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Hans-Peter Haack


An dieser Frage war Goethes Faust gescheitert. In der Eröffnungsszene von «Faust II» steht - in Analogie zu «Faust I» - wieder ein großer Monolog Fausts, in dem Goethe unter der Hand eine Antwort gibt.

In der Morgendämmerung erwartet Faust den Aufgang der Sonne. Als sie endlich über einem Berggipfel erscheint, trifft ihr Flammenübermaß (4708) seine Augen so schmerzhaft, dass er sich abkehren muss. Doch lässt das Feuermeer (4710) in ihm eine Erkenntnis aufblitzen, die er erschrocken als Frage formuliert:

Ist´s Lieb´? Ist´s Hass? Die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So daß wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen und im jugendlichsten Schleier. (4711 – 14)

Des ewigen Lichts genießen (4697), von dem neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet wird (4700), steht für Erkenntnis. Setzt man für die Dichterworte Lieb´ und Hass die Begriffe Sozialität und Aggressivität, hat man das Spannungsfeld, in dem Leben sich verwirklicht, die Pole, zwischen denen es alterniert, - im Kleinen wie im Großen. Die beiden gegensätzlichen Elementar-Triebe treiben die Evolution voran. Sie sind sie von gleichem Gewicht wie Mutation und Selektion.

Mit Lieb' und Hass (Sozialität und Aggressivität), die glühend uns umwinden (unentrinnbar) trifft Goethe eine anthropologische Aussage. Aggressivität (Konkurrenz, sublimiert als Wettbewerb) und Sozialität (Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsgefühl) sind in jedem Menschen angelegt, auch bei nicht domestizierten Säugetieren, die in sozialen Verbänden leben. Am stärksten entwickelt sind sie beim Menschen, dem Zoon politikon. Im günstigsten Falle halten sich beide Antriebe die Waage. Doch das Mischungsverhältnis kann sehr unterschiedlich ausfallen. Im Extrem bleiben nur Egoismus und Konkurrenzdenken, vielleicht mit einem gelegentlichen Anflug von sozialem Empfinden. Das andere Extrem ist soziales Engagement bis zur Selbstaufgabe.

Die missionierende These "Ohne Christentum keine Moral" trifft nicht zu. Soziale Antriebe, die Wurzeln der Moral, sind älter als das Christentum. Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt. (328/29)

Heute sucht die Physik nach einer mathematischen Erfassung des Universums, nach der ´Weltformel´ und zitiert für dieses Bemühen das Goethewort. Fausts Suche dagegen hatte der Lebensdynamik gegolten (Des Lebens Fackel wollten wir entzünden (4709)) Sein schreckhaftes Erkennen der geheimen Doppelnatur des Menschen [1] löst sogleich Abwehr aus, so daß wir wieder nach der Erde blicken, zu bergen uns im jugendlichsten Schleier (4714), d. h. in Nichtwissen.

In den maßgebenden, von Albrecht Schöne zusammengetragnen Kommentare zu Goethes Faust [2] werden die Verse 4711 - 14 nicht kommentiert.

  1. Der Doppelnatur des Menschen hinsichtlich seiner biologischen Grundtriebe.
  2. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994.


Erstdruck des Monologs, Fragment Faust II von 1828.
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