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Kurs:Kommutative Algebra/Teil III/Vorlesung 65



Freie Auflösungen

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Eine freie Auflösung ist ein (linksseitig unendlicher) exakter Komplex

…⟶F2⟶F1⟶F0⟶M⟶0,

wobei die Fi freie endlich erzeugte R-Moduln sind.

Die Fi haben somit die Form  Fi=Rri  mit  ri∈ℕ.  Die R-Modulhomomorphismen

θi:Fi+1=Rri+1⟶Fi=Rri

werden durch Matrizen beschrieben. Da F0→M surjektiv ist, muss M endlich erzeugt sein, wenn es für ihn eine freie Auflösung gibt. Den Modul M kann man aus der Auflösung F∙, bei der man M weglässt, als Kokern von θ0 rekonstruieren. Die Bedeutung von freien Auflösungen liegt darin, beliebig komplizierte und insbesondere hochgradig nichtfreie Moduln durch freie Moduln zu beschreiben.



Lemma  

Es sei R ein noetherscher kommutativer Ring und M ein endlich erzeugter R-Modul.

Dann besitzt M eine freie Auflösung mit endlich erzeugten freien Moduln.

Beweis  

Zunächst gibt es einen surjektiven R-Modulhomomorphismus

θ−1:F=Rr0⟶M,

wobei die Standardvektoren ei auf ein (endliches) Erzeugendensystem mi von M abgebildet werden. Somit hat man eine kurze exakte Sequenz

0⟶M0=kern⁡(θ−1)⟶F0⟶M⟶0.

Nach Satz 23.3 ist F0 ein noetherscher Modul und somit ist M0 ebenfalls endlich erzeugt. Man findet daher wieder eine Surjektion

θ0:F1⟶M0

und so kann man induktiv fortfahren.

◻



Eine freie Auflösung

…⟶F2⟶F1⟶F0⟶M⟶0

eines R-Moduls M heißt minimal, wenn in jedem Schritt die Abbildung

θi:Fi+1⟶Mi⊆Fi

durch ein Erzeugendensystem von

Mi=kern⁡θi−1

von minimaler Anzahl gegeben ist.



Es sei R ein lokaler noetherscher Ring, M ein endlich erzeugter R-Modul und

…⟶F2⟶F1⟶F0⟶M⟶0

eine minimale freie Auflösung von M.

Dann ist der Rang von Fi gleich der R/𝔪-Dimension von Mi⊗RR/𝔪 mit  Mi=kern⁡(θi−1). 

Beweis

Siehe Aufgabe 65.1.
◻



Satz  

Es sei R ein lokaler noetherscher Ring und M ein endlich erzeugter R-Modul.

Dann ist die minimale freie Auflösung von M im folgenden Sinne eindeutig bestimmt: Wenn

…⟶F2⟶F1⟶F0⟶M⟶0

und

…⟶G2⟶G1⟶G0⟶M⟶0

minimale freie Auflösungen von M sind, dann gibt es R-Modulisomorphismen

Ψi:Fi⟶Gi

derart, dass die Diagramme

Fi+1⟶θiFiΨi+1↓↓ΨiGi+1⟶θi′Gi

kommutieren.

Beweis  

Wir konstruieren induktiv die Ψi, i∈ℕ. Für  i=0  betrachten wir die Situation

F0⟶θ−1M?↓↗θ−′1G0.

Wegen der Minimalität rühren beide Abbildungen von einem minimalen Modulerzeugendensystem der Länge n von M her, sagen wir

θ−1(ej)=uj

und

θ−′1(ej)=vj.

Es ist dann

θ−1(ej)=uj=∑i=1nrijvi.

Durch die Festlegung

Ψ0(ej):=∑i=1nrijei

erhält man dann einen R-Modulhomomorphismus von F0 nach G0, der mit den gegebenen Abbildungen kommutiert. Die Abbildung ist surjektiv, da andernfalls ein echter Untermodul von G0 schon surjektiv auf M abbildet würde, was der Minimalität von G0 widerspricht (siehe Aufgabe 18.1). Dieser Isomorphismus führt somit auch die Kerne

M0=kern⁡θ−1

und

N0=kern⁡θ−′1

ineinander über. Es sei nun vorausgesetzt, dass die Isomorphismen Ψi schon konstruiert sind und die Kerne ineinander überführen. Dann liegt die Situation

Fi+1⟶θiMi⟶Fi?↓Ψi|Mi↓↓ΨiGi+1⟶θi′Ni⟶Gi

vor, wobei das Quadrat rechts kommutiert. Sowohl θi als auch θi′ rühren von einem minimalen Erzeugendensystem von Mi bzw. Ni her. Das im Wesentlichen gleiche Argument wie am Induktionsanfang zeigt, dass es einen Isomorphismus

Ψi+1:Fi+1⟶Gi+1

gibt, der die Kerne ineinander überführt.

◻



Endliche projektive Dimension

Es sei R ein noetherscher lokaler Ring und M ein endlich erzeugter R-Modul. Man sagt, dass M eine endliche projektive Dimension besitzt, wenn es eine freie Auflösung

…⟶F2⟶F1⟶F0⟶M⟶0

mit  Fn=0  für  n≥n0  gibt. In diesem Fall nennt man das Minimum der n mit  Fn+1=0  für alle freie Auflösungen die projektive Dimension von M.

Die projektive Dimension eines Moduls ist also das Maximum des Indexes, wo in jeder freien Auflösung ein Modul ≠0 stehen muss. Ein endlich erzeugter freier Modul ≠0 besitzt demnach die projektive Dimension 0, der Nullmodul die projektive Dimension −1. Zu einem Nichtnullteiler  f∈𝔪  besitzt der Restklassenmodul R/(f) die projektive Dimension 1, da eine freie Auflösung

0⟶R⟶fR⟶R/(f)⟶0

vorliegt, und R/(f) selbst nicht frei ist.


Es sei R ein zweidimensionaler lokaler regulärer Ring mit dem maximalen Ideal  𝔪=(x,y).  Dann ist

0⟶R⟶(y−x)R2⟶(x,y)R⟶R/𝔪⟶0

eine freie Auflösung des Restklassenkörpers R/𝔪. Dieser besitzt also die projektive Dimension 2. Die einzige Stelle, an der die Exaktheit nicht direkt klar ist, ist für R2. Es seien  (a,b)∈R2  mit  ax+by=0.  Dies bedeutet  ax=−by  und dies bedeutet  ax=0  in R/(y). Nach Lemma 64.4 ist dies ein regulärer Ring der Dimension 1 und x erzeugt darin das maximale Ideal. Wegen Satz 64.5 ist R/(y) ein Integritätsbereich und somit ist dort  a=0.  Dies heißt zurückübersetzt nach R, dass  a=cy  ist. Da y ein Nichtnullteiler in R ist, folgt  b=−cx  und somit ist

(ab)=c(y−x).



Lemma  

Es sei R ein lokaler noetherscher Ring und  L=M⊕N  ein endlich erzeugter R-Modul mit einer endlichen projektiven Dimension.

Dann besitzen auch die direkten Summanden M und N eine endliche projektive Dimension, die höchstens so groß wie die von L ist.

Beweis  

Wir führen Induktion über die projektive Dimension von L. Wenn diese gleich 0 ist, so bedeutet dies, dass L frei ist. Doch dann sind M und N als direkte Summanden projektiv und somit nach Lemma 47.9 selbst frei. Es sei die Aussage nun für endliche projektive Dimension e bewiesen und M⊕N habe die projektive Dimension e+1. Es sei

Rn⟶M⊕N

surjektiv und minimal. Dabei kann man annehmen, dass dies von surjektiven Abbildungen Rn1→M und Rn2→N mit  n1+n2=n  herrührt. Dann ist der Kern davon von der Form M′⊕N′ und man kann darauf die Induktionsvoraussetzung anwenden.

◻




Fußnoten



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