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Kurs:Invariantentheorie (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 12

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Wir kommen nun zu wichtigen Folgerungen der in den letzten beiden Vorlesungen entwickelten Begriffe für die Invariantentheorie.



Ganzheit und Invariantenringe



Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring, auf dem eine endliche Gruppe G durch Ringautomorphismen operiere.

Dann ist  RGR  eine ganze Erweiterung.

Beweis  

Zu  fR  betrachten wir das Produkt

P=σG(Xfσ)R[X].

Die Koeffizienten dieses Polynoms gehören zum Invariantenring RG. Ferner ist P normiert und es ist  P(f)=0  (da ja XfeG=Xf ein Linearfaktor ist). Somit liefert P eine Ganzheitsgleichung für f über RG und daher ist  RGR  ganz.



Satz  

Es sei R ein normaler Integritätsbereich und G eine Gruppe, die auf R als Gruppe von Ringautomorphismen operiere.

Dann ist auch der Invariantenring normal.

Beweis  

Es sei  qQ(RG)Q(R)  und q erfülle eine Ganzheitsgleichung über RG. Wegen  RGR  ist q auch ganz über R und wegen der Normalität von R muss  qR  gelten. Wegen

RQ(RG)=RG

gemäß Proposition 5.6 ist somit  qRG,  also ist RG normal.


Es ist eine wichtige Frage, welche weiteren Eigenschaften eines Ringes sich - unter welchen Bedingungen - auf einen Invariantenring übertragen. Für die endliche Erzeugtheit werden wir das im Folgenden behandeln, für die Faktorialität weiter unten. Die Eigenschaft, dass der Invariantenring bei einer linearen Operation ein Polynomring (also „regulär“) ist, werden wir später ausführlich behandeln.



Der Satz von Noether

Der folgende Satz heißt Satz von Noether.



Satz  

Es sei K ein Körper, R eine endlich erzeugte kommutative K-Algebra, auf der eine endliche Gruppe G durch K-Algebraautomorphismen operiere.

Dann ist der Invariantenring RG eine endlich erzeugte K-Algebra.

Beweis  

Es sei

R=K[f1,,fn].

Nach Lemma 12.1 ist  RGR  eine ganze Erweiterung. Zu jedem fi gibt es daher eine Ganzheitsgleichung

fini+ai,ni1fini1++ai,1fi+ai,0=0

mit  ai,jRG.  Wir betrachten die von den Koeffizienten ai,j erzeugte K-Unteralgebra von RG, also

S:=K[ai,j,1in,0j<ni]RG.

Dabei ist S endlich erzeugt, und sämtliche Ganzheitsgleichungen sind über S formulierbar, d.h. nach Korollar 11.6, dass R auch über S ganz ist. Da R über K endlich erzeugt ist, ist R insbesondere über S endlich erzeugt, sodass  SR  nach Satz 11.10 sogar endlich ist. Da S noethersch ist, muss nach Satz 10.13 auch die S-Unteralgebra  RGR  ein endlicher S-Modul sein. Damit ist insgesamt RG eine endlich erzeugte K-Algebra.

Aus Lemma 12.1 und Satz 12.3 folgt in Zusammenhang mit Satz 11.10, dass  RGR  eine endliche Abbildung ist.

Das 14. Hilbertsche Problem ist die Frage, ob für jede Gruppenoperation auf einer endlich erzeugten K-Algebra auch der Invariantenring RG endlich erzeugt ist. Es wurde von Hilbert 1900 auf dem internationalen Mathematikerkongress in Paris als eines seiner 23 mathematischen Probleme vorgestellt und in den späten Fünfzigern durch ein Gegenbeispiel von Masayoshi Nagata negativ beantwortet.




Der Satz von Hilbert

Wir geben einen weiteren Beweis für den Endlichkeitssatz unter der Voraussetzung, dass der Invariantenring ein direkter Summand ist. Die dabei operierende Gruppe muss nicht endlich sein. Die Voraussetzung, dass es einen Reynolds-Operator gibt, ist für endliche Gruppen erfüllt, wenn ihre Ordnung kein Vielfaches der Charakteristik ist. Sie ist ferner für die sogenannten linear-reduktiven Gruppen in Charakteristik 0 erfüllt, also beispielsweise für die allgemeine lineare Gruppe, was wir später zeigen werden, siehe Satz 29.3.


Es sei K ein Körper. Eine -graduierte kommutative K-Algebra R heißt positiv-graduiert, wenn  Rd=0  für  d<0  und  R0=K  ist.

Insbesondere kann man den Polynomring positiv graduieren, wenn man jeder Variablen einen positiven Grad  grad(Xi)=di>0  zuweist.



Lemma  

Es sei G eine Gruppe, die auf dem positiv graduierten Polynomring K[X1,,Xn] als Gruppe von homogenen Ringautomorphismen operiere. Es sei IG das von allen homogenen Invarianten positiven Grades erzeugte Ideal in K[X1,,Xn] und es sei f1,,fm ein homogenes Idealerzeugendensystem dieses Ideals. Es sei vorausgesetzt, dass der Invariantenring ein homogener direkter Summand des Polynomringes ist.

Dann bilden die f1,,fm ein Algebraerzeugendensystem des Invariantenringes, d.h. es ist

K[X1,,Xn]G=K[f1,,fm].

Beweis  

Aufgrund der Homogenität der Operation ist der Invariantenring selbst positiv graduiert. Wir beweisen die Inklusion

K[X1,,Xn]GK[f1,,fm]

durch Induktion über den Grad. Wir betrachten also ein homogenes Element  fK[X1,,Xn]G  von positivem Grad. Wegen  fIG  kann man

f=j=1mhjfj

mit homogenen Elementen hj von einem Grad <grad(f) schreiben. Der Reynolds-Operator

ρ:K[X1,,Xn]K[X1,,Xn]G,

angewendet auf diese Gleichung, liefert

f=ρ(f)=ρ(j=1mhjfj)=j=1mρ(hj)fj.

Dabei ist der Grad von ρ(hj) gleich dem Grad von hj und somit kleiner als der Grad von f und sie gehören zum Invariantenring, sodass die ρ(hj) nach Induktionsvoraussetzung in der von den fj erzeugten Algebra liegen.


Das Ideal IG heißt auch das Hilbertideal.



Korollar  

Es sei G eine Gruppe, die auf dem positiv graduierten Polynomring K[X1,,Xn] als Gruppe von homogenen K-Algebraautomorphismen operiere. Es sei vorausgesetzt, dass der Invariantenring ein homogener direkter Summand des Polynomringes ist.

Dann ist der Invariantenring eine endlich erzeugte K-Algebra.

Beweis  

Es sei IG das von allen Invarianten positiven Grades erzeugte Ideal in K[X1,,Xn]. Aufgrund des Hilbertschen Basissatzes besitzt IG ein endliches Idealerzeugendensystem. Daher folgt die Aussage aus Lemma 12.6.




Faktorialität der Invariantenringe

Während Invariantenringe unter schwachen Voraussetzungen normal sind, ist die Faktorialität eher eine seltene Eigenschaft. In Beispiel 7.13 haben wir eine lineare Operation einer zyklischen Gruppe /(n) auf K[U,V] kennengelernt, deren Invariantenring gleich K[X,Y,Z]/(XYZn) ist. Die Gleichung  XY=Zn  zeigt, dass zwei wesentlich verschiedene Zerlegungen in irreduzible Elemente vorliegen. Dieser Invariantenring ist also nicht faktoriell.



Satz  

Es sei R ein faktorieller Bereich und es sei G eine endliche Gruppe, die auf R als Gruppe von Ringautomorphismen operiere. Die Charaktergruppe zu G mit Werten in der Einheitengruppe R× sei trivial, d.h. es ist

Hom(G,R×)=0.

Dann ist auch der Invariantenring faktoriell.

Beweis  

Wir zeigen, dass FRG, F0, eine im Wesentlichen eindeutige Zerlegung in irreduzible Faktoren besitzt. Es sei

F=F1r1Fnrn

die Zerlegung in R in irreduzible Faktoren, wobei die Fi paarweise nicht (in R) assoziiert seien. Für jedes  σG  ist dann auch

F=Fσ=(F1σ)r1(Fnσ)rn.

Wegen der Faktorialität von R muss diese Zerlegung mit der ursprünglichen Faktorzerlegung übereinstimmen, d.h. zu jedem i gibt es ein j und eine Einheit  aijR×  mit

Fiσ=aijFj.

Es sei

{1,,n}=jJIj

die disjunkte Zerlegung der Indexmenge, bei der zwei Indizes i,j in der gleichen Teilmenge landen, wenn es ein  σG  derart gibt, dass Fiσ und Fj assoziiert sind. Wir setzen

Hj:=iIjFi.

Insbesondere ist dann

F=jJHjrj.

Es ist

Hjσ=(iIjFi)σ=iIj(Fiσ)=aj(σ)iIjFi=aj(σ)Hj

mit einer (von σ abhängigen) Einheit

aj(σ)=HjσHj.

An dieser letzten Darstellung sieht man, dass die Zuordnung GR×, σaj(σ), ein Charakter ist. Nach Voraussetzung ist dieser also trivial, und damit sind die Hj invariant. Somit ist

F=jJHj
eine Faktorzerlegung in RG. Die Hj sind dabei irreduzibel in RG, da eine Faktorzerlegung

 Hj=AB  sofort zu einer Zerlegung von  Hj=iIjFi  in Teilprodukte führt, die aber wegen der Wahl der Ij nicht invariant sein können. Wenn  F=A  eine beliebige Zerlegung von F in irreduzible Faktoren  ARG  ist, so sind die A, aufgefasst in R, Produkte gewisser Fi, und wegen der Wahl der Ij wird A sogar von einem Hj (in R und in RG) geteilt. Es liegt also eine eindeutige Zerlegung in irreduzible Faktoren vor und damit ist RG nach Lemma 11.13  (2) faktoriell.



Korollar  

Es sei K ein Körper und  R=K[X1,,Xn].  Es sei G eine endliche Gruppe, die auf R als Gruppe von K-Algebraautomorphismen operiere. Die Charaktergruppe G sei trivial.

Dann ist auch der Invariantenring faktoriell.

Beweis  

Dies folgt aus Satz 12.8.


Das Beispiel der symmetrischen Gruppe zusammen mit dem nichttrivialen Signumscharakter, wo der Invariantenring ein Polynomring ist, zeigt, dass die Bedingung des vorstehenden Satzes nicht notwendig für die Faktorialität des Invariantenringes ist.



Die Krulldimension

Es sei R ein kommutativer Ring. Eine Kette aus Primidealen

𝔭0𝔭1𝔭n

nennt man Primidealkette der Länge n (es wird also die Anzahl der Inklusionen gezählt, nicht die Anzahl der beteiligten Primideale). Die Dimension (oder Krulldimension) von R ist das Supremum über alle Längen von Primidealketten. Sie wird mit dim(R) bezeichnet.

Wir werden hier die Dimensionstheorie nicht systematisch entwickeln. Ohne Beweis teilen wir das folgende Ergebnis mit.


Satz

Es sei R ein noetherscher Ring der Dimension d.

Dann besitzt der Polynomring R[X] die Dimension d+1.

Insbesondere ist die Dimension des Polynomringes K[X1,,Xn] über einem Körper K gleich n. Wir werden bald, ausgehend von der Ganzheit über dem Invariantenring, sehen, dass der Invariantenring dimensionsgleich zum Ausgangsring ist.


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