Hans Castorps Schneetraum: Bekenntnisse

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Seinen Standort als Künstler beschreibt Thomas Mann verschlüsselt: „Der Mensch ist der Herr der Gegensätze“, meint Hans Castorp. Der Mensch als der Herr der Gegensätze? Nun ja. Der Künstler ist der Herr der Gegensätze! Zu Thomas Manns Kunstauffassung gehörte, dass die Kunst aus der Bipolarität der Wirklichkeit, dem ´Entweder/Oder´ ein ´Sowohl als Auch´ macht. Dass die Kunst widersprüchliche Aussagen gelten lässt und sie durch ästhetische Gestaltung glaubwürdig versöhnt. „Künstlerische Paradoxie“ hat er die Simultanität von gegensätzlichen Affekten oder inhaltlichen Aussagen genannt. [1]

Im Dichter sieht Thomas Mann den "Homo Dei". Sein Stand ist "zwischen Durchgängerei und Vernunft - wie auch sein Staat ist zwischen mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum". Mit der Apotheose des Dichters zum "Homo Dei" folgt Thomas Mann Goethe. Im "Prolog im Himmel" (Faust I) legitimiert "Der Herr" die Dichter als die "echten Göttersöhne". Sie sollen, "was in schwankender Erscheinung schwebt", befestigen "mit dauernden Gedanken".

Hans Castorp urteilt: „Der Tod ist Freiheit, Durchgängerei, Unform und Lust.“ Freiheit, Durchgängerei, Unform und der Lustgewinn, den das Sich gehen lassen bringt, ist Thomas Manns Definition von ´Schande´. Diese Definition findet sich einige hundert Seiten zuvor in dem Unterkapitel „Herr Albin“.

Der noch junge Herr Albin, ein Sanatoriumspatient, war – weil unheilbar krank – über die Maßen frech und hemmungslos geworden. In einem grotesken Auftritt hatte er andere Patienten damit erschreckt, sich vor ihren Augen erschießen zu wollen. Die Überlegungen Hans Castorps, der das miterlebt:

„Und indem er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen Vorteile der Schande genoss, erschreckte Hans Castorp mit einem Gefühl von wüster Süßigkeit, die sein Herz vorübergehend zu noch hastigerem Gange erregte.“ [2]

Da der Tod unausweichlich ist, kann mit „Tod“ nur ein Tod von eigener Hand gemeint sein. Hans Castorp urteilt: Selbsttötung ist schändlich.

Weiter im Gedankentraum: Der Mensch ist „vornehmer als der Tod, zu vornehm für diesen - das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben, das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen.“ Das gibt nur Sinn, wenn man wieder für „Mensch“ ´der Künstler´ setzt und für "Tod" ´Freitod´. Der Künstler ist „vornehmer als der Tod, zu vornehm für diesen – das ist die Freiheit seines Kopfes“, denn er weiß, dass ihn sein Werk unsterblich macht. Thomas Mann verbannt die Alternative Tod um des Werkes willen, des noch nicht vollendeten Lebenswerkes.

Der Mensch ist „vornehmer als das Leben“ sagt: Ich, Künstler und Sohn eines Lübecker Senators, meinem ganzen Wesen nach auf Repräsentation bedacht, halte Keuschheit („Frömmigkeit“ in meinem Herzen) für „vornehmer“, als das Ausleben meiner homoerotischen Neigungen.

Am Ende des Gedankentraums beschließt Hans Castorp die schon zitierte Vorsatzbildung und fügt hinzu: „Und damit wach´ ich auf, denn damit hab´ ich zu Ende geträumt“. Der Schneesturm hat aufgehört. Hans Castorp fährt zurück ins Tal, in sein Sanatorium. Und bereits während der Abendmahlzeit beginnen seine Traumgedanken zu verblassen. „Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend nicht mehr so ganz“.

Hans Castorp musste seine Traumerkenntnisse vergessen. Nicht er hatte den Gedankentraum geträumt, sondern sein Autor. Über einige Romanseiten hatte sich Thomas Mann Person und Spracheigentümlichkeit des jungen Mannes ausgeborgt, hatte der Autor in seinem Fabelhelden hospitiert.

Thomas Mann 1925: „Wenn ich einen Wunsch für den Nachruhm meines Werkes habe, so ist es der, man möge davon sagen, dass es lebensfreundlich ist, obwohl es vom Tode weiß. Ja, es ist dem Tode verbunden, es weiß von ihm, aber es will dem Leben wohl. Es gibt zweierlei Lebensfreundlichkeiten: eine, die vom Tode nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß, und nur diese, meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und Schriftsteller.“ [3]


  1. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Stockholm: Bermann-Fischer 1947, S.744
  2. Mann, Thomas: Der Zauberberg. Berlin: S. Fischer 1924, Kapitel „Herr Albin“
  3. Mann, Thomas: Tischrede bei der Feier des fünfzigsten Geburtstags. Almanach 1926. Berlin: S. Fischer 1925, S.18



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