Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 26
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Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass die Klassengruppe eines quadratischen Zahlbereichs endlich ist. Zu dem Beweis benötigt man Methoden aus der konvexen Geometrie und einige topologische Begriffe, die im folgenden aufgeführt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Geometrie der Zahlen, die mit dem Namen von Minkowski verbunden ist. Der grundlegende Satz ist der Gitterpunktsatz von Minkowski, den wir in diesem Abschnitt vorstellen und beweisen wollen. Im Fall eines quadratischen Zahlbereichs bilden die ganzen Zahlen ein zweidimensionales Gitter, nämlich
, das wir in einem zweidimensionalen reellen Vektorraum auffassen werden. Der Gitterpunktsatz macht eine Aussage darüber, dass gewisse Teilmengen mit hinreichend großem Flächeninhalt (oder allgemeiner Volumen) mindestens zwei Gitterpunkte enthalten müssen.
Wir erinnern zunächst an einige Grundbegriffe aus der konvexen Geometrie, der Topologie und der Maßtheorie.
Definition
Seien
linear unabhängige Vektoren im
. Dann heißt die Untergruppe
ein Gitter im
.
Manchmal spricht man auch von einem vollständigen Gitter.
Definition
Eine Teilmenge
heißt konvex, wenn mit je zwei Punkten
auch jeder Punkt der Verbindungsstrecke, also jeder Punkt der Form
gehört.
Der Durchschnitt von konvexen Teilmengen ist wieder konvex (Aufgabe 26.3). Daher kann man definieren:
Definition
Zu einer Teilmenge
heißt die kleinste konvexe Teilmenge
, die
umfasst, die konvexe Hülle von
.
Die konvexe Hülle ist einfach der Durchschnitt von allen konvexen Teilmengen, die
umfassen.
Im zweidimensionalen kann man sich die konvexe Hülle so vorstellen, dass man eine Schnur um die fixierten Punkte aus
legt und die Schnur dann zusammen zieht.
Definition
Zu einem durch linear unabhängige Vektoren
gegebenen Gitter bezeichnet man die konvexe Hülle der Vektoren
mit
als die Grundmasche (oder Fundamentalmasche) des Gitters.
Die in der vorstehenden Definition auftauchenden Vektoren sind die Eckpunkte des von den Basisvektoren
erzeugten Parallelotops. Die Elemente der Grundmasche selbst sind alle Vektoren der Form
bezeichnen. Zu einem Gitterpunkt
nennt man die Menge
eine Masche des Gitters. Ein beliebiger Punkt
hat eine eindeutige Darstellung
und damit ist
, wobei der erste Summand zum Gitter gehört und der zweite Summand zur Grundmasche. Insbesondere haben zwei verschiedene Maschen nur Randpunkte, aber keine inneren Punkte gemeinsam.
Definition
Eine Teilmenge
heißt zentralsymmetrisch, wenn mit jedem Punkt
auch der Punkt
zu
gehört.
Der Begriff der Kompaktheit sollte aus den Anfängervorlesungen bekannt sein.
Definition
Ein topologischer Raum
heißt kompakt (oder überdeckungskompakt), wenn es zu jeder offenen Überdeckung
gibt derart, dass
Für eine Teilmenge im
ist eine Teilmenge
genau dann kompakt, wenn sie abgeschlossen und beschränkt ist (Satz von Heine-Borel).
Die endliche Vereinigung von kompakten Mengen ist kompakt. Abgeschlossene Teilmengen von kompakten Mengen sind wieder kompakt. Zu zwei disjunkten kompakten Mengen
und
in einem metrischen Raum
gibt es einen Minimalabstand
. D.h. zu jede zwei Punkten
und
ist
.
Wir stellen einige Grundbegriffe aus der Maßtheorie zusammen.
Nicht jeder Teilmenge des
kann man sinnvollerweise ein Maß zuordnen. In der Maßtheorie werden die sogenannten Borelmengen eingeführt, und diesen Borelmengen kann ein Maß, das sogenannte Borel-Lebesque Maß
zugeordnet werden. Die Borelmengen umfassen unter anderem alle offenen Mengen, alle abgeschlossenen Mengen (insbesondere alle kompakten Mengen). Borelmengen sind unter abzählbarer Vereinigung und abzählbaren Durchschnitten abgeschlossen, und mit einer Borelmenge ist auch deren Komplement eine Borelmenge.
Das Borel-Lebesque Maß
hat seine Werte in
und ist durch folgende Eigenschaften charakterisiert (der Nachweis der Existenz erfordert einigen Aufwand):
- Für einen Quader
mit den Seitenlängen
ist
. - Für eine abzählbare Familie von disjunkten Borelmengen
,
, ist
. - Das Borel-Lebesque Maß
ist translationsinvariant, d.h. für eine Borelmenge
und einen Vektor
ist auch die um
verschobene Menge
eine Borelmenge mit
.
Weitere wichtige Eigenschaften sind:
- Für
ist
.
- Teilmengen, die in einem echten linearen Unterraum des
liegen, haben das Maß
.
- Ein einzelner Punkt und damit auch jede abzählbare Ansammlung von Punkten hat das Maß
.
- Unter einer linearen Abbildung
verhält sich das Borel-Lebesque Maß so: zu einer Borelmenge
ist auch das Bild
eine Borelmenge mit
.
Eine Basis
von
liefert ein Gitter
zusammen mit der Grundmasche
, nämlich das durch die
aufgespannte Parallelotop. Dessen Volumen (also dessen Borel-Lebesgue-Maß) wird im Folgenden eine Rolle spielen. Das Volumen berechnet sich wie folgt: man schreibt die Vektoren
(die ja jeweils
Einträge haben) als Spalten einer quadratischen
-Matrix
. Dann ist
auf
schickt.
Zu einem Gitter
gibt es keine eindeutig definierte Gitterbasis und damit auch keine eindeutig definierte Grundmasche. Wenn bspw.
eine Basis eines zweidimensionalen Gitters bilden, so ist auch
(
) eine Basis desselben Gitters. Wenn man also von einer Grundmasche eines Gitters spricht, so meint man in Wirklichkeit die Grundmasche zu einer fixierten Basis eines Gitters. Wichtig ist dabei, dass das Volumen einer Grundmasche nur vom Gitter selbst abhängt, nicht aber von der Gitterbasis!
Sei nämlich
eine weitere Gitterbasis. Dann gibt es zunächst eine quadratische invertierbare reellwertige Matrix
, die den Basiswechsel beschreibt, also
. Da die
zum Gitter gehören muss diese Matrix ganzzahlig sein. Aus dem gleichen Grund muss die inverse Matrix ganzzahlig sein. Damit muss die Determinante von
> aber entweder
oder
sein. Nach der Formel für das Maß unter linearen Abbildungen haben also die Parallelotope zur Basis
und zur Basis
das gleiche Volumen. Man spricht daher auch vom Volumen (oder Kovolumen) des Gitters.
Satz
Sei
ein Gitter im
mit Grundmasche
. Es sei
eine konvexe, kompakte, zentralsymmetrische Teilmenge in
, die zusätzlich die Volumenbedingung
mindestens einen von null verschiedenen Gitterpunkt.Beweis
Wir betrachten das verdoppelte Gitter
. Ist
eine Basis für
, so ist
eine Basis für
, und für das Volumen gilt
. Wir bezeichnen die Grundmasche von
mit
. Zu jeder Masche
,
, betrachten wir den Durchschnitt
. Da
kompakt und insbesondere beschränkt ist, gibt es nur endlich viele Maschen derart, dass dieser Durchschnitt nicht leer ist. Seien diese Maschen (bzw. ihre Ausgangspunkte) mit
(bzw.
),
, bezeichnet (da der Nullpunkt aufgrund der Konvexität und der Zentralsymmetrie zu
gehört, umfasst
zumindest
Elemente). Die in die Grundmasche
verschobenen Durchschnitte bezeichnen wir mit
nicht paarweise disjunkt sind. Sei also angenommen, sie wären paarweise disjunkt. Mindestens eines der
hat positives Volumen, sagen wir für
. Wegen der angenommenen Disjunktheit sind insbesondere
(d.h. zu jedem Punkt aus
liegen in einer
-Umgebung keine Punkte aus
).
Sei
ein innerer Punkt (den es gibt, da
positives Volumen besitzt) und sei
. Mit
sei die Verbindungstrecke von
nach
bezeichnet, die ganz in
verläuft. Wir wählen einen Punkt
, der weder zu
noch zu
gehört (solche Punkte gibt es wegen des Minimalabstandes). Da
sowohl zu
als auch zu
einen Minimalabstand besitzt, gibt es eine
-Umgebung
von
, die disjunkt zu
und
ist. Wir können ferner annehmen, dass
ganz innerhalb von
liegt (wegen der Wahl von
). Als eine Ballumgebung hat
ein positives Volumen, was zu folgendem Widerpruch führt.
und einen Punkt
(
muss selbst nicht zu
gehören). Sei
ist auch
und daher
folgt (wegen der Zentralsymmetrie) auch
und wegen der Konvexität von
ergibt sich
gefunden.
![{{}} rP+(1-r)Q \mbox{ mit } r \in [0,1] \, ,](http://upload.wikimedia.org/wikiversity/de/math/8/6/5/8657528840eb2c906e8b4a74d5db5b6e.png)
![{{}} r_1v_1 + \ldots + r_nv_n \mbox{ mit } r_i \in [0,1] \,](http://upload.wikimedia.org/wikiversity/de/math/7/d/8/7d85d89a32290b73d5bf4a5750d5099c.png)


mit den Seitenlängen
ist
.
.
ist auch die um
eine Borelmenge mit
.
ist
.
.
verhält sich das Borel-Lebesque Maß so: zu einer Borelmenge
eine Borelmenge mit
.






