Kurs:CSCL/soziale Beziehungen

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Überblick und Definition[Bearbeiten]

In Zeiten, in welchen das Internet ein tägliches Medium zum Chatten, Informationsaustausch, Kontakthalten oder zur Unterhaltung dient, werden die Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen immer häufiger diskutiert. Werden soziale Beziehungen zu Freunden und Familien tatsächlich immer weniger oder ist das Gegenteil der Fall und das Internet verhilft zu neuen und engeren Freundschaften?


Es gibt unterschiedliche Erklärungsmodelle, die soziale Einflüsse von CMC (computer-mediated communications) erklären:

Filter Model von Sproul & Kiesler (1985)[Bearbeiten]

CMC schränkt die Bandbreite der sozialen Kommunikation ein. Es findet keine face-to-face Kommunikation statt. Sproul und Kiesler bezeichnen CMC als verarmte Kommunikation, denn die Anonymität und das aggressive Verhalten steigen und die Verantwortlichkeit für das eigene Verhalten nimmt ab. Es findet ein Deindivisualisierungseffekt statt: der Mensch steht stärker im Mittelpunkt seines Handelns und nicht das soziale Umfeld.

SIDE-Modell von Spears et al. (2002)[Bearbeiten]

Allerdings ist zu beobachten, dass gerade im Internet soziale Normen bedeutsam werden können und z.B. in Onlinecommunities gerade nicht zu einer Individualisierung kommt, sondern einen gemeinsame Identität zu entstehen scheint. Statt einen einfach Einfluss (Haupteffekt) von CMC auf soziale Beziehungen anzunehmen ist es wichtig, persönliche Ziele und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Das Side-Modell siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Deindividuation

Im SIDE-Modell (Social Identity Model of Deindividuation Effects) wird angenommen, dass jeder Mensch sowohl eine persönliche als auch soziale Identität besitzt, jedoch entscheidet die Situation, welche von beiden im Moment wichtig ist. Das Selbst ist also in einer hierarchischen Art kategorisiert. Ein Individuum verhält sich in einer gewissen sozialen Situation den Regeln der Gruppe entsprechend. Außerdem definiert sich ein Individuum über die Gruppenzugehörigkeit, die hauptsächlich dann entsteht, wenn sich das Individuum den anderen Mitgliedern der Gruppe ähnlich fühlt. Der Einfluss in einer Gruppe wird stark durch die Anonymität geprägt: Je höher die Anonymität, desto höher der Einfluss der Mitglieder einer Gruppe.

Bargh (2002)[Bearbeiten]

Dieser Ansatz verbindet die obigen zwei Ansätze. Er postuliert eine Interaktion zwischen den Zielen + Bedürfnissen und Eigenschaften eines bestimmten Settings. Das Internet und dessen Kommunikationenmöglichkeiten beeinflussen also die Art der sozialen Interaktion der Nutzer untereinander und das (Lern-?)Ergebnis. In unterschiedlichen Kontexten kann das Internet also unterschiedliche Auswirkungen haben.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Der Telegraph, das Telefon, das Radio und der Fernseher hatten alle gute Durchbruchseigenschaften, obwohl zunächst viel Kritik geübt wurde. Man fürchtete, dass diese Medien negative Folgen auf das soziale Leben haben würden. Das Internet verbindet die Eigenschaften dieser "alten" Medien und bietet somit mehr Möglichkeiten. Die Kritik blieb dieselbe: das Internet soll soziale Kontakte schwächen und zu Isoliertheit führen.

Vorteile :-)[Bearbeiten]

  • Infoaustausch/Datenaustausch über größere Distanz
  • Internet kann viele Menschen gleichzeitig erreichen
  • anonym und somit vorteilhaft für Leute, die zu schüchtern sind, um Kontakte zu knüpfen
  • neue Kontakte/Beziehungen
  • virtuelle Gruppen zur Beziehungsgestaltung
  • sozial stigmatisierte Personen können Kontakte zu Gleichgesinnten finden
  • Kontakt zu Freunden weltweit möglich
  • zusätzliche Kontaktmöglichkeit (keine Verdrängung von persönlichen Gesprächen oder Treffen)
  • Entfernt lebende Personen können durch Online-Fotoalben oder Webcam an dem Leben von Freunden und Verwandten teilhaben
  • Kontakt mit Menschen außerhalb des gewohnten sozialen Kreises (Horizonterweiterung)
  • Zeitungsartikel: "Internetcafé stärkt soziale Beziehungen"

Nachteile :-([Bearbeiten]

Die Nachteile werden noch auf der Diskussionsseite diskutiert.

  • Anstieg an aggressivem und feindlichem Austausch
  • keine face-to-face Interaktionen mehr; eingeschränkte Interaktion
  • keine Überwachung (z.B. Terrororganiastionen)
  • Anstieg an Depression und Alleinsein, soziale Isolation
  • Suchtgefahr
  • zu positive eigene Darstellung
  • Gefahrenpotential für Kinder (nicht alle Seiten sind für Kinder geeignet aber trotzdem zugänglich)
  • online Beziehungen sind eher schwache Verbindungen

Beispiele aus der Praxis[Bearbeiten]

Communities und Netzwerke wie StudiVZ und Facebook fördern soziale Beziehungen zwischen Kommilitonen und Bekannten und ermöglichen den einfachen Austausch von Lernmaterialien. Außerdem wird der Aufbau von sozialen Beziehungen durch Partnerbörsen wie zum Beispiel Friendscout24 gefördert. Vor allem für Randgruppen der Bevölkerung ist diese Art des Beziehungsaufbaus positv und gibt ihnen die Möglichkeit sich mit Ihresgleichen auszutauschen.

Bezug zu CSCL[Bearbeiten]

Auch im Internet spielt das Gruppenlernen eine zentrale Rolle. Es können in Communities (Bsp. StudiVZ) Fragen geklärt werden. Hierbei hat die soziale Norm eine wesentliche Funktion. Der Fragende sollte die Frage in einer angemessenen Weise stellen und er erwartet eine Antwort von den anderen Nutzern. Außerdem sind Gedanken über die eigene soziale Identität und Beliebtheit von großer Bedeutung, ob es zur Fragestellung kommt oder nicht. Ein großer Vorteil der Gruppenarbeit im Internet besteht in der Anonymität der Mitglieder. Eine Ablehnung gegenüber anderen Teilnehmern ist somit weniger möglich, wodurch der Zusammenhalt der Gruppe gestärkt wird. Diese Anonymität stellt gleichermaßen eine Gefahr für den Einzelnen dar: die Seriosität der Antwortquelle ist nicht gewährleistet. Möglicherweise antwortet eine gebildete, aber selbstzweifelnde Person deshalb nicht, weil sie ihr eigenes Wissen in Frage stellt. Umgekehrt könnte eine ungebildete, selbstbewusste Person auf gestellte Fragen antworten. Ein weiterer Vorteil der Gruppenarbeit über das Internet ist die Möglichkeit, sich weltweit zu den verschiedensten Uhrzeiten am Lernfortschritt zu beteiligen. Auch die individuellen Aspekte des Einzelnen, die auch durch kulturelle Unterschiede geprägt sein können, tragen ihren Beitrag zur Gruppenarbeit. CSCL kann auch im unbeabsichtigtem Lernrahmen stattfinden, beispielsweise wenn sich kranke Personen in Onlineforen mit anderen Betroffenen über ihre Krankheit austauschen. Hier findet nicht nur ein nicht gezwungener Wissenserwerb statt, sondern es werden gleichzeitig auch soziale Beziehungen gestärkt, indem Erfahrungen und Leid geteilt werden. Durch die Vielfalt des Internets ist es auf einfache Weise möglich, Menschen mit gleichen Interessen zu finden und so in einer Gruppe mehr über bestimmte Themen zu lernen.

Empirische Studien[Bearbeiten]

Cummings et al. (2002)[Bearbeiten]

US College-Studenten finden e-mail-Kontakte genauso nützlich wie face-to-face-Kontakte

Jones (2002)[Bearbeiten]

Umfrage unter Studenten: 60% finden, dass durch e-mails die Kontakte mit Kommilitonen positiv verstärkt wurden, nur 4% sahen Nachteile durch e-mail-Austausch

Kraut et al. (1998)[Bearbeiten]

Ein sample von Bewohnern aus Pittsburgh, die zu Hause noch kein Computer hatten, erhalten einen PC und Internet-Zugang. Nach zwei Jahren ist bei diesen Leuten ein leichter Anstieg an Depressionen und Abgeschiedenheit zu beobachten. Jedoch sind diese negativen Aspekte der Internetnutzung nach einiger Zeit wieder verschwunden und die Versuchspersonen schrieben dem Internet positive Aspekte zu.

McKay et al.(2002)[Bearbeiten]

Zugehörigkeit zu Diabetiker-Selbsthilfegruppen im Internet, verbessert bei Diabetikern das mentale Wohlbefinden. Diese Gruppen sind speziell in der Diät-Unterstützung hilfreich.

Literatur[Bearbeiten]

  • Interessantes und dazu passendes TED-Video über soziale Intimität
  • Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • Bundeszentrale für politische Bildung [1]
  • Cummings JN, Butler B, Kraut R. 2002. The quality of online social relationships. Commun. ACM 45(July):103–8, zit. nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590. [.pdf online]
  • Jones S. 2002. The Internet Goes to College. Washington, DC: Pew Internet/Am. Life Proj. http://www.pewinternet.org, zit nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • Kraut R, Patterson M, Lundmark V, Kiesler S, Mukopadhyay T, et al. 1998. Internet paradox: a social technology that reduces social involvement and psychological well-being? Am. Psychol. 53:1017–31, zit nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • McKay HG, Glasgow RE, Feil EG, Boles SM, Barrera M. 2002. Internet-based diabetes self-management and support initial outcomes from the diabetes network project. Rehabil. Psychol. 47:31–48, zit. nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • Sproull L,Kiesler S. 1985. Reduction social context cues:electronic mail in organizational communication. Manag. Sci. 11:1492-512, zit. nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • Spears R, Postmes T, Lea M, Wolbert A. 2002. When are net effects gross products? the power of influence of power in computer-mediated communication. J.Soc. Issues 58(1):91-107, zit. nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.
  • Bargh JA. 2002. Beyond simple truths: the human-Internet interaction. J.Soc.Issues 58(1):1-8, zit. nach Bargh, J. A. & McKenna, K. (2004). The internet and social life. Annual Review Psychology, 55, 573-590.