Aphorismen zur Lebensweisheit. Was einer vorstellt.
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[Bearbeiten] Von dem, was einer vorstellt
- Unser Dasein in der Meinung anderer wird, infolge einer Schwäche unserer Natur, durchweg viel zu hoch angeschlagen.
- Demnach wird eine richtige Abschätzung des Wertes dessen, was man in und für sich selbst ist, gegen das, was man bloß in den Augen anderer ist, zu unserem Glück viel beitragen.
Die Überschätzung der Meinung anderer ist nach Schopenhauer eine natürliche und angeborene Verkehrtheit. Wenn es gelänge, sich von dieser Torheit frei zu machen, so würde die Folge ein unglaublicher Zuwachs an Gemütsruhe und Heiterkeit und ebenfalls ein festeres und sichereres Auftreten, ein durchweg unbefangeneres und natürlicheres Betragen sein.
Die Wirkungssphäre von „Was einer ist“ und „Was einer hat“ ist das eigene Bewusstsein. Hingegen ist der Ort dessen, was wir für a n d e r e sind, das fremde Bewusstsein. Wirksam ist es nur im Betragen der anderen gegen uns, also nur mittelbar. Diese Wirksamkeit verliere an Bedeutung, wenn man eine hinlängliche Kenntnis erlangt habe
- von der Oberflächlichkeit und Futilität [1] der Gedanken, von der Beschränktheit der Begriffe, von der Kleinlichkeit der Gesinnung, von der Verkehrtheit der Meinungen und von der Anzahl der Irrtümer in den allermeisten Köpfen. - Und wenn man sich weiter vergegenwärtigt,
- mit welcher Geringschätzung gelegentlich von jedem geredet wird, sobald man ihn nicht zu fürchten hat.
- Wer auf die Meinung der Menschen einen großen Wert legt, erzeigt ihnen zu viel Ehre.
- Unser realer und persönlicher Zustand, wie er durch Gesundheit, Temperament, Fähigkeiten, Einkommen, Weib, Kind, Freunde, Wohnort usw. bestimmt wird, [ist] für unser Glück hundertmal wichtiger, als was es andern beliebt, aus uns zu machen.
Auf Eitelkeit würden fast die Hälfte aller Bekümmernisse und Ängste, die wir jemals empfunden haben, beruhen. Auch unser Neid und unser Haß entspringe größtenteils der Eitelkeit.
Im Alter nehme Eitelkeit zu, zusammen mit Hochmut und Geiz.
Stolz ist die bereits feststehende Überzeugung vom eigenen Werte; Eitelkeit hingegen das Streben, solche von außen her, also indirekt zu erlangen. Dementsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam.
Aller Stolz, gleich welcher Art, beruhe auf Eitelkeit. Und welche Opfer würden ihr da gebracht. [2]
- Der Eitle sollte wissen, daß die hohe Meinung anderer, nach der er trachtet, sehr viel leichter und sicherer durch anhaltendes Schweigen zu erlangen ist, als durch Sprechen, auch wenn er sie schönsten Dinge zu sagen hätte. [3]
- Stolz ist nicht, wer will, sondern höchstens wer kann.
- So sehr nun auch durchgängig der Stolz getadelt und verschrien wird, so vermute ich doch, daß dieses hauptsächlich von solchen ausgegangen ist, die nichts haben, darauf sie stolz sein könnten.
- Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte.
- Die Deutschen sind frei von Nationalstolz. [4]
Der vielstimmige Beifall der Zeitgenossen könne für denkende Köpfe nur wenig Wert haben, da die Menge in der Regel ohne eigenes Urteil sei.
- Der große Haufe nämlich hat Augen und Ohren, aber nicht viel mehr, zumal blutwenig Urteilskraft und selbst wenig Gedächtnis.
Ehre besage, dass der Betreffende keine Ausnahme mache. Ruhm dagegen sei das Außerordentliche schlechthin.
Ehre werde bewahrt, Ruhm durch Taten oder Werke erworben.
Von den Taten bleibe nur das Andenken, sofern es zu Geschichte petrifiziere.[5] Das geniale Werk lebe und wirke durch alle Zeiten.
Ruhmreiche Taten würden überliefert. Werke bleiben, wie sie sind.
- ↑ Nichtigkeit
- ↑ Diese Bemerkung ist dem Jahrhundert Schopenhauers geschuldet, dem 19. Jahrhundert. Ein literarisches Beispiel gibt Theodor Fontane mit Effi Briest.
- ↑ Der böse Geist Mephostophiles (sic) in der Historia von D.[oktor] Johann Faust (1587): „Weist du was, so schweig.“ (Kapitel 65).
- ↑ Gedruckt 1851, vor der Reichsgründung 1871 unter der Vorherrschaft Preußens.
- ↑ versteinert