Goethes Faust. Eine heitere Tragödie. Schülerszene.
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[Bearbeiten] Mephistopheles, der Schüler und der Baccalaureus
In der sog. Schülerszene gibt Mephistopheles, wie auf einer kleinen Nebenbühne, ein Satyrspiel. [1] Die Studienberatung gerät dem Teufel zur Universitätssatire, in der alle vier Fakultäten, die in Fausts Eingangsmonolog genannt wurden, verspottet werden. [2] Schüler ist hier eine ältere Bezeichnung für Student.
Doch euch des Schreibens ja befleißt (1962) bezieht sich auf die Seltenheit von Lehrbüchern im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. In dieser Zeitenwende siedelt Goethe seine Faust-Dichtung an. Bücher waren für Studenten unerschwinglich und standen in den Universitäten nur angekettet zur Verfügung. Sauber geschriebene und vollständige Kolleghefte waren des Studenten wertvollster Besitz. [3]
Das Stammbuch (2045) war Tradition seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Man sammelte während der Studienzeit und auf Bildungsreisen Autographen von Honorationen und nahe stehenden Personen. Die Alben enthielten geflügelte Worte, Lebensregeln und dergleichen. [4]
Eritus sicut Deus, scientes bonum et malum (2048) : Ihr werdet Gott gleich sein, indem Ihr das Gute und das Böse erkennt. - Mit diesen Worten wird Eva im Paradies von der Schlange verführt, von den verbotenen Äpfeln zu kosten.
In Der Tragödie zweiter Teil, Szene Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer hat sich das Kräfteverhältnis scheinbar verschoben. Der angehende Student von damals ist inzwischen Baccalaureus und trifft wieder auf Mephistopheles, der gravitätisch Fausts Platz eingenommen hat.
Mephistopheles gibt sich jovial, die Entwicklung des Schülers von einst anerkennend. Der Baccalaureus hingegen kanzelt den alten Herrn ab, wobei er sich auf die Überlegenheit jugendlicher Intuition gegenüber dem Erfahrungswissen des Alters beruft. Mephistopheles versucht milde einzulenken und heuchelt dann, sich an das Publikum wendend, Bedrängnis:
- Hier oben wird mir Licht und Luft benommen,
- Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen? (6772 - 73)
Baccalaureus:
- Anmaßlich find' ich, daß man zur schlechtesten Frist
- Etwas sein will, wo man nichts mehr ist. (6774 - 75)
- [...]
- Hat einer dreißig Jahr' vorüber,
- So ist er schon so gut wie tot. (6787 - 88) [5]
Baccalaureus: Am besten wär’s, euch zeitig tot zu schlagen. (6789)
Mephistopheles: Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen. (6790)
Baccalaureus: Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein. (6791)
Mephistopheles: Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein. (6792)
Nachdem der Baccalaureus abgegangen ist, im eigensten Entzücken (6805) und mit den hochfahrenden Worten
- Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken (6806)
spottet ihm Mephistopheles hinterher:
- Original, fahr' hin in deiner Pracht! -
- Wie würde dich die Einsicht kränken:
- Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
- Das nicht die Vorwelt schon gedacht? - (6807 - 10)
Entgegen seiner Gepflogenheit beendet Mephistopheles die Szene ohne Sarkasmus. Szenenanweisung: Zu dem jüngeren Parterre, das nicht applaudiert.
- Ihr bleibt bei meinen Worten kalt,
- Euch guten Kindern lass' ich's gehen;
- Bedenkt: der Teufel, der ist alt.
- So werdet alt, ihn zu verstehen! (6815 - 18)
- ↑ Schöne, Albrecht: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare. Frankfurt am Main: Klassiker Verlag 1994, S.268
- ↑ a. a. O.
- ↑ a. a. O. S. 271
- ↑ a. a. O. S. 273
- ↑ Zur Zeitlosigkeit des Generationskonflikts als psychologische Gesetzmäßigkeit: Eine Parole der Studenten-Unruhen 1968 lautete „Trau keinem über dreißig.“