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Kurs Diskussion:Dresden im Mittelalter/Die doppelte Stadtgründung

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Die doppelte Stadtgründung

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung und modernen Deutung*

von

JÖRG OBERSTE

Die Frage nach den Anfängen der Stadt Dresden, der im zeitlichen Umfeld des Stadtjubiläums von 2006 eine kurze Renaissance beschieden war, ist mittlerweile durch aktuellere Diskussionen und Diskurse abgelöst worden. Die Erschließung und Wiederbebauung historischer Plätze in der Dresdner Altstadt etwa fordert zum Nachdenken über Urbanitätskonzepte und moderne Stadtplanung heraus. Gleichwohl ziehen die baulichen Veränderungen in der Innenstadt immer wieder auch archäologische Neufunde nach sich, die Erkenntnisse zur mittelalterlichen Stadtentstehung und Stadtentwicklung zulassen und zur Überprüfung der älteren Erklärungs- und Deutungsmuster herausfordern. Aus Sicht der Stadtkernarchäologie zählt das Dresdner Stadtzentrum durch die umfangreiche Grabungstätigkeit der drei letzten Jahrzehnte heute zu den archäologisch am besten erschlossenen Innenstadtarealen deutscher Großstädte. 1

Der vorliegende Beitrag verfolgt ein doppeltes Anliegen: Zum einen stellt er die älteren Theorien zur Stadtentstehung


  • Der Beitrag basiert auf dem Referat „Mythen und Fragmente. Die Anfänge Dresdens in Überlieferung und moderner Deutung“, das ich im Rahmen einer Ringvorlesung zur Dresdner Stadtgeschichte der TU Dresden am 4. Mai 2006 im Dresdner Stadtmuseum gehalten habe. Die Vortragsform wurde weitgehend beibehalten.

1 Vgl. die Übersicht über die jüngeren Grabungen am Dresdner Neumarkt:

  • JENS BEUTMANN, Die Ausgrabungen auf dem Dresdner Neumarkt – Befunde zur Stadtbefestigung,

Vorstadtbebauung und Friedhof, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 48/49 (2006/2007), S. 155-241, und

  • DERS., Ausgrabungen um Frauenkirche und Neumarkt in Dresden. Ein Beitrag zur Geschichte der Dresdner Frauenvorstadt. Die Dresdner Frauenkirche, in: Jahrbuch Geschichte und Gegenwart 12 (2008),

S. 103-123.

Jüngere Einzelstudien zum Dresdner Schloss bzw. dem älteren Gewandhaus liegen vor mit:

  • REINHARD SPEHR, Archäologie im Dresdner Schloss. Die Ausgrabungen 1982

bis 1990, Dresden 2006, und

  • FABIAN ZENS/CHRISTOF SCHUBERT, Zur Geschichte des Alten

Gewandhauses in Dresden. Unter Berücksichtigung der Befunde der archäologischen Grabungen, in: Dresdner Geschichtsbuch, hrsg. vom Stadtmuseum Dresden, Altenburg 2008, S. 7-30.

Die umfangreiche Grabung westlich des Altmarktes auf dem Gelände der heutigen Altmarktgalerie ist dokumentiert bei PETER HIPTMAIR/JUDITH OEXLE/MARTIN KROKER/HARTMUT OLBRICH, Zwischen Wallstraße und Altmarkt. Archäologie eines Altstadtquartiers in Dresden, 2002


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in ihren wissenschaftsgeschichtlichen Kontext und arbeitet somit die Brüche, Neuorientierungen, Konjunkturen und Kontinuitäten in der langen Beschäftigung mit diesem Thema heraus. 2

Zum anderen wird auf der Grundlage historischer und archäologischer Beobachtungen und Überlegungen eine neue These zu den Anfängen der Stadt Dresden offeriert. Der Titel „Die doppelte Stadtgründung“ 3

deutet die Richtung der Neuinterpretation an. Stadtbildung wird dabei prinzipiell als längerfristiger Prozess verstanden. Der Aufbau von Siedlungs- und Infrastrukturen, von wirtschaftlichen und politischen Organisationsformen, von kulturellen und religiösen Netzwerken, die allesamt das urbane Leben des Mittelalters kennzeichneten, ist Herausforderung für mehrere Generationen und verschiedene politische Akteure gewesen.

Die Idee der ‚Gründung‘ verweist dabei auf jenen fundierenden Impuls, durch den die Träger der Territorialherrschaft die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für eine dauerhafte Ansiedlung von Kaufleuten und Handwerkern – und damit für die Entstehung einer bürgerlichen Rechtsgemeinschaft (civitas) – setzten. Dass dabei in vielen, wenn auch keineswegs in allen Fällen auf ältere Siedlungs- oder Kommunikationsstrukturen zurückgegriffen wurde und der durch die Gründung eingeleitete Prozess der Stadtentstehung oft über Jahrzehnte virulent blieb, ist nicht ungewöhnlich, sondern der zu erwartende Normalfall in der ungemein produktiven Periode der urbanen Expansion zwischen dem späten 12. und dem 14. Jahrhundert. 4

Aus der archäologischen Erschließung des Dresdner Stadtkerns kennt man zum einen die weitgehend gleichmäßige, auf die Elbbrücke im Norden und die drei Stadttore im Osten (Frauentor), Süden (Seetor) und Westen (Wilisches Tor) ausgerichtete Anlage der frühen Parzellen und Straßen sowie zum anderen das völlige Fehlen älterer Siedlungsspuren innerhalb des mittelalterlichen Mauerrings. Beides lässt sich in Übereinstimmung mit den rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Ostmitteleuropa bringen. Nach neueren vergleichenden Ansätzen spielten geplante Neugründungen im Prozess des Landes- und Siedlungsausbaus als Knotenpunkte der Herrschaft, Wirtschaft und Kultur eine herausgehobene Rolle. 5

Dresden ist als Gründungsstadt in der Germania slavica östlich von Elbe und Saale in diesen größeren Prozess einzuordnen.

2 Einen Überblick über den älteren Stand ermöglicht MATTHIAS MEINHARDT, Die Erforschung der Geschichte Dresdens von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Forschungsbericht, Literaturbericht und Bibliographie, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 39 (1997), S. 79-142, hier bes. S. 109-122.

3 Vgl. CHRISTOPH KLESSMANN, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, Göttingen 1982.

4 Vgl. im Überblick EBERHARD ISENMANN, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter: 1250–1500, Stuttgart 1988, S. 26-30, und FELICITAS SCHMIEDER, Die mittelalterliche Stadt, Darmstadt 2005, S. 14-52.

5 EIKE GRINGMUTH-DALLMER, Wendepflug oder Planstadt? Forschungsprobleme der hochmittelalterlichen Ostsiedlung, in: Siedlungsforschung 22 (2002), S. 239-255; DERS., Die hochmittelalterliche Ostsiedlung in vergleichender Sicht, in: Siedlungsforschung 24 (2006), S. 99-121


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Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung

I. Mythen und Fragmente – die Anfänge der Erforschung der Anfänge

Der Dresdner Prediger Johann Christian Hasche, ein Zeitgenosse Goethes, empfand zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis, die bislang unternommenen Versuche zur Dresdner Geschichte auf eine festere, das hieß für ihn urkundliche, Quellengrundlage zu stellen. Seine „Diplomatische Geschichte Dresdens“, Bd. 1 erschienen 1816, wurde somit zur ersten quellenkritischen Darstellung der Dresdner Stadtgeschichte. Der Anhang von Hasches erstem Band präsentierte unter anderem einen vollständigen Abdruck der Ersterwähnungsurkunde von 1206.

Hasche fühlte sich der historisch-kritischen Methode verpflichtet, welche durch die Begründer der Monumenta Germaniae Historica im benachbarten Preußen in gerade diesen Jahren zur anerkannten Grundlage der modernen Geschichtswissenschaften aufstieg. 6

Bei seiner Erkundung der Anfänge Dresdens geriet der Gelehrte jedoch schon bald in eine Sackgasse. Vermeintliche Gewissheiten der älteren Hofgelehrten erwiesen sich schnell als unhaltbar; der kritische Blick auf die Quellen förderte aber weniger neue Erkenntnisse als neue Fragezeichen zutage. Für Hasche war die Frühzeit der Stadt einfach „Dresdens ungewisse Geschichte“. Sein Fazit nach Sichtung der Quellen und älteren Literatur war ernüchternd: „Und so deckt dicke Nacht unseren ersten Ursprung“. 7

Hart ging Hasche mit seinen gelehrten Vorfahren ins Gericht, am bedeutendsten wohl Anton Weck, der in kurfürstlichen Diensten stehende Verfasser „Der Churfürstl. Sächs. weitberuffenen Residentz- und Hauptvestung Dreßden Beschreib und Vorstellung“, erschienen zuerst in Nürnberg 1679. 8

Für diesen älteren Typus höfischer Geschichtsschreibung kennen wir heute den Oberbegriff der topografischen Methode. Ihr Meisterwerk hatte diese Methode ohne Zweifel in der umfassenden „Topographia Germaniae“ des Matthäus Merian aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Konkret umfasste diese Methode eine bunt gemischte Zusammenstellung der wichtigsten Bauwerke und Plätze, Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze, Anekdoten und Persönlichkeiten, eben den so genannten „Merkwürdigkeiten“ des betreffenden Ortes.

Hasche hatte in seiner „Diplomatischen Geschichte“ für die topografische Methode nur noch Hohn und Spott übrig, obwohl er in jungen Jahren selbst eine „Umständliche Beschreibung Dresdens“ veröffentlicht hatte. 9

Als Fantasiegebilde, als Produkte „eines Romandichters“, 10

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 3

6 JOHANN CHRISTIAN HASCHE, Diplomatische Geschichte Dresdens von seiner Entstehung bis auf unsere Tage, Bd. 1, Dresden 1816; Bd. 5,2: Urkundenbuch zur Dresdner Geschichte, Dresden 1822.

  • Vgl. zum Wandel der historischen Methode im 19. Jahrhundert: WOLFGANG HARDTWIG, Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990, bes. S. 58 ff.

7 HASCHE, Diplomatische Geschichte (wie Anm. 6), S. 17.

8 Vgl. zu Anton Weck neuerdings ALEXANDRA STANISLAW-KEMENAH, Die Wecksche Chronik und andere ausgewählte Dresdner Geschichtswerke, in: Deutung und Ideologie. Wandlungen städtischer Geschichtsbilder (Dresdner Hefte 85), Dresden 2006, S. 13-22.

9 JOHANN CHRISTIAN HASCHE, Umständliche Beschreibung Dresdens, 2 Teile, Leipzig 1781–1783.

10 HASCHE, Diplomatische Geschichte (wie Anm. 6), S. 3


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brandmarkte er insbesondere jene älteren Erklärungsversuche von Merian, Weck und anderen, die die bestehenden Überlieferungslücken – nach dem Vorbild mittelalterlicher Chronisten – mit mythischen Erzählungen überbrückten.

„Was neuere Scribenten zu ganzen Heeren, Einer dem Andern nacherzählen, ist lächerliche Sucht, den Ursprung seiner Stadt im finstern Alterthum und unter berühmten Völkern zu finden. Schade nur, daß der Beweis fehlt, und die Erfahrung geradezu widerstreitet. Zwey Einwürfe sehe ich voraus von Leuten, die mehr gelesen als gedacht haben. Eine alte Sage macht Dresden zu einer Römischen Kolonie, welche Drusus auf dem Taschenberge, einer noch jetzt so benannten Gasse, angelegt, wo er seine Trophäen errichtet. Gelehrte und Ungelehrte haben diese Sage aufgeputzt und fortgepflanzt und sie dadurch wahrscheinlich zu machen gesucht. (...) Der zweite Einwurf: Ein Heer von Scribenten weiß es auf ein Haar zu sagen, daß Dresden 808 erbaut und Karl der Große ihr Stifter sey. Selbst Weck, dem alle übrigen nachgebetet haben, beruft sich sogar auf Regino, Abt zu Prüm (...). Aber wirklich ist auch Karl, so wenig wie Drusus, bis ins Meißnische gekommen“. 11

Und dennoch sind die Erzählungen von Drusus und Karl dem Großen weit mehr als nur historisch wertlose Fiktionen. Die neuere Forschung hält Mythen, insbesondere Ursprungsmythen, für eine durchaus wichtige Erkenntnisquelle. Mythen sind fundierende Geschichten, die jenseits aller positiven Beweisbarkeit den eigenen geschichtlichen Standort in einen größeren Horizont einordnen. Ursprungsmythen versichern die gegenwärtig Lebenden ihrer Herkunft und Identität. Und in diesem Sinne speisen sich Mythen immer – um den Ägyptologen Jan Assmann zu zitieren – „aus den Sinnbedürfnissen der Gegenwart“. 12

Niemand wollte bezweifeln, dass sich bei Merian, Weck und anderen Topografen – neben idealisierenden Stadtansichten – auch historisch wertvolle Informationen finden.

Doch das eigentliche Interesse dieser höfischen Geschichtsschreibung lag augenscheinlich darin, den Vorrang des eigenen Fürstengeschlechtes durch Alter, Schönheit und Besonderheit seiner Residenz zu unterfüttern. 13

In der glanzvollen Blütezeit des barocken Dresden im 17. und 18. Jahrhundert verspürte man offenbar das Bedürfnis, die eigene Geschichte aus ihren vermeintlich bescheidenen slawischen Wurzeln zu lösen und in einen größeren historischen Bezugsrahmen zu stellen:

Die Erzählungen von Drusus und Karl dem Großen suchten in genau diesem Sinne die Anbindung an bedeutende abendländische Traditionen: an die griechisch-römische Zivilisation mit ihren blühenden Städten und an die mit der Karolingerzeit verbundene Macht des christlichen Herrschertums.

Auch wenn das Instrumentarium des Historikers seit der Barockzeit präziser geworden ist und gelegentlich von der „Entzauberung“ vormoderner Mythen

4 Jörg Oberste

11 HASCHE, Diplomatische Geschichte (wie Anm. 6), S. 18-21.

12 JAN ASSMANN, Mythos und Geschichte, in: Mythen in der Geschichte, hrsg. von Helmut Altrichter/Klaus Herbers/Helmut Neuhaus, Freiburg-Br. 2004, S. 15.

13 Vgl. STANISLAW-KEMENAH, Wecksche Chronik (wie Anm. 8), S. 13 ff


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durch die empirische Forschung gesprochen wurde, 14

so zeigt sich im öffentlichen Geschichtsbewusstsein eine andere Tendenz: Die von der historischen Erforschung der älteren Epochen zu Tage geförderten Wissenssplitter, Fragmente einer verlorenen Vergangenheit, eignen sich schlecht zur Imagination und Identitätsstiftung.

Die Debatte über die Gestaltung des Neumarktes ist ein gutes lokales Beispiel dafür, wie über die Auseinandersetzung mit Geschichte zugleich Standortbestimmungen für die Gegenwart und Richtungswerte für die Zukunft – und damit konfliktträchtige Interessenfelder – ausgehandelt werden. Der Erfolg von Ausstellungen, historischen Filmen und Romanen, Märkten und Umzügen dokumentiert allenthalben, dass in der Öffentlichkeit virtuellen Lebensbildern der Vergangenheit und geschlossenen Erzählungen ein höherer Stellenwert eingeräumt wird als Einzelergebnissen der Forschung. Der französische Historiker Jacques Le Goff beschreibt diese populäre Weise der Annäherung an die Vergangenheit als Sinn für die „vollständige Geschichte“ („histoire totale“), die das menschliche Bedürfnis nach Narration und Identifikation aufgreift. 15

Dieses Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit und Virtualität steht in vielerlei Hinsicht dem vormodernen Sinn für mythisches Erzählen nahe. Für den Stadthistoriker im Allgemeinen, insbeson�dere aber für die historische Frage nach dem Ursprung einer Stadt, gehören mythische Ursprungserzählungen mithin nicht ins Kuriositätenkabinett.

II. Überlieferungen und Deutungen

Die folgenden Beobachtungen und Überlegungen gelten der Quellenüberlieferung zur mittelalterlichen Frühgeschichte Dresdens sowie den methodischen Perspektiven und Grenzen ihrer wissenschaftlichen Interpretation. Neue Erkenntnisse haben zu unserer Fragestellung im Wesentlichen Fachdisziplinen beigesteuert, die ihr wissenschaftliches Profil erst lange nach Weck und Hasche ausgebildet haben. Neben die urkundlich ausgerichtete Verfassungsgeschichte sind mit der Zeit Namenkunde, Bodenkunde, Stadtkernarchäologie und zuletzt die Stadtplan- und die Patrozinienforschung getreten. 16

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 5

14 Vgl. CARL-FRIEDRICH GEYER, Mythos. Formen, Beispiele, Deutungen, München 1996, S. 65 ff.

15 So beispielsweise im Vorwort seiner bekannten Aufsatzsammlung: JACQUES LE GOFF, Pour un autre Moyen Age. Temps, travail et culture en Occident, Paris 1977, S. 7-15.

16 Einen guten Literaturüberblick ermöglicht

  • – neben der älteren Bibliographie zur Geschichte der Stadt Dresden, hrsg. von der Sächsischen Landesbibliothek, Bd. 1-5, Dresden 1981 –

die von Uwe John erstellte umfangreiche Bibliografie im Anhang der Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, hrsg. von KARLHEINZ BLASCHKE, Stuttgart 2005, S. 712 ff


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Diplomatik


Traditionell lässt die Dresdner Stadtgeschichtsforschung ihre Überlegungen mit der Ersterwähnungsurkunde von 1206 beginnen. Im Zuge des Stadtjubiläums ist die Zahl ihrer Kommentare sprunghaft angestiegen. 17

Der Inhalt der Urkunde ist weithin bekannt: Markgraf Dietrich von Meißen fällt einen Schiedsspruch, der einen schon länger schwelenden Gebietsstreit zwischen dem Meißner Bischof und dem Dohnaer Burggrafen um die Burg Thorun, die wohl auf dem Burgwardsberg von Pesterwitz zu suchen ist, zugunsten des Bischofs beendet.

Bereits Hasche ordnete diesen richterlichen Spruch in die Verfassungsverhältnisse im Gebiet der Oberelbe und vor dem Hintergrund des staufisch-welfischen Thronstreites ein. 18

Die ältere Forschung, vor allem Otto Richter, ging dabei angesichts der Streitsache Thorun von einer eher zufälligen Ortswahl Dresdens aus. Noch 2001 schrieb Karlheinz Blaschke wohl etwas überspitzt: „Für die Frage nach der Entstehung der Stadt ist die Urkunde von 1206 ohne Wert.“ 19

Immerhin kam die ältere Forschung auf ein interessantes, wenn auch irriges topografisches Argument: Da sie noch nicht über die Ergebnisse der archäologischen Ergrabung verfügen konnten, schlossen Otto Richter (1900) und ein halbes Jahrhundert nach ihm Harald Schieckel (1956) aus der Anwesenheit von insgesamt 77 Ortskundigen, Zeugen und Herrschaftsträgern auf eine bereits vorhandene Burg des Markgrafen in Dresden. 20

Einmal abgesehen von der Möglichkeit, dass sich nicht alle der in der Urkunde genannten Personen im März 1206 tatsächlich in Dresden aufgehalten haben müssen, wie jüngst vorgeschlagen, 21

so hat die Archäologie mittlerweile gezeigt, dass der früheste Burgenbau nicht vor 1230 datiert. Hingegen haben sich in den letzten Jahren verschiedene Arbeiten intensiver um die Einordnung der Urkunde von 1206 in den längerfristigen Prozess des Landesausbaus in der Mark Meißen und damit um die Situierung der Stadtwerdung Dresdens in übergeordneten politischen Strukturen bemüht. 22

Die Ortswahl Dresdens war demnach im


6 Jörg Oberste

17 Codex diplomaticus Saxoniae regiae (im Folgenden: CDS), II. Hauptteil, Bde. 1-3: Urkundenbuch des Hochstifts Meissen, hrsg. von ERNST GOTTHELF GERSDORF, Bd. 1, Leipzig 1864, Nr. 74.

  • Vgl. ECKHART LEISERING, Die urkundliche Ersterwähnung Dresdens

am 31. März 1206, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 101-105 (mit Übersetzung und weiterer Lit.) und

  • LARS-ARNE DANNENBERG/MAIKE GÜNTHER, Dresdens Ersterwähnung und kein Ende. Vom Wert der Urkunde – Überlegungen zur normativen Bewältigung von Konflikten und Kontrahenten, in: NASG 77 (2006), S. 175-191.

18 HASCHE, Diplomatische Geschichte (wie Anm. 6), S. 142 f.

19 KARLHEINZ BLASCHKE, Die Entstehung der Stadt Dresden, in: Dresden im Mittelalter (Dresdner Hefte 65), Dresden 2001, S. 4.

  • Ähnlich bereits OTTO RICHTER, Dresden am 31. März 1206, in: Dresdner Geschichtsblätter 15 (1906), S. 82 f.

20 OTTO RICHTER, Geschichte der Stadt Dresden. Erster Teil: Dresden im Mittelalter, Dresden 1900, S. 10-12;

  • HARALD SCHIECKEL, Die ersten Gäste Dresdens vor 750 Jahren, in:

Heimatkundliche Blätter aus Geschichte und Natur Sachsens 12/13 (1956), S. 37-42.

21 DANNENBERG/GÜNTHER, Ersterwähnung (wie Anm. 17), S. 175 ff.

22 ANDRÉ THIEME/MANFRED KOBUCH, Die Landschaft Nisan vom 10.–12. Jahrhundert, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 63-87.


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Jahre 1206 keineswegs zufällig und für die Frage der Stadtentstehung mitnichten unbedeutend; sie signalisiert vielmehr die gewachsenen, aber im Jahre 1206 noch nicht verfestigten Herrschaftsansprüche Markgraf Dietrichs im Elbtal zwischen Meißen und Pirna, dem alten Gau Nisan. In Nisan bestanden in Konkurrenz zum Markgrafen ältere bischöfliche, böhmische und königliche Ansprüche. Letztere wurden durch die Einsetzung eines königlichen Burggrafen in Dohna in den 1140er-Jahren gestärkt. 23

Hinweise auf die allgemeine Konkurrenzsituation gibt eine Urkunde König Konrads III. von 1144, die bischöfliche und markgräfliche Besitzungen in Nisan auseinanderhält und ganz allgemein von Burgenbau- und Wachpflichten der Nisaner Bevölkerung gegenüber dem Markgrafen spricht. 24

Solche militärischen Befugnisse des Markgrafen, die auch andernorts zu seinem Amt gehörten, dürfen freilich nicht mit umfassenden grundherrlichen Rechten im Gau Nisan verwechselt werden. Noch im königlichen Tafelgüterverzeichnis aus der Zeit Barbarossas, vermutlich um 1165 entstanden, wird Nisan zum Königsgut gezählt. 25

Eine Reihe von Indizien spricht dafür, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nicht im Markgrafen oder Bischof, sondern im königlichen Burggrafen von Dohna den aufstrebenden Territorialherrn in Nisan zu sehen:

  • 1) Es gibt bis 1206 keine Urkundentätigkeit der Meißner Markgrafen für dieses Gebiet, während es für andere wettinische Herrschaftsgebiete durchaus Urkunden gibt.
  • 2) Dazu passt die Beobachtung Harald Schieckels, derzufolge sich in Nisan während des 12. Jahrhunderts – ebenfalls im Unterschied zu anderen Territorien – auch keine markgräfliche Dienstmannschaft herausgebildet hat. 26
  • 3) Der Burgenbau, um den es im Streitfall von 1206 geht, wirft Licht auf die anhaltende expansive Territorialpolitik der Burggrafen, die sich mit der Pesterwitzer Burg offenbar eine günstige Position an der Weißeritz zwischen Elbtal und Erzgebirge verschaffen wollten.
  • 4) Noch in spätmittelalterlichen Quellen lässt der Umfang der für den Burggrafen bestimmten Wachkornabgabe und der dritte Teil der Gerichtseinnahmen umrisshaft erkennen, wie weit sich im Elbtal die gerichtlichen und administrativen Rechte der Donins verdichtet hatten. 27

Dass dem Burggrafen als dem aufstreben-

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 7

23 Vgl. ANDRÉ THIEME, Die Burggrafschaft Altenburg. Studien zu Amt und Herrschaft im Übergang vom hohen zum späten Mittelalter, Leipzig 2001.

24 Monumenta Germaniae Historica (im Folgenden: MGH). Diplomata: Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser, Bd. 9: Die Urkunden Konrads III. und seines Sohnes Heinrich, hrsg. von FRIEDRICH HAUSMANN, Wien/Köln/Graz 1969, Nr. 119.

  • Vgl. ANDRÉ THIEME, Die Urkunde König Konrads III. zum Jahre 1144 (Irrweg und Stagnation 4), in: Burgenforschung aus Sachsen 15/16 (2003), S. 190-197.

25 Vgl. MANFRED KOBUCH, Zur Lagebestimmung der Wirtschaftshöfe des staufischen Tafelgüterverzeichnisses im meißnischen Markengebiet, in: Deutsche Königspfalzen. Beiträge zu ihrer historischen und archäologischen Erforschung, Bd. 4, Göttingen 1996, S. 308-376.

26 HARALD SCHIECKEL, Herrschaftsbereich und Ministerialität der Markgrafen von Meißen im 12. und 13. Jahrhundert. Untersuchungen über Stand und Stammort der Zeugen markgräflicher Urkunden (Mitteldeutsche Forschungen, Bd. 7), Köln 1956, bes. S. 78 f.

27 THIEME/KOBUCH, Nisan (wie Anm. 22), S. 85 f.


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den Herrschaftsträger im Dresdner Gebiet gerade durch den hier bislang kaum hervorgetretenen Markgrafen Einhalt geboten wird, ist das eigentlich Interessante an der Urkunde von 1206. Der Spruch von 1206 markiert – wenn schon nicht die Anfänge Dresdens – so doch die gestärkte Herrschaft der Markgrafen in Nisan.

Im Lichte einer weiteren Urkunde, ausgestellt im September 1212 durch den jungen staufischen König Friedrich II. in Basel, deutet sich auch eine Erklärung für den Aufschwung der Wettiner an: Friedrich überließ unmittelbar nach seiner eigenen Königswahl König Ottokar von Böhmen als Dank für dessen Wahlhilfe eine größere Anzahl von Gütern und Territorien vor allem im Osten des Reichs, unter anderem die derzeit verpfändete Burg Dohna mit allen dazu gehörenden Gütern und Rechten, sofern dieses Pfand beim Markgrafen von Meißen wieder ausgelöst werden könne (si illud [castrum Donin cum suis pertinentiis] a marchione Missenense absolvere poterimus). 28

Die Staufer hatten die Burggrafschaft Dohna, die sich bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts mehrfach in böhmischer Hand befunden hatte, zu Beginn des 13. Jahrhunderts offenbar an die Wettiner verpfändet und damit alle königlichen Herrschaftsrechte über dieses auch Nisan umschließende Gebiet – wenn auch temporär – auf die Markgrafen übergehen lassen. Als Zeitpunkt für diesen Vorgang bietet sich das Jahr 1198/99 an, als nach dem überraschenden Tod Kaiser Heinrichs VI. (1197) die staufische Reichslandpolitik im Osten zum Erliegen kam und Heinrichs jüngster Bruder, Philipp von Schwaben, im staufisch-welfischen Thronstreit dringend auf Gefolgsleute angewiesen war. 29

Dietrich der Bedrängte, dem Heinrich VI. noch die Übertragung der Mark Meißen verweigert hatte, zählte von Beginn an zu den treuesten Anhängern Philipps. Dietrichs Name taucht unter den ersten Wählern Philipps auf dem Hoftag im thüringischen Ichtershausen am 6. März 1198 auf. Beim berühmten Magdeburger Weihnachtshoftag Philipps erhielt der Wettiner als Dank für diese Unterstützung die formelle Bestätigung der Meißner Markgrafschaft.

Da – wie die oben zitierte Urkunde Friedrichs II. vom 26. September 1212 für den böhmischen König belegt – die Ansprüche Ottokars auf Dohna und Nisan nie gänzlich erloschen waren, bietet sich als Zeitpunkt für die zumindest temporäre Übertragung der Burggrafschaft Dohna an Markgraf Dietrich, die möglicherweise als Entschädigung für die in den Konflikten seit 1195 erlittenen Nachteile des Wettiners dienen sollte, das Jahr 1200/1201 an, in dem Ottokar von Philipp abfiel und – nach dem Zeugnis Arnolds von Lübeck – Markgraf Dietrich bei Philipp für die Aberkennung des böhmischen Königstitels eintrat. 30

8 Jörg Oberste

28 MGH. Diplomata: Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd. 14,2: Die Urkunden Friedrichs II. 1212–1217, bearb. von WALTER KOCH u. a., Hannover 2007, Nr. 173 (S. 8-10). Zur lokalgeschichtlichen Interpretation dieser Urkunde neben THIEME/KOBUCH, Nisan (wie Anm. 22), zuletzt auch NORBERT OELSNER, Die Dresdner Burg im Mittelalter, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 128 f.

29 Zu dieser politischen Zäsur PETER CSENDES, Philipp von Schwaben, Darmstadt 2003, bes. S. 70 ff.

30 Vgl. CSENDES, Philipp von Schwaben (wie Anm. 29), S. 137 ff


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Was bedeuten diese reichspolitisch bedeutsamen Entwicklungen für die Entstehung der Stadt Dresden? Der Ort an einem älteren Elbübergang, etwa in der Mitte zwischen Meißen und Pirna gelegen, bot günstige topografische Voraussetzungen für die herrschaftliche Erschließung des Nisaner Gebietes. 31

Wie oben angedeutet, konkurrierten dabei der Meißner Bischof und die Burggrafen von Dohna mit den wettinischen Markgrafen von Meißen. Die Anwesenheit Markgraf Dietrichs 1206, 1215 und 1216 in Dresden spricht deutlich für die Inbesitznahme des Ortes durch die Wettiner zu diesem Zeitpunkt. Dietrich bezeichnet den Ort im Januar 1216 bekanntlich als civitas nostra Dreseden. 32

Während der Begriff „civitas“ in seiner Bedeutung als ummauerter Rechtsbezirk oder als rechtlich hervorgehobener Bürgerverband aufgefasst werden kann, 33

ist die Bedeutung des „nostra“ unzweifelhaft und das eigentlich Wichtige: Es bezeichnet den wettinischen Markgrafen als Inhaber der Herrschaftsrechte über Land und Leute am Ort Dresden.

Die Urkunden von 1144, 1206, 1212 und 1216 sowie das undatierte staufische Tafelgüterverzeichnis bilden mithin den spärlichen Kernbestand an zeitgenössischen Schriftquellen für die Verhältnisse im Gau Nisan während der Entstehungszeit Dresdens.

Die Königsurkunde von 1144 stellt dabei im gesamten 12. Jahrhundert das einzige Schriftzeugnis für bestimmte Ansprüche der Wettiner im Dresdner Elbtal dar.

Die Urkunde Markgraf Dietrichs von 1206 ist demnach zweierlei:

  • 1) das älteste direkte Zeugnis für die Regierungshandlung eines Wettiners in Nisan und
  • 2) der älteste Beleg für den Ortsnamen Dresden.


Namenforschung, Siedlungsgeografie und Altstraßenforschung

In der Namenforschung liegt ein weiterer wissenschaftlicher Zugang zur Frühgeschichte Dresdens. Schon im Mittelalter galt die Etymologie als Wissenschaft der ursprünglichen Bedeutung. Eine Dresdner Besonderheit ist darin zu sehen, dass der Ortsname für zwei sich an der Elbe gegenüberliegende Siedlungen nachgewiesen ist.

Während der Beleg von 1206 den linkselbischen Standort bezeichnete, so ist für die rechtselbische Siedlung der Name Altendresden bezeugt.

Schon Hasche hat die deutsche Herleitung Dresdens von „Drei Seen“, die sich bei Merian und Weck findet und mit der linkselbischen Seenlandschaft begründet wird, für abwegig gehalten und einen slawischen Namen vermutet. 34

Mehrere Deutungsver-

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 9

31 Dazu im Überblick HEINZ JACOB, Die vor- und frühgeschichtliche Besiedlung der Dresdner Landschaft bis zur Stadtwerdung, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 23-62.

32 CDS I-3: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen 1196–1234, hrsg. von OTTO POSSE, Leipzig 1898, Nr. 217 (S. 163 f.).

33 Vgl. dazu zuletzt JÖRG OBERSTE, Städtische Erinnerungsarbeit. Die Kanzlei- und Urkundenpraxis des Dresdner Rates im Mittelalter, in: Deutung und Ideologie. Wandlungen städtischer Geschichtsbilder (Dresdner Hefte 85), Dresden 2006, S. 3-12.

34 Dazu im Überblick KARLHEINZ HENGST, Der Ortsname Dresden – seine Herkunft und sprachliche Entwicklung, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 106-115 (auch mit der älteren Literatur). Vgl. HASCHE, Diplomatische Geschichte (wie Anm. 6), S. 29-31


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suche wurden unternommen, bevor sich die Namenforschung bereits am Ende des 19. Jahrhunderts auf das altsorbische „DreÏd’ane“ festgelegt hat, „die Siedlung der Leute am Wald“.

Aus sprachgeschichtlicher Sicht muss also zunächst, wie zuletzt noch einmal Karlheinz Hengst unterstrichen hat, ein ursprünglich slawischer Siedelplatz namens „DreÏd’ane“ im näheren Umfeld der späteren Stadt bestanden haben, dessen Name vor 1206 auf die linkselbisch entstehende deutsche Stadt übertragen und entsprechend eingedeutscht wurde. 35

Wie dieser ursprünglich slawische Siedelplatz beschaffen war und wo er gelegen hat, dazu haben Siedlungsgeografie und Archäologie gerade in den letzten 50 Jahren viel beigetragen. Zwischen 1953, als Alfred Hahns bodenkundliche Arbeit zur „Frühgeschichte Dresdens“ erschien, und dem Überblick von Heinz Jacob aus dem Jahre 2005 hat die Forschung folgendes Bild gewonnen: 36

Die frühesten jungsteinzeitlichen Siedelspuren im heutigen Dresdner Stadtgebiet stammen aus Hanglagen oberhalb des Elbtals im Dresdner Süden und Westen, so aus Lockwitz, Nickern, Mockritz und Cotta. Zwischen Bronzezeit und der slawischen Besiedlung im 7./8. Jahrhundert nahm die Siedeldichte im Elbtal auch in den Niederungen stetig zu. Unter dem Einfluss der christlichen Missionierung änderten sich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert im Elbtal die Siedelformen und der Bestattungsritus, wie unter anderem die ältesten Grabfunde unter der Frauenkirche dokumentieren. 37

Erst jetzt kam es zur Bildung von charakteristischen Dorftypen, etwa Rundplatz- oder Gassendörfern, meist in günstiger Lage oberhalb der normalen Hochwassergrenze und entlang der fruchtbaren Altwasserarme, wie die Beispiele Gruna und Striesen bezeugen. Wichtig ist indessen die Feststellung, dass solche altslawischen Siedelfunde aus dem Bereich der linkselbischen mittelalterlichen Kernstadt fehlen.

Die Siedlungsgeografie vermittelt immerhin eine recht genaue Vorstellung davon, wie das Gelände dort beschaffen war, wo im 12. und 13. Jahrhundert die mittelalterliche Stadt Dresden entstand. Drei Höhenzüge des Geländes, die zugleich Mittelpunkte der späteren Stadt waren, ragen hochwassersicher hervor:

  • das Plateau am Altmarkt lag mit durchschnittlich 113 Metern über N.N. deutlich über der geschätzten alten Elbsohle von etwa 104 Metern;
  • ebenso die Erhöhung im Bereich Frauenkirche/Neumarkt mit 113,5 Metern und
  • der Taschenberg mit ca. 112 Metern. 38

Im Umfeld und teilweise auch im Kernbereich der späteren Stadt befanden sich zahlreiche Wasserläufe und Feuchtzonen.

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35 HENGST, Ortsname (wie Anm. 34), S. 108.

36 Vgl. ALFRED HAHN, Zur Frühgeschichte Dresdens (Forschungen zur ältesten Entwicklung Dresdens, Bd. 1), Leipzig 1953; ALFRED HAHN/ERNST NEEF, Dresden. Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme, Berlin 1984; JACOB, Besiedlung (wie Anm. 31), S. 23-62, insbes. die Karte S. 57.

37 Dazu REINHARD SPEHR, Grabungen in der Frauenkirche von Nisan/Dresden, in: Judith Oexle (Hg.), Frühe Kirchen in Sachsen. Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen, Stuttgart 1994, S. 206-217.

38 HAHN, Frühgeschichte (wie Anm. 36), S. 5-24


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Von zentraler Bedeutung für die Stadtentstehung war das ältere Wegenetz, insbesondere die Lage der natürlichen Elbübergänge in der Umgebung. Die Altstraßenforschung weist im regionalen Umfeld auf Furten oder Fähren in Strehla hin, wo die alte Königsstraße, die Via regia, die Elbe querte, ebenso in Merschwitz, Meißen, Briesnitz, Dresden und Pirna. 39

Daneben hatte sich im Dresdner Raum ein vorwiegend lokal und regional ausgerichtetes Wegenetz ausgebildet. Für die Entstehung der Stadt bedeutsam waren die Verbindungen nach Meißen, Wilsdruff und Freiberg im Westen und Südwesten, die Verbindung nach Pirna und Dohna und von dort zum Böhmischen Steig im Osten und Südosten sowie über die Altendresdner Seite in die Oberlausitz. 40

Wichtig war insbesondere der Anschluss an die Fernhandelsstraße Via regia in Königsbrück, für den aber durchaus auch der Weg über die Briesnitzer Furt in Frage kam. Erst der Bau der Dresdner Elbbrücke dürfte den Verkehr über die Elbe zwischen Meißen und Pirna dauerhaft auf Dresden konzentriert haben.

Stadtplan- und Patrozinienforschung

Die Stadtplanforschung gehört zu den jüngeren stadthistorischen Disziplinen. Auf der Basis des modernen Stadtgrundrisses und früherer Abbildungen, Karten und Katastern sowie unter Einbeziehung der Stadtkernarchäologie, der Bodenkunde und der Namen- und Patrozinienforschung erarbeitet die Stadtplanforschung grundlegende Muster der Anlage und städtebaulichen Entwicklung mittelalterlicher Städte – und zwar in vergleichender Perspektive. 41

Damit präzisiert diese Forschung die älteren Erkenntnisse zur hochmittelalterlichen deutschen Besiedlung des Elbe-Saale-Raums. Im Verlauf des Siedlungs- und Landesausbaus im 12. Jahrhundert hatte bereits die ältere Landesgeschichte, so etwa Rudolf Kötzschke und Walter Schlesinger, von einem ostdeutschen Kolonisationsschema gesprochen, 42

womit planmäßig angelegte deutsche Gründungsstädte an wichti-

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 11

39 Zur Altstraßenforschung vgl.

  • HUGO WIECHEL, Die ältesten Wege in Sachsen. 800–1200, Dresden 1901;
  • RAINER AURIG, Die Entwicklung von Steig und Straße zwischen Freiberger Mulde und Neiße von der Mitte des 10. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Dresden 1989;
  • RENATE WISSUWA, Altstraßen, Mobilität und Austausch. Verkehrsmäßige

Voraussetzungen in Sachsen für die Pilgerbewegung, in: Der Jakobskult in Ostmitteleuropa. Austausch, Einflüsse, Wirkungen, hrsg. von Klaus Herbers, Tübingen 2003, S. 41-55.

40 Vgl. den Überblick von KARLHEINZ BLASCHKE, Wirtschaft und Verfassung, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), bes. S. 160-162.

41 Grundlegend dazu: KARLHEINZ BLASCHKE, Stadtplanforschung. Neue Methoden und Erkenntnisse zur Entstehung des hochmittelalterlichen Städtewesens in Mittel-, Ost und Nordeuropa (Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse, Bd. 138, H. 4), Stuttgart/Leipzig 2003.

42 RUDOLF KÖTZSCHKE/HELLMUT KRETZSCHMAR, Sächsische Geschichte, Bd. 1, Dresden 1935, S. 28. Vgl. auch HEINRICH BUTTE, Geschichte Dresdens bis zur Reformationszeit, Köln/Graz 1967, S. 13-30.

  • Vgl. die neuere Einordnung durch HANS-JÜRGEN NITZ, Die mittelalterliche Gründungsstadt mit Zentralplatz im Schachbrettgrundriss. Entwicklung aus einem älteren Modell oder Innovation?, in: Im Dienste der geschichtliche


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gen Verkehrsknotenpunkten gemeint waren.

Bei der Rekonstruktion des mittelalterlichen Dresdner Stadtgrundrisses spielen Bildquellen des 16. Jahrhunderts eine große Rolle. Die älteste dieser Überlieferungen bestand bis zum Zweiten Weltkrieg in einem originalen Holzmodell der Dresdner Altstadt aus der Zeit um 1530. 43

Es spiegelte die städtebauliche Entwicklung Dresdens in der ungemein produktiven Phase nach dem verheerenden Stadtbrand von 1492 wider, in welcher der Ausbau von Residenz und Stadt im Renaissancestil vorangetrieben wurde. Vermutlich diente das Modell, auf dem die Frauenkirche mit ihrer Siedlung noch nicht in die Stadtbefestigung einbezogen war, der Stadtplanung. Es lässt – genauso wie der älteste gezeichnete Stadtgrundriss Dresdens von Paul Buchner aus dem Jahre 1591 44

– deutlich die ursprüngliche Planmäßigkeit der Stadtanlage erkennen.

Aufgrund dieser Quellen sowie bauhistorischer Forschungen im Vorkriegsdresden gelangte Wolfgang Rauda in den 1930er-Jahren zu einer genauen Größenberechnung der mittelalterlichen Stadtanlage. 45

Die im 13. Jahrhundert ummauerte Fläche betrug in Dresden 26 Hektar; außer dem Burgareal, den adligen Freihöfen und den Kirchen weist der frühe Stadtplan etwa 600 Parzellen für Bürgerhäuser aus; Parzellen allerdings, deren Mehrheit nicht größer als 60-120 Quadratmeter war. Nur eine Gruppe von ca. zwei Dutzend Parzellen rund um den Altmarkt wies deutlich größere Flächen auf; die archäologischen Grabungen der 1990er-Jahre haben diesen Befund bestätigt und Parzellen von über 300 Quadratmetern freigelegt. 46

Der Stadtbaumeister Heinrich Koch erfasste 1938 durch einen neuen Entwurf die seiner Meinung nach wesentlichen Faktoren beim Gründungsvorgang der mittelalterlichen Stadt Dresden: 47

Die leichte Kurvenführung der wichtigen West-Ost-Achse im Bereich der Frauengasse im sonst schachbrettförmigen Straßennetz hielt Koch für den Hinweis auf einen älteren Handelsweg. Wesentlich beteiligt am Gründungsvorgang waren für ihn die Burg am Kopf der steinernen Brücke und die Frauenkirche vor den Toren der Stadt. Das Zusammenspiel herrschaftlicher,

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Landeskunde. Festschrift für Gerhard Billig, hrsg. von Rainer Aurig/Reinhardt Butz/Ingolf Gräßler/André Thieme, Beucha 2002, S. 145-160.

43 Im Überblick zu diesen Quellen: KARLHEINZ BLASCHKE, Dresden, in: Das Bild der Stadt in der Neuzeit. 1400–1800, hrsg. von Wolfgang Behringer/Bernd Roeck, München 1999, S. 171-176.

44 Der Plan Paul Buchners aus dem Sächsischen Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden ist abgebildet bei REINHARD SPEHR/HERBERT BOSWANK, Dresden. Stadtgründung im Dunkel der Geschichte, Dresden 2000, S. 133.

45 WOLFGANG RAUDA, Dresden, eine mittelalterliche Kolonialgründung. Die Gestalt des Schloßgeländes vom Barock zur Neuzeit, Dresden 1933; DERS., Die Entwicklung des Dresdner Stadtbildes in der Gotik und im Barock, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der TH Dresden 5 (1955/56), S. 225-253.

46 HEIDI PIMPL/KLAUS WIRTH, Dresden im Mittelalter. Die Ausgrabungen am südlichen Altmarkt, in: Dresdner Geschichtsbuch 2, Altenburg 1996, S. 7-19.

47 Der Entwurf Heinrich Kochs aus dem Stadtarchiv Dresden ist abgebildet bei SPEHR/ BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 131. Vgl. NITZ, Gründungsstadt (wie Anm. 42)


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kirchlicher und wirtschaftlicher Faktoren wurde von landesgeschichtlicher Seite, etwa von Walter Schlesinger, bestätigt. 48

Mit seinen vergleichenden Untersuchungen zum Nikolauspatrozinium hat Karlheinz Blaschke diese Forschungen schließlich sehr ertragreich weiter ausgebaut. Allein im sächsisch-thüringischen Raum ergaben seine Untersuchungen rund 30 frühstädtische Kirchen, die dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, gewidmet waren; nach Blaschke allesamt „Leitformen für die Aufdeckung ehemaliger Kaufmannssiedlungen“. 49

In Dresden trug die Kreuzkirche am Altmarkt bis zum 14. Jahrhundert das Patrozinium des heiligen Nikolaus. 50

Da mit der Frauenkirche eine ältere Pfarrkirche für die ganze Region in unmittelbarer Nähe vorhanden war, liegt es – auch durch den Vergleich mit anderen mitteldeutschen Städten – nahe, in der frühen Nikolaikirche eine spezielle Einrichtung der Kaufleute zu sehen. Mit dem natürlichen Flussübergang über die Elbe und den bereits skizzierten Anbindungen an das regionale und überregionale Straßennetz erfüllte der Dresdner Standort überdies bestimmte Anforderungen für die kaufmännische Tätigkeit. Nach diesen Überlegungen ist in Dresden eine frühe Kaufmannssiedlung als Träger der Nikolaikirche anzunehmen.

Die Stadtplanforschung hat darüber hinaus auch einen Vorschlag zur genaueren Lokalisierung der frühesten Kaufleutesiedlung unterbreitet. Am linken Elbufer führte die aus Wilsdruff kommende Altstraße, auf die im Bereich der heutigen Annenkirche noch der Weg aus dem Freitaler Becken stieß, im weiteren Verlauf in Richtung Pirna mitten durch das spätere Stadtgebiet Dresdens. Gerade hier, im Bereich der Frauengasse und des vorgelagerten Brotmarktes, lag nach den Erkenntnissen Karlheinz Blaschkes die früheste kaufmännische Straßensiedlung. 51

Für die Entstehung der Stadt bedeutet die Niederlassung von Kaufleuten einen ganz wesentlichen Schritt. Wieso gerade diese soziale Gruppe für die hochmittelalterliche Stadtgeschichte so entscheidend ist, wird deutlicher, wenn man über ein konstitutives Merkmal mittelalterlicher Stadtverfassungen nachdenkt, die so genannte bürgerliche Freiheit. 52

Damit war die rechtliche Besserstellung eines Teils

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 13

48 Vgl. WALTER SCHLESINGER, Der Markt als Frühform der deutschen Stadt, in: Vor- und Frühformen der europäischen Stadt im Mittelalter, hrsg. von Herbert Jankuhn, Bd. 1, Göttingen 1973, S. 262-293.

49 Das Zitat aus BLASCHKE, Entstehung Dresden (wie Anm. 19), S. 4. Grundlegend für diese Thematik ist: KARLHEINZ BLASCHKE, Nikolaipatrozinium und städtische Frühgeschichte, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 84 (1967), S. 273-337.

50 In Vielem veraltet ist FRIEDRICH HERMANN LÖSCHER, Die Kreuzkirche und ihre geschichtliche Bedeutung für die Stadt Dresden, Berlin 1999 (ND). Vgl. KARLHEINZ BLASCHKE, Die Kreuzkirche zu Dresden, in: Schola crucis – schola lucis. Dresdner Kreuzkirche, Kreuzschule und Kreuzchor. Musikalische und humanistische Tradition in 775 Jahren, Gütersloh 1991, S. 7-52.

51 BLASCHKE, Entstehung Dresden (wie Anm. 19), S. 8 f.

52 Vgl. im Überblick den Band: Die abendländische Freiheit vom 10. bis zum 14. Jahrhundert. Der Wirkungszusammenhang von Idee und Wirklichkeit im europäischen Vergleich, hrsg. von JOHANNES FRIED, Sigmaringen 1991, sowie KLAUS SCHREINER "Iura et


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der städtischen Bevölkerung gegenüber dem Land gemeint. Diese Freiheit leitet sich vom frühmittelalterlichen Kaufleuterecht her. 53

Denn Kaufleute waren anders als Bauern zur Ausübung ihres Berufs auf Mobilität und Königsschutz angewiesen. Mit der Ansiedlung freier und geschützter Kaufleute war mithin die wichtigste rechtliche und soziale Voraussetzung für die Entstehung einer civitas im Sinne eines bürgerlichen Rechtsverbandes mit besonderen Privilegien und eigenen Verwaltungsorganen gegeben. Unter diesen Umständen ist es für die Frage der Entstehung der Stadt Dresden besonders wichtig zu wissen, wann sich die ersten Kaufleute am Ort der späteren Stadt niedergelassen und ihrem Schutzpatron Nikolaus eine erste Kirche errichtet haben.

Leider geben weder urkundliche noch archäologische Zeugnisse Aufschlüsse über das Gründungsalter der Nikolai- bzw. Kreuzkirche. Aus dem Städtevergleich schließt Blaschke hypothetisch auf eine Gründung in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts: Als Argument dient hier eine charakteristische West-Ost-Ausbreitung des Nikolauspatroziniums im Elbe-Saale-Raum. Die Nennung der Nikolaikirche in Halle 1116 bietet dabei einen chronologischen Ausgangspunkt.

Nikolaikirchen finden sich an allen bedeutenden Orten entlang der nach Osten führenden Verbindung bis an den Fuß des Osterzgebirges: von Halle über Leipzig, Leisnig, Döbeln, Meißen, Wilsdruff und Dresden bis Pirna. 54

Das stärkste Argument für die Herausbildung einer kaufmännischen Nikolaigemeinde in Dresden während des 12. Jahrhunderts liegt übrigens in der Tatsache, dass im ganzen Mittelalter das Vermögen der Nikolai- bzw. Kreuzkirche und der Dresdner Elbbrücke gemeinsam verwaltet wurde, und zwar von der Bürgerschaft selbst. 55

Der Brückenbau aber, der nach archäologischen Erkenntnissen im späteren 12. Jahrhundert begann, musste vor allem im Interesse örtlicher Kaufleute liegen, die auf eine ganzjährig nutzbare Anbindung an die rechtselbische Via regia gedrängt haben dürften.

Stadtkernarchäologie

Für die Stadtwerdung Dresdens sind die Ergebnisse der archäologischen Grabungen in der Dresdner Altstadt von zentraler Bedeutung. Insbesondere die Grabungen am Altmarkt, an Neumarkt und Frauenkirche, an Schloss, Kanzleihaus und Brücke sowie zwischen Wallstraße und Altmarkt, auf dem Gelände der heutigen Altmarktgalerie, haben wichtige Aufschlüsse zur mittelalterlichen Geschichte der

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libertates“. Wahrnehmungsformen und Ausprägungen „bürgerlicher Freyheiten“ in Städten des Hohen und Späten Mittelalters, in: Bürger in der Gesellschaft der Neuzeit. Wirtschaft, Politik, Kultur, hrsg. von Hans-Jürgen Puhle, Göttingen 1991, S. 59-106.

53 SCHLESINGER, Markt als Frühform (wie Anm. 48), S. 262 ff.

54 BLASCHKE, Nikolaipatrozinium (wie Anm. 49), S. 273 ff., und neuerdings noch einmal DERS., Die Entstehung der Stadt, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 88-98.

55 Hierzu bereits OTTO RICHTER, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden, 3 Bde., Dresden 1885–1891, hier bes. Bd. 1, S. 116 ff.


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Stadt erbringen können. 56

Hinzu kommen punktuelle Grabungen an der ältesten Stadtmauer.

Um gleich eine archäologische Kritik an der zügig erfolgten Anlage der Dresdner Bürgerstadt im 12. Jahrhundert vorwegzunehmen: Das große Viertel südlich des Taschenbergs, ausweislich von Straßenbezeichnungen und spätmittelalterlichen Geschossbüchern als Handwerkerviertel bekannt, sowie das im Osten gelegene Viertel zwischen Kreuzkirche und Frauentor, das so genannte „Loch“, wurden erst in der Zeit nach 1300 baulich erschlossen und in den Mauerring mit einbezogen. 57

Man hat also in jedem Fall von einem längeren Prozess der Stadtentstehung auszugehen, wenn man damit die planmäßige Erschließung und Erstbebauung innerhalb des Dresdner Mauerrings meint. Mit Blick auf unsere Fragestellung zur Dresdner Frühgeschichte ergibt sich – wiederum sehr verknappt – folgendes Bild aus der Stadtkernarchäologie:

Bezogen auf den Dresdner Stadtraum ist zunächst der spärliche Nachweis, für den im Mittelalter ummauerten Kernbereich sogar das vollständige Fehlen von präurbanen, etwa altslawischen Siedlungsfunden, in Erinnerung zu rufen. 58

Beim Altmarkt handelt es sich um den Bereich, der von der Stadtplanforschung als Siedlungskern der Bürgerstadt angesehen wird. Anknüpfend an punktuelle Grabungen der 1950er- und 1960er Jahre, 59

begann das Sächsische Landesamt für Archäologie im Jahre 1994 mit einer Flächengrabung am südlichen Altmarkt. In unmittelbarer Nähe zur Nikolai- bzw. Kreuzkirche erwartete man hier, auf die früheste Schicht der zivilen Bebauung Dresdens im Rahmen der Stadtanlage des 12. Jahrhunderts zu treffen. Vor allem in den Hinterhöfen, im Bereich der Latrinen und in den Fällen, in denen ältere Bausubstanz beim Kellerbau verwendet wurde, stießen die Archäologen tatsächlich auf einige Funde aus der Frühzeit der Stadt. 60

Die früheste Besiedlung des Altmarktes, bestehend aus einschiffigen Holzhäusern in Pfostenbauweise, Tierpferchen, Lehmentnahmegruben und Zäunen an der Parzellengrenze, wurde in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Von einer durchgängigen Bebauung am südlichen Altmarkt durch Holzbauten in rückwärtiger Grundstücksposition kann

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56 Einen älteren Überblick ermöglicht JUDITH OEXLE, Die Stadtwerdung Dresdens aus der Sicht der Archäologie, in: Dresden im Mittelalter (wie Anm. 19), S. 13-21; jüngere Ergebnisse bei JENS BEUTMANN, Die Entstehung der Stadt aus archäologischer Sicht, in: Dresden 8000 – Eine archäologische Zeitreise (Ausstellungsbeiheft Dresden), hrsg. von Judith Oexle, Dresden 2006, S. 96-101, und bei REINHARD SPEHR, Die Gründung Dresdens mit Stadtmauer und Brücke, in: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz 1 (2006), S. 3-13.

57 Vgl. HIPTMAIR u. a., Wallstraße (wie Anm. 1), und SPEHR, Die Gründung Dresdens (wie Anm. 56).

58 Vgl. neben den Angaben unter Anm. 56 auch JENS BEUTMANN, Die Ausgrabungen auf dem Dresdner Neumarkt – Befunde zu Stadtbefestigung, Vorstadtbebauung und Friedhof, in: Arbeits- u. Forsch.berichte der sächsischen Bodendenkmalpflege 48/49 (2006/2007), S. 155-242.

59 Vgl. dazu HARALD WERNER MECHELK, Mittelalterliche Keramik aus dem Stadtkern Dresdens (Forschungen zur ältesten Geschichte Dresdens, Bd. 3), Berlin 1967; und DERS., Stadtkernforschung in Dresden. Mit einem Beitrag von W. Coblenz, Berlin 1970.

60 Hier und im Folgenden PIMPL/WIRTH, Dresden im Mittelalter (wie Anm. 46), S. 7-19.


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man seit dem frühen 13. Jahrhundert ausgehen.

Ab dem späten 13. Jahrhundert wurden diese rückwärtigen Holzbauten durch so genannte Steinwerke ersetzt, unterkellerte und im Erdgeschoss in Stein ausgeführte Steinbauten, die vermutlich den am Altmarkt wohnenden Kaufleuten als feuergeschützte Warenlager dienten. 61

Über die straßenseitig gelegenen Wohngebäude ist aufgrund der späteren Überbauung hingegen nichts bekannt. 62

Wegen der im Stadtgrundriss auffallenden Grundstücksgrößen von bis zu 300 Quadratmetern und relativ häufigen Funden von Importwaren kann jedoch auf eine kaufmännische Siedlung geschlossen werden. Auch wenn die Befunde keine absolute Gewissheit über die Datierungen zulassen, so ist doch von einem längeren Prozess der Stadtplanung und baulichen Erschließung auszugehen, der im Jahre 1206 auch im ältesten Areal am Altmarkt noch nicht völlig abgeschlossen gewesen sein dürfte.

Große Bedeutung für die Frühgeschichte der Stadt kommt ebenfalls den Grabungen im Bereich des Dresdner Schlosses und der heutigen Augustusbrücke zu. Der Stadtgrundriss ist in seiner Nord-Süd-Achse deutlich auf den Elbübergang ausgerichtet. Die Brücke ist ein entscheidender Standortfaktor für die Ansiedlung von Kaufleuten und Handwerkern; die Burg am linkselbischen Brückenkopf darüber hinaus der Schlüsselbau für die Frage nach der frühen Stadtherrschaft. 63

Aus diesen Gründen spielt der Baubeginn von Brücke und Burg bei der Erkundung der Anfänge Dresdens eine zentrale Rolle. Näheren Aufschluss über diese Frage erlauben die Grabungen im Schlossareal, die zwischen 1982 und 1987 durch Reinhard Spehr und zwischen 1994 und 1999 durch Katja Kliemann erfolgten. 64

Ein erstes interessantes Resultat ist, dass die älteste Bebauung im Bereich des Schlossareals aus dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts stammt. Es handelte sich um eine lose angeordnete Gruppe von Ständerbohlenbauten, ausgefertigt aus Holz, zum Teil unterkellert und gewiss nicht zur militärischen Nutzung geeignet. Zwei kurze Schlussfolgerungen sind bereits hier erlaubt:

1) Es gibt auf dem in günstiger Lage oberhalb der Elbschleife gelegenen Terrain keine Spuren einer slawischen Vorbesiedlung. Dies ist ein Unterschied zum Gebiet um den Altendresdner Brückenkopf, wo solche Spuren

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61 Ebd., S. 13 f.

62 Vgl. OEXLE, Stadtwerdung Dresdens (wie Anm. 56), S. 14 f.

63 Diese Meinung vertrat bereits RICHTER, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 55), Bd. 1, S. 4.

64 Die Grabungen der 1980er-Jahre sind dokumentiert in: REINHARD SPEHR, Archäologische Untersuchungen zur mittelalterlichen Baugeschichte des Dresdner Schlosses, in: Dresdner Hefte 38 (1994), S. 11-19; SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 30-108 (Schloss) und S. 142-159 (Brücke), sowie die 2006 erschienene Gesamtdokumentation SPEHR, Archäologie im Dresdner Schloss (wie Anm. 1). Die Grabungen seit 1994 dokumentiert: KATJA KLIEMANN, Die Burg unter dem Dresdner Schloß. Neue Erkenntnisse zur Entwicklung der mittelalterlichen Burganlage und einige Überlegungen zum Problem der Stadtentwicklung aus archäologischer Sicht, in: Dresdner Geschichtsbuch 7, Altenburg 2001, S. 7-1


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gefunden wurden. 65

Dies weist das linkselbische Stadtgebiet siedlungsgeschichtlich erst der Epoche der deutschen Kolonisation zu.

2) Die Erstbebauung auf dem Schlossareal um 1180 stimmt zeitlich mit den ältesten Siedlungsspuren am südlichen Altmarkt überein.

Die Nutzung der ersten Holzbauten auf dem Schlossareal bleibt ungewiss. Reinhard Spehr schlägt eine Siedlung von Handwerkern vor, die beim Brückenbau eingesetzt waren. 66

Gewissheit besteht hingegen darüber, dass um 1200, also im unmittelbaren zeitlichen Umfeld des Dresdner Gerichtstages von 1206, die ersten Steingebäude in die bestehende Siedlung eingefügt wurden. Darunter befand sich ein stattliches, nicht unterkellertes Gebäude mit Bruchsteinfundament von fast zwei Metern Mauerstärke. 67

Seine Maße von ca. 9 Metern Breite und 22 Metern Länge sind beträchtlich und lassen sich in der Größe durchaus mit den bekannten Palasbauten aus Sachsen und Thüringen im 12./13. Jahrhundert vergleichen. Nutzung und Ausstattung des Gebäudes sind unbekannt. Da es sich jedoch im Jahre 1206 gewissermaßen als Neubau und erwiesenermaßen als der einzige größere Steinbau in Dresden präsentierte, wird bis in die jüngere Forschung die Hypothese gewagt, hier den Ort des markgräflichen Schiedsgerichtes von 1206 zu sehen. 68

Nördlich des Steingebäudes konnten die Fundamente eines Mauerzuges samt Wachturm freigelegt werden. Es handelt sich um ein Stück der ältesten Stadtmauer Dresdens, die archäologisch an insgesamt 15 Stellen nachgewiesen werden kann. Die Datierung des ersten Mauerbaus weist Spehr in die Zeit zwischen 1175 und 1200. 69

Damit besteht eine auffällige zeitliche Parallele zum dritten und weitaus bedeutendsten Bauwerk in der Frühzeit der Stadt, der Elbbrücke. Auf die Wichtigkeit der Brücke in wirtschaftlicher Hinsicht wurde bereits hingewiesen. Die Dresdner Brücke war nicht nur das bei Weitem größte Bauwerk im mittelalterlichen Sachsen, mit ihren Maßen von 561 Metern Länge und 8,5 Metern Breite war sie auch deutlich größer als die bekannten Steinbrücken in Regensburg und Prag. 70

Für die zeitliche Einordnung der Brücke wird mittlerweile von Historikern und Archäologen ein überzeugender Vorschlag unterbreitet: Der historische Beitrag, im Jahre 1999 von Thomas Ludwig erbracht, besteht in der Datierung der urkund-

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65 Vgl. ARNDT GÜHNE/KLAUS SIMON, Frühe Siedlungsspuren am Elbübergang in Dresden-Neustadt, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 30 (1986), S. 187-343.

66 SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 214.

67 KLIEMANN, Die Burg unter dem Dresdner Schloß (wie Anm. 64), S. 10-13 (mit Plänen).

68 Vgl. im Überblick zuletzt OELSNER, Dresdner Burg (wie Anm. 28), S. 121-149.

69 Zur archäologischen Datierung der Stadtmauer besonders SPEHR, Gründung Dresdens (wie Anm. 56), S. 5 f.

70 Vgl. KARLHEINZ BLASCHKE, Die Elbbrücke, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 98-100 und SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 142 ff., 211 ff. sowie aus der älteren Literatur: WILLI NAGEL, Die Dresdner Augustusbrücke, Dresden 1924


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lichen Ersterwähnung der Brücke in die Jahre zwischen 1230 und 1234. 71

Inhaltlich ist in der Urkunde von der Reparatur der vom Hochwasser beschädigten Brücke, nicht aber von einer Baustelle die Rede. Da von mehreren Jahrzehnten Bauzeit auszugehen ist, bestätigt die Urkunde indirekt die Untersuchungen von Reinhard Spehr am vollständig erhaltenen ältesten Brückenpfeiler unter dem heutigen Georgentor. Dort schloss der Archäologe aus Keramikfunden aus der Fundamentgrube des ersten Pfeilers auf einen Baubeginn der Brücke um 1180. 72

Die Teilnehmer am Dresdner Gerichtstag von 1206 werden sie noch nicht benutzt haben können. Mit Stadtmauer, Elbbrücke und Altmarktbebauung gab es um 1200 mehrere Großbaustellen in Dresden, die für einen erheblichen Zuzug von Handwerkern gesorgt haben dürften.

Auf dem Schlossareal wurde die zivile Siedlung mit lockerer Ständerbohlen- und Steinbebauung um 1230 fast vollständig abgerissen. Der Grund dafür lag im Bau einer Burg am Brückenkopf, einer kastellartigen Kurie mit mehreren Türmen über einem Grundriss von etwa 40x35 Metern. 73

Der Hauptbau der Burg lag im Süden der Anlage. Die häufig als „Kemenate“ bezeichnete kreuzgratgewölbte Halle über einem Grundriss von 19x10 Metern bildete das Untergeschoss dieses Bauwerks. Aufgrund der Größe und repräsentativen Ausstattung kommt durchaus eine Nutzung als Palas oder Saal-Wohnbau in Betracht. In der so genannten „Kemenate“ von etwa 1230 liegt zudem das älteste erhaltene Steingebäude Dresdens vor. 74

Für die Frage der Stadtentstehung sind die spätmittelalterlichen Aus- und Umbauten bis zum Renaissanceschloss nicht mehr aussagekräftig. Von größerem Interesse für die frühen politischen Verhältnisse in Dresden, und daher auch Gegenstand einer anhaltenden Forschungsdiskussion, sind dagegen die Befunde im Bereich des Taschenbergs.

In Nachbarschaft zur ältesten Kurie, unmittelbar an der Stadtmauer auf dem Taschenberg gelegen, fanden die Archäologen Überreste eines stattlichen Baukomplexes aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Anton Weck beschrieb dieses Gebäude 1680 und damit etwa 40 Jahre vor seinem Abriss als markgräfliche Kurie. Auch auf einer Federzeichnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist es zu sehen. 75

Bei einer Länge von über 30 Metern und einer Breite von 15,5 Metern war es zum Zeitpunkt seiner Erbauung das mit Abstand größte Steingebäude auf dem gesamten Burgareal. Für die These, dass es sich dabei, wie von Reinhard Spehr

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71 CDS II-5: Urkundenbuch der Städte Dresden und Pirna, hrsg. von KARL FRIEDRICH V. POSERN-KLETT, Leipzig 1875, Nr. 3 (S. 2 f.): … in vastatione pontis Dresdae, qui annis quidem singulis inundatione laeditur et hoc anno ultra solitum enormiter est vastatus, ita quod ad reparationem sui labores exigit et expensas. – Die Datierung dieser Urkunde auf etwa 1275 durch den Herausgeber des Dresdner Urkundenbuchs wurde überzeugend auf etwa 1230/1234 korrigiert durch THOMAS LUDWIG, Bischof Heinrich von Meißen (1228/30–1240) und die „Summa prosarum dictaminis“, in: NASG 70 (1999), S. 33-58.

72 SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 214 ff.

73 Vgl. KLIEMANN, Die Burg unter dem Dresdner Schloß (wie Anm. 64), S. 8-11; OELSNER, Dresdner Burg (wie Anm. 28), S. 130-133.

74 Vgl. SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 58-69


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vermutet, um den Palas Markgraf Heinrichs des Erlauchten handelt, 76

gibt es keinen direkten Beweis, aber immerhin ein Indiz: Der Baubeginn um 1260 fällt recht präzise mit den Anfängen der wettinischen Residenzbildung in Dresden zusammen. Im Jahre 1255 hielt Heinrich in Dresden erstmals Hof; nach der Aufteilung der umfangreichen wettinischen Herrschaft unter seinen Söhnen, die 1263 erfolgte, erwählte Heinrich bis zu seinem Lebensende 1288 Dresden zu seiner bevorzugten Residenz. 77

Es ist durchaus denkbar, in der häufigen Anwesenheit eines der führenden und für seine Hofhaltung gerühmten Reichsfürsten in Dresden den Anlass für den repräsentativen Neubau am Taschenberg zu sehen. Der eigentliche Streitpunkt in dieser Diskussion liegt auch weniger in der Nutzung dieses Neubaus als in der Frage nach dem Erbauer und Nutzer des älteren Kastells am Brückenkopf. 78

Handelte es sich um zwei markgräfliche Bauten, einen eher funktionalen, zu administrativen und militärischen Zwecken dienenden Bau am Brückenkopf und einen zu Repräsentationszwecken neu erbauten Palas am Taschenberg? Oder waren die Burggrafen von Dohna die Erbauer und ersten Nutzer des Kastells an der Brücke? Aufgrund der topografisch-funktionalen Beziehung zwischen Kastell und Brücke steht damit auch die Frage nach Auftraggeber und Erbauer der Dresdner Brücke in Zusammenhang.

Zur Beantwortung dieser Fragen reichen archäologische Befunde nicht aus. Auf der Grundlage seiner Grabungen an Schloss und Brücke formulierte der Archäologe Reinhard Spehr einen weiter gehenden Deutungsvorschlag zur Stadtgründung Dresdens: 79

Die Nennung Nisans im Tafelgüterverzeichnis Friedrich Barbarossas und weitere Erwägungen zur staufischen Politik und zum Reiseweg Barbarossas führten Spehr dazu, eine Initiative des staufischen Herrschers beim Brückenbau und bei der Stadtgründung Dresdens nach einem angeblichen Hoftag im sächsischen Hermsdorf 1173 zu vermuten. Als Vertreter des Kaisers hätten die Burggrafen von Dohna richterliche und stadtherrliche Gewalt vor Ort ausgeübt.

Die große Steinbrücke wird mithin als herrscherlicher Repräsentationsbau, das Kastell am Brückenkopf als burggräfliche Gerichtskurie eingestuft. Auf das Problem der Bewertung dieser und anderer Hypothesen zur Stadtentstehung ist noch einmal im abschließenden Fazit zurückzukommen.

Die Anfänge Dresdens in der mittelalterlichen Überlieferung 19

75 Die Zeichnung ist abgebildet bei SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 106 f.

76 Ebd., S. 220-234.

77 Vgl. WOLF RUDOLF LUTZ, Heinrich der Erlauchte. 1218–1288, Erlangen 1977, bes. S. 39 ff.

78 Zu dieser Diskussion zuletzt BLASCHKE, Die Elbbrücke (wie Anm. 70), S. 100 f.

79 Ausführlich SPEHR/BOSWANK, Stadtgründung im Dunkel (wie Anm. 44), S. 211-234, und SPEHR, Gründung Dresdens (wie Anm. 56). Kritik an dieser Darstellung wurde u. a. geäußert durch: GERHARD BILLIG, Irrweg und Stagnation (Teil 1), in: Burgenforschung aus Sachsen 14 (2001), S. 121-131, sowie GERHARD BILLIG/ANDRÉ THIEME, Irrweg und Stagnation (Teil 2-4). Gedanken zur Quellengrundlage und Wirkung der neuen Publikationen von Reinhard Spehr zur Frühgeschichte von Dresden und der Oberlausitz, in: Burgenforschung aus Sachsen 15/16 (2003), S. 178-197


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Zuvor sind in wenigen Sätzen die archäologischen Grabungen im Bereich Frauenkirche und Neumarkt zu skizzieren. Die Errichtung der ersten Frauenkirche ging der Entstehung der Stadt Dresden bekanntlich lange voraus. Wie lange voraus, darüber lässt sich mangels Quellen wiederum nur spekulieren. Die Vorschläge reichen von der Phase der so genannten Urpfarreien in der Mark Meißen um die Jahrtausendwende bis zum 12. Jahrhundert. 80

Die älteste archäologische Spur eines romanischen Vorgängerbaus der heutigen Frauenkirche führt zum Anfang des 12. Jahrhunderts. Ein Gräberfeld bei der Frauenkirche geht zurück in das späte 11. Jahrhundert. 81

Neben dem Friedhof wird zuerst eine einfache Holzkirche bestanden haben. Die Frauenkirche, die dem Bischof von Meißen und einem in Briesnitz amtierenden Archidiakon zugeordnet war, fungierte mithin wohl seit dem 11. Jahrhundert als Pfarrkirche und Begräbnisplatz für die überwiegend sorbische Bevölkerung im Dresdner Elbtal. Der Pfarrsprengel umschloss noch im späteren Mittelalter sowohl die Stadt Dresden als auch die sorbischen Dörfer des Umlandes. Die Archäologie hat keine Hinweise auf eine frühe Besiedlung im direkten Umfeld der Frauenkirche erbringen können. 82

Das bedeutet, dass man die Frauenkirche nicht – wie in vielen anderen Fällen – als kirchlichen Siedlungskern für die entstehende Stadt bewerten kann. Dagegen spricht auch ihre Lage außerhalb der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Als Standortvorteil für die Entstehung Dresdens muss die unmittelbare Nachbarschaft der älteren, für viele elbslawische Dörfer zentralen Pfarrkirche dennoch angesehen werden.


III. Fazit

Die bisherigen Ausführungen hatten zu erläutern, von welchen Wissensfragmenten, das meint mehr oder weniger gesicherten Quellenüberlieferungen, die Diskussion um die Anfänge Dresdens auszugehen hat. Da die vorhandenen Fragmente sich nicht ohne Weiteres zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen, waren zudem einige weitergehende Überlegungen und Hypothesen anzusprechen, die eine Vorstellung vom Stadtwerdungsprozess Dresdens zu vermitteln suchen. Hypothesen gehören zum Alltagsgeschäft jedes Historikers, der sich nicht mit zufälligen Fragmenten zufrieden gibt, sondern Geschichte, wie Jacques Le Goff sagt, als „histoire totale“, als gedeutete Rekonstruktion zusammenhängender Lebensbereiche und als „Antwort auf Sinnbedürfnisse der Gegenwart“ (Jan Assmann) begreift. 83

Damit sind historische Entwürfe übrigens den berühmten


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80 Vgl. mit weiterführender Literatur MANFRED KOBUCH, Die Anfänge der Dresdner Frauenkirche, in: Die Dresdner Frauenkirche 8 (2002), S. 47-52.

81 SPEHR, Grabungen in der Frauenkirche (wie Anm. 37), S. 206-217. Vgl. zum baugeschichtlichen Befund HEINRICH MAGIRIUS, Die Zeit der Romanik und Gotik im 12. und 13. Jahrhundert, in: Geschichte der Stadt Dresden, Bd. 1 (wie Anm. 16), S. 247-252.

82 Vgl. die Arbeiten von BEUTMANN, Dresdner Neumarkt (wie Anm. 1).

83 Siehe oben Anm. 15


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Veduten Bellottos nicht unähnlich, die – bei allem Realismus – auch nicht einfach den Wirklichkeitsausschnitt zufälliger Situationen abbilden, sondern sehr von Idealvorstellungen, Kompositionsregeln und Darstellungsabsichten geprägt sind und damit zu einer Art Gesamtaussage führen.

Die Deutungsvorschläge und Entwürfe zur Stadtentstehung Dresdens sind nach meinem Dafürhalten an zwei Maßstäben zu messen:

  • Wie verhält sich die Deutung zur mittelalterlichen Überlieferung?
  • Und welchem aktuellen Ge�schichtsbild oder Interesse ist diese Deutung verpflichtet?

Im Falle der einleitend behandelten Ursprungserzählungen ist das Verhältnis der beiden Fragen zueinan�der recht einfach: Die mittelalterliche Wirklichkeit lag außerhalb des Darstellungsinteresses, denn es herrschte ein ganz und gar aktuelles Erkenntnisinteresse vor:

Aus der Sicht der glanzvollen wettinischen Residenz des 17. und 18. Jahrhunderts sollte Dresdens Ursprung mit einer hochstehenden Kultur wie der antiken römischen oder einem berühmten Herrschernamen wie demjenigen Karls des Großen in Verbindung gebracht werden und nicht mit einem vermeintlichen sorbischen Fischerdorf. 84

Aber wie stellt sich unter diesen beiden Fragen die wissenschaftliche Diskussion um die Anfänge Dresdens dar, jene Diskussion, die mit Hasches „Diplomatischer Geschichte“ 1816 begann und die bis heute andauert?

Bis zum Ende des Kaiserreichs, mit dem 1918 auch die wettinische Herrschaft in Sachsen zu Ende ging, hatte sich die Vorstellung einer wettinischen Stadtgründung durchgesetzt. Auch der Dresdner Ratsarchivar Otto Richter, der in vielen Einzelheiten gerade die spätmittelalterliche Geschichte Dresdens auf neue Grundlagen stellte, war in der Frage der Stadtgründung ganz seiner Zeit und damit dem wettinischen Herrscherhaus verpflichtet. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der Wettiner in der Mark Meißen im 12. und 13. Jahrhundert betrachtete er Dresden – ähnlich Leipzig – als planmäßige deutsche Gründungsstadt im Zuge des markgräflichen Landesausbaus, die Wettiner mithin als Stadtgründer und ursprüngliche Stadtherrn Dresdens. 85

Über Richter kam auch die Monografie des ehemaligen Dresdner Stadtarchivars Heinrich Butte aus dem Jahre 1967 nicht wesentlich hinaus. 86

Dass sich Buttes Darstellung in der Frage der Stadtgründung dennoch von Richter unterschied, war der inzwischen etablierten sächsischen Landesgeschichte und ihrem Interesse für Landesausbau und Kolonisation geschuldet. „Die Entwick�lung der Stadt Dresden reiht sich organisch ein in die zweite große Linie der ostdeutschen Kolonisationsbewegung“. 87

Die Entstehung Dresdens wie vieler anderer sächsischer Städte verdanke sich einer planmäßigen Städtepolitik der Wettiner, die Stadtgründungen seit dem späten 12. Jahrhundert als „Stützen der Landesverteidigung und Brennpunkte von Wirtschaft und Verkehr“ angesehen hätten. In

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84 Vgl. auch die Wertung bei MEINHARDT, Erforschung der Geschichte Dresdens (wie Anm. 2), S. 84 f.

85 RICHTER, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 55), Bd. 1, S. 1-29, und DERS., Geschichte der Stadt Dresden (wie Anm. 20), S. 1-24.

86 BUTTE, Geschichte Dresdens bis zur Reformationszeit (wie Anm. 42), S. 31-39.

87 Ebd., S. 31


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Bezug auf die Ortswahl Dresden resümiert Butte: Dietrich habe mit dem Bau von Burg, Brücke und befestigter Stadtanlage die an der Elbfurt zusammenlaufenden Verkehrswege des Elbtales gegen Einfälle von böhmischer Seite schützen wollen. 88

Mit dem Aufschwung der Stadtkernarchäologie und etwa zeitgleich mit einem neu erwachenden Interesse an wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Fragestellungen kam in den Jahrzehnten nach Butte, wie dargestellt, erneut Bewegung in die Diskussion um die Anfänge Dresdens. 89

Die neueren Hypothesen haben bis heute gemeinsam, dass sie an der alleinigen Initiative der Wettiner bei der Anlage der Stadt Dresden Zweifel anbringen. Durch unterschiedliche Forschungsansätze, als deren Hauptvertreter in den letzten Jahrzehnten Karlheinz Blaschke und Reinhard Spehr hervorzuheben sind, wurde das Interesse verstärkt – neben den Wettinern – auf eine frühe Kaufleutegemeinde, die Burggrafen von Dohna oder auf das staufische Königtum gelenkt.

Generell ist dabei die Neigung zu monokausalen Erklärungen kleiner geworden, und hat sich das Verständnis für die Komplexität von Stadtwerdungsprozessen vergrößert. Man hat längst erkannt, dass bei Städten politische, rechtliche, soziale, wirtschaftliche und topografische Faktoren miteinander interagieren und dass – im Dresdner Fall – auch mit den ausgefeiltesten Methoden der Interpretation keine Gewissheiten, sondern allenfalls Wahrscheinlichkeiten produziert werden können.

Mit einigen zusammenfassenden Beobachtungen und Überlegungen soll abschließend ein eigener Deutungsvorschlag zu den Anfängen Dresdens unterbreitet werden:

  • 1) Die Grabungen am südlichen Altmarkt, auf dem Schlossareal, an der nördlichen und südlichen Stadtmauer sowie am ersten linkselbischen Brückenpfeiler haben übereinstimmend nach archäologischer Interpretation einen ältesten Bauhorizont aus der Zeit zwischen 1175 und 1200 ergeben.
  • 2) Dieser Befund spricht nicht zwingend gegen eine noch frühere Kaufmannsniederlassung im Bereich der das Stadtgebiet querenden Altstraße, da präurbane Kaufleutesiedlungen durchaus denkbar, wenn auch in anderen Städten besser bezeugt sind. 90
    • Unbestreitbar lagen die Befestigung und der ganzjährig nutzbare

Elbübergang im kaufmännischen Interesse. Erst die Brücke machte aus dem Standort Dresden einen zentralen Verkehrsknotenpunkt im Elbtal zwischen Meißen und Pirna. Die Stadtmauer schuf zudem einen rechtlich und militärisch geschützten Raum. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Baumaßnahmen nach dem erfolgreichen Vorbild anderer Handelsstädte gleichsam als prospektive Standortpolitik durch den Träger der Territorialherrschaft geplant und eingeleitet wurden.


22 Jörg Oberste

88 Ebd., S. 34 ff.

89 Vgl. MEINHARDT, Erforschung der Geschichte Dresdens (wie Anm. 2), S. 109-112.

90 Vgl. den Band: Vor- und Frühformen der europäischen Stadt im Mittelalter, Bd. 1, hrsg. von HERBERT JANKUHN, Göttingen 1973, sowie EDITH ENNEN, Das Städtewesen Nordwestdeutschlands von der fränkischen bis zur salischen Zeit, in: Die Stadt des Mittelalters, hrsg. von Carl Haase, Bd. 1, Darmstadt 1969, S. 139-195


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    • Leider fehlt zur Bekräftigung dieser These eine gezielte rechtliche Privilegierung des Ortes zur Anwerbung einer urbanen Bevölkerung, wie sie für andere mitteldeutsche Beispiele überliefert ist. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass von Beginn der Baumaßnahmen an eine Mitwirkung und Interessenvertretung, ggf. auch eine Mitfinanzierung von bereits ortsansässigen Kaufleuten vorlag. Die für das spätere Mittelalter bezeugte administrative Verbindung von Brücke und Nikolaikirche zeigt immerhin, dass die führenden Vertreter der Bürgerschaft und damit insbesondere die lokalen Kaufleute der Brücke ein besonderes Gewicht beilegten. 91
    • Für die Frühzeit sollte man überdies nicht übersehen, dass erst mit den

Freiberger Silberfunden in den Jahren nach 1162 nicht nur die Wettiner über erhebliche finanzielle Einkünfte verfügten, sondern auch Handel und Handwerk in der Region deutlich belebt wurden.

  • 3) Die Stadtmauer aus der Zeit um 1180/1200 zog sich zunächst um ein noch

über weite Strecken unbebautes Gebiet. Das neu angelegte planmäßige Straßennetz war von Beginn an auf die Elbbrücke und den zentralen Altmarkt ausgerichtet. Es handelte sich in Dresden mithin um die planmäßige Erschließung eines neuen Stadtareals, das heißt um eine echte Gründungsstadt, deren Bebauung und Besiedlung dann in einem längeren Prozess zwischen dem späten 12. und dem 14. Jahrhundert erfolgte. Die späte Phase in diesem Prozess dokumentiert die Errichtung des großen Handwerkerviertels zwischen Wallstraße und Altmarkt im 14. Jahrhundert oder des Stadtviertels „Im Loch“. Seinen Abschluss fand der mittelalterliche Urbanisierungsprozess in Dresden durch die Einbeziehung von Frauenkirche und Frauenkirchsiedlung in den Mauerring in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

  • 4) Die Gründungsstadt Dresden lag nicht im herrschaftsfreien Raum. So deutlich wie man das Interesse von Kaufleuten an günstiger Infrastruktur, an geschützten und zentral gelegenen Märkten und an rechtlicher Besserstellung betonen muss, so deutlich muss man auch das Interesse hochmittelalterlicher Territorialherren an Stadtgründungen hervorheben. 92
    • Längst reichten im 12. Jahrhundert die Burgen und Burgwarde zur Ausübung von Herrschaft nicht mehr aus; Städte waren die neuen Mittelpunkte der Wirtschaft, der Landesverteidigung und der religiösen Kultur. Allein sie kamen dem gestiegenen Bedürfnis nach Geldeinnahmen, nach Repräsentation und politischer Zentralisierung entgegen. 93
    • Welcher


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91 Vgl. dazu auch die Analyse der frühesten städtischen Privilegien, die nach 1260 ein�setzen, bei OBERSTE, Erinnerungsarbeit (wie Anm. 33), S. 3-12.

92 Aus der Vielzahl von Einzeluntersuchungen sei hervorgehoben:

  • CHRISTINE MÜLLER, Ludowingische Städtepolitik in Thüringen und Hessen, in: Hessisches Jahrbuch für Lan�desgeschichte 53 (2003), S. 51-70;
  • KARL GUTKAS, König Ottokars Städtepolitik in Österreich und in der Steiermark, in: Böhmisch-österreichische Beziehungen im 13. Jahrhundert, hrsg. von Marie Bláhová/Ivan Hlavacek, Prag 1998, S. 107-125, und
  • HELMUT G. WALTHER, Die Städtepolitik Heinrichs des Löwen, in: Salzgitter-Jahrbuch 17/18 (1996), S. 62-75.

93 Auf die neue Bedeutung der Städte im 12./13. Jahrhundert verweist sehr eindringlich: JACQUES LE GOFF, Die Stadt als Kulturträger, in: Europäische Wirtschaftsgeschichte. The


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    • Territorialherr kommt aber als Initiator der Gründungsstadt Dresden in Frage?

Die Antwort könnte lauten: Im Abstand von etwa 20 Jahren haben sich zwei Herren an diesem Prozess beteiligt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts übten, wie erläutert, wohl die königlichen Burggrafen von Dohna im Dresdner Gebiet Territorialherrschaft aus. Damit kommen am ehesten die Donins als ursprüngliche Initiatoren der Stadtgründung Dresdens um 1180 in Frage. Ob dies mit direkter Beteiligung der Staufer geschah, ist nicht zu entscheiden, wohl aber auch nicht wahrscheinlich. 94

    • Nicht zu bestreiten ist jedoch, dass die Burggrafen diese führende Rolle bereits um 1200 wieder eingebüßt haben. Sie wurden Leidtragende der

staufischen Herrschaftskrise ab 1197. Der Wettiner Dietrich profitierte von dieser Krise unter anderem als neuer führender Territorialherr in Nisan, wenn auch zunächst nur im Zuge einer Verpfändung. Diese Pfandschaft reichte aber aus, um den neuen Ort Dresden unter wettinische Herrschaft zu bringen. Urkundlich ist dies für 1216 bezeugt; aber bereits der Spruch von 1206 legt nahe, in Dresden zu diesem Zeitpunkt einen Ort des Markgrafen und nicht des beschuldigten Burggrafen zu sehen. 95

    • Ein solchermaßen erzwungener Herrschaftswechsel in der viel versprechenden

städtischen Neugründung im Dresdner Elbtal würde durchaus gut in die wechselvollen politischen Geschicke in der Mark Meißen in den Jahrzehnten um 1200 passen. Die Wettiner profitierten mithin von den bereits gelegten Fundamenten der Stadt Dresden, bauten aber diese dann im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts energisch zu einem Zentralort ihrer Herrschaft weiter aus. Dresden hat in diesem Sinne wohl zwei Stadtgründer und eine doppelte Gründungsgeschichte.


24 Jörg Oberste

Fontana Economic History of Europe, Bd. 1: Mittelalter, hrsg. von Carlo M. Cipolla, Stutt�gart/New York 1978, S. 45-66. Zu Städten als Repräsentationsorten vgl. den Sammelband: Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt, hrsg. von JÖRG OBERSTE (Forum Mittelalter-Studien, Bd. 4), Regensburg 2008.

94 Zur staufischen Reichslandpolitik in Mitteldeutschland vgl. SIGRID HAUSER, Staufische Lehnspolitik am Ende des 12. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1998; ANDRÉ THIEME, Pleißenland, Reich und Wettiner. Grundlagen, Formierung und Entwicklung der terra plisnensis bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: Tegkwitz und das Altenburger Land. 976/2001 – 1025 Jahre Ersterwähnung von Altenburg und Orten im Altenburger Umland, hrsg. von Peter Sachenbacher/Ralph Einicke/Hans-Jürgen Beier (Beiträge zur Frühge�schichte und zum Mittelalter Ostthüringens, Bd. 1), Langenweißbach 2003, S. 39-61; sowie die Überlegungen von FERDINAND OPPL, Stadt und Reich im 12. Jahrhundert, Wien/ Köln/Graz 1986.

95 Vgl. dazu zuletzt ANDRÉ THIEME, Burg und Herrschaft im Osterzgebirge. Skizzen zur Besiedlung und Herrschaftsentfaltung zwischen Freiberger Mulde und Gottleuba im hohen Mittelalter, in: Herbergen der Christenheit 25 (2001), S. 7-31

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