+c110+c0=Si.

Für  i=k  sind die a- und die d-Ausdrücke vollständig abgebaut (dk+1=0) und es bleiben die vollständigen b- und c-Ausdrücke übrig. Damit ist gezeigt, dass

m=bk10k+⋯+b110+b0+ck10k+⋯+c110+c0=n+ck10k+⋯+c110+c0

ist und somit ist ck10k+⋯+c110+c0 gleich der Differenz m−n.

◻



Fußnoten
  1. ↑ Eigentlich müsste man cij schreiben, da diese Ziffern auch von bj abhängen; für einen relativ langen Abschnitt ist aber das j fest gewählt.


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