Die pilgernde Törin - eine Allegorie der Poesie

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Hans-Peter Haack

Der Beitrag ist auch auf dem Archivserver der Deutschen Naionalbibliothek gespeichert [1].

Lesarten der Novelle[Bearbeiten]

Denn wir sind Allegorien,
Und so solltest du uns kennen.
(Knabe Lenker in Faust II)
Allegorie der Poesie
Raffael 1508-1511. Fresco im Deckenge-wölbe der Stanza della Signatura, Vatikan.

Die «Die pilgernde Törin» ist eine Humoreske, die Goethe in seinen Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre eingeschaltet hat. Die frappante Komik wird durchgehend schlüssig, deutet man die Frauensperson, um die sich die Handlung dreht, als eine schalkhafte Allegorie der Poesie. In der bildenden Kunst ist dieses Motiv nicht ungewöhnlich, in der Literatur dagegen selten. Als Knabe Lenker lässt Goethe die Allegorie der Poesie sich in Faust II nennen und bekennen: Bin die Verschwendung, bin die Poesie (5573). Anders als dort verrätselt Goethe hier die wahre Identität der schönen Landstreicherin, die in Balltoilette unterwegs ist.

Die personifizierte Poesie narrt nicht nur die übrigen Protagonisten, sondern auch die Leser. Goethe notierte zur Fragwürdigkeit der Kunst (Zahme Xenien):

Jüngling, merke dir in Zeiten,
Wo sich Geist und Sinn erhöht:
Daß die Muse zu begleiten,
Doch zu leiten nicht versteht.

Nach Hannelore Schlaffer[1] endet die Novelle offen, "um dem Schrecken des seelischen Chaos zu entkommen". Andere Interpretationen lauten „säkulare[r] Pilgerschaft“, „Parodie des Wallfahrtsliedes“ und „Mühlen-Erotik“.[2] Franziska Schüßler behilft sich mit dem Etikett „Poetik des offenbaren Geheimnisses“.[3] Christa Bürger sieht die Novelle als ein Beispiel für „Frauen, die in und auf die Straße gehen“.[4] Henriette Herwig erkennt eine "zweifellos vorhandene Melancholie", trotz Gewitztheit und Schlagfertigkeit der Protagonistin.[5]

  1. Jonhann Wolfgang Goethe Erzählungen. Hrsg. von Hannelore Schlaffer. Stuttgart: Reclam 1989, S. 365
  2. Unipress (Universität Bern), Dezember 1998
  3. Schüßler, Franziska, Aurora 59 (1999), S. 31 -44
  4. Bürger, Christa: Die pilgernde Törin. In: Baumann, Heidrun (Hrsg.): „Frauen-Bilder“ in den Medien. Münster: Daedalus, 2000.
  5. Herwig, Henriette: Das ewig Männliche zieht uns hinab. In: Goethe Jahrbuch 114 (1997). S. 315-318

Die Handlung und erste Kommentare[Bearbeiten]

Herr von Revanne ist ein reicher, provinzieller Grundbesitzer. Mit seinen Manufakturen und seiner aufwendigen Haushaltung - er bewohnt ein Schloss - beschäftigt er die Hälfte aller Einwohner im näheren Umkreis. Eines Tages spaziert er durch seinen Park. Wie gewöhnlich hat er Buch und Flinte bei sich.

Zwei Requisiten, die Kontemplation und höchste Gegenwärtigkeit symbolisieren! Wie soll das zusammenpassen? Nur ein Tropf würde ein Buch auf die Jagd mitnehmen. Anderseits kann ein passionierter Leser durchaus ein Buch mit sich tragen, wenn er spazieren geht, sich dabei aber nicht mit einer Jagdwaffe beschweren.

Im Schatten hoher Bäume, an einem von Mauerwerk gefassten kleinen Brunnen, rastet Herr von Revanne und versucht zu lesen. Da kommt ihm auf der Heerstraße, die vorbeiführt, jung und liebenswürdig, ein Frauenzimmer entgegen. Sie grüßt stumm mit einer kleinen Verbeugung und lagert sich an den Brunnen. Die Schuhe der Reisenden sind verstaubt, aber sonst zeigen Garderobe und Frisur nicht die geringste Unordnung. Alles an ihr ist vollkommen. “Auf eine Landstreicherin deutete nichts an ihr, und doch war sie’s, aber eine beklagenswerte, eine verehrungswürdige“ erinnert sich Herr von Revanne.[1]

Die staubigen Schuhe sprechen für eine längere Westrecke, die von der Schönen zurückgelegt wurde. Ihre übrigen Vollkommenheiten sind jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogen. „Sie war angezogen, als wenn sie zum Balle gehen sollte“. Diese untadlige Aufmachung ist durchaus stimmig im Sinne der hier angebotenen Lesart. Tritt eine Allegorie im Mythos auf oder wie hier in einer Novelle, so kann man sie sich nicht anders denken als schön und vollkommen, erst recht, wenn es die Allegorie der Poesie ist. Mythologisch muss sie von weit herkommen, mit verstaubten Schuhen, denn die Poesie hält bei aller Suggestivität Distanz.

Ermuntert durch einige Blicke, die sie auf von Revanne wirft, spricht er sie an. Ihre Auskünfte verstärken das Rätselhafte ihrer Erscheinung: Sie sei allein auf der Welt, zwar habe sie Bekannte, doch keine Freunde. Ursachen, von denen sie niemanden Rechenschaft schuldig sei, nötigten sie, ihre Schmerzen in der Welt herumzuführen. Eine Antwort, bei der Herr von Revanne in zwei himmlische Augen von reinstem Blau blickt.

Ihren Unterhalt erwerbe sie an schicklichen Orten durch Dienstleistungen in der Art, wonach sie erzogen sei. Namen und Vaterland wolle sie nicht nennen ihres Rufes willen. Biete sie ihre Dienste an, so weise sie Zeugnisse aus den letzten Häusern vor.

Herr von Revanne meint im Rückblick keinerlei Geistesverwirrung bei der schönen Abenteurerin habe erkennen können. Niemals zeigte, wenn es je Nymphen gab, auf dem Rasen sich eine schönere hingestreckt, und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft verbreitete einen Reiz, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Er verliebt sich in sie und bittet sie in sein Schloss.

Dort erweist sich die schöne Unbekannte als eine Person, der die große Welt bekannt ist. Kein Geschwätz, keine Verlegenheit. Nach Tisch – Herr von Revanne lebt mit seinem erwachsenen Sohn und seiner Schwester - macht ein kleiner mutwilliger Zug sie noch schöner:

Sie möchte für die Bewirtung mit Windmünze danken, wie es ja auch sonst schon die Art umherstreifender Sänger war. Sie präludiert auf dem Klavier, erst munter und glänzend, darauf in Tönen von tiefer Trauer, mit Tränen in den Augen. Doch dann scheint sie sich entschieden zu haben. Überraschend für die Zuhörer trägt sie lustig und lächerlich eine burleske Romanze vor. Es geht um einen Jüngling, der ein Liebesabenteuer in einer Mühle gesucht hatte, dort jedoch völlig ausgeplündert worden ist. Nur noch der Mantel ist ihm geblieben, in dem er barfuß und bei scharfem Winde durch den verschneiten Wald läuft.

Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohl verdient.
So geh’ es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech belügt
Und nachts mit allzukühner Wage [Wagemut]
Zu Amors falscher Mühle kriecht.

Mit dieser kecken Moral endet die Ballade. Das Gedicht enthält auch ein anzügliches Einsprengsel:

So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!

So etwas hier vorzutragen konnte wohl, wie Herr von Revanne zurückdenkt, für das Anzeichen eines Kopfes gelten, der sich nicht immer gleich war. Doch ihre Stimme war wirklich bezaubernd.

Da sie geendigt hatte, erschien sie so gesetzt wie zuvor. Sie wird nun gebeten, ein paar Tage zu bleiben. Den Schlossbewohnern würde es ein Fest sein, wenn sie bliebe. Aus einigen Tagen werden zwei Jahre.

Als sie in den ersten Tagen mit dem Schloss vertraut gemacht wird, verleugnete [sie] sich nicht einen Augenblick: Sie war die Vernunft, mit aller Anmut begabt. Ihr Geist war fein und treffend, ihr Gedächtnis wohl ausgeziert und ihr Gemüt so schön, daß sie gar oft unsere Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festhielt.

Dieses Charakterbild, in angenehmen Parlando leichthin formuliert, entspricht dem Wesen der Poesie: Sinngehalt (Vernunft), vorgetragen mit Anmut, in der Wahl des Wortes fein und treffend (Geist, geistvoll), Assoziationen evozierend zu Inhalten aus dem kulturellem Gedächtnis (ihr Gedächtnis wohl ausgeziert) und von emotionaler Wirkung (Gemüt). Mit diesen Gaben, die Bewunderung erregten und alle Aufmerksamkeit festhielten, verkörpert die Hospitantin die Poesie. Vielleicht nicht jede Art von Poesie, die Goethes aber bestimmt. Was hier scheinbar beiläufig, doch in großer Dichte geschrieben ist, kann man für die Selbstauskunft Goethes nehmen über sein Poesieverständnis.
Im antiken Mythos, Goethe wohl vertraut, kam es vor, dass Gottheiten sich menschliche Gestalt ausliehen und mit Sterblichen Umgang hatten oder ihnen Weisung erteilten.[2] Hier ist es die Allegorie der Poesie, die inkognito die triviale Wirklichkeit aufsucht um Geist und Gesittung zu bringen: In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her, die wir bis jetzt im Schlosse gar nicht vermisst hatten. Sie war eine sehr verständige Haushälterin, dabei rätselhaft und fremd bleibend, mehr als Besuch ihr Regime führend, denn als Dienstbotin.

Ihr Betragen gegen Herrn von Revanne, dessen Sohn und seine Schwester war angenehm gesittet und ohne falsche Bescheidenheit. Die Versuche, Näheres über sie zu erfahren, besonders die Fragen nach dem autobiographischen Gehalt der Mühlen-Ballade, wehrt sie mit gut gesetzten, allgemeinen Worten ab.

„Nun will ich die Torheit eines verständigen Frauenzimmers erzählen, um zu zeigen, daß Torheit oft nichts weiter sei, als Vernunft unter einem anderen Äußeren.[3] Es ist wahr, man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen edlem Charakter der Pilgerin und der komischen List, deren sie sich bediente; aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten: die Pilgerschaft selbst und das Lied.

Die Ungleicheiten Pilgerschaft (deren melodramatisch-geheime Motive Herr von Revanne für eine rechtschaffene Auskunft hält) und Lied (die Ballade von Amors falscher Mühle) stehen für die Ambiguität der Kunst, für die vexatorische Simultanität von Tragik und Komik in goßer Dichtung.[4]

Der fünfzigjährige von Revanne macht der namentlich nicht bekannten Dauer-Hospitantin einen Heiratsantrag. Er denkt sich eine gesetzmäßige, aber geheime Verbindung. Sein Sohn hat ihr ebenfalls einen Antrag gemacht, wie der Vater bald darauf erfährt.

Doch die Schöne hat keine Herzenswunden zugefügt, die sie nicht heilen kann: Unter Tränen gesteht sie dem älteren Bewerber, schwanger zu sein. Dem jüngeren macht sie das gleiche Geständnis. Beide müssen nun, jeder für sich, annehmen, der jeweilige Rivale sei der werdende Vater.

Sie verlässt das Schloss mit einem letzten kleinen Schwindel,[5] indem sie an die Ballade mit der kecken Moral erinnert. Es sei ihr Freund gewesen, der in Amors falsche Mühle geraten war und er darf hoffen, sie eines Tages wieder zu sehen.

Weinend beklagt sich der junge Brautwerber bei seiner Tante. Ein Engel, oder vielmehr ein Dämon, sei sie gewesen, herumirrend in der Welt, um alle Herzen zu peinigen. Dem alten von Revanne bleibt sie in Erinnerung so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig.

Nachdem Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, erkennen sie die Unschuld der rätselhaften Besucherin, ihre Talente und ihren Wahnsinn. [6]

Die Hospitantin bleibt verschwunden, ohne dass jemals bekannt geworden ist, wohin, wie auch immer rätselhaft geblieben ist, woher sie kam.

  1. Die Erzählsituation wechselt in der Humoreske mehrfach zwischen auktorialem Erzählen und Ich-Erzähler.
  2. Zeus in der Gestalt des Amphitryon mit dessen Gemahlin; Athene in der Erscheinung des Mentors, Telemachos beratend.
  3. Das kann man als eine Umschreibung von Ironie lesen.
  4. Haack, H.-P.:Zweideutigkeit als System. Thomas Manns Forderung an die Kunst.
  5. So muss man es wohl interpretieren. Die Dichtkunst ist der Wahrheit nicht verpflichtet. Sie ist eine Tochter der Phantasie.
  6. Die Verdächtigung, ein bisschen abgerückt oder verrückt zu sein, widerspricht nicht einer Allegorie der Poesie. Ein Künstler, verstehen die Zeitgenossen seine Produktion nicht, gerät schnell in den Verdacht, im Kopf nicht ganz richtig zu sein.

Weitere Kommentare[Bearbeiten]

Die Vaganten waren eine Randgruppe, die Außenseiter der Gesellschaft. In den deutschen Staaten lebten um 1800 zwischen 10 und 15 Prozent der Bevölkerung ohne festen Wohnsitz: Hausierer, Bettler, Schausteller, Deserteure, Krüppel, Tagelöhner, Arbeitslose, Zigeuner und Gauner. In der starren, ständisch gegliederten Gesellschaftsordnung ihrer Zeit hatten sie kaum eine ehrliche Chance, nach oben zu kommen. Unten, auf der Straße, war man schnell: durch die zahllosen Kriege, Mißernten, Seuchen und Epidemien jener Jahre; aber auch durch einen Arbeitsunfall, private Schuld oder Schulden wurde so mancher aus der Bahn beworfen.[1]

Dass Herr von Revanne eine Vagantin an der Heerstraße aufliest, ist nicht weiter mysteriös. Doch dass sie am Brunnen als Standesperson in die Handlung eingeführt wird, macht die Begegnung zum Mirakel: Die Pilgerin mit den schönsten Augen von der Welt und einem Gesicht, durch Bewegung angenehm belebt, zeichnete sich durch Köperbau, Gang und Anstand dergestalt aus, daß er unwillkürlich von seinem Platze aufstand und nach der Straße blicke, um das Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete.

Im Roman kündigt Hersilie die eingeschobene Erzählung an, launig und mit einem Anflug von Bewunderung: "Wenn ich jemals närrisch werden möchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so wär' es auf diese Weise."

Die Pointe der Humoreske läuft auf die Lebenserfahrung hinaus: Wer die Kunst - in diesem Fall die Poesie - mit der Wirklichkeit verwechselt, wird von ihr gefoppt. Der jüngere der beiden Schlossbewohner empfindet die Erscheinung im Rückblick als Engel und Dämon, der ältere als Nymphe und flüchtig, liebenswürdig, wie die Engel. Diese scheinbar redensartlichen Apostrophierungen sind im Kern Schlüsselwörter. Sie lassen es zu, die Novelle als mythische Eulenspiegelei zu lesen. Eine solch heitere Metaphorik für unzulässig halten hieße, Goethe jeglichen Sinn für Humor und höheren Schabernack abzusprechen. → [1]

  1. Krausnik, Michael: Beruf: Räuber. Das abenteuerliche Leben des Mannefriedrich. Ein dokumentarischer Roman (1978)

Spruchweisheiten der pilgernden Törin[Bearbeiten]

Das Unglück fällt über Gute und Böse. Es ist eine wirksame Arzenei, welche die guten Säfte zugleich mit den üblen angreift.

Wenn das Reh flieht, so ist es darum nicht schuldig.

Wer über eine Beleidigung weint, dem werden mehrere begegnen.

Dem Armen, der den Reichen bei Tafel begrüßt, fehlt es nicht an Verstand.

Viele Wohltäter möchten ihren Begünstigten sämtliche Rechte abhandeln für eine Linse. [ein Linsengericht]

Wer die Bitte bekümmerter Unschuld verachtet, wird einst selbst bitten und nicht erhört werden.

Wer sich kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten, wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken.

Wer nicht fühlt, was ein ehrbares Mädchen fühlen muß, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu erhalten.

Wer gegen alle Vernunft, gegen die Absichten, gegen den Plan seiner Familie zugunsten seiner Leidenschaft Entwürfe schmiedet, verdient die Früchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu ermangeln.

Die Katze weiß wohl, wem sie den Bart leckt.

Männer und Frauen sind nur mit Willen ungetreu.


Siehe auch[Bearbeiten]

Originaltext