Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 20
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Definition (Quadratischer Zahlbereich)
Ein quadratischer Zahlbereich ist der Ring der ganzen Zahlen in einem Erweiterungskörper von
vom Grad 2.
Quadratische Zahlbereiche sind zwar die einfachsten Zahlbereiche, sind aber keinwegs einfach, sondern zeigen bereits die Reichhaltigkeit der algebraischen Zahlentheorie.
Wir interessieren uns in der algebraischen Zahlentheorie insbesondere für folgende Fragen.
- Wann ist ein Zahlbereich R ein Hauptidealbereich und wann ist er faktoriell?
- Wenn R kein Hauptidealbereich ist, gibt es dann andere Versionen, die die eindeutige Primfaktorzerlegung ersetzen (ja: lokal und auf Idealebene).
- Wenn R kein Hauptidealbereich ist, kann man dann die Abweichung von der Eigenschaft, ein Hauptidealbereich zu sein, in irgendeiner Form messen? (ja: durch die sogenannte Klassengruppe).
Definition (quadratfreie Zahl)
Eine ganze Zahl heißt quadratfrei, wenn jeder Primfaktor von ihr nur mit einfachem Exponent vorkommt.
Notation
Zu einer quadratfreien Zahl
bezeichnet man den zugehörigen quadratischen Zahlbereich, also den Ring der ganzen Zahlen in
, mit
Eine quadratischen Körpererweiterungen der rationalen Zahlen wird beschrieben durch ein normiertes irreduzibles Polynom, das man durch quadratisches Ergänzen auf die Form X2 − q bringen kann. Durch Multiplikation mit einem Quadrat (siehe Aufgabe 12.8) kann man q durch eine quadratfreie ganze Zahl ersetzen. Ein großer Unterschied besteht je nachdem, ob D positiv oder negativ ist. Im positiven Fall ist
eine reelle irrationale Zahl, im negativen Fall handelt es sich um eine imaginäre Zahl. Man definiert:
Definition (Reell- und imaginär-quadratische Zahlbereiche)
Sei
quadratfrei und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann heißt AD reell-quadratisch, wenn D positiv ist, und imaginär-quadratisch, wenn D negativ ist.
Definition (Konjugation)
Sei D eine quadratfreie Zahl und sei
die zugehörige quadratische Körpererweiterung und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann wird der Automorphismus (auf
, auf
und auf AD)
Wir bezeichnen die Konjugation von z mit
.
Bemerkung (Konjugation)
Im imaginär-quadratischen Fall, wenn also D < 0 ist, so ist
mit
reell. Die Konjugation schickt dies dann auf
, so dass diese Konjugation mit der komplexen Konjugation übereinstimmt. Im reell-quadratischen Fall allerdings hat die Konjugation
nichts mit der komplexen Konjugation zu tun.
Bemerkung (Norm und Spur)
Bei einer endlichen Körpererweiterung
werden Norm und Spur eines Elementes
über die Determinante und die Spur der Multiplikationsabbildung
definiert. Im Fall einer quadratischen Erweiterung
sind diese beiden Invarianten einfach zu berechnen: Da 1 und
eine
-Basis bilden, ist
und damit ist die Multiplikationsmatrix gegeben durch
Lemma
Sei
eine quadratische Körpererweiterung und
. Dann ist f genau dann ganz über
, wenn sowohl die Norm als auch die Spur von f zu
gehören.
Beweis
Dies folgt aus Satz 18.4, aus Satz 15.15, und aus der Gestalt des Minimalpolynoms im quadratischen Fall.

Satz (Beschreibung quadratischer Zahlbereiche)
Beweis
Sei
gegeben,
,
. Aus Lemma 20.8 folgt
. Sei b = r / s mit r,s teilerfremd,
. Die erste Gleichung wird dann zu
ist.
Sei also s = 2, was zur Bedingung
. Die einzigen Quadrate in
sind 0 und 1, so dass für
keine weitere Lösung existiert. Für
hingegen gibt es auch noch die Lösung
und
, also n und r beide ungerade. Diese Lösungen gehören alle zu
.
Die umgekehrte Inklusion
ist klar, sei also
. Dann ist aber
eine ganze Zahl, so dass dies sofort eine Ganzheitsgleichung über
ergibt.
In den im vorstehenden Satz beschriebenen Fällen kann man jeweils den Ring der ganzen Zahlen durch eine Gleichung beschreiben. Für
ist
setzt man häufig
für den Algebra-Erzeuger. Dieser Erzeuger erfüllt
. Wir haben also
im ersten Fall und
im zweiten Fall.
Lemma (Diskriminante von quadratischen Zahlbereichen)
Sei D eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann ist die Diskriminante von AD gleich
Beweis
Im Fall
ist
und daher bilden 1 und X eine Ganzheitsbasis. Die möglichen Produkte zu dieser Basis sind in Matrixschreibweise
Im Fall
ist hingegen
und eine Ganzheitsbasis ist 1 und ω. Die Matrix der Basisprodukte ist dann
.
Bemerkung (Faserring)
Das Verhalten von Primzahlen in einer quadratischen Erweiterung lässt sich aus der oben erzielten Beschreibung mit Gleichungen erhalten.
Bei
hat man einfach
ersetzen kann. Ob über p ein oder zwei Primideale liegen hängt davon ab, ob D ein Quadratrest modulo p ist und ob p ungerade ist, und p ist prim genau dann, wenn D kein Quadratrest modulo p ist.
Bei
hat man
und man kann quadratisch ergänzen. Dann ist
und nach Multiplikation der Gleichung mit der Einheit 4 kann man dies als
schreiben, so dass es wieder darum geht, ob D ein Quadratrest modulo p ist.
Ist hingegen p = 2, so schreibt sich die Gleichung als ω2 + ω + c, wobei c = 1 ist, wenn
ist, und c = 0, wenn
. Im ersten Fall ist die Gleichung irreduzibel über
und 2 ist prim in R, im zweiten Fall ist die Gleichung reduzibel und 2 zerfällt in zwei Primideale.
Damit können wir entscheiden, wie viele Primideale in AD über einer Primzahl p liegen. Wir wollen darüberhinaus genau beschreiben, wie das Zerlegungsverhalten einer Primzahl in einer quadratischen Erweiterung aussieht, und beginnen mit der Situation, wo p die Diskriminante teilt.
Lemma (Verzweigungsverhalten)
Sei D eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Die Primzahl p sei ein Teiler der Diskriminante
von AD. Dann gibt es oberhalb von p genau ein Primideal
und es ist
.
Beweis
Sei zunächst
, so dass
ist und als Primteiler p der Diskriminante 2 und die Teiler von D in Frage kommen. Es ist
und dieser Ring hat das einzige Primideal (X) mit X2 = 0. Diesem Primideal entspricht in AD das Primideal
. Es ist
: Einerseits gilt für
im Faserring modulo p die Beziehung
, woraus
folgt. Andererseits ist X2 = D = up (in AD). Da D quadratfrei ist, ist u teilerfremd zu p und daher kann man mit 1 = ru + sp schreiben
die Beziehung (X − D)2 = X2 − D2 = X2 − D, so dass eine analoge Situation vorliegt.
Sei jetzt
und sei p ein Primteiler von
. Es ist
, so dass man die Gleichung modulo p schreiben kann als

Zu einem Ideal
bezeichnet
das konjugierte Ideal, das aus allen konjugierten Elementen aus
besteht.
Satz (Verhalten von Primzahlen in quadratischen Erweiterungen)
Sei D eine quadratfreie ZahlDefinition und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann gibt es für eine Primzahl p die folgenden drei Möglichkeiten:
- p ist prim in AD.
- Es gibt ein Primideal
in AD derart, dass
ist. - Es gibt ein Primideal
in AD derart, dass
ist mit
.
Beweis
Sei R = AD. Wir betrachten den Restklassenring L = R / (p), der eine quadratische Erweiterung des Körpers
ist. Damit gibt es nach Lemma 19.9 die drei Möglichkeiten:
- L ist ein Körper.
- L ist von der Form
. - L ist der Produktring
.
Im ersten Fall ist p ein Primelement in R. Im zweiten Fall besitzt L genau einen Restklassenkörper als einzigen nicht-trivialen Restklassenring. Nach der in Lemma 20.12 bewiesenen Korrespondenz gibt es also genau ein Primideal
mit
(das dem Ideal (ε) im Restklassenring entspricht). Dann ist
(siehe den Beweis von 20.12).
Im dritten Fall besitzt L zwei Restklassenkörper und damit zwei maximale Ideale, deren Durchschnitt, das zugleich deren Produkt ist, das Nullideal ist. Zurückübersetzt nach R heißt das, dass es zwei verschiedene Primideale
und
gibt mit
und mit
. Nach Aufgabe 18.8 ist
. Mit
ist auch
. Wir zeigen, dass
ist, d.h., dass die beiden Primideale über p konjugiert vorliegen. Da nach dem Lemma 20.12 bei p der zweite Fall vorliegt, wissen wir, dass p die Diskriminate nicht teilt.
Bei
ist p ungerade und D ist ein Quadratrest modulo p. Seien a und − a die beiden verschiedenen (!) Quadratwurzeln modulo p. Dann werden die beiden Primideale durch
beschrieben, und diese sind konjugiert.
Bei
und p ungerade ist nach der Bemerkung 20.11 über die explizite Beschreibung der Faserringe D wieder ein Quadratrest modulo p. Seien a und − a die beiden verschiedenen (!) Quadratwurzeln modulo p. Dann ist
und daher sind die beiden Primideale gleich
, so dass wieder ein konjugiertes Paar vorliegt.
Bei
und p = 2 ist nach der Bemerkung 20.11
. Die Nullstellen des beschreibenden Polynoms sind dann 0 und 1. Daher sind die Primideale darüber gegeben durch (2,ω) und (2,ω − 1). Es ist
und
, so dass wieder ein konjugiertes Paar vorliegt.






![A_D = {\mathbb Z}[\sqrt{D}], \mbox{ wenn } D= 2,3 \mod 4 \,](http://upload.wikimedia.org/math/d/b/1/db1239f2084e1158295353a4c3a381ec.png)
![A_D= {\mathbb Z}[\frac{1+\sqrt{D} }{2}], \mbox{ wenn } D= 1 \mod 4 \, .](http://upload.wikimedia.org/math/2/7/a/27a65170df2404af9e0fdab57b5fb79f.png)





![A_D \cong {\mathbb Z}[X]/(X^2-D) \, .](http://upload.wikimedia.org/math/e/0/1/e0110da95e38e830b7d1ece349667bcb.png)
![A_D \cong {\mathbb Z}[\omega]/( \omega^2- \omega - \frac{D-1}{4}) \, .](http://upload.wikimedia.org/math/6/3/e/63e8e154f8f49481533c73795d96c280.png)






![R/(p) = \Z/(p) [X]/(X^2-D ) \, ,](http://upload.wikimedia.org/math/c/a/2/ca2b27266f1adff8255999d99abc286a.png)
![R/(p) = \Z/(p) [\omega]/(\omega^2-\omega - \frac{D-1}{4} ) \, .](http://upload.wikimedia.org/math/4/3/1/431f55ded72caa1e1cff468f81c65bb9.png)

![A_D/(p) = (\Z[X]/(X^2-D)/(p)) = (\Z/(p)) [X]/(X^2-D) \, .](http://upload.wikimedia.org/math/3/d/1/3d1a519965c47c76e69124bb0a9425d2.png)

![A_D/(p) = (\Z[\omega]/(\omega^2- \omega - \frac{D-1}{4})/(p)) = (\Z/(p)) [\omega]/(\omega^2- \omega - \frac{D-1}{4}) \, .](http://upload.wikimedia.org/math/7/3/0/730755620be11fbf4db5e525b0ef6bfc.png)
