Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 23/kontrolle
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Unter den drei klassischen Problemen der antiken Mathematik versteht man
- die Quadratur des Kreises,
- die Dreiteilung des Winkels,
- die Würfelverdoppelung.
Dabei sollen diese Konstruktionen ausschließlich mit Zirkel und Lineal durchgeführt werden, wobei dies natürlich präzisiert werden muss. Nach langen vergeblichen Versuchen, solche Konstruktionen zu finden, ergab sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Erkennntnis, dass es keine solche Konstruktionen geben kann. Dies erfordert natürlich, dass man eine Übersicht über alle möglichen Konstruktionen erhalten kann.
- Konstruktionen mit Zirkel und Lineal
Unter der Ebene
verstehen wir im Folgenden die Anschauungsebene, die wir später mit
identifizieren. Zunächst sind die Konstruktionen „koordinatenfrei“. An elementargeometrischen Objekten verwenden wir Punkte, Geraden und Kreise. An elementargeometrischen Gesetzmäßigkeiten verwenden wir, dass zwei verschiedene Punkte eine eindeutige Gerade definieren, dass zwei Geraden entweder identisch sind oder parallel und schnittpunktfrei oder genau einen Schnittpunkt haben, u.s.w.
Definition
Es sei
eine Teilmenge der Ebene
. Eine Gerade
heißt aus
elementar konstruierbar, wenn es zwei Punkte
,
, gibt derart, dass die Verbindungsgerade von
und
gleich
ist. Ein Kreis
heißt aus
elementar konstruierbar, wenn es zwei Punkte
,
, gibt derart, dass der Kreis mit dem Mittelpunkt
und durch den Punkt
gleich
ist.
Man kann also an zwei Punkte aus der vorgegebenen Menge
das Lineal anlegen und die dadurch definierte Gerade zeichnen, und man darf die Nadelspitze des Zirkels in einen Punkt der Menge stechen und die Stiftspitze des Zirkels an einen weiteren Punkt der Menge anlegen und den Kreis ziehen.
Wenn ein Koordinatensystem vorliegt, und zwei Punkte
und
gegeben sind, so ist die Gleichung der Verbindungsgeraden der beiden Punkte bekanntlich
und
gegeben sind, so besitzt der Kreis mit dem Mittelpunkt
durch den Punkt
die Kreisgleichung
Definition
Es sei
eine Teilmenge der Ebene
. Dann heißt ein Punkt
aus
in einem Schritt konstruierbar, wenn eine der folgenden Möglichkeiten zutrifft.
- Es gibt zwei aus
elementar konstruierbare Geraden
und
mit
. - Es gibt eine aus
elementar konstruierbare Gerade
und einen aus
elementar konstruierbaren Kreis
derart, dass
ein Schnittpunkt von
und
ist. - Es gibt zwei aus
elementar konstruierbare Kreise
und
derart, dass
ein Schnittpunkt der beiden Kreise ist.
Definition
Es sei
eine Teilmenge der Ebene
. Dann heißt ein Punkt
aus
konstruierbar (oder mit Zirkel und Lineal konstruierbar), wenn es eine Folge von Punkten
jeweils aus
in einem Schritt konstruierbar ist.Definition
Eine Zahl
heißt konstruierbar oder konstruierbare Zahl, wenn sie aus der Startmenge
Bemerkung
Man startet also mit zwei beliebig vorgegebenen Punkten, die man
und
nennt und die dann die arithmetische Funktion übernehmen, die mit diesen Symbolen verbunden wird. Als erstes kann man die Gerade durch
und
ziehen, und diese Gerade wird mit den reellen Zahlen
identifiziert. Wir werden gleich sehen, dass man eine zu
senkrechte Gerade durch
konstruieren kann, mit deren Hilfe ein kartesisches Koordinatensystem entsteht und mit dem wir die Ebene mit den komplexen Zahlen
identifizieren können.
In den folgenden Konstruktionen verwenden wir einige Begrifflichkeiten aus der euklidischen Geometrie, wie Winkel, senkrecht, parallel, Strecke und elementare Grundtatsachen wie die Strahlensätze, Symmetriesätze und den Satz des Pythagoras.
Lemma
In der Ebene lassen sich folgende Konstruktionen mit Zirkel und Lineal durchführen.
- Zu einer Geraden
und zwei Punkten
kann man die zu
senkrechte Gerade zeichnen, die die Strecke zwischen
und
halbiert. - Zu einer Geraden
und einem Punkt
kann man die zu
senkrechte Gerade durch
zeichnen. - Zu einer Geraden
und einem Punkt
kann man die zu
senkrechte Gerade durch
zeichnen. - Zu einer gegebenen Geraden
und einem gegebenen Punkt
kann man die Gerade
durch
zeichnen, die zu
parallel ist.
Beweis
- Wir zeichnen die beiden Kreise
und
mit dem Mittelpunkt
durch
und umgekehrt. Die beiden Schnittpunkte von
und
seien
und
. Deren Verbindungsgerade steht senkrecht auf
und halbiert die Strecke zwischen
und
. - Man zeichnet einen Kreis
mit
als Mittelpunkt und einem beliebigen Radius (dazu braucht man neben
noch einem weiteren Punkt). Es seien
und
die beiden Schnittpunkte der Gerade
mit
. Für diese beiden Punkte führen wir die in (1) beschriebene Konstruktion durch. Diese Halbierungsgerade läuft dann durch
und steht senkrecht auf
. - Wenn
auf der Geraden liegt, sind wir schon fertig mit der Konstruktion in (2). Andernfalls zeichnen wir einen Kreis mit
als Mittelpunkt mit einem hinreichend großen Radius derart, dass sich zwei Schnittpunkte
und
mit der Geraden ergeben (dafür braucht man, dass mindestens ein weiterer Punkt zur Verfügung steht). Dann führt wieder die erste Konstruktion zum Ziel. - Dafür führt man zuerst die Konstruktion der Senkrechten
durch
wie in (3) beschrieben durch. Mit
und
führt man dann die Konstruktion (2) durch.

- Arithmetische Eigenschaften von konstruierbaren Zahlen
Von nun an werden wir stets die Ebene
mit der reellen Zahlebene
bzw. der komplexen Ebene
identifizieren. Dies erlaubt es, die geometrischen Objekte und die Konstruktionen mit Hilfe von Koordinaten zu beschreiben.
Lemma
Sei
ein Punkt in der Ebene.
Dann ist
genau dann konstruierbar, wenn die beiden Koordinaten
und
konstruierbar sind.
Beweis
Zunächst einmal kann man aufgrund der vorgegebenen Punkte die
-Achse und dann wegen Lemma 23.6 die dazu senkrechte Achse durch
, also die
-Achse, konstruieren. Es steht also das Achsenkreuz zur Verfügung. Wenn nun
gegeben ist, so kann man aufgrund von Lemma 23.6 (4) die zu den Achsen parallelen Geraden zeichnen und erhält somit die Koordinatenwerte. Den
-Wert kann man dann noch mit einem Kreis mit dem Nullpunkt als Mittelpunkt auf die
-Achse transportieren. Wenn umgekehrt die beiden Koordinaten gegeben sind, so kann man durch diese die senkrechten Geraden zeichnen. Deren Schnittpunkt ist der gesuchte Punkt.

Lemma
Es sei
eine mit
und
markierte Gerade, die wir mit den reellen Zahlen identifizieren. Es seien zwei Punkte
gegeben. Dann gelten folgende Aussagen
- Die Summe
ist (mit Zirkel und Lineal) konstruierbar. - Das Produkt
ist konstruierbar. - Bei
ist der Quotient
konstruierbar.
Beweis
(1) Wir verwenden eine zu
senkrechte Gerade
durch
und darauf einen Punkt
. Dazu nehmen wir die zu
senkrechte Gerade
durch
, die also parallel zu
ist. Wir zeichen die Gerade
, die parallel zu
ist und durch
verläuft. Der Schnittpunkt von
und
markieren wir als
, so dass der Abstand von
zu
gleich
ist. Jetzt zeichnen wir die Gerade
durch
und
und dazu die parallele Gerade
durch
. Der Schnittpunkt von
mit
ist
, da
ein Parallelogramm bilden.
Zum Beweis von (2) und (3) verwenden wir wieder die zu
senkrechte Gerade
. Wir schlagen Kreise mit dem Nullpunkt als Mittelpunkt durch
,
und
und markieren die entsprechenden Punkte auf
als
,
und
. Dabei wählt man
als einen der beiden Schnittpunkte und
und
müssen dann auf den entsprechenden Halbgeraden sein. Um das Produkt zu erhalten, zeichnet man die Gerade
durch
und
und dazu die parallele Gerade
durch
. Diese Gerade schneidet
in genau einem Punkt
. Für diesen Punkt gilt nach dem Strahlensatz das Steckenverhältnis
.Um den Quotienten
bei
zu erhalten, zeichnet man die Gerade
durch
und
und dazu parallel die Gerade
durch
. Der Schnittpunkt von
mit
sei
. Aufgrund des Strahlensatzes gilt die Beziehung

Satz
Die Menge der konstruierbaren Zahlen ist ein Unterkörper von
.
Beweis
Die
und die
sind als Ausgangsmenge automatisch darin enthalten. Zu einem Punkt
gehört auch der „gegenüberliegende“ Punkt
dazu, da man ihn konstruieren kann, indem man die Gerade durch
und
und den Kreis mit Mittelpunkt
und Radius
zeichnet; der zweite Schnittpunkt von diesem Kreis und dieser Geraden ist
. Die Menge der konstruierbaren Zahlen ist also unter der Bildung des Negativen abgeschlossen.
Aufgrund von Lemma 23.7 kann man sich beim Nachweis der Körpereigenschaften darauf beschränken, dass die reellen konstruierbaren Zahlen einen Körper bilden. Dies folgt aber aus Lemma 23.8.

- Konstruktion von Quadratwurzeln
Wenn man sich zwei Punkte
und
vorgibt und man die dadurch definierte Gerade mit
identifiziert, so wird diese Gerade durch
in zwei Hälften (Halbgeraden) unterteilt, wobei man dann diejenige Hälfte, die
enthält, als positive Hälfte bezeichnet. Aus solchen positiven reellen Zahlen kann man mit Zirkel und Lineal die Quadratwurzel ziehen.
Lemma
Es sei
eine mit zwei Punkten
und
markierte Gerade, die wir mit den reellen Zahlen identifizieren. Es sei
eine positive reelle Zahl. Dann ist die Quadratwurzel
aus
mittels Zirkel und Lineal konstruierbar.
Beweis
Wir zeichnen den Kreis mit Mittelpunkt
durch
und markieren den zweiten Schnittpunkt dieses Kreises mit
als
. Wir halbieren die Strecke zwischen
und
gemäß Lemma 23.6 und erhalten den konstruierbaren Punkt
. Der Abstand von
zu
als auch zu
ist dann
. Wir zeichnen den Kreis mit Mittelpunkt
und Radius
und markieren einen der Schnittpunkte des Kreises mit der zu
senkrechten Geraden
durch
als
. Wir wenden den Satz des Pythagoras auf das Dreieck mit den Ecken
an. Daraus ergibt sich
die Quadratwurzel aus
.
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und
mit
.
und
derart, dass 

kann man die zu
und
halbiert.
kann man die zu
und
. Deren Verbindungsgerade steht senkrecht auf
ist
ist konstruierbar.
konstruierbar.

