Historische Fachinformatik

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Die Historische Fachinformatik (HFI) ist die Wissenschaft der formalen Erfassung und inhaltlichen Erschließung von Nachrichten (Daten)aus und Informationen über die Vergangenheit.

Fachliche Einordnung[Bearbeiten]

Die historische Fachinformatik verknüpft Methoden und Theorien aus Informatik und Informationswissenschaft mit Aspekten der Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft und Dokumentationswissenschaft und ist eine eigenständige Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaft. Sie fungiert außerdem als ein Bindeglied zwischen Geistes- und Informationswissenschaften, die sowohl inter- als auch transdisziplinäre Diskurse führt und exakte Wissenschaftlichkeit zum Ziel hat.

Entstehung und Entwicklung[Bearbeiten]

Obwohl bereits Ende der 1950er Jahre vermehrt Großrechner zur Unterstützung von historischen Projekten zum Einsatz kamen, kann die Entstehung des Faches erst mit Anfang der 80er Jahre angesetzt werden.Zu den Pionieren im deutschsprachigen Raum zählt der Tübinger Ägyptologe Wolfgang Schenkel, der bereits 1965 mit Hilfe der EDV „Untersuchungen zur spätägyptischen Grammatik“ und später eine „Konkordanz der ägyptischen Sargtexte“ durchführte.

Die zunehmende Einbindung von Computern in die historischen Wissenschaften war allerdings nicht unumstritten, neben den Schwierigkeiten bei der Einbeziehung von fachfremden EDV-Spezialisten entwickelten sich in den 1960er Jahren auch Diskussionen über neue Methoden, die sich aus der Annäherung der Geschichtswissenschaften an andere Disziplinen - vor allem an den empirischen Sozialwissenschaften sowie den Sprachwissenschaften – ergab. Der stetige Fortschritt der Computertechnik in den 70ern aber vor allem die rasante Entwicklung und Verbreitung von Mikrocomputern, sowie diverser Softwareanwendungen (Textverarbeitung, Datenverwaltung, Datenanalyse) in den 1980ern förderte den Einzug PC in den geschichtswissenschaftlichen Alltag. Eine Verbindung zwischen Informationswissenschaft, Informatik und Geschichte herzustellen war in der Folge eine Intention, bei der im deutschsprachigen Raum vor allem Manfred Thaller sowie Ingo Kropac hervorzuheben sind.

Inhalte[Bearbeiten]

Die HFI erstreckt sich über viele Wissenschaftsfelder, setzt bei formalen Zugängen zur Geschichte der Historie an und kooperiert mit zahlreichen Nebenwissenschaften. In den jeweiligen Disziplinen werden neue Verfahren der Datenaggregierung entwickelt und der Öffentlichkeit beispielsweise in Form von Expertensystem bereitgestellt; Experten wie Laien sollen via dieser fachspezifischer Informationssoftware Daten, die auf unterschiedlichen Informationsträgern überliefert sind, analysieren und Wissen über sie kommunizieren. Hierfür stehen spezifische Tools zur Verfügung (z.B. das Werkzeug Software), um Quellen über mehrere Ebenen hinweg erfassen zu können.

Aufgaben und Ziele[Bearbeiten]

Ihr Aufgabengebiet umfasst die Modellierung von Quellen und/oder Phänomen über deren Analyse bis hin zur Darstellung der Ergebnisse der Dokumentationen und/oder der Analysen. Zu berücksichtigen ist, dass der reinen Dokumentationsarbeit die Analyse der Quellen gegenübersteht. Die Dokumentationsarbeit muss transparent sein, als auch weiterführende Dokumentation und Bearbeitung mittels fachspezifischer Software ermöglichen. Ziel ist formale Zugänge von Geschichte zu beschreiben und neue Verfahren der Datenaggreggierung zu entwickeln, sowie laufend Forschungsergebnisse zu präsentieren.

Zu den Aufgabengebieten der Historischen Fachinformatik zählen im Wesentlichen zwei Gebiete: Zum Einen die Weiterentwicklung eines geschichtswissenschaftlichen Informationssystems, von der Systemanalyse und -planung bis hin zum Knowledge Engineering, und zum Anderen die Entwicklung geeigneter Softwarelösungen, von der Erarbeitung der theoretischen Grundlagen bis zur Implementierung fertiger Produkte. Eine hybride Form, die sowohl ein geeignetes Softwarepaket als auch das entsprechende historische Hintergrundwissen konzeptuell und real vereinigt, ist unter dem Begriff Historical Workstation bekannt, deren Weiterentwicklung jedoch auf einige Teilbereiche beschränkt ist. Ansätze der eben genannten Art auf transdisziplinärer Basis, auch innerhalb der Geisteswissenschaften, mit den heutigen Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation über das Internet in ganzheitlicher Weise wieder aufzunehmen, muss ein zentrales Anliegen des Faches sein.

Verschiedenste Kulturinstitutionen wie die Cultural Heritage Institution bemühen sich die Ergebnisse für Laien wie Experten bereitzustellen und tun dies zusehends in der virtuellen Welt, beispielsweise via Portale.

Methode/n[Bearbeiten]

Ziel ist, exakte, wissenschaftliche Methoden zu entwickeln und zu bedienen, welche die erzielten Erkenntnisse intersubjektiv nachvollziehbar machen und eine fiktive, asymptotische Annäherung an die Realwelt ermöglichen. Die Forschungsergebnisse müssen transparent, nachvollziehbar und manipulierbar sein.

Die folgende Gliederung stellt den theoretischen und methodischen Bereich dar.

   * Abbildungsfunktion zwischen fiktiver, historischer Realität und transportierenden Informationsträgern
   * Theoretische Möglichkeiten für Umkehrbarkeiten 
   * Formale Quellenkunde, Quellenkritik und Quellenanalyse

Anwendungsfelder[Bearbeiten]

Die Anwendung erstreckt sich von der reinen Darstellung der Quellen und erster Forschungsergebnisse bis hin zur Schaffung von Netzwerken die für Weiterbearbeitungen genutzt werden sollen. Kommunikations- und Informationsnetzwerke dienen als Tools für den Transfer und Austausch von Wissen.

Die Anwendungsfelder disziplinieren sich nicht nur auf die historischen Wissenschaften in Kombination mit der Informatik, sondern erstrecken sich über mehrere einschlägige Felder der Informationswissenschaft wie zum Beispiel Projektmanagement, Dokumentation, Analysetechniken, Langzeitarchivierung, Theorieentwicklung, Softwareentwicklung und Wissensmanagement.

Organisation[Bearbeiten]

Die Historische Fachinformatik ist heute bereits in vielen relevanten Studienplänen als Teilgebiet des Studiums fest verankert. Die Universität Cohimbra (Portugal) bietet seit 2006/07 mit dem Projekt „Euromachs“ ein Masters Degree in "European Heritage, Digital Media and the Information Society" an. Das Kernteam der wissenschaftlichen Forschung und der universitären Lehre besteht jedoch zum größten Teil aus Informatikern bzw. Vertretern aller relevanten Forschungsgebiete. Oftmals handelt es sich aber auch um Quereinsteiger bzw. fachlich engagierte Personen, die am Ausbau der Disziplin interessiert sind. In Ermangelung eines eigenständigen Studienganges für Fachinformatiker an den meisten geisteswissenschaftlichen Fakultäten, ist die Fachrichtung als Teilbereich in einzelnen Studienplänen implementiert. Der Fachinformatiker ist sowohl in der Geschichte, als auch in der Informatik überdurchschnittlich ausgebildet.

Im Rahmen der Historischen Fachinformatik betreiben eine erkleckliche Anzahl von universitärer und außeruniversitärer Institutionen intensive Forschungen im Bereich der Historischen Fachinformatik:

  • [1] - Universität Graz
  • [2] - Universität Köln
  • [3] - Universität Göttingen
  • [4] - University of Cohimbra
  • [5] - Universität Berlin

Wichtige wissenschaftliche Gesellschaften und Institutionen[Bearbeiten]

Zentrum für Historische Sozialforschung[Bearbeiten]

Das - ZHSF gibt die internationale Fachzeitschrift zur historischen Sozialforschung (HSR) heraus.

Netzwerk Historischer Fachinformatik[Bearbeiten]

Das - NHFI bietet eine Datenbank zu unterschiedlichen Personen und Publikationen, die sich mit Teilgebieten der Historischen Fachinformatik beschäftigen.

The Assosiation for History and Computing[Bearbeiten]

Die - AHC ist eine im Jahre 1987 gegründete, internationale Organisation, die die Verwendung des Computers in der historischen Forschung und Lehre fördern möchte.

Zentrale Ressourcen[Bearbeiten]

Die wichtigsten Anhaltspunkte für den interessierten Laien zum geordneten thematischen Einstieg in das breite Spektrum der HFI sind die Tagungsakten der AHC, die Fachbücher "Historical Methods - A Journal of Quantitaive and Interdisciplinary History" und die Zeitschrift zur Historischen Sozialforschung (HSR).

Eine vorzügliche Zusammenfassung zu den wichtigsten Aufgabengebieten der Historischen Fachinformatik bietet die Publikation "Past, present and future of historical information science" von Onno Boonstra, Leen Breue and Peter Doorn. Einen alles umfassenden Überblick liefert das Standardwerk "Historical Information Science: An Emerging Unidiscipline" von Lawrence J. McCrank.

Literatur[Bearbeiten]

Fachliteratur[Bearbeiten]

  • Onno Boonstra: Past, present and future of historical information science / Onno Boonstra, Leen Breure and Peter DoornAmsterdam,: Netherlands Institute for Scientific Information : Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences,, 2004
  • Lawrence J. McCrank: Historical information science : an emerging unidiscipline / Lawrence J. McCrank. - 1. print. Medford, NJ,: Information Today,, 2001.
  • Stuart Jenks: Internet für Historiker : eine praxisorientierte Einführung / Stuart Jenks ; Paul Tiedemann. - 2., überarb. u. erw. Aufl. Darmstadt,: Wiss. Buchges.,, 2000.
  • Manfred Thaller: Warum brauchen die Geschichtswissenschaften fachspezifische datentechnische Lösungen? Das Beispiel kontextsensitiver Datenbanken. In: Computer in den Geisteswissenschaften. Konzepte und Berichte, hrsg.v. Manfred Thaller und Albert Müller. Frankfurt-New York 1989 (Studien zur Historischen Sozialwissenschaft 7), S. 237 - 264.
  • Ingo H. Kropač: Vorschläge zur Standortbestimmung einer Historischen Fachinformatik. In: Geschichte und ihre Quellen. Festschrift für Friedrich Hausmann zum, 70. Geburtstag, hrsg. v. Reinhard Härtel. Graz 1987, S. 601 - 610.
  • Laboratoire d'Etudes et de Recherches sur l'Information et la Documentation: Histoire et Informatique 1993. Une Bibliographie Internationale / History and Computing 1993. An International Bibliography. 170 S., St. Katharinen 1994 (=Halbgraue Reihe zur historischen Fachinformatik Band A24)

Anwendungen[Bearbeiten]

  • Andreas Holzinger: Basiswissen IT/Informatik. Das Basiswissen für die Informationsgesellschaft des 21. Jahrunderts. Bd. 3: Internet und WWW. Würzburg 2004.
  • Bärbel Biste und Rüdiger Hohls (Hrsg.): Fachinformation und EDV-Arbeitstechniken für Historiker. Einführung und Arbeitsbuch. Köln 2000 (Historical Social Research Suppl. 12).

Transdisziplinäre Grundlagen[Bearbeiten]

  • Gernot Wersig: Informations- und Kommunikationstechnologien. Eine Einführung in Geschichte, Grundlagen und Zusammenhänge. Konstanz 2000 (Uni-Papers 13).
  • Roland Burkart: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. 4. Aufl. Wien-Köln-Weimar 2002 (UTB 2259).
  • Andreas Holzinger: Basiswissen IT/Informatik. Das Basiswissen für die Informationsgesellschaft des 21. Jahrunderts.
 Bd. 1: Informationstechnik (IT). Würzburg 2002. 
 Bd. 2: Informatik. Würzburg 2003.
  • Andreas Holzinger: Basiswissen Multimedia.
 Bd. 2: Lernen. Kognitive Grundlagen muiltimedialer Informationssysteme. Würzburg 2000.
 Bd. 3: Design. Entwicklungstechnische Grundlagen multimedialer Informationssysteme. Würzburg 2001.
  • Wilhelm Gaus: Dokumentation und Ordnungslehre. Theorie und Praxis des Information Retrieval. 4. Aufl., Berlin [etc.] 2002.

Webliographie[Bearbeiten]

  • HFI – Abteilung für Historische Fachinformatik und Dokumentation, Universität Graz

Auf den Seiten der 'Historischen Fachinformatik und Dokumentation' wird Grundlegendes zum Fach selbst und dessen Ausgestaltung in Graz - welche Schwerpunkte in der Forschung gesetzt wurden, wie man das Fach studieren kann und wer damit befasst ist - präsentiert. Nahezu sämtliche Schwerpunkte und Ansätze der Historischen Fachinformatik, wie sie derzeit von einer Arbeitsgruppe rund um die Abteilung 'Historische Fachinformatik und Dokumentation' am Grazer Institut für Geschichte verfolgt werden, beruhen auf der Dokumentation, Edition und Analyse des (schriftlichen) Kulturerbes. Der inhaltliche Rahmen umspannt Forschungen zu den theroetischen und methodischen Grundlagen des Fachs über die Schaffung virtueller Archive und digitaler Editionen, die qualitative und quantitative Auswertung von Verlassenschaftsinventaren, regionalstatistische Untersuchungen wirtschafts-, sozial- und unternehmensgeschichtlicher Art, sowie Regionaldokumentation bis hin zur Schaffung virtueller Kommunitäten; die zeitliche Spannweite reicht dabei vom Hochmittelalter bis in das einundzwanzigste Jahrhundert.

  • HKI – Institut für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung, Universität zu Köln
  • NHFI – Netzwerk Historische Fachinformatik
  • ZHSF - Zentrum für Historische Sozialforschung - Universität Köln

Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung ist Teil des Studienfaches "Informationsverarbeitung" (in den Geisteswissenschaften). Der von Prof. Manfred Thaller betreute Teilbereich HKI verfügt noch nicht über eine eigene Homepage. Informationen dazu sind derzeit über den Server anderen Zweiges ( Sprachliche Informationsverarbeitung ) zu finden.

  • HSR - Historical Social Research - An International Journal for the Application of Formal Methods to History
  • AHC - The Assosiation for History and Computing

Die AHC ist eine der ältesten Organisationen im Bereich des Humanities Computing und fungiert derzeit vor allem als Dachverband verschiedener nationaler Organisationen. Zu ihren Aktivitäten gehören neben Konferenzen und Tagungen vor allem eine Mailingliste ( H-AHC) und eine eigene Zeitschrift ( History and Computing ).

Clio-online bietet für die Geschichtswissenschaften im deutschsprachigen Raum einen zentralen Einstiegspunkt in das Internet. Eine strukturierte Erschließung und Aufbereitung von Inhalten verknüpft fachhistorische Informationen mit der Möglichkeit zur Interaktion. Bereits vorhandene Angebote von Hochschulen, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen werden genutzt und neue Angebote durch enge Kooperation der beteiligten Institutionen entwickelt.

Das Institut der Universität Glasgow beschäftigt sich mit dem Einsatz von Computern in den Geisteswissenschaften und insbesondere der Geschichtswissenschaft. In diesem Bereich sind insbesondere die Projekte Visualising Archival Finding Aids und Primarily History angesiedelt, die sich beide mit dem Zugang der Historiker zu den Originalquellen beschäftigen.

Paper von Panos Constantopoulos, Martin Doerr, Maria Theodoridou, Manolis Tzobanakis, die ein komplexes Modell vorschlagen, um Differenzen zwischen wissenschaftlicher Nutzung als Quelle und archivischem/musealem Verständnis als Gegenstand zu überbrücken und die Verschlagwortung in fünf Facetten (Wer, wo, was, wann und wie) zusammenzuführen.

Der deutsche Zweig der International Association for History and Computing (I-AHC) hat sich der Förderung des EDV-Einsatzes in der Geschichtswissenschaft verschrieben. Hier stellt er sich vor.

Die von Eric Ründal, Ulrich Tiedau and Jörg Wettlaufer angeregte Initiative sammelt Adressen von Menschen, die sich intensiv mit dem Einsatz von Computern im Bereich der Geschichtswissenschaft auseinandersetzen. Die Seite bietet deshalb vorrangig eine Personenliste mit Stichwörtern zu den jeweiligen Spezialkompetenzen.

Kleio ist eine am MPI für Geschichte in Göttingen von Manfred Thaller entwickelte quellennahe Datenbankanwendung. Bislang unübertroffenen Möglichkeiten zur Gestaltung der Datenbank, Datenerfassung und Abfrage (inkl. einem Bildanalysetool) steht eine recht unhandliche Bedienung gegenüber.