Wikiversity:Fellow-Programm Freies Wissen/Einreichungen/Erzählen und Schweigen in der Institution Asyl - Grenzen und Möglichkeiten der (Selbst-)Artikulation und Anerkennung

Aus Wikiversity
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erzählen und Schweigen in der Institution Asyl – Grenzen und Möglichkeiten der (Selbst-) Artikulation und Anerkennung[Bearbeiten]

Projektbeschreibung[Bearbeiten]

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit den Bedingungen, Grenzen und Möglichkeiten einer anerkennenden und wechselseitig gewinnbringenden, respektvollen und ermächtigenden Kommunikation zwischen neu angekommenen Menschen mit Fluchterfahrung und jenen, die schon länger in Deutschland leben. Die Fragestellung resultierte aus einer Erschütterung, die sich einstellte, als ich im Kontext eines Jobs als Sozialberaterin für Geflüchtete feststellen musste, wie deren Lebensrealität in Konfrontation mit der Asylgesetzgebung oftmals aussah. Ich nahm die Menschen in vielerlei Hinsicht als stimm- und machtlos wahr und interessierte mich für Möglichkeiten des Empowerments.

Über das Medium autoethnografischen Schreibens werden in meiner Dissertation Erkenntnisse und Reflexionen nachgezeichnet, die seit Beginn meine Forschung begleitet und deren Entwicklung geprägt haben. Wo zu Anfang der Arbeit noch stereotype Sichtweisen und Diskurse über „Flüchtlinge“ sowie die Reaktionen von Forschungspartner*innen auf solche Zuschreibungen zentral waren, drängten sich durch die vielen Gespräche und Begegnungen mit geflüchteten Menschen nach und nach andere bzw. zusätzliche Fragen auf, die eine Antwort forderten. Die entstehenden Fragen wurden implizit oder explizit an mich gerichtet. Sie stellten die Reflexion der Rolle von Wissenschaftler*innen und Wissenschaft, der Forschungsmethoden und Fragen nach Machtverhältnissen und Repräsentationen und zur Verfügbarkeit von Wissen viel mehr ins Zentrum als ich zunächst geplant und erwartet hatte. Sie forderten mich auf, mich intensiver mit dem „Wissen“ der "Anderen" zu beschäftigen und jenen „Orten“, „Erfahrungen“ und „Ansichten“, von denen diese Menschen mir erzählten. Sie forderten zugleich eine tiefergehende Reflexion meiner Position und meiner Aufgaben als Wissenschaftlerin. Es stellte sich für mich zudem heraus, dass es ein richtiger Schritt war, nach den Orten und Möglichkeiten zu fragen, an bzw. in denen diese und andere Dialoge geführt, wechselseitige Fragen gestellt und alternative Perspektiven entwickelt werden konnten.

Eine zentrale Rolle spielt aus diesem Grund in meiner Arbeit der Begriff des Artikulationsraums. Die Auseinandersetzung mit Artikulationsräumen beschreibt hier einen Weg, auf welchem ich mich suchend von „Ort“ zu „Ort“ bewegte und Möglichkeiten einer „Begegnung auf Augenhöhe“, deren Bedingungen und Definitionen alles andere als auf der Hand liegen, auszuloten versuchte. Dabei kennzeichnet sich jede meiner „Stationen“ durch teilweise gleichbleibende, teilweise veränderte Themen, Fragen und Perspektiven. Ich begleitete Therapeut*innen und suchte nach „Anerkennung“ in der Therapie mit Geflüchteten und Folteropfern. Ich beteiligte mich an Protesten für die Rechte von Flüchtlingen und Migrant*innen, sprach mit Aktivist*innen und wirkte in deren Gruppen mit, um zu verstehen, was sie antrieb, stärkte und verletzte. Ich ging ins Theater, lernte Musiker*innen, Schauspieler*innen und Autor*innen kennen und machte selbst Musik mit Menschen, die geflüchtet waren. Ich las Gedichte und autobiografische Erzählungen, sah Filme und hörte Lieder, die mir Forschungspartner*innen empfohlen hatten oder die sie wichtig fanden. „Artikulationsraum“ kann also ein Ort sein, an den man gehen und sich sehen kann, aber auch ein abstrakt gedachter, gedanklicher Raum der Begegnung und intersubjektiven Erfahrung, an dem jeweils etwas geäußert wird, dem eine besondere Bedeutung für eine gegenseitige Anerkennung zugeschrieben werden kann – etwa beim Lesen eines Lieblingsbuches, das man geschenkt bekommen hat.

Schließlich lernte ich, dass ich, ohne die Stimmen derjenigen wirklich ernst zu nehmen, die mich als „Forschungsobjekte“ interessierten und ohne mit ihnen zu diskutieren, mitsamt meinem Wissen in einer Art „luftleerem Raum“ schwebte und mir entfremdet schien. In diesem „Raum“ wiederum schrieben und forschten gleich mir andere Wissenschaftler – allzu oft ohne Bezug zu den „Marginalisierten“, die Thema ihrer Arbeit waren. Was konnte „ernstnehmen“ da bedeuten? Sich auch in Frage stellen zu lassen, Antworten geben zu müssen, die Forscher*innen gewöhnlich zugeschriebene Autorität zugleich zu vergessen und anzunehmen und schließlich über genau jene Widersprüche zu schreiben, die sich im Kontext dieser Forschung auftaten, wurde darum immer mehr zur folgerichtigen Aufgabe, die mich auch zur Autoethnografie führte.

Der Weg führte mich dann eher über Zufälle und einzelne Schlüsselereignisse zu einer Auseinandersetzung mit offeneren, performativen und partizipativen Methoden der Sozialforschung. Nachdem ich etwa in einer Interpretationsgruppe an der Universität das Gefühl hatte, meine geschätzten Kolleg*innen kämen über einen „akademischen“ Blick – d.h. mit einer angenommenen „Interpretationshoheit“ – auf das Gesagte nicht hinaus, beschloss ich, mehr von dem, was ich machte und dachte, auch mit meinen Forschungspartner*innen zu besprechen. Wo es sich ergab, machten wir Dinge gemeinsam und wählten Wege, Wissensgenerierung zu reflektieren, etwa über das Schreiben von Gedichten oder in gemeinsamen Veranstaltungen zu bestimmten Themen.

Jenseits einer klaren Systematisierung steht es nun aus, diesen Prozess auf Basis einer mittlerweile sehr hohen und komplexen Datenmenge zu verschriftlichen, für andere nachvollziehbar zu machen und die Kontakte mit den Menschen aufrecht zu erhalten und zu pflegen, die so bereitwillig viele meiner Fragen mit mir diskutierten. Der Schreibprozess ist in vollem Gange und soll bis Mitte 2018 beendet sein, wobei verschiedene Möglichkeiten offenen Publizierens noch erwogen werden. Für mich stellt letztlich diese Arbeit nur den Anfang dessen dar, was meine Auseinandersetzung mit den Aufgaben, Methoden und Verantwortlichkeiten „freien Forschens“ angeht. Die ursprüngliche Auseinandersetzung mit Zuschreibungen an und „Anerkennung“ von Geflüchteten führt allerdings zu allgemeineren Fragen an Forschungspraktiken und Wissenschaft. Mit Blick auf meine voranstehend skizzierten Forschungserfahrungen lässt sich eine zentrale Einsicht meines Erachtens schon jetzt formulieren:

Eine Auseinandersetzung mit Fragen nach Offenheit der Generierung, Weitergabe, Vernetzung, Verfügbarkeit und Nutzung des erzielten Wissens ist generell unverzichtbar und unvermeidbar. Insbesondere bei Themen von hoher gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz ist diese Auseinandersetzung nicht nur methodologisch, sondern – nicht zuletzt mit Blick auf die Forschungspartner*innen – auch moralisch geboten.


Monique Kaulertz (Ruhr-Universität Bochum)

E-Mail: monique.kaulertz@rub.de

Internetseite: http://www.sowi.rub.de/soztheo/team/kaulertz.html.de