Kurs:Die Psalmen

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Buchhäger Psalter[Bearbeiten]

1980 wurde in Berlin der Verein "Moabiter Heiliges Dreifaltigkeitskloster" gegründet. 1985 erfolgte der Ausbau einer großen Wohnung in Berlin-Tiergarten zu einer Klosterwohnung, wo mit einer regelmäßigen Feier der Göttlichen Liturgie begonnen wurde. Seither wird auch das orthodoxe Stundengebet regelmäßig in deutscher Sprache auf der Grundlage von "Vorabdrucken aus der geplanten Gesamtausgabe des deutschen Stundenbuches" gesungen. Unter anderem eine Umstellung des Druckes auf deutsche Fraktur, aber auch andere vordringlichere Projekte sowie die ständige Weiterentwicklung des Deutschen Chorals haben insgesamt dazu geführt, dass dieses Stundenbuch noch nicht in endgültiger Form vorliegt. Bei der Übersetzung half die Universitätsrätin und Dozentin für Altgriechisch, Dr. Annemarie Wohlleben.[1] in Berlin Die Übersetzungsarbeiten am Stundenbuch wurden zu einer Grundlage des 2008 erschienen Buchhäger Psalters.

https://orthpedia.de/index.php/Verlag_des_Dreifaltigkeitsklosters_Buchhagen#cite_ref-1

Die Psalmen[Bearbeiten]

Dass die Psalmen, wie die ganze Heilige Schrift, nicht eindimensional zu verstehen sind, sondern viele Tiefenschichten haben, wird durch die frühchristliche Lehre vom mehrfachen Schriftsinn bezeugt. Neben der wörtlichen Ebene gibt es die mystagogische, die uns ins Geheimnis des Glaubens führt, die ethische, in welcher wir die Strukturen menschlichen und göttlichen Handelns erkennen, und die geistige. Letztere vermittelt Einsichten in Wirklichkeiten und Zusammenhänge, „Gesetze“, die mit dem „normalen“ weltlichen Verstand nicht unmittelbar greifbar sind und des zugleich verhüllenden wie offenbarenden Bildes bedürfen. Hierin liegt die Stärke geistiger Poesie. Die Psalmen sind voll von solchen Bildern. (aus dem Vorwort)

Die zehnseitige Harfe[Bearbeiten]

'' So weist die zehnsaitige Harfe auf die verschiedenen Verständnis- oder Empfängnisebenen des Menschen, die verschiedenen höheren und tieferen „Saiten, die in uns anklingen“, wenn wir die Psalmen lesen, wobei die Zehn auch für die Fülle des von Gott Gegebenen, des ewigen Gesetzes, der (An-) Gebote Gottes an uns steht. Eine alte Überlieferung sagt, dass David in der Nact seine Harfe ans offene Fenster des Palastes gestellt und „geschlafen“ habe. Da weht der Nordwind in die Harfe hinein, und sie erklingt. So empfing David die Psalmen. Die Harfe ist hier Bild des Menschen, die Saiten Bild des Gott empfangenden menschlichen Geistes, der Wind aber, der die Harfe erklingen läßt, steht für den Gottesgeist. Als Harfe des Geistes bezeichnet die liturgische Poesie der orthodoxen Kirche vornehmlich solche heiligen Sänger, Dichter und Kirchenlehrer, die im eigentlichen Sinne Mystiker sind. Die Harfe ist daher Metapher des transzendentalen, Gott erkennenden Vermögens des Menschen, der geistigen Wahrnehmungskraft, welches die orthodoxe Anthropologie Geist (gr.: nous) nennt. (aus dem Vorwort)

Der Schlaf Davids[Bearbeiten]

Das Schlafen bedeutet hier natürlich nicht Bewussttlosigkeit, sondern im Gegenteil jenen Zustand überrationaler geistiger Wachheit, den der heilige Gregor Palamas als Reinheit bezeichnet, in welchem das geistige Gebet möglich wird, welces „noch über das Gebet hinaus“ geht, und in welchem der Mensch jenseits sinnlicher Empfindung, Gemütsbewegung und Verstandestätigkeit die Einwirkungen des Heiligen Geistes empfängt. In solchem „außer sich sein“ werden dem menschlichen Geist, jener transzendentalen Erkenntniskraft in uns, die Gedanken Gottes, die ewigen Urbilder „wie in Wachs eingesiegelt“. Von dort her können sie dann ins Bewusstsein treten und in Wort, Haltung und Tun des Menschen Gestalt annehmen. (aus dem Vorwort)

Der König David[Bearbeiten]

Es ist klar, dass nur dem König solche Reinheit und solces Empfangen gegeben ist. König meint ja den vollendeten Menschen, der, um ein anderes Bild der Psalmen aufzugreifen, „durch Feuer und Wasser gegangen“, „im Wasser des Widerstreites“, also in Versuchungen und Leiden erprobt ist, der „durch das rote Meer geschritten“ und ins „Land der Sehnsucht“ gelangt ist. (aus dem Vorwort)

Wasser und Meer[Bearbeiten]

Wasser oder Meer sind mehrdeutig; es gibt die Wasser des Lebens. Oft verweisen sie aber auch auf das Verschlingende des nur irdischen Lebens, welches der Dimension der Ewigkeit und des Geistes ermangelt, auf die Zeit, das zeitliche Dasein mit seinen Hohlheiten und Eitelkeiten, die das Bewusstsein nach unten ziehen, zumal in Verbindung mit Pharao und seinen Scharen, die falschen irdischen Gewissheiten und Sicherheiten… (aus dem Vorwort)

Das Land der Sehnsucht[Bearbeiten]

Das Land der Sehnsucht steht für das geistige Bewusstsein, das eins sein in Gott. Das ist das wahre, das geistige Königtum. Auf dem Weg dorthin, und davon singen die Psalmen immer wieder, gibt es zahllöse Kämpfe, Feinde, die überwunden werden müssen. (aus dem Vorwort)

Feinde[Bearbeiten]

Diese Feinde sind ja nur auf der äußerlichsten, wortwörtlichen Ebene tatsäcliche historische Größen. Sie sind von Bedeutung vor allem als Wahrbilder ewiger Strukturen, denen wir auf dem Weg Gottes begegnen und die es zu bewegen, d.h. zu meistern gilt. Feinde sind dann z.B. die ungeordneten, egozentrischen Strebungen, das Böse in mir selbst, die vielfältigen Widerstände, die der äußere Mensch dem Durchbruch und endlich der Herrschaft des inneren Menschen entgegen sehnt; aber es sind auch andere geistige Kräfte. (aus dem Vorwort)

Babel[Bearbeiten]

Manche Bilder der Psalmen wirken martialisch, empörend, solange man sie nicht als Hieroglyphen geistiger Wirklichkeit liest. So muss man z. B. in Psalm 136 wissen, dass Babel, Babylon, für das Exil steht, für falsche Götter, für Veräußerlichung des Gotteswortes in Form menschlicher Gedanken, die dann in ihrer Erstarrung dem lebendigen Göttlichen entgegenstehen und es zerstören. Babel, das ist dann auch der Götzendienst des äußeren Wortes und des veräußerlichten Gesetzes, des Rationalismus, der Geist und Leben diffamiert und hindert (vgl. 2. Kor. III, 6) und am Ende Gott selbst ans Kreuz schlägt, auch und gerade noch im Namen Gottes. Deshalb die Seligpreisung jener, welche die Brut Babylons am Felsen zerschlagen. (aus dem Vorwort)

Der Fels[Bearbeiten]

Der Fels ist hier der lebendige Gott, und zugleich Christus, das lebendige Ewige Wort, der Sohn des Vaters, der in seiner All-Liebe und unerschöpflichen Lebendigkeit alle Erstarrung aufbricht und zugleich die Gott gemäßen, in der Ewigkeit gründenden Symbole offenbart. Wo aber der Mensch in Ehrfurcht und heiliger Scheu dem lebendigen Worte lauscht, wo er im immerwährenden Mühen um Reinigung und Heiligung, Erkenntnis und Verinnerlichung voran schreitet, so dass mehr und mehr das Irdische mit dem Himmlischen übereinstimmt, wo also die Verbindung von Himmel und Erde gegeben, da ist Jubel, Freude und Gesang, wie bei der Heimkehr der Gefangenen aus Psalm 125. (aus dem Vorwort)

Lieder der Wandlung[Bearbeiten]

Die Psalmen werden auch als Lieder der Wandlung bezeichnet. Ein herausragendes Beispiel für diesen mystagogischen Charakter ist Psalm 72. Hier wird der Weg von einer vorläufigen oder äußeren, noch stark von menschlichen, irdischen Empfindungen, Gedanken und Vorstellungen abhängigen Religiosität bis hin zur hohen Mystik aufgezeigt. Genau in der Mitte des Psalms, nach Vers 14, vollzieht sich die Wendung. Die Einsicht, „Doch wenn ich so redete machte ich mich ihnen gleich und trennte mich von der Wesensart Deiner Söhne!“ leitet einen atemberaubenden Aufstieg ein, in welchem nicht zuletzt Wesentliches über die geistige Anthropologie ausgesagt wird. „Als aber mein Herz entbrannte und mein Innerstes gewandelt ward, als ihc ausgelöscht und ohne Wissen war, da ward ich ein Lastesel bei Dir“. Diese Verse sind im Geist des Rationalismus völlig missverstanden worden: Der Lastesel ist dort das dumme, unvernünftige Tier, das Entbrennen des Herzens sind die niederen Leidenschaften. (aus dem Vorwort)

Der Lastesel[Bearbeiten]

Aber hier ist doch von jenem Lastesel (Sac IX, 9; Joh. XII, 15) die Rede, der den Messias bei Seinem Einzug in Jerusalem trägt. Dieser wiederum steht für den irdischen Menschen, der durch Reinigung, geistigen Aufstieg und Empfängnis der göttlichen Gnade zum Träger Gottes wird und gute Frucht bringt. (aus dem Vorwort)

Entbrennen des Herzens[Bearbeiten]

Herz ist hier nicht Gemüt (gr.: thymos), sondern vielmehr das geistige Herz, innerer Ort geistiger Erkenntnis. Das Entbrennen des Herzens ist also die sich von innen her ankündigende Gotteserkenntnis, welche die brennende Reue der Umkehr ermöglicht. So sagten auch die Jünger in Emmaus: „Entbrannte nicht unser Herz …“. Geheimnis der Gottesliebe! Und das „ausgelöscht und ohne Wissen“ nimmt die asketischen Anweisungen des hl. Gregor Palamas über den Zustand der Reinheit vorweg und meint natürlich das klassische „Jenseits allen Wissens und alles Wissbaren“ der orthodoxen Mystik. (aus dem Vorwort)


Die Septuaginta[Bearbeiten]

Im 3. Jahrhundert vor Christus übersetzten 70 Schriftgelehrte in Alexandrien, jeder für sich, die Bibel ins Griechisch. Durch die Wirkung der göttlichen Gnade stimmten alle 70 Übersetzungen auf wunderbare Weise überein. Wegen der 70 Übersetzer wurde das Werk „Septuaginta“ genannt. Die Septuaginta wurde von den Juden der Diaspora sowohl im Gottesdienst als auch zum Bibelstudium als maßgeblicher heiliger Text verstanden und gebraucht. Diesen hohen Rang behielt die Septuaginta auch in der cristlichen Kirche des Anfangs. Seit dem 1. Jahrhundert nach Christus traten dann, ebenfalls in griechischer Sprache, die Schriften des Neuen Testamentes hinzu. Für die orthodoxe Kirce ist die Septuaginta bis heute der Urtext des Alten Testamentes schlechthin. Sie liegt allen orthodoxen Übersetzungen in die verschiednen Sprachen zu Grunde. Hieronymos hingegen benutzte für seine lateinische Bibelübersetzung den masoretischen Text, den Rabbi Akiba im 2. nachchristlichen Jahrhundert in der damals neu gegründeten Schule von Tiberias festgelegt hat. Luther und die späteren Übersetzer ins Deutsche legten hauptsächlich den lateinischen Text zu Grunde. Daraus erklären sich manche Unterschiede zwischen der lateinischen und der griechischen Bibel und den ihnen folgenden Übersetzungen. Auch hinsichtlich der Zählung der Psalmen weichen beide Traditionslinien von Psalm 11 bis Psalm 146 jeweils um eine Zahl voneinander ab. (aus dem Vorwort)

Zur Übersetzung[Bearbeiten]

die Gestaltungsfreiheit hat ihre Grenzen, sobald essentielle Glaubensinhalte berührt werden

  • zB bei Ps. 103 bzw. 102 LXX darf man nicht auf Kosten des Sinns im Deutschen zu "wortgenau" sein - besser mit "Pantokrator", "Theotokos", "Paraklet" oder "Kyrie eleison" übersetzen

die „LXX Deutsch“ als wortgenaue Übersetzung sind für das Gebet unbrauchbar und unverständlich - es ist davon abzuraten, sie laut vorzulesen, weil sie von den Gläubigen nicht verstanden werden kann, sie sind eine lose Folge von Sinneinheiten

im Vergleich dazu schmeckt man beim Buchhäger Psalter deutlich den Unterschied beim Beten

Ziel war es, einen Psalter auf der Grundlage der Septuaginta zu gewinnen, der nicht nur „übersetztes Griechisch“ ist, sondern nach den großen Vorbildern eines Luther oder Guardini als deutscher Text aus sich selbst heraus überzeugt, der aus dem Ureigensten der deutschen Sprache schöpft und ihre verdrängte Eigenschaft als heilige Sprache neu zum Tragen kommen läßt. Sprache ist gestaltgewordener Geist, Abglanz und Widerhall des Ewigen Wortes. Dieser Urquell von Sprache tritt exemplarisch im Bereich des Heiligen hervor. Liturgische Sprache gründet im Gebet. Sie darf und soll aus allem schöpfen, alle Farb-, Licht- und Schattenwerte aus dem blutvollen, herrlichen und schrecklichen Erdenleben kennen, aber sie darf niemals profan, darf nicht Sprache des Alltags sein. Sprache kann, jenseits rationaliter faßbarer Gedanken, erheben oder herunterziehen. Sie kann den Sinn verflachen oder fälschen, wie sie ihn umgekehrt mit Wendungen, die durch Klang und Rhythmus, Spannung und Weite in der Zielsprache den Sinn stützen und stimmige Assoziationen anregen, klarzulegen, zu durchlichten und zu erheben vermag. Ihre eigentliche Qualität gewinnt Sprache aus dem Zustrom des Ewigen. Wo der lebendige Hauch des Gottesgeistes sie erfüllt, wird sie zum Gewand der Wahrheit. (aus dem Vorwort)

Quellen[Bearbeiten]

Rundfunk[Bearbeiten]

  1. Jan Tengeler: Deutsche Orthodoxe Choraltradition. Recht auf die eigene Sprache. (Deutschlandfunk, 3. Dezember 2019): Die Texte, die im Gottesdienst gesungen werden, kommen aus der Bibel, es sind vor allem die Psalmen. Im Falle der Psalmen haben sich die Mönche von Buchhagen an den Übersetzungen von Martin Luther und Romano Guardini orientiert. Guardini war ein deutscher Priester italienischer Herkunft, der in den 1950er Jahren auf Anweisung des Papstes neue Psalterübersetzungen anfertigte: „Wir haben eine eigene Psalmübersetzung hier im Kloster, weil wir die Psalter jeden Tag singen und beten, da brauchen wir eine sehr gute Textgrundlage… man möchte sich im Gottesdienst ja nicht ärgern über holprige Texte. Der Luthertext ist schon wunderbar, auch der Guardinitext ist sehr gut, unser Text ist rhythmisch sehr durchstrukturiert, bei Luther ist es ein reiner Prosatext, aber Luther hat eben diese Wendungen, diese sprachliche Tiefe und gute Prägnanz und das hat Guardini nicht gehabt.“ (Abt Johannes)
  2. Jan Tengeler: Deutsch-orthodoxes Kloster. Das weltliche Leben als geistige Kastration. (Deutschlandfunk, 30. Dezember 2019): Die Orthodoxie und der deutsche Geist: Letzterer zeigt sich vor allem in der Sprache. Eine wichtige Aufgabe des Klosters ist es daher, die Texte der orthodoxen Liturgie aus dem Griechischen ins Deutsche zu übertragen. Nicht unbedingt in eine zeitgemäße Sprache, wie einer der Mönche von Buchhagen, Vater Lazarus, erklärt. „Um das übersetzen zu können, da muss man die gesamte deutsche Literatur im Hinterkopf haben, man muss von den Meersburger Zaubersprüchen, über den Heliant über Gutfried von Weisenburg, die althochdeutsche Literatur, das Nibelungenlied auf mittelhochdeutsch, Meister Eckhardt, diese mystischen Schriften, bis hin zur Hochblüte: Goethe , Es sollte nicht so eine alltäglich, flache Zeitungssprache sein, sondern es sollte all das Anklingen, was in den letzten 1200 Jahren Literatur entstanden ist.“ Und das ist nicht gerade wenig. Dementsprechend oft begeben sich die Mönche in ihre Zimmer, um zu studieren und zu lesen. Dabei scheuen sie weder den Rückgriff auf scheinbar längst Vergangenes, noch die Auseinandersetzung mit den großen Namen deutscher Geistesgeschichte. Sie haben ihren eigenen Begriff von Geist, der mit dem der Aufklärung nichts zu tun hat.

Weblinks[Bearbeiten]

  1. Die Psalmen deutsch aus der Septuaginta (Buchhäger Psalter) auf der Webseite von Manuscriptum: Ausdruckskraft, Schönheit und sakrale Würde des Deutschen erfreuen das Herz und verleihen dem liturgischen Vortrag ebenso wie der lesenden Betrachtung Lebendigkeit und Tiefe. Das subtile Spiel mit Klängen und Rhythmen der Sprache stützt den Sinn und macht die Psalmen zu dem, was sie eigentlich sind: heilige Gesänge. Der geistige Schriftsinn, der für das Verständnis heiliger Texte von so großer Bedeutung ist, wird durch die Übersetzung nicht abgeschnitten, sondern leuchtet überall durch. Zahllose wunderschöne Wendungen eignen sich als poetische Zitate. Dabei ist die Übersetzung aus dem griechischen Urtext von erfreulicher Genauigkeit, ohne zu schulmeistern.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gest. 1. Mai 2004.