Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2008)/Vorlesung 1
Inhaltsverzeichnis |
- Algebraische Kurven – Einige Beispiele
Was ist eine algebraische Kurve? Zum Beispiel das, was auf den folgenden schönen Bildern zu sehen ist:
Nun kann man natürlich viel malen. Schön sind auch die folgenden Kurven, doch das sind keine algebraischen Kurven:
Das „algebraisch“ in algebraische Kurve kommt daher, dass zu ihrer Definition nur algebraische Operationen verwendet werden dürfen, d.h. Addition und Multiplikation, nicht aber analytische Prozesse wie Limes nehmen, unendliche Summen, Approximieren, Differenzieren und Integrieren. Die erlaubten Abbildungen in unserem Kontext sind durch Polynome in mehreren Variablen gegeben. In den obigen Bildern geht es um ebene algebraische Kurven, die durch ein Polynom in zwei Variablen definiert werden. Die beiden ersten Bilder sind Graphen zu einer polynomialen Funktion in einer Variablen, sie werden beschrieben durch
ist (es liegt also ein lineares Polynom vor) und im zweiten Bild etwas wie
aus einem Körper
vorliegt. In der algebraischen Geometrie fixiert man einen Grundkörper
. Wichtige Körper sind für uns die reellen Zahlen (insbesondere sind die Bilder so zu verstehen!) oder die komplexen Zahlen
. Ein solcher Graph ist insofern ein einfaches Gebilde, dass es zu jedem Wert für
genau einen Wert für
(den Funktionswert) gibt, und den man auch noch einfach ausrechnen kann, wenn man im gegebenen Körper rechnen kann. Der Graph ist in gewissem Sinne eine „gebogene“ Kopie der Grundlinie, der
-Achse.
Betrachten wir das dritte Bild. Das ist der Graph einer rationalen Abbildung, d.h. man hat zwei Polynome
in einer Variablen
und schaut sich den Quotienten
an. Dieser Ausdruck macht nur dort Sinn, wo der Nenner nicht null ist. An den Nullstellen des Nennerpolynoms ist die rationale Funktion nicht definiert (wenn Nenner und Zähler an der gleichen Stelle beide null sind, so kann man durch kürzen manchmal erreichen, dass der Quotient auch an dieser Stelle einen Sinn bekommt). Wenn der Nenner null ist, der Zähler aber nicht, so ist die Undefiniertheitsstelle ein „Pol“ - der reelle Graph strebt nach
bzw.
- Es ist verlockend zu sagen, dass der Wert der rationalen Funktion an diesen undefinierten Stellen „unendlich“ ist, und im Kontext der projektiven Geometrie macht das durchaus Sinn, wie wir später sehen werden. Die „Graphengleichung“
ist jedenfalls wegen den Undefinierbarkeitsstellen keine optimale Beschreibung für die Kurve. Wenn man sie hingegen mit dem Nenner multipliziert, so erhält man die Bedingung (oder Gleichung)
für ein bestimmtes
die linke Seite null ist, und es dann dort bei
keine Lösung gibt (wie im Bild) und bei
jeder
-Wert erlaubt ist. In letzterem Fall gehört also eine zur
-Achse senkrechte Gerade durch
zu dem Gebilde.Beispiel
Ein typisches und wichtiges Beispiel für eine rationale Funktion ist
. Den zugehörigen Graphen nennt man Hyperbel
. Nennerfrei geschrieben ergibt sich die Gleichung
eine echte Funktion (mit
als Graphen) und stiftet eine „natürliche“ Bijektion
und
sind also in einem zu präzisierenden Sinn „äquivalent“ oder „isomorph“.
Beide Beschreibungen haben etwas für sich. Die Beschreibung als
spielt sich auf einer Geraden ab (wenn man an
denkt), dafür gehört der Punkt
, der ein Häufungspunkt von
ist, nicht zu
. D.h.,
ist nicht abgeschlossen. Dagegen ist die Hyperbel in
abgeschlossen, für die abgeschlossene Realisierung muss man also in eine höhere Dimension gehen. Die Frage, was eine gute Beschreibung für ein Objekt der algebraischen Geometrie ist, wird immer wieder auftauchen.
Im reellen Fall, also bei
, besteht
(und entsprechend
) aus zwei disjunkten „Zweigen“, ist also nicht zusammenhängend. Im komplexen Fall, also bei
, ist
(und entsprechend
) eine punktierte reelle Ebene, also zusammenhängend. Dies ist ein typisches Phänomen der algebraischen Geometrie, dass wichtige Eigenschaften vom Grundkörper abhängen. Besonders wichtig sind dann aber Eigenschaften, die nur von den beschreibenden Gleichungen abhängen und für die Lösungsmengen zu allen Körpern gelten.
Das vierte Bild ist ein Kreis, seine Gleichung ist
den Radius des Kreises bezeichnet. Schon das Bild zeigt, dass dieses Gebilde nicht der Graph einer Funktion (Abbildung) sein kann, da bei einem Graphen zu einem
-Wert stets genau ein
-Wert gehört. Man kann aber keine Funktion finden mit
und
.
Die Frage, ob man ein algebraisches Lösungsgebilde als einen Graphen realisieren kann, ist äquivalent dazu, ob man die definierende Gleichung nach
„auflösen“ kann. Im Beispiel kann man
und damit
- Wenn man sich auf reelle Zahlen und auf positive Wurzeln beschränkt, so hat man im letzten Schritt keine Äquivalenzumformung durchgeführt, und Information „hinzugefügt“, die in der ursprünglichen Gleichung nicht vorhanden war. Die positive Wurzel zu nehmen bedeutet, sich auf den oberen Halbkreis zu beschränken (Information, also Bedingungen hinzufügen, bewirkt, dass die Lösungsmenge verkleinert wird).
- Wenn man stattdessen unter
alle Lösungen berücksichtigt
schreibt), so hat man keine Information dazugetan, aber auch nicht nach einer Funktion aufgelöst (sondern nur, wie man manchmal sagt, nach einer „mehrwertigen Funktion“)Beide Standpunkte haben etwas für sich. Dass man für einen Teil des geometrischen Objektes (dem oberen Halbbogen) versucht, eine einfache Beschreibung als Graph zu finden, kehrt im Satz über implizite Funktionen, im Potenzreihenansatz, in Parametrisierungen und in der lokalen Theorie wieder.
- Gleichungen der Form

Eine Kreisgleichung kann man auffassen als eine Gleichung der Form
ein Polynom in der einen Variablen
bezeichnet (im Fall eines Kreises ist
). Das ist kein Graph, aber die „Wurzel“ eines Graphen. Betrachten wir generell eine solche Situation, wo
komplizierter sein darf. Das Nullstellengebilde repräsentiert hier die Quadratwurzel
. Wenn man sich für
einen beliebigen Wert
vorgibt, so gibt es (im Reellen) drei Möglichkeiten für zugehörige Lösungen:
- Wenn
negativ ist, so gibt es keine Lösung.
- Wenn
ist, so gibt es genau die Lösung
.
- Wenn
positiv ist, so gibt es die zwei Lösungen
.
Das gibt auch einen Ansatz, wie das reelle Bild aussieht: Für jedes
berechnet man
und markiert bei
(falls die Wurzel nichtnegativ ist) einen Punkt.
Im Komplexen sind nur die Fälle
oder
zu unterscheiden. Wenn
selbst nur den Grad zwei besitzt, so handelt es sich um einen Kegelschnitt, die schon in der Antike betrachtet wurden. Mit dem Fall, dass
ein kubisches (reelles) Polynom ist (also den Grad drei besitzt), hat sich Isaac Newton intensiv beschäftigt. Dieses Beispielmaterial ist schon sehr reichhaltig.
Betrachten wir den Fall
, also das durch
Im Bild 7 vom Anfang und oben sieht man ebenfalls Nullstellengebilde der Form
, wobei
ein Polynom vom Grad drei ist. Wie sieht
aus, damit sich solch eine Kurve ergibt? Die zuletzt genannten Beispiele zeigen auch, dass es von der genauen Gestalt von
abhängt, ob die Kurve eine Singularität besitzt oder nicht.
Bleiben wir noch bei der Neilschen Parabel
. Wenn
irgendeine reelle oder komplexe Zahl ist, so liegt der Punkt mit den Koordinaten
stets auf der Neilschen Parabel, da ja
ist. Man kann auch umgekehrt zeigen, dass jeder Punkt der Neilschen Parabel eine solche Gestalt besitzt, dass es also zu
mit
ein (und zwar genau ein)
gibt mit
. Man sagt, dass die Abbildung
, die glatt ist und wo
den Grad drei hat, besitzt keine solche Parametrisierung. In der elementaren Zahlentheorie lernt man, dass alle pythagoreischen Tripel auf eine einfache übersichtliche Gestalt gebracht werden können. Äquivalent dazu ist eine (rationale) Parametrisierung des rationalen Einheitskreises. Siehe Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 10.
Wir kommen zur ersten allgemeinen Definition.
Definition
Sei
ein Körper. Eine ebene affin-algebraische Kurve über
ist das Nullstellengebilde
eines nicht-konstanten Polynoms
in zwei Variablen, also
Noch ein Lemma, aus dem folgt, dass die oben zuletzt angeführten Kurven nicht algebraisch sind.
Lemma
Sei
eine ebene affin-algebraische Kurve und sei
eine Gerade in
. Dann ist der Durchschnitt
die ganze Gerade, oder er besteht nur aus endlich vielen Punkten.
Beweis
Eine ebene algebraische Kurve
ist nach Definition immer die Nullstelle eines Polynoms
in zwei Variablen. Die Gerade
sei durch die Gleichung
gegeben. Ohne Einschränkung sei
, dann kann man nach
auflösen und erhält die Geradengleichung
. Ein Schnittpunkt
muss also sowohl
erfüllen als auch die Geradengleichung. Mit der Geradengleichung kann man
in
durch
ersetzen. Dadurch wird
zu einem Polynom in der einen Variablen
, das wir
nennen. Dann ist
äquivalent dazu, dass
und
ist. D.h. die Schnittmenge wird durch das Polynom
beschrieben. Bei
ist die ganze Gerade der Schnitt. Bei
gibt es nach Fakt ***** nur endlich viele Nullstellen.

In den obigen Beispielen gibt es aber Geraden, die die Kurven in unendlich vielen Punkten schneiden – deshalb sind sie nicht algebraisch.
- Polynomringe
Nach diesen einführenden Beispielen fixieren wir ein paar Begrifflichkeiten, die wahrscheinlich schon bekannt sind.
Definition
Der Polynomring über einem kommutativen Ring
besteht aus allen Polynomen
, und mit komponentenweiser Addition und einer Multiplikation, die durch distributive Fortsetzung der Regel
Darauf aufbauend kann man auch Polynomringe in mehreren Variablen definieren. Man setzt
Variablen hat die Gestalt
. Die Ausdrücke
nennt man auch Monome. Ein Polynom schreibt man zumeist abkürzend als
. Das Produkt von zwei Monomen bedeutet Addition der Exponententupel, also
ein Körper ist. In der algebraischen Geometrie interessiert man sich für die Gestalt von Nullstellengebilden von Polynomen in mehreren Variablen. Wir werden später sehen, dass die Beziehung zwischen algebraischen und geometrischen Eigenschaften besonders stark ist, wenn der Grundkörper algebraisch abgeschlossen ist.Definition
Ein Körper
heißt algebraisch abgeschlossen, wenn jedes nichtkonstante Polynom
eine Nullstelle in
besitzt.
Satz
Der Körper
der komplexen Zahlen ist algebraisch abgeschlossen.
Beweis

Der Fundamentalsatz der Algebra wurde erstmals von Gauss bewiesen.
- Graph (MSW)
- Grundkörper (MSW)
- Reelle Zahlen (MSW)
- Komplexe Zahlen (MSW)
- Rationale Abbildung (MSW)
- Gleichung (MSW)
- Erfüllungsmenge (MSW)
- Lösungsmenge (MSW)
- Mathematische Definitionsbegriffe (en passant)
- Hyperbel (MSW)
- Häufungspunkt (MSW)
- Abgeschlossen (MSW)
- Zusammenhängend (MSW)
- Kreis (MSW)
- Kegelschnitt (MSW)
- Neilsche Parabel (MSW)
- Singularität (MSW)
- Glatt (MSW)
- Nicht-singulär (MSW)
- Spitze (MSW)
- Kuspe (MSW)
- Kreuzungspunkt (MSW)
- Doppelpunkt (MSW)
- Parametrisierung (MSW)
- Pythagoreisches Tripel (MSW)
- Ebene affin-algebraische Kurve (MSW)
- Polynomring (MSW)
- Polynom (MSW)
- Exponententupel (MSW)
- Monom (MSW)
- Algebraisch abgeschlossen (MSW)
- Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2008)








alle Lösungen berücksichtigt

.
.





![{{}} K[X,Y]
:= (K[X] )[Y], \, K[X,Y,Z]
:= (K[X,Y])[Z] \, ,](http://upload.wikimedia.org/wikiversity/de/math/6/2/e/62eae54f67473a20bd15db71a823cd42.png)

