Benutzer:Xenos/Genesis 3

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Kommentierte Rückübersetzung der romanischen Bibelübersetzung von Rudolf Filli und Jachen Ulrich Gaudenz [[1]] ins Deutsche, zugleich eine erneuerte Sicht auf die Luther- und die Zürcher Bibel durch das Rätoromanische als Vertiefungssprache:

Genesis 3

(3,1) Aber die Schlange war listlustiger[1] als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte. Und sie sprach zu der Frau: hätte es Gott tatsächlich entsprochen zu sagen[2]: Ihr dürft nicht essen von keinem[3] Baum des Gartens ? (2) Und die Frau sprach zu der Schlange: Wir können essen von den Früchten der Bäume des Gartens; aber von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens steht, hat Gott gesagt: Esst nicht von jenem und rührt ihn auch ja nicht an, damit ihr nicht sterbt. (4) Daraufhin sprach die Schlange zur Frau: Ganz sicher[4] kommt's nicht so, dass ihr sterbt[5]; (5) vielmehr weiss Gott sehr gut, dass in dem Moment, da ihr davon essen werdet, euch die Augen geöffnet werden und ihr wie Gott sein werdet und Gutes und Schlechtes kennen werdet. (6) Und wie die Frau sah, dass es gut sei, von jenem Baum zu essen, und eine Freude für die Augen und dass der Baum begehrenswert sei um durch ihn klug zu werden, da nahm sie von seiner Frucht und ass und gab auch ihrem Mann, der bei ihr war[6], und auch er ass sie. (7) Da öffneten sich die Augen allen beiden, und sie wurden inne, dass sie nackt waren, und sie nähten Blätter zusammen und machten sich[7] Schürzen.

(8) Wie er sodann Gott den Herrn in der Frische des Abends im Garten umherspazieren hörte, versteckte sich der Mensch mit seiner Frau vor dem Gesicht Gottes im Gebüsch[8] des Gartens. (9) Und Gott der Herr rief den Menschen und sprach: Wo bist du ? (10) Und der Mensch sprach[9]: als ich dich im Garten hörte, habe ich mich geängstigt[10], weil ich nackt bin, und habe mich versteckt. (11) Und Gott sprach: wer hat dir gesagt, dass du nackt seist ? Hast du vielleicht von jenem Baum gegessen, von dem ich dir verboten hatte zu essen ? (12) Und der Mensch sprach: Die Frau, die du mir zur Gefährtin gegeben hast, sie hat mir von jenem Baum gegeben, und ich habe dann gegessen. (13) Und Gott der Herr sprach zu der Frau: Was hast du hier getan ? Und die Frau sprach: die Schlange war über mir[11] und hat mich so verführt, dass ich ass. (14) Und Gott der Herr sprach zu der Schlange: Weil du das getan hast, so seist du als Aussenseiter[12] verflucht von allem Vieh und von allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Erde fressen, solange du lebst. (15) Und ich will Unfriede setzen zwischen dich und die Frau und zwischen deine Nachkommenschaft und ihre Nachkommenschaft. Ihr Nachkomme kommt, dir den Kopf zu zerquetschen[13], und du kommst, seine Ferse zu verletzen. (16) Und zur Frau sprach er: ich will dir viele Schmerzen in deiner Schwangerschaft verursachen, und mit Wehen sollst du Kinder gebären. Du wirst Verlangen haben nach deinem Mann, und er wird dein Herr sein. (17) Und zum Menschen sprach er: weil du getan hast nach dem Gebot der Stimme deiner Frau und gegessen hast von jenem Baum, von dem ich geboten hatte: du sollst von jenem nicht essen, so sei die Erde verflucht deinetwegen ! Mit Mühsal sollst du dich von ihr ernähren, solange[14] du lebst. (18) Dornen und Disteln soll sie dir tragen, und du sollst essen vom Kraut des Feldes. (19) Im Schweisse deines Gesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zu der Erde, von der du genommen bist; denn Erde bist du und zur Erde sollst du zurückkehren. (20) Und der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, weil sie die Mutter alles Lebendigen geworden ist. (21) Und Gott der Herr machte dem Menschen Röcke aus Fell und kleidete sie. (22) Und Gott der Herr sprach: Fürwahr, der Mensch ist geworden wie einer von uns, der Gutes und Schlechtes kennt. Und jetzt, dass er nur seine Hand nicht ausstreckt und vom Lebensbaum nimmt und isst und ewig lebt ! (23) Und Gott der Herr schickte ihn fort vom Garten Eden, damit er die Erde bebaut, von der er genommen war. (24) So trieb er den Menschen hinaus und liess im Osten des Gartens Eden die Kerubinen mit flammendem Schwert stehen, damit sie den Weg zum Lebensbaum beschützen[15].

Kommentar:

  1. Sie hat Lust an der List. Der böse Wille, der auf die böse Tat drängt, kommt erstmalig ins Spiel.- Im übrigen nimmt listlustig das romanische astuta lautmalerisch ein wenig auf.
  2. Wörtlich im Romanischen: hätte Gott wirklich zu haben gesagt = müsste Gott (damit er Gott ist) wirklich gesagt haben = hätte Gott es nötig gehabt zu sagen; d.h. die Frage der Schlange richtet sich auf das Wesen und den Willen Gottes; beides verträgt sich angeblich nicht mit dem Verbot. Die Schlange versucht also, Gottes Wort von Gottes Willen zu trennen.
  3. Die romanische doppelte Verneinung lässt sich in diesem Fall auch gut im Deutschen wiedergeben, um die Schärfe des in Frage gestellten (und ja auch von der Schlange falsch zitierten) Verbots zu unterstreichen.
  4. Das romanische sgür e tschert nimmt die beiden reformatorischen Kardinalbegriffe auf: sicher (als die pejorative Schein-Sicherheit) und gewiss (als das Gegründetsein in Gottes Willen).
  5. das romanische gnir als ein prozesshaftes kommen sollte beibehalten werden, muss im Deutschen dann aber vorgezogen werden
  6. Kontrast zu Gen 2,18: die Frau ist als Hilfe (rom.: agüd) geschaffen; hier nun steht der Mann hilflos nur bei ihr (rom. sper ella).
  7. Das erste Tun des Mensch ist etwas Reflexives: as far = sich machen, nämlich Schürzen. Der Mensch kreist bereits bei seiner ersten Tat um sich selbst - und kann eben so nicht kreativ sein, so wie Gott bei seiner Schöpfung kreativ (romanisch: el creet) tätig war.
  8. Im Romanischen bos-chaglia statt bös-ch - die einzelnen Bäume bieten trotz ihrer Grösse keinen Schutz. Der Mensch muss sich kauern und wird klein: das Unterholz muss ihn bergen - ihn, der doch eigentlich für das Herrschen über die Dinge bestimmt war. Zudem ist der Kollektivplural bos-chaglia bemerkenswert: die Welt der Geschöpfe verdichtet sich und vermasst, wo der Mensch sie gegen Gott einsetzt.
  9. Es hat seinen Sinn, dass es etwas langatmig immer wieder heisst: el dschet = er sprach und nicht z.B. el respuondet = er antwortete. Es ist kein Sprechen zwischen Gott und Mensch, wo Leben zugesprochen und entgegengenommen wird. Es ist ein Reden, wo das Leben schon in Schieflage ist..
  10. Das romanische tmü hat sprachpsychologisch wohl einen ähnlichen Klang wie das deutsche Angst, in dem die beklemmende Enge mitschwingt.
  11. Der Grundzug kehrt wieder: der Mensch gerät unter die Geschöpfe; die Schlange verführt, indem sie die Oberhand gewinnt. Im Romanischen in ein Verb verdichtet: surmanar.
  12. die antiquierte romanische Präposition ourdvart wäre wörtlich zu übersetzen: ausserhalb von (den Tieren); wenn man einen Latinismus gebrauchen wollte: "die Schlange sei exklusiv verflucht unter den Tieren"
  13. das romanische gnir + Infinitiv könnte natürlich im Deutschen einfach futurisch wiedergegeben werden. Doch besser ist es, die Antezipation des Künftigen aufzunehmen: es ist eine Zukunft, die bereits in die Gegenwart hineinragt und unterwegs ist.
  14. Das romanische fin cha liesse sich hier auch übersetzen bis du lebst - d.h. das Leben unter dem Fluch ist kein wahres Leben, kein Leben in der ursprünglichen Fülle.
  15. Romanisch perchürar, nicht bewachen, sondern Sorge tragen um; d.h.: die Sorge um den Lebensbaum steht im Mittelpunkt des Tuns Gottes und der Engel und nicht die Abwehr gegen den Menschen. Theologisch ist dies insofern wichtig, als dass deutlich wird: Gott steht nicht gegen den Menschen, sondern gegen das Böse. Darin liegt der antagonistische Grundzug der ganzen Bibel.