Architekturtheorie

Aus Wikiversity
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Dieses Projekt gehört zum WV-Fachbereich "Architektur und Stadtplanung", das wiederum den Ingenieurwissenschaften zugerechnet wird.

Projekt
Projekttitel Architekturtheorie
Ansprechpartner Guenterge
Laufzeit noch ungewiss
Zusammenarbeit gesucht
Kurzbeschreibung
Ziel ist die Analyse der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner gebauten Umwelt, eingeschränkt auf den stadt- und baugestaltlichen Eindruck, den Nutzer oder Betrachter eines Bauwerks, eines städtebaulichen Ensembles usw. gewinnen. Die Identifizierung der grundlegenden Gesetzmäßigkeiten, die diese Beziehung strukturieren, bilden einen Teil des Curriculums, das dem Schaffen und der Kritik von Architektur zugrunde liegen.

Das Architektonische – Definition[Bearbeiten]

Eine Theorie soll allgemein einen Gegenstandsbereich – das ist regelmäßig ein Ausschnitt aus dem Großen und Ganzen der Welt – beschreiben und erklären. In Bezug auf die Architektur kann die Theorie sich nicht allein auf die materielle Seite, also die Bau- und Stadtgestalt, beschränken. Architektur ist ohne den Menschen, der mit ihr lebt, nicht sinnvoll denkbar. Das Zustandekommen des Urteils über Bauwerk und Stadt steht im Fokus des Erkenntnisinteresses. Im Mittelpunkt der Analyse steht eine Beziehung. Der Mensch macht sich ein Bild von seiner baugestaltlichen Umwelt, er gewinnt einen Eindruck, der schließlich sein Verhalten beeinflusst. Der baugestaltliche Ausdruck und der darauf fußende Eindruck machen den Kern aus, der als Gegenstandsbereich im Zentrum des Erkenntnisinteresses der Architekturtheorie steht. Rudolf Arnheim charakterisiert den „visuelle(n) Ausdruck (als) ein unentbehrliches, in der Tat unausweichliches Attribut aller architektonischen Formen.“[1]

Die Theorie soll die grundlegenden Regel- und Gesetzmäßigkeiten der Beziehung zum Objekt, hier zur Baugestalt, auf eine bewusste Ebene heben. Auf Basis der Analyse kann die synthetische Architekturtheorie dann dem Menschen adäquate Ziele formulieren, Ziele im Sinne einer humanen Baukultur. Wege zur Erreichung des Zieles können aufgezeigt werden. Die Nachvollziehbarkeit planerischer Entscheidungen würde auf diese Weise deutlich verbessert werden, zumindest bis deren Komplexität dann doch Grenzen setzt. Eine Architekturtheorie, die sich allein mit der Objektseite beschäftigt, mit (Bau-)Körper und Raum, mit Formen, Farben, Materialien, ohne explizit ihren Ausdruck zu thematisieren, lässt gravierende Aspekte des sozialen und psychischen Erlebens, die mit der Architektur verknüpft sind, unbeachtet. Aus der systemischen Betrachtung des Architektonischen resultiert insofern die Notwendigkeit, das zugrunde liegende Menschenbild darzulegen, was im Rahmen einer Architekturtheorie wohl nur ansatzweise und rudimentär zu leisten ist. Die Forschungsarbeit insbesondere der Neurobiologen hat das Menschenbild in den letzten Jahren aber grundlegend geschärft und leichter fassbar gemacht.

Die Abgrenzung des interessierenden Gegenstandsbereiches, hier also der Architektur, geschieht nicht zuletzt auch nach pragmatischen Gesichtspunkten. Der identifizierte Bereich, also das Beziehungsgeflecht “Mensch – baugestaltliche Umwelt“, soll überschaubar bleiben. Andere sich deutlich abhebende Felder dieses Geflechtes, das heißt die anderen Funktionen des Bauens, sollen durch die Grenzziehung nicht mehr als nötig tangiert werden. Ganz lässt es sich wohl kaum vermeiden. Die Begriffsbildung soll sich am Erkenntnisinteresse orientieren und nach analytischen Gesichtspunkten sinnvoll sein. Die Definition muss inhaltlich konsistent aufgefüllt und der Nachvollziehbarkeit wegen möglichst weit konkretisiert werden. Meist zeigt erst die Ausformulierung der Theorie die Zusammenhänge und mögliche Schnittstellen genauer. Das übergreifende System sollte stets im Auge behalten werden.

Die Eingrenzung auf den baugestaltlichen Aus- bzw. Eindruck schließt zunächst weite Bereiche des Erlebens von Bauwerken aus. Das ästhetische Urteil gründet auf einer Vielzahl von Funktionen, die das Erleben strukturieren. Sie alle abdecken zu wollen, würde die Theorie überfrachten und inoperabel machen. In diesem umfassenden Sinne würde der Architekturbegriff den ganzen Hochbau abdecken, mit einer Vielzahl an Teilsystemen und entsprechenden Teilaufgaben. Praktisch wird der Architekt all dies nicht allein bewältigen können. Er schaltet Bauingenieure ein und beschränkt sich auf seine ureigenste Aufgabe, nämlich die Gestaltgebung.

Ausgehend vom Hochbau mit seinen spezifischen Funktionen bedingt die Konzentration auf die Baugestalt und ihren Ausdruck, dass ein Großteil der Teilsysteme auf den ersten Blick in den Randbereich des Erkenntnisinteresses gedrängt werden, beispielsweise Umfang und Struktur der Nutzflächen, die Bauphysik mit Statik, Wärme-, Kälte- und Schallschutz, die Haustechnik usw. Die Fokussierung auf die baugestaltliche Funktion bedeutet allerdings nicht, dass diese Funktionen für das Bild von Bauwerk oder Stadt keine Bedeutung hätten. Vielmehr zeigt sich, dass sie wesentlich am Erleben und damit an der Generierung des Gesamteindrucks beteiligt sind. Das generierte Urteil oder Bild fußt nicht allein auf dem visuellen Ausdruck. Ein zweckmäßiges Bauwerk erhöht die Erlebnisqualität für den Benutzer, und dies strahlt in positiver Weise auf sein Bild von der Baugestalt aus. (siehe unten). Indem das Urteil bewusste und unterbewusste Reaktionen der Nutzer und Betrachter generiert, wirkt es auf das Fühlen, Denken, Verhalten, Handeln ein.

Eine Architekturtheorie, die den Schwerpunkt auf den baugestaltlichen Ausdruck legt, beschränkt sich auf die Funktion des Bauwerks und der Stadt als Projektionsfläche und Medium. In den ästhetischen Prozessen auf der Subjektseite gewinnt die Baugestalt Ausdruck, dem auf Seiten des Betrachters/Nutzers der Eindruck entspricht. Der baugestaltliche Ausdruck steht im Fokus einer Architekturtheorie im engeren Sinne. Von hieraus zeigt sich im Rückblick, welche anderen Teilsysteme des Bauens sich auf den Ausdruck der Baugestalt auswirken. Hinzu kommen die Randbedingungen der Rezeption als mittelbare Einflussgrößen.

Analytische Architekturtheorie[Bearbeiten]

Wahrnehmung[Bearbeiten]

Um das eigene Verhalten steuern zu können, gehört die Wahrnehmung der Objektwelt und die anschließende Zumessung von (subjektiver) Bedeutung (das Urteilen) zu den zentralen Intentionen des Selbst.[2] Die Wahrnehmung kann sich je nachdem auf die Außen- oder die Innenwelt (Körper und Geist) richten. Der Input trifft in den neuronalen Prozessen auf die Vorstellungswelt, die als Referenz dem Urteil zugrunde liegt. "Das ästhetische Urteilen stellt einen psychischen Prozess dar, der vor allem von zwei Komponenten konstituiert wird, nämlich vom Erkennen des Objektes und von der wertenden Stellungnahme. Diese beiden Komponenten sind in der Analyse zu unterscheiden, auch wenn sie im Vorgang des Urteilens interferieren [3]

Die architektonische Ästhetik umschreibt denjenigen Ausschnitt aus der Wahrnehmung, der die Bau- und Stadtgestalt fokussiert, einen Teilbereich der gebauten Umwelt. In einem umfassenderen Sinne verstanden kann Ästhetik aber auch das Wahrnehmen im ganzen meinen, also auf alle Funktionen des Bauwerkes ausgedehnt werden. Denn grundsätzlich deckt Wahrnehmung eine Vielzahl interessierender Gegenstandsbereiche ab.[4] Die gebaute Umwelt als vielschichtiger Lebensbereich ist Quelle entsprechend multipler Wahrnehmungen. Die Wohnqualität, beispielsweise das Wohnklima oder die Funktionalität des Grundrisses, beschreibt die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit den betreffenden Verhältnissen (Funktionen) und den daraus resultierenden Empfindungen, etwa der klimatischen Behaglichkeit bzw. der Unbehaglichkeit. Diese ästhetischen Dimensionen werden aber zunächst nicht dem Architektonischen zugeordnet, wohl aber färben die hier generierten Empfindungen auf indirektem Wege auf das Urteil über die Baugestalt ab.[5] In den neuronalen Prozessen, die die verschiedenen sich überlagernden Teileindrücke zum gestaltlichen Gesamteindruck, zum Bild des Hauses verrechnen, finden diese Erlebnisqualitäten Berücksichtigung. Die Architekturtheorie muss sie daher als die situativen Bedingungen der Wahrnehmung im Auge behalten, wenn sie den gestaltlichen Gesamteindruck erklären will.

Über die (nicht-gestaltlich bedingte) Funktionalität, Zweckmäßigkeit oder Gebrauchstüchtigkeit hinaus ist die Baugestalt auch als Träger von Informationen aus der sozialen Umwelt Gegenstand der Wahrnehmung. Hinzu kommen die mit Bauwerk und Ort verknüpften persönlichen und gemeinschaftlichen Erlebnisse, historischen Ereignisse sowie das (bau-)künstlerische Programm.

Ein Objekt, sei es der Mitmensch, sei es ein Bauwerk, bedarf also zunächst der Identifikation.[6] Den eingehenden Reizen, beispielsweise dem „Netzhautbild“, werden gespeicherte Muster zuzuordnen versucht. Die mehr oder weniger komplexe Form wird beispielsweise als Buchstabe und im fortschreitenden Kontext als Wort und Satz erkannt. Eng verknüpft mit den Mustern, die das Objekt identifizieren, sind dessen Bedeutungen gespeichert, so dass mit der Identifikation auch die mehr oder weniger egozentrierte Qualifikation oder Sinngebung möglich wird. Um die Bedeutungen möglichst korrekt und vollständig zu erfassen, bedarf es einer stringenten Übereinkunft über die symbolischen Codes.[7] Falls keine Muster für Identifizierung und Qualifizierung verfügbar sind, kann ein Prozess des Kennenlernens eingeleitet werden. Er ist mit einem gewissen Aufwand verbunden und setzt daher ausreichendes Interesse am Objekt voraus. Am Ende des Wahrnehmungsdurchgangs bzw. des Kennenlernens steht dann ein Urteil, hier ein Eindruck oder Bild von der Bau- und Stadtgestalt, auf dessen Basis dann Reaktionen in Form von Emotionen, Gefühlen, Gedanken generiert werden.

Der visuelle Sinn hat den wohl größten Anteil am Input. Die Sensorik arbeitet eng mit dem Zentralnervensystem zusammen, das nicht nur die eingehenden Stimuli weiterverarbeitet und ihnen Bedeutung zuweist, sondern das auch aufgrund bestimmter Vorstellungen steuernd auf die Tätigkeit der Sinnesorgane, hier des Auges, einwirkt. Kann der Sinn sich im baulichen Umfeld diesen Vorstellungen gemäß entfalten, findet er erhoffte Ergebnisse vor, erzeugt das Gehirn Gefühle der Lust, der Freude. Das Bild des wahrgenommenen Objektes erfährt eine positive Einfärbung, einen Bonus.

Anatomie und Physiologie der Sinnesorgane sind auf evolutionär überlebensdienliche Bedürfnisse zugeschnitten. Auf manche Umweltphänomene reagieren sie besonders sensibel, während andere sinnlich unzugänglich bleiben, oder sie werden nur am Rande wahrgenommen. Die so bedingte Selektion der potentiellen Reize dient der Reduzierung von Komplexität, der Beschränkung auf die verfügbare Informationsverarbeitungskapazität. Eine spezifische klassifizierende Zusammenfassung, also eine gestaltliche Abstraktion, verringert den Aufwand weiter. Goldstein spricht von einer „Populations- oder Ensemblekodierung“: Eine große Anzahl von Stimuli kann durch das Feuern von nur wenigen Neuronen signalisiert werden.[8] Die eingehenden Reize weisen also bereits eine gewichtete Strukturierung auf, das heißt sie registrieren die Wirklichkeit keineswegs umfassend und neutral.[9] „[...] die grundlegenden Organisationsstrukturen und Funktionsweisen aller Sinne [sind] das Ergebnis evolutionärer Prozesse“, die dann in gewissem Umfang durch individuelle Erfahrungen, zu der auch Wissensaneignung rechnet, modifiziert werden.[10]

Die akademische Debatte über die neuronale Basis der Urteilsfindung hat wohl noch kein allgemein akzeptiertes Ergebnis gezeitigt. Unter der Überschrift „Bindungsproblem“ wird nach Erklärungen gesucht, wie die verschiedenen Teileindrücke in der Gesamtschau verrechnet werden. Gerhard Roth spricht von cerebralen „Konvergenzzonen“, in denen die verschiedenen Inhalte, ob Bedeutungen oder Eindrücke, auf komplizierte Weise vereint werden. [11] Vor allem scheint es schwierig definierbar zu sein, welche Teileindrücke im einzelnen und mit welcher Gewichtung in den Abwägungsprozess einfließen. Manche der maßgeblichen Prägungen liegen wohl noch außerhalb der von den Forschern fokussierten Interessengebiete. R. Schönhammer resümiert zum Beispiel: „Noch vor gar nicht langer Zeit herrschte die Ansicht vor, die Sinne seien säuberlich getrennte Module der Informationsverarbeitung, die man isoliert zu erforschen habe, um schließlich noch der Frage nachzugehen, wie das, was wir sehen, hören, fühlen etc., sich am Ende zur wahrgenommenen Welt fügt. Dieses sog. Bindungsproblem wurde vorrangig hinsichtlich der engeren Frage diskutiert, wie es zu einheitlichen Anschauungen kommt, wo doch Form, Farbe und Bewegung dessen, was man vor Augen hat, in getrennten Untermodulen des Sehsystems verarbeitet werden.“ [12] Wolf Singer verweist auf „Metarepräsentationen“, die im Neocortex entstehen und „hirninterne Prozesse abbilden anstatt die Welt draußen.“ Der Mensch erfährt diese Metarepräsentationen als Bewusstsein.[13] Ein erster Eindruck, oft als Vorurteil disqualifiziert, entsteht dabei unverzüglich, schon im Augenblick der sinnlichen Registrierung des Gegenübers. Urheber ist die Intuition,[14] manifestiert in bestimmten Gehirnarealen und deren neuronalen Verbindungen. Sie sorgt dafür, die Entscheidungsfähigkeit auch in Situationen mit hohem Zeitdruck und hoher Komplexität aufrecht zu erhalten. Reflektion kann erst im Nachhinein einsetzen.[15] Vernunft ist am ersten Eindruck nur insoweit beteiligt, wie sie in der referenziellen Vorstellungswelt präsent ist. Das Unterbewusstsein dominiert beides, Vorstellungswelt und Reaktion. Ratio, wenn sie denn überhaupt bemüht wird, hat es sehr schwer, im Wege der Reflexion noch etwas am ersten Eindruck zu ändern.

Über die von außen kommenden Reize hinaus können Inhalte in den Wahrnehmungsvorgang eingespeist werden, die dem Blick nach innen entstammen. Der eigene Körper sendet Signale, seine Befindlichkeit betreffend. Der Blick in die eigene Psyche gewärtigt Vorstellungen, also Gedanken, Werte, Normen, Ideen, Phantasien, soweit sie die Bewusstseinsebene erreicht haben.


Reaktionen[Bearbeiten]

Dem Abgleich des Objekts mit der Vorstellungswelt folgt im weiteren Verlauf des Selbst-Steuerungsprozesses die Induzierung emotionaler Reaktionen. Die Wahrnehmung findet (nach der hier favorisierten Definition) mit der Urteilsfindung seinen Abschluss. (Es handelt sich mehr um einen theoretischen Schnitt, denn der Steuerungsprozess verläuft keineswegs sukzessiv, sondern er ist durch Parallelverarbeitung und Rückkopplungen charakterisiert.[16]) Die Entscheidung über das nun als nötig oder sinnvoll erachtete Verhalten steht an. "Das Ergebnis der Großhirnfunktionen ist [...] eine Verhaltensbereitschaft bzw. das jeweilige Verhalten des Individuums selbst. Abgebildet werden also nicht die Gegenstände selbst, sondern vielmehr der Umgang mit ihnen." [17]

Je nach Urteil verändern die erzeugten Emotionen Handeln, Denken, Fühlen. (Manfred Spitzer spricht von einem kognitiven, einem qualitativ-gefühlsmäßigen und einem körperlichen Aspekt der Emotionen.[18]) Elektro-chemische Signale erhöhen oder senken die Hormonspiegel, Muskel spannen oder entspannen sich, Gefühle werden generiert und drängen ins Bewusstsein, Mimik und Körperhaltung ändern sich, spontane Bewegungen oder Handlungen werden eingeleitet.[19] Auf der bewussten geistigen Ebene kann Lernen, Nachdenken angeregt werden, mit Auswirkungen auf den Eindruck vom Objekt und auf die Vorstellungswelt. Ratio kann sich dabei allerdings nicht frei bewegen. Das Unterbewusstsein versucht nachdrücklich, sie mit Hilfe von Gefühlen unter Kuratel zu halten. Insbesondere die mehr oder weniger archaischen Schichten der Vorstellungswelt drängen auf Berücksichtigung. Die aus ihrer Sicht unwägbaren Verstandesaktivitäten sollen unter Kontrolle bleiben. Die Vernunft ist vor allen Dingen deswegen in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt, weil sie zu viel Zeit braucht, um über die Reaktion zu entscheiden, erst recht in komplexen Situationen. Fehlende Zeit und fehlendes präsentes Wissen schwächen ihre Position in den Entscheidungsprozessen. Das menschliche Verhalten und insbesondere das Bewusstsein hängen somit von Gefühlen ab.[20] Das psychische Bewertungssystem, manifestiert in der zweiten und dritten limbischen Ebene,[21] entscheidet über die emotionalen Vorgänge. „Es geht diesem System jedoch nicht einfach nur um Belohnung, sondern letztlich darum, dem Gehirn zu sagen, wo es langgeht und was es wann lernen soll“ [22] Neben der Sanktion kommt diesem System auch die Funktion der Motivation, also des Aufbaues von positiven Erwartungen zu, die für eine gewisse Zeit in die Zukunft hinein wirken, die sich aber auch evolutionär zum quasi fixen Programm entwickeln können. Gefühlsmäßig empfindet man Freude, Lust, Glück, wenn sich diese Erwartungen erfüllen, wenn der Sehsinn beispielsweise den an ihn gerichteten Erwartungen gerecht werden kann. Eine bauliche Umwelt, die etwa eine kohärente, kleinteiligte Fläche oder eine „gute“ Gestalt für den suchenden Blick bereithält, die ihm Umrisse, Kanten und Linien anbietet, an denen er sich in die Höhe schwingen kann, der räumliche Tiefe erfahrbar macht, sorgt für ein positives Gefühlserlebnis. Erwartungen lenken über weite Strecken das Denken und Verhalten, im positiven wie im negativen Sinne. Gerhard Roth konstatiert angesichts der häufigen Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Verhalten und Handeln einerseits und dem rationalen Denken und Entscheiden (richtigen Erkenntnissen oder guten Vorsätzen zum Beispiel) andrerseits, dass die Kluft besonders groß ist, wenn unterbewusste Erwartungen signalisieren, dass sie sich von diesem rationalen Handeln nicht wirklich eine Erfüllung versprechen.[23] Das Gefühl der Motivation, der Wunsch oder Drang ihm zu gehorchen, ist umso größer, je höher die Wahrscheinlichkeit künftiger Belohnungen erscheint.[24] Für das ästhetische Urteil erlangt der Vorgang Bedeutung, da die beglückenden bzw. frustrierenden Gefühle auf das wahrgenommene Objekt projiziert werden. Es erscheint nun je nachdem schöner oder hässlicher. Der Gesamteindruck erfährt also einen Bonus oder Malus.


Referenzielle architektonische Vorstellungen[Bearbeiten]

Von zentraler Bedeutung für die Art und Weise, wie der Mensch sich und seine Beziehung zur Umwelt sieht, ist die Vorstellungswelt.[25] In den psychischen Prozessen repräsentiert sie den Organismus[26], bestehend aus Körper und Geist. Sie umfasst die referenziellen gestaltlichen Muster, die als Maßstab fungieren, wenn das Selbst versucht, die Objektwelt zu identifizieren und ihr dann Bedeutung zuzusprechen. Das Objekt und seine Beziehungen erfahren eine Bewertung. Vorstellungen haben oft normativen Charakter. Sie bringen Bedürfnisse, Erwartungen, Soll-Werte zum Ausdruck. Der Mensch stellt sich in den Mittelpunkt seiner Wahrnehmung. Entstanden und immer wieder modifiziert worden sind die Vorstellungen großenteils im Verlauf der Evolution. Offenbar kommt den Erfahrungen der letzten Vorgängergenerationen darüber hinaus besondere Bedeutung zu[27], wie auch solchen aus dem pränatalen Leben. Kindheit und Jugend verleihen der individuellen Vorstellungswelt durch Sozialisation und Enkulturation ihre nahezu abschließende Form. Die relative Formbarkeit der Vorstellungswelt in den jungen Jahren ermöglicht unter anderem die Entstehung des Bewusstseins. Die Aneignung von Wissen erlaubt, Werte und Normen zu reflektieren und in gewissem Maße zu kontrollieren, also an der Vorstellungswelt zu arbeiten und so möglicherweise ihre rationale Komponente zu stärken. Insbesondere die Aufklärung hofft, dass das intuitive, „triebgesteuerte“ Verhalten von der Vernunft dominiert werden könnte.

Die Vorstellungswelt verharrt größtenteils im Unterbewusstsein. Ihre tiefsten Schichten ändern sich über lange Zeiträume nicht oder kaum. Diese Vorstellungen sind weitgehend körperlich manifestiert, in den Hormonsystemen, die auf Einhaltung bestimmter Pegel oder auch ihre situationsabhängige Änderung drängen, und in den uralten Arealen und Modulen des Zentralnervensystems.[28] Jüngere Regionen sind plastischer ausgelegt, ihre neuronalen Verbindungen sind leichter aus- aber auch abbaubar, zugeschnitten auf die Notwendigkeit, die Vorstellungswelt schneller auf sich wandelnde Umweltbedingungen einzustellen. Bewusstsein und Vernunft eröffnen die begrenzte Möglichkeit zur Reflektion der Konditionierungen, im Rahmen einer Architekturtheorie also der Vorstellungen von der Baugestalt und ihrer Bedeutung. Eine auf Einsicht gründende Notwendigkeit zur Korrektur von Verhalten können sie gegen das Wollen der alten psychischen Mechanismen selten durchsetzen. Gerhard Roth resümiert bezüglich dieser Umsetzungsschwäche: „Dies hat vornehmlich mit der Tatsache zu tun, dass der präfrontale Cortex [als Sitz des rationalen Denkvermögens; der Verf.] anders als die limbischen Ebenen [Areale, die zuständig sind für Routinen, „Bauchentscheidungen“, reflexhaften Entscheidungen; der Verf.] keinen direkten Bezug zur Handlungssteuerung hat.“[29] Auch der moderne Mensch sollte sich eingestehen, dass er meistens will, was er soll, dass das Bewusstsein also unbemerkt Vorstellungen des Unterbewusstseins übernimmt und sich einbildet, es sei richtig so.

Die Bau- und Stadtgestalt 'an sich'[Bearbeiten]

In der Wahrnehmung wird die Baugestalt als ein Ganzes gesehen, das aus einer gewissen Anzahl von Gestaltelementen besteht, die über den Raum untereinander und zum Ganzen in Beziehung stehen. „Die Idee des Zusammenhangs, die Vorstellung von einer Ordnung der Dinge, in der sie als Teile eines größeren Ganzen aufgehoben sind, ist die Grundlage jedes Systemgedankens. Ohne einen Ordnungsglauben und Sinn für Zusammenhang ist die Welt für den Menschen nicht deutbar."[30] Die Analyse der Bau- und Stadtgestalt lässt sich je nach Interessenlage über mehrere Maßstabsebenen bis auf eine gerade noch relevante Detailebene hinab fortsetzen. Auch in umgekehrter Richtung kann sich das analytische Interesse bewegen: Das Ganze existiert auf einer übergeordneten Ebene zusammen mit anderen Ganzheiten. Das Ganze mutiert zum Gestaltelement einer größeren Einheit. Das Bauwerk lässt sich so in Bauteile (Fassaden, Fenster, Sockel, Dächer usw.) aufgliedern. Mehrer Bauwerke bilden ein Ensemble, einen Stadtteil usw.

Der Mensch, der sich einem Bauwerk gegenübersieht, produziert spontan einen ‚ersten Eindruck’. Gerhard Roth rechnet ihn zu den automatisierten Entscheidungsvorgängen („Bauchentscheidungen“), den Routinen ähnlich.[31] Das Resultat, umgangssprachlich als „Vorurteil“ deklariert, beruht auf einer mehr oder weniger flüchtigen Wahrnehmung, ist hoch affektiv, liegt aber innerhalb kürzester Zeit vor. Augenblicklich folgen spontane Reaktionen. Der Betrachter hat intuitiv anhand gespeicherter Muster das Ganze, seine Teile und deren Beziehungen identifiziert und ihnen im gleichen Augenblick Bedeutungen zugeordnet. Er projiziert also die in Frage kommenden Ausschnitte seiner Vorstellungswelt auf das betrachtete Bauwerk oder ein Ensemble, Vorstellungen, die etwa seiner Sicht auf den eigenen Körper entspringen, die seinem Normen- und Werteverständnis in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen entstammen.[32] Unter anderem kann so auch sein Verständnis bezüglich des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft zur Geltung kommen. Je nach Antwort der Baugestalt gewinnt der Betrachter einen positiven oder negativen Eindruck. Das unterbewusste Sanktionssystem generiert entsprechende positive oder negative Empfindungen. Die Baugestalt erscheint (positiv) ansprechend und schön – oder hässlich. Weil die gefühligen Reaktionen das Bewusstsein erreichen können, firmiert der Vorgang in der historischen Kunstdebatte als Einfühlung (Empathie).[33] Der Begriff trifft den Sachverhalt nicht ganz, denn das Gefühl steht erst als Reaktion am Ende des intuitiven Hineinversetzens. Das Hineinversetzen generiert ein Urteil, welches als eigentlicher Auslöser der Empfindungen fungiert, ein Prozess, der allerdings weitgehend im Verborgenen abläuft.

Im Nachgang kann der ‚erste Eindruck’ durch bewusste Reflektion in begrenztem Maße modifiziert und vertieft werden. Bezüglich der „höheren Architektur“, die regelmäßig größere Aufmerksamkeit und weitergehende Erkundung erfährt und in der begrifflichen Tradition als Baukunst firmiert, wird dies eher geschehen als bei der „Alltags- oder Gebrauchs-Architektur“. Fehlende Reflektion bedeutet aber nicht, dass die baugestaltliche Umwelt in der Wahrnehmung, mag sie auch sehr selektiv und rudimentär sein, unbeachtet und ohne emotionale Reaktionen bleibt. Die rationalen Elemente der Urteilsfindung können ihren Einfluss am ehesten geltend machen, indem sie auf die Bilder mit ihren Bedeutungen, einwirken. Bei nachfolgenden Wahrnehmungsdurchgängen wird der ‚erste Eindruck’ dann anders ausfallen, vielleicht etwas rationaler.

Raum[Bearbeiten]

Wie der Baugestalt kommt auch der Raumgestalt ein spezifischer Ausdruck zu. Dem Zwischenraum kann als eigenständiges Anschauungsobjekt Figurqualität zukommen [34], generiert von den Eigenschaften der ihn formenden Gestaltelemente, dem Zuschnitt, der Orientierbarkeit, dem Übergang zu den Nachbarräumen. Der räumliche Ausdruck verdankt sich vor allem seiner visuellen Durchdringbarkeit. Um überhaupt erfahrbar zu sein, bedarf es entsprechender begrenzenden oder indizierenden Objekte. Ansonsten wird er als leer wahrgenommen. Gestaltelemente konstituieren ihn wahrnehmungsmäßig und tragen als je nach Form und Farbe zum Eindruck bei. Schließlich wird Raum grundlegend "als das Gegebene erfahren, [...] in dem jedes Ding seinen Platz findet", so R. Arnheim[35] Die Dimensionen des Raumes, die Ausdehnung in der Ebene und in der Höhe, charakterisieren ihn, wie auch der Grad der visuellen Geschlossenheit bzw. Offenheit. Funktionstüchtigkeit und Zweckmäßigkeit von Innenräumen, Plätzen, Straßen wirken über das Erleben direkt bzw. indirekt am räumlichen Eindruck mit, also an der Atmosphäre oder Anmutung. Die Orientierbarkeit im Raum kann für den Betrachter entscheidende Bedeutung für den Eindruck haben. Raum kann in der Architektur auch als Zwischenraum fungieren, dann je nach Betrachtungsebene auch in ein- und zweidimensionaler Form.

Der visuelle Raum

Das räumliche Sehen gehört zu den bevorzugten Disziplinen des Auges. Der Organismus motiviert das Auge-Gehirn-System ständig zur Raumerkundung und lohnt sich die Wahrnehmung von Raumtiefe und -breite mit Lustgefühlen. Nicht nur die moderne Architektur, auch frühere Baustile tragen dieser Programmierung des visuellen Sinns beispielsweise in Form des transparenten Bauens Rechnung. Landschaftsparks und große Gärten gewinnen ihren pittoresken Ausdruck, indem sie ständig neue Durchblicke bieten, indem sie etwa den Blick auf einen Gartenpavillon mit Spannung aufladen. Der Raum gewinnt Erlebnisqualitäten. „Erst durch eine bestimmte Konstellation natürlicher und künstlicher Objekte wird Raum geschaffen“, schreibt R. Arnheim.[36] Rezipienten und Nutzer reagieren mit positiven, anerkennenden Empfindungen und identifizieren sich mit dem Ort. Er erfüllt Erwartungen und gewinnt Schönheit.

Ein weiteres für den Raumeindruck relevantes Element ist die Blickführung. Bei entsprechender Ausformung ziehen linienhafte Gestaltelemente, Kanten, Gesimse, Säume, Bänder etwa, den Blick in die Raumtiefe. Er favorisiert das Schweifen in der Horizontalen und das Aufschwingen in die Höhe. Unterbrechungen im leitenden Formelement wird in gewissem Maße toleriert und übersprungen. Die Dynamik des Blickes blockierende Gestalteigenschaften, querstehende Wandflächen in einem Ensemble etwa oder abrupt abbrechende Turmfassaden, lösen Enttäuschungen aus.

Der Innenraum

Anders als bei der Rezeption eines Bauwerks von außen, resultiert der Eindruck von Räumen, in denen der Mensch sich aufhalten und bewegen kann, stärker aus der Inbezugsetzung körperorientierter Vorstellungen mit den raumbegrenzenden Bauteilen oder Bauwerken. Der Grad der Abschottung von Innenräumen kann variieren. Die Moderne hat die Öffnung, die Durchdringung von Innen und Außen zum Programm erhoben. Auch Straßen und Plätzen kann der Charakter von Innenräumen zukommen.

Beim Menschen, der einen Raum betritt, wird das Bedürfnis nach Orientierung virulent. Spontan strebt der Mensch die hellen Raumzonen an. Das Selbst strukturiert den Raum, indem es ihn, von sich ausgehend, in Bereiche gliedert, die vor oder hinter ihm, rechter oder linker Hand, höher oder tiefer liegen. Den topologischen Verhältnissen werden spezifische Bedeutungen zugemessen. Was beispielsweise höher steht, erscheint bedeutender. Aufgrund der Ansprüche an die körperliche Bewegungsfreiheit werden Erwartungen an die Raumdimensionen gestellt. Insbesondere nach oben, zur Decke hin, wird ausreichend Abstand erwartet. Großzügige Raumdimensionen lassen ihre Nutzer wichtig und mächtig erscheinen.

Die Ausformung der Wände und Decken, ob eben oder im Grundriss konvex ausbuchtend und in der Höhe gewölbt, wirkt am Ausdruck mit. Wände oder Decken, die dem Rezipienten durch Ausbuchtung beziehungsweise Wölbung respektvoll Platz gewähren, schmeicheln dem Ego. Ebene Wände und Decken, rechtwinklige Raumecken bringen hingegen eine gewisse Härte zum Ausdruck. Die Lichtverhältnisse bestimmen die Raumatmosphäre maßgeblich.[37]

Der Zwischenraum

In der analytischen Betrachtung der Baugestalt erscheinen ihre Teile oder Elemente als über den Raum in Beziehung stehend, wahrnehmbar an der Distanz zwischen ihnen[38], die theoretisch zwischen Null und Unendlich variieren kann, an den topologischen Verhältnissen, die ein Oben und Unten, eine Vorne und Hinten kennen. Raum wird als Zwischenraum, als Platz erfahren, in dem sich der Mensch unter Umständen bewegen kann, der aber auch der Dynamik der Gestalt(-elemente) zur Verfügung steht und Beziehungen regulieren kann. Aufgrund des subjektiven Hineinversetzens können Gestaltelemente in den Augen des Betrachters dynamische Kräfte entwickeln. Den Formen und Farbflächen werden Anschauungsgewichte zugesprochen, die sie der Gravitation gemäß senkrecht nach unten ziehen. Die Gestalt und ihre Teile müssen dem widerstehen. Ein Spiel der Kräfte entwickelt sich. Schlanke, senkrechtstehende Formen, erst recht wenn sie, wie ein gotischer Fensterbogen etwa, oben spitz zulaufen, entwickeln Dynamik, die der Erdanziehung entgegengesetzt ist, also in die Höhe strebt. Allgemein scheinen Formen je nach Zuschnitt Kräfte zu entwickeln, die den Blick in die umgebenden Flächen leiten, in den umgebenden Raum, wo er gegebenenfalls auf vorhandene Gestaltelemente trifft, die ihn weiterleiten, bremsen oder blockieren. Dies geschieht vorzugsweise – aber nicht nur – in der Senkrechten. Ein Gestaltelement oder ein Ganzes beansprucht wie ein Mensch Bewegungsraum, aber auch Sozialdistanz. Mittels Vergrößerung oder Verringerung der Zwischenräume können die Ansprüche an den Bewegungsfreiraum gestalterisch geregelt werden. Zum Beispiel entschärft ein vergrößerter Abstand gravierende Wesensunterschiede. Die „Unverträglichkeit“ derartiger Gestaltelemente innerhalb eines Ganzen mildert sich.[39] Enges Zusammenstehen, räumliche Nähe, verleiht andrerseits den betreffenden Gestaltelementen den Anschein von Ähnlichkeit, von Verträglichkeit, also von Zusammengehörigkeit.


Die (Bau-)Gestalt[Bearbeiten]

Der grundlegende Ausdruck des Ganzen konstituiert sich aus den Eigenschaften von Form und Farbe. Beide Kategorien lassen sich als Systeme betrachten, die aus Elementen oder Bereichen mit unterschiedlichen Eigenschaften bestehen, die untereinander und zum Ganzen eine Beziehung aufbauen.

Eine in besonderer Weise qualifizierte Gestalt kann als Figur verstanden werden. Ihre Teile sind positiv, das heißt in erwrteter, adäquater Weise aufeinander und auf das Ganze bezogen. Die Gestalt erscheint kohärent und deutlich vom Umfeld abgegrenzt, möglichst sogar vom Umfeld hervorgehoben (Figur-Grund-Kontrast).[40] Die Wahrnehmung goutiert diese Gestalteigenschaften. Entsprechend fallen die Reaktionen aus. Die Figur erscheint schön, sie gilt als ‚gute Gestalt’.

Form

Die Baugestalt konstituiert sich aus linienhaften, flächigen und körperlichen Komponenten. Im Wege des Hineinversetzens gewinnen sie je nach Ausprägung spezifische Bedeutung für den Betrachter.

Linien, Geraden, Kanten, Ecken erfahren besondere Beachtung durch das Auge-Gehirn-System. Ihnen entlang sucht der Blick seinen Weg, sie fungieren als Abschlusselemente von Flächen und Körpern, sind als Orte des Übergangs von besonderem Interesse. Ihre Charaktereigenschaften bewegen sich unter anderem zwischen Schärfe und Diffusität. Das Schnurgerade erscheint als hart, unnachgiebig, konservativ. Eine „befreite“ Linie erlaubt sich kleine Abweichungen von der Schnur, Unregelmäßigkeiten, wie sie für handwerkliche Arbeit und natürliche Materialien beispielsweise gängig sind, im Gegensatz zu den industriellen Fertigungsverfahren und Produkten. Die kleinen Unregelmäßigkeiten lassen Ecke oder Strich lebendig und menschlich erscheinen, obwohl sie durchaus die große Linie beibehalten. Die Reaktion auf ihren Ausdruck kennzeichnen Schöpfer wie Betrachter.

Flächen können unter anderem nach nach ihrer Lage, Neigung und ihrem Umriss unterschieden werden. Sie sind beispielsweise x-eckig, rund, oval, regelmäßig oder unregelmäßig. Sie erscheinen leer, wenn sie unstrukturiert sind und wenn auch die Ränder keine Kraft entwickeln, in die Fläche hineinzuwirken – wie ein unmöblierter Platz, dessen begrenzende Bebauung vielleicht zu niedrig ist. Generell spendiert die Wahrnehmung der Fläche weniger Aufmerksamkeit. Sie registriert bei einer Fassade mit gleichen Gestaltelemente vielleicht ein oder zwei von ihnen und rechnet dies auf die ganze Fläche hoch. Eine Putzfassade, im äußersten Fall etwa eine Giebelfläche ohne Fenster, Gesimse, Lisenen, erscheint leer und uninteressant. Sie enttäuscht die Wahrnehmung. Eine Fläche scheint je nach Zuschnitt einen Bewegungsdrang zu entfalten. Nicht nur die Erdanziehung macht sich bemerkbar. Ein rundes Fenster etwa, auf ein durchlaufendes Gesims gestellt, hat Schwierigkeiten, seine Position zu halten. Es droht quasi nach links oder rechts zu rollen. Ein stehendes Fenster entwickelt Dynamik in die Höhe, ein quadratisches tendiert hingegen zur Ruhe. Es verharrt an Ort und Stelle.

Der Ausdruck des Baukörpers wird vor allem von der Art und Weise bestimmt, wie er gegliedert ist und wie die Ecken ausgebildet sind. Ungegliedert erscheint ein Baukörper klotzig, containerartig. Wie eine leere Fläche frustriert er das Erleben. Großen Baukörpern ein kleinteiliges Äußeres zu verleihen, kommt den gestaltlichen Vorstellungen entgegen. Das Auge findet die erhofften Informationen. Die Masse tritt weniger in Erscheinung. Generell bereitet der (Bau-)Körper Schwierigkeiten, ihn in seiner Dreidimensionalität zu erfassen. Um den körperlichen Ausdruck zu ergründen, müssten regelmäßig mehrere Perspektiven kombiniert werden. Im täglichen Erleben ist ein Umrunden des Bauwerks oft nicht möglich, und so vertreten Bauteile, die im Blickfeld liegen und auf einen Blick zu erfassen sind, das Ganze. Die Wahrnehmung neigt dazu, das Einzelne für das Ganze zu nehmen.

Farbe

„Farbe ist grundsätzlich eine Konstruktion des Gehirns“, so Erhard Oeser, den Neurologen Zeki zitierend.[41] Farben entstehen in der Wahrnehmung quasi automatisch. Gleichzeitig werden ihnen Bedeutungen zugemessen. Entsprechende körper- und gefühlsbezogene Reaktionen folgen. Die intuitive Klassifizierung als warme oder kalte Farbe folgt uralten Konditionierungen. Die wärmende Sonne wird beispielsweise mit den roten bis gelben Farbtönen in Verbindung gebracht, des weiteren mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten, mit lichten Farben. Aber Farbvorstellungen kennen auch formbare Bereiche. Die archaischen Bedeutungen können graduell durch kulturgeschichtliche Einflüsse, durch autobiografische Erfahrungen überschrieben werden. Das kühle Blau etwa wurde von Künstlern zum Repräsentanten des Verstandes erklärt.

Materialität

In der Architektur verantwortet das Baumaterial einen beachtlichen Teil des Ausdrucks. Die Begriffssystematik, die in diesem Artikel verfolgt wird, fasst sie als integrierte Kategorie auf, das heißt die beiden Grundkategorien Form und Farbe treten hier in spezifischer Verbindung auf. Holz, Glas, Stein kommen besondere Oberflächenstrukturen (Plastizität, Flächigkeit, Textur) zu. Sie identifizieren das Material und generieren damit unter anderen die Anschauungsgewichte, die dem dynamischen System innerhalb der Fläche oder des Körpers ihren Ausdruck verleiht. Steinerne Hochhäuser beispielsweise scheinen schwer und fast unter ihrem Gewicht zusammenzubrechen, während Hochhäuser mit verglasten Fassaden nahezu schwerelos wirken.


Relationen – Das Wechselspiel des Ganzen und seiner Teile[Bearbeiten]

Von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausdruck der Baugestalt erweisen sich Art und Weise, wie die Teile untereinander und zum Ganzen in Beziehung stehen. Das ganze Spektrum der diesbezüglichen Selbst-Vorstellungen wird hier virulent, Normen und Werte werden aus den Sphären der leiblichen Verhältnisse, aus denen des psychischen und sozialen Lebens auf Bauwerk und Ensemble projiziert. Die Eigenschaften von Beziehungen lassen sich demnach beispielsweise als konstruktiv, gespannt, harmonisch, indifferent, widersprüchlich, verständnislos charakterisieren.

Neben der qualitativen Ebene spielen auch Quantitäten eine Rolle. Aus dem Bedürfnis nach Informationen einerseits und der begrenzten Verarbeitungskapazität der Wahrnehmung andrerseits resultiert ein gewisses Quantum an Elementbeziehungen, dessen Unter- wie Überschreitung den Betrachter langweilt bzw. überfordert und ihm entsprechend Stress bereitet. Flächen mit identischen Gestaltelementen, die sich nichts „zu sagen“ haben, oder ungegliederte Kuben enttäuschen, zu hohe Komplexität, ein Übermaß an Dekoration etwa, überfordert. Die Wahrnehmung erwartet und goutiert ein gewisses Maß an Stimuli, beispielsweise in Form einer maßvolle Kleinteiligkeit, also einer gewissen Anzahl von Gestaltkomponenten und ihren Relationen pro Einheit, die analog zur menschlichen Interaktion sinnhafte Informationen bereithalten.

Im Zuge des Hineinversetzens legt der Mensch zunächst wert darauf, dass ein Bauwerk, wie der eigene Körper, seine stabile Lage wahrt. Eine aufrechte Haltung und ein Streben in die Höhe, möglichst in der Senkrechten, erfährt besondere Wertschätzung. Sie kommt im spannungsvollen Verhältnis der horizontal und vertikal orientierten Bauteile, ihrer Anschauungsgewichte und Dynamik, zum Ausdruck. Die Instabilität eines Turmes wird durch einen breitlagernden Fuß aufgefangen. Die beiden Bauteile stehen in einer gegensätzlichen, konstruktiven Beziehung. Das Ganze signalisiert Zusammenhalt, die Figur spricht positiv an. Symmetrie in der Senkrechten erhöht den Ausdruck der Stabilität, und eine stimmige Tektonik, also ein Gefüge aus Lastendem und Tragendem, das den vorgestellten statischen Anforderungen gemäß dimensioniert ist, wird ebenfalls emotional goutiert. Die senkrecht-symmetrische Baugestalt punktet bei der Schönheit,[42] sehr viel stärker als dies einer waagerechten Achssymmetrie zum Beispiel gelingen könnte. Proportion, also das Verhältnis von Bauteilabmessungen, findet bei Säulen und Stützen zum Beispiel ihren Ausdruck im Verhältnis der Höhe zum Durchmesser oder Querschnitt. Sie erscheinen kräftig, aber auch gedrungen, unter der Last ächzend, wenn sie in Relation zu ihrer Höhe einen großen Durchmesser aufweisen. Mit zunehmender Verschlankung wirkt die Säule entspannter, als hätte sie sich der Last fast entledigt, bis dann die weitere Reduzierung des Querschnitts, bis hin zu Le Corbusiers Pilotis, den Eindruck erweckt, sie würde der Last nicht mehr standhalten und einknicken. Proportion spielt auch bei der Gliederung von linien- und flächenhaften Bauteilen eine Rolle. Die Architekturgeschichte kennt ausgedehnte Maßsysteme, teils direkt vom menschlichen Körper abgeleitet, die zur Dimensionierung und zum Zuschnitt herangezogen wurden, mit dem Ziel, dem Bauwerk harmonische Elementbeziehungen und damit Kohärenz zu verleihen.[43] Ein Bauwerk, dessen internes und externes Beziehungsgeflecht erwarteten Vorstellungen nicht entspricht oder ihnen sogar konträr gegenübersteht, stößt beim Betrachter auf Befremden. Es provoziert und löst vielleicht sogar einen durchaus goutierten emotionalen Thrill aus. Eine spektakuläre Konterkarierung statischer Vorstellungen ruft Erstaunen hervor, spielt mit Ängsten, weckt Aufmerksamkeit und Interesse. Die emotionale Sensation setzt möglicherweise Prozesse auf der bewussten Ebene, eine Reflektion des Eindrucks etwa, in Gang.

Normen des Sozialverhaltens gewinnen referenzielle Bedeutung, wenn es im Beziehungsgeflecht zum Beispiel um Über- und Unterordnung geht, um Ansehen und Macht, um Anpassung und Freiheit im Verhältnis der Figur zu ihrem Umfeld etwa. Ein Bauwerk, das in ein gestalterisch konträres Ensemble verpflanzt wird, erscheint manchem rücksichtslos, Andre werten es als gesunde Provokation, die zum Aufregen und Nachdenken animiert. Gleichberechtigte Bauteile oder die Häuser einer Straßenzeile müssen nicht notwendigerweise uniform erscheinen. Sie signalisieren einen gewissen Grundkonsens durch die Angleichung ihrer Gestalteigenschaften. Eine begrenzte Variierung der einzelnen Gestalt bleibt erlaubt und erwünscht, solange die Kohärenz des Ganzen ungefährdet bleibt. Wie eine intakte Gesellschaft auf einem gewissen Grundkonsens angewiesen ist, darüber hinaus aber dem Individuum seine Freiheiten lässt, so steht der Baugestalt frei, in ihrem individuellen Ausdruck ein Stück weit von den Nachbarn abzuweichen, den bürgerlich-freiheitlichen Idealen entsprechend. In einer hochgradig individualistisch denkenden und fühlenden Gesellschaft wie der gegenwärtigen stehen gemeinschaftsorientierte Werte wie Anpassung und Rücksichtnahme allerdings nicht sehr hoch in Kurs.


Verknüpfte, außer-gestaltliche Vorstellungen[Bearbeiten]

Der Ausdruck der ‚Baugestalt an sich’ allein kann den Eindruck von Bauwerk, Ensemble, Stadt, also das Bild, das sich Betrachter und Nutzer machen, nicht hinlänglich erklären. Eine gewisse Anzahl von Teileindrücken, die je nach Nutzer variiert, lassen sich unterscheiden, und die Randbedingungen modifizieren das entstehende Gesamtbild ebenfalls. Das Gehirn verrechnet die verschiedenen Eindrücke zum Gesamtbild. Dem Urteil liegen neben den gestaltlichen Vorstellungen also auch solche zugrunde, die mit dem Bauwerk bzw. dem Ort und der Wahrnehmungssituation verknüpft sind. Sie werden begrifflich als ‚außer-gestaltliche’ zusammengefasst und gewertet – mit entsprechenden emotionalen Reaktionen. Das psychische Sanktionssystems wertet je nach Urteil die Baugestalt auf, oder sie erfährt einen Malus. Das Bild ändert seine Qualitäten: Es verschönert sich – oder es wendet sich ins Hässliche.


Nicht-visuelle Sinne[Bearbeiten]

Die Vorgänge in der Wahrnehmung zeigen, dass auch die Beiträge der nicht-visuellen Sinne, also die Randbedingungen, in die ein Wahrnehmungsvorgang insgesamt eingebettet ist, im Urteil zum Tragen kommen. Die Lärmkulisse einer stark befahren Straße zum Beispiel belastet die Rezeption eines an sich schönen Gebäudes merklich.

Gebrauchstüchtigkeit[Bearbeiten]

Ebenso haben die emotionalen Reaktionen im Zusammenhang mit der Gebrauchstüchtigkeit des Bauwerks (funktionaler Grundriss, Bauphysik usw.) Einfluss auf die Beurteilung der Baugestalt.

Erinnerungen[Bearbeiten]

Zu den außer-gestaltlichen Bedeutungen gehören auch Erinnerungen, die mit einem Gebäude oder Ort verbunden sind. Das Gebaute wird zum Symbol, das für allgemeine geschichtliche Ereignisse und individuelle Erlebnisse und Erfahrungen steht. Je nachdem erinnert man sich gerne oder auch mit Schrecken an sie. Diese Symbolgehalte machen einen Teil der Identität des Einzelnen beziehungsweise einer Gemeinschaft aus. Baugestalt und Ort werden einprägsam und unverwechselbar.[44] Die Wertung schlägt auf das Bild von Bauwerk und Ort durch.

Das künstlerische Programm[Bearbeiten]

Gleiches gilt für das künstlerische Programm, das Architekt und Bauherr ihrem Werk zugrunde legen. Sie formulieren es selten explizit, vieles im programmatischen Teil des Schaffensprozess verharrt im Intuitiven. Regelmäßig wird nur ein Teil des Programms durch die ‚Baugestalt an sich’ verständlich. Ihr Ausdrucksvermögen ist begrenzt. Darüber hinaus gehende Inhalte können gegebenenfalls auf anderen Wegen kommuniziert werden. Den Kommentar des Baumeisters oder des beauftragenden Bauherrn in Erfahrung zu bringen – wenn es ihn denn gibt –, verlangt dem Betrachter allerdings einige Mühe ab. Die programmatische Ausrichtung trifft auf Akzeptanz, Ablehnung oder Indifferenz.

Soziale Symbolik[Bearbeiten]

Der entscheidende Einfluss auf den Gesamteindruck, den Bau- und Stadtgestalt letztlich generieren, rührt aber wohl von der Rolle her, die sie als Medium in der sozialen Interaktion spielen. Aus dem Blickwinkel einer symboltheoretisch orientierten Architektursoziologie betrachtet, fungiert Architektur als konstitutives ‚Medium’ der Vergesellschaftung.[45] Die Architektur hält Informationen über das soziale Umfeld, über den Anderen bereit, Informationen, die vom Individuum wie von der Gruppe als existenziell erachtet werden. Die zerebralen Strukturen, die diesbezügliche Informationen verarbeiten, spiegeln schon durch ihre Größe die herausgehobene Stellung des Sozialen. Sie scheinen demgemäß bei der „Verrechnung“ des Gesamteindrucks, des abschließenden Urteils über ein Bauwerk, die Oberhand zu haben. Soziale Verhaltensweisen, der Drang nach Anerkennung und Dazugehörigkeit etwa, bestimmt über weite Strecken Denken, Fühlen, Verhalten.[46] Zu erkennen, welche Bedeutung der Andere oder Fremde für die eigene Person hat, wird als existenziell erlebt. Jedes von ihm ausgehende Zeichen wird sorgsam registriert und interpretiert. Die Architektur fungiert hier als einer der Kanäle, über die die diesbezüglichen Signale vermittelt werden. Den eigenen Status – auch mit Hilfe des architektonischen Ausdrucks – zu demonstrieren, gilt der Psyche als unabdingbare Notwendigkeit sozialen Verhaltens. Der Mitmensch, der durch seine Behausung zeigt, dass er den Vorstellungen des Rezipienten nicht entspricht, wird leicht als Fremdling angesehen und ausgegrenzt.[47] Nicht anders als dem menschlichen Körper (Gesicht, Haltung) und dem Outfit (Kleidung, Haarschnitt usw.) kommt der Baugestalt also eine Rolle in den sozial-psychologischen Prozessen zu, die mit der menschlichen Kommunikation in Verbindung stehen. Der Betrachter projiziert seine sozialen Vorstellungen auf und erhält Antworten von der Baugestalt, Antworten, die er begrüßt oder solche, die ihn befremden. Die emotionalen Reaktionen schreibt er bei positiver Resonanz der Baugestalt gut. Sie verschönert sich in seinen Augen – oder aber er sieht sich ausgegrenzt, versteht die gestaltlichen Signale, die sich in ihrer Gestaltsprache manifestieren, als Botschaft der „falschen“ Milieus. Die Baugestalt gefällt nicht mehr.

Die Bau- und Stadtgestalt wird damit zum Abbild der Gesellschaftsstruktur. Die Milieus konkurrieren um ihre sozialen Positionen, die Gestaltsprache dient als eines der Instrumente.[48] Die wirtschaftlich und politisch starken Kreise sind, weil sie die Mittel zum Bauen und starken Einfluss auf politische Entscheidungen haben, auch hinsichtlich des architektonischen Stils am ehesten in der Lage, sich zu behaupten.


Zusammenfassung[Bearbeiten]

Das architektonische Urteil hängt nicht allein von der ‚Baugestalt an sich’ ab. Ob sie als schön empfunden wird, ob als positiv ansprechend, ob sie gefällt oder nicht, resultiert aus sich überlagernden Vorgängen in der Wahrnehmung.[49] Maßgeblich für das Schönheitsempfinden ist die Erfüllung der jeweiligen Erwartungen und Bedürfnisse. Sie werden durch die Welt der Vorstellungen definiert. Indem diese Vorstellungen im Verlauf des Hineinversetzens auf die Baugestalt projiziert werden, gewinnt sie ihre Symbolik, das heißt ihren Ausdruck. Mehr als die ‚Gestalt an sich’ entscheiden die Botschaften, die sie vermittelt, über Gefallen und Schönheit. In der Architekturdebatte firmieren Bauwerke, die den Erwartungen und Bedürfnissen positiv entsprechen, als organisch. Der Organismus lohnt es sich mit positiven Empfindungen.

Innerhalb des Gesamturteils relativiert sich der Ausdruck der ‚Baugestalt an sich’ also. Das Teil-Urteil, das aus der Rolle der Baugestalt als Medium in der sozialen Interaktion resultiert, zeitigt den größeren Einfluss. Das Bauwerk, das vom (für ihn) maßgebenden Milieu schön empfunden wird, erscheint auch dem Betrachter schön, unabhängig davon, ob seine ‚Gestalt an sich’ tatsächlich den eigenen Vorstellungen entspricht. Sich einem Milieu zugehörig zu fühlen und andere Milieus auszugrenzen genügt, um dem Bild die entsprechende Note zu geben. Mag die ‚Baugestalt an sich’ die formalen und farblichen Erwartungen auch enttäuschen: Wird sie vom „richtigen“ Milieu propagiert, sieht der Betrachter darüber hinweg und findet sie trotzdem schön. Der ausgegrenzte Andere wird umgekehrt die Gestaltsprache ablehnen, auch wenn sie an sich ansprechend ausfällt. Die gesellschaftlichen Kreise, die selbst keinen oder wenig Einfluss auf die Gestaltung der baulichen Umwelt haben, müssen so gegebenenfalls mit einer Architektur leben, die ihnen nicht gefällt. Wegen der Rolle der Baugestalt als Medium der sozialen Interaktion geht die umgangssprachliche Trennung von Funktion und Gestalt demnach an der Sache vorbei. Auch das Architektonische gehört zu den Funktionen des Bauens. Sie kann regulierend in gesellschaftliche Prozesse eingreifen.

Weitere Teil-Eindrücke gründen auf der Botschaft, die dem Bauwerk und dem Ort seitens des Architekten und des Bauherrn aufmoduliert sind sowie auf den Bedeutungen, die ihm durch gesellschaftliche Ereignisse und individuelle Erfahrungen einbeschrieben sind. Die mit der Baugestalt verknüpften Botschaften finden je nach Milieu eine unterschiedliche Wertung, stoßen auf Ablehnung oder Zustimmung. Des weiteren steuert die bauliche Gebrauchstüchtigkeit ihren Teil zum ästhetischen Eindruck bei. Gleiches gilt für die übrigen, nicht-visuellen Sinne, die situationsbedingt zum Eindruck beitragen. Das Bild von der Baugestalt erfährt jeweils einen Bonus oder Malus.


Synthetische Architekturtheorie – Architekturschaffen und Architekturkritik[Bearbeiten]

Geschichte der Architekturtheorie[Bearbeiten]

Nachweise, Literatur[Bearbeiten]

  1. Rudolf Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980, S. 252.
  2. Vergleiche Johanna Hartung: „Sozialpsychologie“, 3. Aufl. 2010, S. 32.
  3. Heinz Meyer: „ Architekturkritik und ästhetisches Urteil“, in: Wolkenkuckucksheim, 7. Jg. Heft 2, Januar 2003. http://www.tu-cottbus.de/theoriederarchitektur/wolke/deu/Themen/022/Meyer/meyer.htm, aufgerufen am 14.02.2012.
  4. Christian G. Allesch: „Einführung in die psychologische Ästhetik“, 2006, S. 7. Allesch gibt einen Überblick über die Entwicklung des Ästhetik-Begriffs und resümiert, dass in der betreffenden Debatte nach wie vor um begriffliche Klarheit gerungen wird.
  5. Wänke/Bohner: „Einstellungen“, in: Bierhoff/Frey: "Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie", 2006, S. 406.
  6. Joachim Hoffmann: „Die visuelle Identifikation von Objekten“, in: Enzyklopädie der Psychologie, Themenbereich C, Serie II, Bd. 1 „Wahrnehmung“, Kap. 9, S. 391 ff.
  7. Richard L. Gregory: „Auge und Gehirn – Psychologie des Sehens“, 2001. Vergleiche auch Johanna Hartung: „Sozialpsychologie“, 3. Aufl. 2010, S. 86 f. und Eva Traut-Mattausch: Kommunikationsmodelle“, in: Bierhoff/Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 536 ff.)
  8. E. Bruce Goldstein: „Wahrnehmungspsychologie – Der Grundkurs“ , Berlin u.a., 7. Aufl. 2008, S. 95.
  9. Richard L. Gregory: „Auge und Gehirn – Psychologie des Sehens“, 2001.
  10. E. Bruce Goldstein: „Wahrnehmungspsychologie – Der Grundkurs“ , Berlin u.a., 7. Aufl. 2008, S. 91 ff.
  11. Gerhard Roth: „Die räumliche Welt – Ein neuronales Konstrukt“, in: Geographie und Schule“, Heft 160,(2006), S. 10. Vergleiche auch Wolf Singer: „Ein neues Menschenbild?“, 2003, S. 74 ff. und ders.: „Der Beobachter im Gehirn“, 2002, S. 65 ff.
  12. Rainer Schönhammer: „Einführung in die Wahrnehmungspsychologie – Sinne, Körper, Bewegung“, 2009, S. 221.
  13. Wolf Singer: „Der Beobachter im Gehirn“, 2002, S. 70 f.
  14. Zum Begriff des Intuitiven siehe Wolf Singer: „Ein neues Menschenbild?“, 2003, S. 120 ff.
  15. Gerhard Roth: "Nachwort: Denken und Handeln", in: Sentker u.a. (Hrsg.): "Schaltstelle Gehirn", 2009, S. 263.
  16. Siehe Wolf Singer: „Der Beobachter im Gehirn“, 2002, S. 65 f.
  17. Erhard Oeser: „Das selbstbewusste Gehirn“, Darmstadt 2006, S. 139.
  18. Manfred Spitzer: „Nervensachen“, 2005, S. 93.
  19. Vergleiche auch Rainer Schandry: „Biologische Psychologie“, 3. Aufl. 2011, S.456, der „vier Ebenen emotionalen Geschehensunterscheidet“: a) die Vorgänge im Gehirn, b) vegetative und hormonelle Prozesse, c) motorische Reaktionen und d) die subjektiv erlebten Gefühle.
  20. vergleiche A.R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich“, 2003, S. 376.
  21. Gerhard Roth: „Nachwort: Denken und Handeln“, in: Sentker u.a.: „Schaltstelle Gehirn“, 2009, S. 265.
  22. Manfred Spitzer: „Selbstbestimmen“, München 2004, S. 134.
  23. Gerhard Roth: „Nachwort: Denken und Handeln“, in: Sentker u.a.: „Schaltstelle Gehirn“, 2009, S. 266 f.
  24. Manfred Spitzer: „Selbstbestimmen“, München 2004, S. 141.
  25. Vergleiche A.R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich“, 2003, S. 381 ff.
  26. Vergleiche F. Esken und H.-D. Heckmann: „Bewusstsein und Repräsentation“, Paderborn 1998.
  27. Stichwort Epigenetik
  28. A.R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich“, 2003, S. 37.
  29. Gerhard Roth: „Nachwort: Denken und Handeln“, in: Sentker u.a.: „Schaltstelle Gehirn“, 2009, S. 267.
  30. Fritz Neumeyer: „Nachdenken über Architektur – Eine kurze Geschichte ihrer Theorie“, in: ders.: „Quellentexte zur Architekturtheorie“, München 2002, S. 9 ff.
  31. Gerhard Roth: „Nachwort: Denken und Handeln“, in: Sentker u.a.: „Schaltstelle Gehirn“, 2009, S. 264 f.
  32. Siehe — aus sozialpsychologischer Sicht — Gisela Steins: „Perspektivübernahme oder: Wer ist die andere Person?“, in: Bierhoff/Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 471 ff.
  33. Siehe dazu auch die Ausführungen von Fritz Neumeyer: „Nachdenken über Architektur – Eine kurze Geschichte ihrer Theorie“, in: ders.: „Quellentexte zur Architekturtheorie“, München 2002, S. 54 und Rudolf Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980, S. 218.
  34. Vergleiche Rudolf Arnheim: "Die Dynamik der architektonischen Form", 1980, S. 79.
  35. Vergleiche R. Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980, S. 17 ff.
  36. R. Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980, S. 21.
  37. Zum Erleben von ganz oder teilweise geschlossenen Räumen, insbesondere Innenräumen, vergleiche R. Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980, S. 74 ff.
  38. Rudolf Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“ 1980, S. 25.
  39. Vergleiche R. Arnheim: „Die Dynamik der architektonischen Form“, 1980.
  40. Vergleiche Wolf Singer: „ Der Beobachter im Gehirn“, 2002, S. 227.
  41. Erhard Oeser: „Das selbstbewusste Gehirn“, Darmstadt 2006, S. 137.
  42. Zur Bedeutung von Symmetrie vergleiche auch Manfred Hassebrauck: „Physische Attraktivität“, in: Bierhoff/Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 222 und Rudolf Arnheim, 1980, S. 46.
  43. Siehe zum Beispiel P. v. Naredi-Rainer: „Architektur und Harmonie“ 1995.
  44. Vergleiche Fritz Neumeyer: „Nachdenken über Architektur – Eine kurze Geschichte ihrer Theorie“, in: ders.: „Quellentexte zur Architekturtheorie“, München 2002, S. 70. Neumeyer referiert Thesen von Aldo Rossi und Kevin Lynch.
  45. So Heike Delitz in ihrem Aufsatz „Die Architektur der Gesellschaft. Architektur und Architekturtheorie im Blick der Soziologie“, in: Wolkenkuckucksheim 10. Jg., Heft 1, Sept. 2006. http://www.tu-cottbus.de/theoriederarchitektur/Wolke/deu/Themen/051/Delitz/delitz.htm, aufgerufen am 15.11.2011.
  46. Vergleiche Johanna Hartung: „Sozialpsychologie“, 3. Aufl. 2010, S. 32 ff. Dito Wänke/Bohner: „Einstellungen“, in: Bierhoff/Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 205.
  47. Zum sozialen Konformitätsverhalten siehe Johanna Hartung: „Sozialpsychologie“, 3. Aufl. 2010, S. 107 ff.
  48. Zur Theorie der sozialen Identität siehe Johanna Hartung: „Sozialpsychologie“, 3. Aufl. 2010, S. 128 ff. Zum sozialen Verhalten von Gruppen siehe Wolfgang Rechtien: „Angewandte Gruppendynamik“ sowie Ulrich Wagner: „Intergruppenbeziehungen“, in: Bierhoff/Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 655 ff. bzw. S. 663 ff.
  49. Siehe auch die Ausführungen zum Schönheitsempfinden von Manfred Spitzer: „Nervensachen“, 2005, S. 120, .