Hermeneutik

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Die Hermeneutik – Eine kurze Einführung[Bearbeiten]

Die Wurzeln des Begriffs der Hermeneutik liegen in der griechischen Antike. Gedacht sei diesbezüglich an den griechischen Götterboten Hermes, dessen Aufgabenbereich einerseits in der Übermittlung von Botschaften, also Kommunikation bestand, andererseits aber im legalen, rechtschaffenen, wie illegalen, betrügerischen Handel. Weiters sei gedacht an die sog. hermai des hellenistischen Umfeldes, die in ihrer Funktion als Hilfen zur Orientierung gedient haben dürften. Und so wollen wir dann auch den heutigen Begriff der Hermeneutik als Lehre des Verstehens, nicht als Ziel theologischer Überlegungen sehen, sondern als eine Orientierungshilfe durch den Dschungel sprachlicher Wirrungen und Mißverständnisse. Ebenso wie der Begriff der Theologie entstammt der Begriff der Hermeneutik dem nicht unvorbelasteten heidnischen Umfeld des Altertums. Sprache selbst ist eine vielschichtige Angelegenheit, ebenso wie auch die Lehre von derselben eine vielschichtige und sogar vielgestaltige ist. So kennen wir in der neuzeitlichen Sprachwissenschaft im Grunde genommen neben der Hermeneutik noch andere artverwandte Disziplinen, wie beispielsweise die Lehre von den Zeichen (=die Semiotik) oder die Sprachanalyse bzw. Sprachtheorie. Um noch einmal auf die griechische Antike zurückzukommen sei erwähnt, daß die Griechen griechisch sprechende Barbaren, die oftmals die Funktion von Dolmetschern ausübten, als "hermeneus" bezeichneten. Weiters wurde die Hermeneutik in jener Zeit zur sog. Mantik in Beziehung gesetzt, der Kunst des Sehers, welcher in etwa die Funktion eines Orakels ausübte, ein Phänomen dem auch heute noch in diversen, dem Aberglauben zuzuordnenden Esoterischen Strömungen begegnet werden kann. Eine solche Hermeneutik, die mit der neuzeitlichen Verwendung und Prägung des Begriffs nicht viel gemein hat, wurde im Sinne einer Auslegekunst verstanden, lat.: ars interpretandi. Mit dem damit neuen Verständnis der Hermeneutik als Kunst der Interpretation kam bedauerlicherweise aber auch eine fatale Mißdeutung dessen, was unter dieser Kunst verstanden werden sollte, zustande. Interessanterweise kam aber gerade durch dieses Mißverständnis eine neue Bewegung zustande, die nun nicht mehr nach dem Aufbau und der Struktur diverser Sätze und Aussagen fragt, sondern nach dem zugrundeliegenden Sinn vorliegender Texte. Somit wird wohl gesagt werden dürfen, daß die besagte ars interpretandi, der neuzeitlichen Exegese im Sinne von Auslegung biblischer Texte in ein gegenwärtiges Umfeld in ihren Grundzügen verwandt zu sein scheint. In weiterer Folge versuchten Gelehrte sich wieder an das ursprüngliche Verständnis der Hermeneutik heranzutasten. Man ging dabei von einem spezifischen Textsinn, einer dem Text eigentümlichen Aussage aus, welcher nicht zwingend mit den tatsächlich gegebenen Sachverhalten übereinstimmen mußte. Es handelte sich demnach um eine Methode, mithilfe derer der ursprüngliche Sinn (=Aussage) eines Textes in erster Linie einmal losgelöst von ihrem Wahrheitsanspruch erfaßt werden sollte. Theologisch betrachtet ließ sich diese Methode allerdings schwerlich auf biblische Texte anwenden, die ja erstens nicht unmittelbar verifizierbar (=überprüfbar) sind und zweitens immer schon mit einem unmittelbaren Wahrheitsanspruch auftreten. Da die biblischen Texte den Anspruch erheben uns über göttliche Begebenheiten zu unterrichten, erheben sie auch den Anspruch uns über die Wahrheit zu unterrichten. Da diese Wahrheit aber im Sinne des christlichen Gottesbildes nur e i n e Wahrheit ist zog man es vor die Hermeneutik in die hermeneutica generalis, deren vornehmliches Zielgebiet profane Texte gewesen sein dürften, und die hermenutica sacra im kirchlichen bzw. theologischen Umfeld getrennt voneinander weiterzuführen. Der protestantische Theologe und Philosoph F.D.E. Schleiermacher entwickelte dann ein modernes Verständnis von Hermeneutik als generelle Lehre des Verstehens. Er ging davon aus, daß ein grundlegender Unterschied zwischen dem Verstehen des Urhebers eines Textes und des Lesers desselben besteht. Des Weiteren scheint es, daß Schleiermacher das wirkliche Verständnis des Sinnes einer Textstelle in Abhängigkeit zur Kenntnis des größeren Ganzen eines Textes stellte, heute wird man diesbezüglich wohl vom weiteren Textsinn und näheren Kontext einer Aussage sprechen können. Schleiermacher fasste sein Verständnis von Hermeneutik und dem Vorgang des Verstehens in dem Satz zusammen: „Wir müssen versuchen, den Sinn einer Aussage besser zu verstehen als deren Urheber.“

Der Zusammenhang eines biblischen Textes, die Frage nach dem Textkontext[Bearbeiten]

Wie wir bereits in den Ausführungen zur Hermeneutik festgestellt haben, ist der Zusammenhang in dem ein bestimmter biblischer Text steht auch für unser Gesamtverständnis des betreffenden Textes von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.

In dieser Hinsicht sind für uns zwei verschiedene „Gattungen“ des Textkontextes wesentlich:

1.)der engere Kontext

Als den engeren Kontext bezeichnen wir den Text der eine von uns zu untersuchende Bibelstelle unmittelbar umgibt. Oft wird uns die Bedeutung komplexer Begriffe dadurch ersichtlicher, dass wir uns den dynamischen Zusammenhang in den ein Text eingebunden ist vor Augen führen.

2.)der weitere Textzusammenhang

Der weitere Textzusammenhang (auch weiterer Kontext genannt) bezeichnet das Phänomen, dass wir eine bestimmte Textstelle im größeren Ganzen der biblischen Offenbarung betrachten müssen. Die Bedeutung der Liebe als Erfüllung des christlichen Liebesgebots, zugleich aber auch als Erfüllung des Gesetzes, wird uns vor allem dann bewusst wenn wir ausgehend von der direkten Lehre des Herrn, die Einsetzung des Liebesgebots im Pentateuch betrachten und zugleich die Briefe des Apostel Paulus vor unserem geistigen Auge haben. So kann such ein unmittelbar schwer zu verstehender Begriff verständlicher werden, wenn wir versuchen ihn in Gesamtheit der Heiligen Schrift zu lesen. Auch das zweite vatikanische Konzil hat dieser Tatsache Rechnung getragen und den schönen Satz formuliert: „Die Heilige Schrift muss in dem Geist gelesen werden, in dem sie geschrieben worden ist.“

Auslegung der Schrift, durch die Schrift[Bearbeiten]

Unsere Überlegungen zu Hermeneutik, engerem Kontext und weiteren Textzusammenhang führen uns nun zu einem generellen Prinzip der Bibelauslegung: das Auslegen der Schrift, durch die Schrift.

Die Heilige Schrift ist für uns nichts anderes als das uns im zerbrechlichen Gefäß menschlicher Worte überlieferte Wort Gottes. Der protestantische Theologe Karl Barth hat in seinen Überlegungen zum Wort Gottes drei allgemeine Erscheinungsweisen des Wortes Gottes genannt. Nach Barth tritt uns das Wort Gottes gegenüber als: a)Rede Gottes b)Wille Gottes c) als Tat Gottes. Und von eben diesen drei Erscheinungsformen des Wortes Gottes finden wir Berichte in der Heiligen Schrift, wir finden Berichte in denen Gott direkt zu Menschen spricht, in denen er seine Herrlichkeit durch konkrete Taten erweist (etwa als er das Volk von Israel aus Ägypten befreit hat) und in denen Gott uns seinen Willen offenbart (etwa im Dekalog und den weiteren Gesetzesworten für das Volk Israel im Pentateuch). Der Apostel Paulus bezeichnet das Wort Gottes im Epheserbrief auch als das Schwert des Geistes. Als der Herr in Versuchung geführt wurde, da entgegnete er diesen feurigen Pfeilen der Anfechtung mit Zitaten aus der Heiligen Schrift, er bestritt diesen geistlichen Kampf also mit eben jenem Schwert des Geistes. Das Wort ist scharf und hat große Macht, es kann niederreißen was uns von Gott trennt, es kann aber auch aufbauen und uns zu einem gelungenen Leben mit Christus Jesus führen. Und wenn wir uns in Verwirrung über eine bestimmte Bibelstelle befinden, dann kann uns eine andere Stelle der Heiligen Schrift den Zugang zum weiteren Textzusammenhang eröffnen und uns somit im wahrsten Sinne des Wortes „aus der Patsche“ helfen.

Ein einfaches Beispiel dazu wäre die Frage „Was versteht der Herr in der Bergpredigt unter dem Begriff der Armen im Geiste?“ (siehe dazu Matth. 5,3 „Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“ Hier zitiert nach der rev. Elberfelder, die Einheitsübersetzung übersetzt etwas anders: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“)Wenig später in Matth. 6,19-21 finden wir ein erstes Indiz für die Bedeutung des „arm seins im Geiste“ als Gemütshaltung. „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Fraß zerstören und wo Diebe nicht durchgraben und stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ Armut im Geiste meint also eine Gemütshaltung in der uns die Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen über der irdischen Sorge um Besitz und Reichtum steht. Dies hier aber nur als kleiner Exkurs zum großen Thema des Auslegens der Schrift durch die Schrift selbst.

Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn[Bearbeiten]

In der römisch-katholischen Theologie hat sich im Laufe der Zeit eine Lehre herausgebildet, welche auch uns die Vielschichtigkeit und Tiefe der biblischen Überlieferung verdeutlichen kann, die Lehre vom vierfachen Schriftsinn.

Diese Lehre besagt, dass der Sinn biblischer Texte uns zuallererst einmal in Gestalt der geschriebenen Worte des unmittelbaren Textes selbst erfahrbar ist, wir sprechen hier vom sog. Literalsinn d.h. dem Buchstäblichen oder Wörtlichen Bedeutungsgehalt eines Textes.

Einen weiteren, den geistlichen Textsinn teilt diese Lehre in 3 weitere Kategorien des Textsinnes auf: den anagogischen Sinn, den allegorischen Sinn und den moralischen Textsinn.

a)der anagogische Sinn Der anagogische Textsinn führt unsere Erkenntis zu Dingen welche die himmlische oder auch die Zukünftige Sphäre der Geschehnisse betreffen. Auch weltliche Größen und Erscheinungen können so mit einem Pendant in der himmlischen Welt verbunden werden. So gilt etwa die Schlange gemäß der biblischen Überlieferung als listiges Tier und – im Sinn einer animistischen Personifikation - als Sinnbild des Bösen.

b)der allegorische Sinn Der allegorische Textsinn deutet den Sinngehalt einer Textstelle auf Christus. Besonders verschiedene Ereignisse aus dem Alten Testament können so im Lichte der Neutestamentlichen Offenbarung des Sohnes Gottes in ihrer vollen Tiefe erfasst werden. Von diesem Schriftsinn ausgehend kann etwa der Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer als Vorankündigung des Triumphes Christi und Sinnbild der Taufe verstanden werden.

c)der moralische Textsinn Der moralische Textsinn zielt in seiner Bedeutung auf unser aller Leben ab. Er stellt uns vor die große Frage, welche unmittelbaren ethischen Auswirkungen die Lektüre eines bestimmten Bibeltextes auf unser Verhalten in der Welt und gegenüber unseren Mitmenschen, vor allem aber vor Gott hat, wie ein Text unser Leben in positiver Art und Weise verändern kann. --Zeitipower 07:04, 27. Jan. 2010 (CET)