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Kurs:Invariantentheorie (Osnabrück 2025-2026)/Vorlesung 7

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Wir haben schon vereinzelt die Standardgraduierung auf dem Polynomring verwendet. In dieser Vorlesung führen wir graduierte Ringe allgemein ein und erläutern den engen Zusammenhang zwischen Graduierungen und Gruppenoperationen von kommutativen Gruppen.



Graduierungen

Es sei R ein kommutativer Ring und D eine kommutative Gruppe. Eine R-Algebra A heißt D-graduiert, wenn es eine direkte Summenzerlegung

A=dDAd

mit R-Untermoduln Ad derart gibt, dass  RA0  ist und für die Multiplikation auf A die Beziehung

AdAeAd+e

gilt.

Eine einfache Überlegung zeigt, dass  1A0  ist und dass somit A0 eine R-Unteralgebra von A ist. Häufig spricht man einfach von einem D-graduierten Ring A. Statt R kann man stets oder A0 als Grundring wählen.

In einer D-graduierten R-Algebra besitzt jedes Element  aA  eine eindeutige Darstellung

a=dDad mit adAd,

wobei nur endlich viele der ad ungleich 0 sein können. Die ad heißen dabei die homogenen Komponenten von a, die Ad heißen ebenfalls die homogenen Komponenten von A (oder d-ten Stufen) und Elemente  aAd  heißen homogen vom Grad d. Die Gruppe D heißt die graduierende Gruppe. Der Fall  Ad=0  ist erlaubt.

Durch eine Graduierung wird die Multiplikation auf einer Algebra A übersichtlicher strukturiert. Man muss lediglich für homogene Elemente aAd und bAe die Produkte  abAd+e  kennen, dadurch ist schon die gesamte Multiplikation distributiv festgelegt.



Es sei R ein kommutativer Ring und R[X1,,Xn] der Polynomring in n Variablen über R. Dieser ist in naheliegender Weise -graduiert. Man definiert für ein Monom X1k1X2k2Xnkn den Grad durch k1+k2++kn und setzt Ad als den R-Modul aller Polynome an, die R-Linearkombinationen von Monomen von Grad d sind. Bei der Multiplikation von zwei Monomen verhält sich der Grad offensichtlich additiv, sodass dadurch eine graduierte R-Algebra entsteht. Es ist  A0=R  und  An=0  für negativen Grad n. Diese Graduierung heißt auch die Standardgraduierung auf dem Polynomring.



Es sei R ein kommutativer Ring und R[X1,,Xn] der Polynomring in n Variablen über R. Die additive Gruppe des Polynomrings ist einfach

νnRXν.

Daher ist der Polynomring n-graduiert, wobei die  ν=(ν1,,νn)- te Stufe einfach aus allen R-Vielfachen des Monoms

Xν=X1ν1Xnνn
besteht. Die Stufen zu

 νn  sind also isomorph zu R, die anderen Stufen, bei denen mindestens eine Komponente negativ ist, sind 0. Diese Graduierung nennt man die feine Graduierung des Polynomringes.


Durch einen (surjektiven) Gruppenhomomorphismus

nD

kann man aus der feinen Graduierung des Polynomrings wiederum „gröbere Graduierungen“ gewinnen. In Beispiel 7.13 wird diese Konstruktion eingesetzt.


Es sei K ein Körper,  aK  und  n.  Dann besitzt die Restklassenalgebra  A=K[X]/(Xna)  eine Graduierung mit der graduierenden Gruppe  D=/(n),  und zwar setzt man (wobei x die Restklasse von X sei)

Ad={λxdλK}.

Jedes Element  fA  kann man durch ein Polynom repräsentieren, das maximal den Grad n1 besitzt. Daher besitzt jedes f eine Summendarstellung mit Summanden aus den Ad. Diese Summenzerlegung ist direkt, da man mit der einzigen gegebenen Gleichung  Xn=a  nicht weiter reduzieren kann. Die Multiplikationseigenschaft folgt aus  λxdμxe=λμxd+e,  und dies ist gleich λμaxd+en, falls  d+en  ist, und andernfalls gleich λμxd+e. So oder so ist es ein Element aus Ad+e.




Lemma  

Es sei D eine kommutative Gruppe und A ein kommutativer D-graduierter Ring.

Dann ist der Unterring  A0A  ein direkter Summand.

Beweis  

Die Stufen Ad sind A0-Moduln, daher ist

A=A0(dD,d0Ad)

eine direkte Summenzerlegung.


Wir nennen die Stufe A0 auch die neutrale Stufe des graduierten Ringes.



Homogene Ideale

Es sei R ein kommutativer Ring, D eine kommutative Gruppe und

A=dDAd
eine

D-graduierte R-Algebra. Ein Ideal  𝔞A  heißt homogen, wenn zu  f𝔞  auch die homogenen Komponenten  fd𝔞  sind.

Für ein homogenes Ideal liegt die Summenzerlegung

𝔞=dD𝔞d

mit

𝔞d=𝔞Ad

vor.



Es sei R ein kommutativer Ring, D eine kommutative Gruppe und A eine D-graduierte R-Algebra. Es sei  𝔞A  ein homogenes Ideal.

Dann ist auch der Restklassenring A/𝔞 D-graduiert.

Dabei ist

(A/𝔞)d=Ad/𝔞d.

Beweis

Siehe Aufgabe 7.9.



Graduierungen und Gruppenoperationen

Wir kommen nun zu der Beziehung zwischen D-Graduierungen und Operationen der Charaktergruppe D.



Lemma  

Es sei K ein Körper, D eine kommutative Gruppe und A eine D-graduierte kommutative K-Algebra.

Dann gibt es einen Gruppenhomomorphismus

D=Char(D,K)AutK(A),χ(adχ(d)ad),

der Charaktergruppe von D in die (homogene) K-Automorphismengruppe von A.

Wenn alle  Ad0  sind, so ist diese Zuordnung injektiv.

Beweis  

Zu jedem Charakter

χ:DK×
ist die durch

 φχ(dDad)=dDχ(d)ad  definierte Abbildung φχ mit der Addition verträglich. Die Verträglichkeit mit der Multiplikation folgt für homogene Elemente adAd und aeAe aus

φχ(adae)=χ(d+e)adae=χ(d)χ(e)adae=φχ(ad)φχ(ae),

woraus sich aufgrund des Distributivgesetzes auch der allgemeine Fall ergibt. Für  aA0  (und insbesondere für aK) ist ferner  φχ(a)=χ(0)a=a,  sodass ein K-Algebrahomomorphismus vorliegt.
Der triviale (konstante) Charakter geht bei dieser Zuordnung auf die Identität. Es seien nun zwei Charaktere  χ1,χ2Char(D,K)  gegeben. Für ein homogenes Element  adAd  ist

φχ1χ2(ad)=(χ1χ2)(d)ad=χ1(d)χ2(d)ad=χ1(d)φχ2(ad)=φχ1(φχ2(ad))=(φχ1φχ2)(ad),

sodass die Gesamtzuordnung mit den Verknüpfungen verträglich ist. Daher gilt auch

φχφχ1=φχχ1=φ1=IdA,

sodass jedes φχ ein K-Algebraautomorphismus und die Gesamtzuordnung ein Gruppenhomomorphismus ist.
Die Injektivität ergibt sich unter Verwendung von Lemma 44.22 (Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)) folgendermaßen. Bei  χ1  gibt es ein  dD  mit  χ(d)1.  Nach Voraussetzung ist

Ad0,

sei also aAd, a0. Damit ist  φχ(a)=χ(d)aa,  da χ(d)1 eine Einheit ist. Also ist  φχIdA


Aufgrund dieses Lemmas operiert also die Charaktergruppe zur graduierenden Gruppe auf A als Gruppe von (homogenen) K-Algebraautomorphismen. Der zugehörige Invariantenring zu dieser Operation fällt unter schwachen Bedingungen mit dem Ring der neutralen Stufe der Graduierung zusammen.



Satz  

Es sei K ein Körper, D eine kommutative Gruppe und A eine D-graduierte kommutative K-Algebra. Zu jedem dD, d0, gebe es einen Charakter  χD  mit

χ(d)1.

Dann ist A0 der Invariantenring unter der natürlichen Operation der Charaktergruppe  G=D  auf A.

Beweis  

Für ein Element  fA0  und einen beliebigen Charakter χ ist offenbar

φχ(f)=χ(0)f=f,

sodass  A0AG  ist. Da die Operation der Charaktergruppe homogen ist, sind die homogenen Komponenten eines invarianten Elements  fAG  ebenfalls invariant. Es sei  fAdAG  und  d0.  Aufgrund der Voraussetzung gibt es einen Charakter

χ:DK×

mit  χ(d)1.  Dann ist

φχ(f)=χ(d)ff,

also sind solche Elemente nicht invariant.



Korollar  

Es sei K ein Körper, D eine endliche kommutative Gruppe und A eine D-graduierte kommutative K-Algebra. Der Körper enthalte hinreichend viele Einheitswurzeln, sodass die Charaktergruppe  G=D  von D isomorph zu D sei.

Dann ist A0 der Invariantenring unter der natürlichen Operation der Charaktergruppe G auf A.

Beweis

Dies folgt direkt aus Satz 7.10.

Es sei K ein Körper der positiven Charakteristik p und der Polynomring K[X] sei durch  D=/(p)  über /(p) graduiert. Die neutrale Stufe ist offenbar K[Xp]. Die Charaktergruppe zu /(p) ist aber trivial, da es wegen

(x1)p=xp1

neben der 1 keine weiteren p-ten Einheitswurzeln in K gibt. Damit ist natürlich auch die induzierte Operation trivial und der Invariantenring ist K[X].


Wir besprechen abschließend ein wichtiges Beispiel für Invariantenringe, die die sogenannten A-Singularitäten repräsentieren.


Es sei K ein Körper, der eine primitive n-te Einheitswurzel ξ enthalte. Wir betrachten die Untergruppe

G={(ζ00ζ1)ζn=1}GL2(K)

und die zugehörige Operation auf K2 bzw. auf K[U,V]. Es handelt sich um eine zyklische Gruppe der Ordnung n, die von

g=(ξ00ξ1)

erzeugt wird. Die Operation von g auf K[U,V] ist durch UξU und Vξ1V gegeben. Offenbar sind

X=Un,Y=Vn,Z=UV

invariante Polynome unter dieser Gruppenoperation, die in der Beziehung

XY=Zn

stehen. Dass diese drei Invarianten den Invariantenring erzeugen, sieht man am besten, wenn man die Situation graduiert realisiert. Dazu sei der Polynomring ×-graduiert, wobei U den Grad (1,0) und V den Grad (0,1) besitze. Wir betrachten den Gruppenhomomorphismus

δ:2/(n)=:D,(a,b)ab,

und die zugehörige D-Graduierung des Polynomringes. Wir identifizieren die Charaktergruppe D mit der obigen Gruppe G, indem wir

χ:DK×

mit (χ(1)00χ(1)) identifizieren. Bei dieser Identifizierung entspricht die obige explizite Operation von G auf K[U,V] der natürlichen Operation der Charaktergruppe gemäß Lemma 7.9. Nach Korollar 7.11 ist der Invariantenring unter der G-Operation gleich der neutralen Stufe unter der D-Graduierung. Der Kern von δ wird durch (n,0),(0,n),(1,1) erzeugt. Die zugehörigen Stufen bilden somit den Invariantenring. Der Invariantenring ist also K[Un,Vn,UV].


Im vorstehenden Beispiel haben wir einen surjektiven Ringhomomorphismus

K[X,Y,Z]/(XYZn)K[Un,Vn,UV]=K[U,V]G.

Dies ist in der Tat ein Isomorphismus, d.h.  XY=Zn  ist die einzige relevante Gleichung. Dies liegt daran, dass das Polynom XYZn irreduzibel ist und dadurch der Restklassenring K[X,Y,Z]/(XYZn) ein Integritätsbereich ist. Die Übereinstimmung mit dem Invariantenring folgt nun aus der Dimensionstheorie, die wir aber nicht systematisch entwickeln werden. Jedenfalls ist dieser Restklassenring und der gesuchte Invariantenring zweidimensional, sodass sie übereinstimmen müssen, siehe Aufgabe 12.14.


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