Kurs:Mikropolitik(WS 2018/19)/Parteien

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Autor: Hofmeister

Exzerpt: Switek, Niko (2014): Die Satzung ist nicht genug! Parteien unter dem Mikroskop der strategischen Organisationsanalyse. In: Bröchler, Stephan; Grunden, Timo (Hrsg.) Informelle Politik. Wiesbaden: Springer VS

Kernthese: Der Beitrag entwickelt mit der strategischen Organisationsanalyse von Michel Crozier und Erhard Friedberg (1979) sowie ihrer Weiterentwicklung von Günther Ortmann (1990, 1995) einen theoretischen Ansatz, der sich sowohl auf die mikropolitischen Aktivitäten der Akteure bei der innerparteilichen Willensbildung und Entscheidungsprozessen fokussiert, als auch die Strukturdimension berücksichtigt.

  • neue Erkenntnisse über die Rahmenbedingungen und Rationalitäten von Regierungshandeln können erschlossen werden
  • theoretischer Rahmen kann für die Analyse anderer politischer Organisationen (Staatskanzleien, Ministerien) genutzt werden


Mikropolitischer Ansatz (S. 221 - 222)[Bearbeiten]

Mikropolitik in Parteien (S. 221):

  • Mikropolitik bezieht sich auf die Individuen, die in organisationalen Kontexten miteinander in Beziehung treten und gemeinsam oder gegeneinander handeln

Gemeinsamkeiten mikropolitischer Ansätze (S. 221 - 222):

  1. Konzepte werden in Frage gestellt, die Organisationen als frei von Werten oder Interessen beschreiben
  2. Jede Position in Organisationen ist die Quelle und das Ziel von Einflusslinien
  3. Kategorien wie Interessen, Konflikt und Macht werden herausgestellt
  4. informelle Praktiken generieren Macht- und Entscheidungskonfigurationen,
  5. Kontingenz der Normen, Ressourcen, Wahrnehmungsmuster, persönlichen Ziele, Zwecke, Bedürfnissen und Erwartungen von individuellen Handlungen

Strategische Organisationsanalyse (S. 224 - 230)[Bearbeiten]

Macht, Strategie und Spiel[Bearbeiten]

  • „Jede ernstzunehmende Analyse kollektiven Handelns muss also Macht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen, denn kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik.“
  • Macht bedeutet Handlungsfähigkeit: Jeder Akteur in einer Organisation kontrolliert eine Ungewissheitszone. Je größer die Ungewissheitszone, desto größer die Macht (S. 224)
  • Strategie: Verbindung von Zwängen einer Organisationsordnung und dem Freiraum der Akteure
  • strategisches Handeln nicht reines Zweck-Mittel-Kalkül, sondern folgt den Einschränkungen der Rationalität (bounded rationality) und sozialpsychologischer Note
    • Handlungen nur rational im Kontext von Handlungsgelegenheiten und unter Berücksichtigung des Verhaltens anderer Akteure
  • Spiel: Zusammenspiel aus Macht als Autonomie der Akteure und den Strategien als Verbindung von Akteuren und Strukturen (S. 225)
  • die Funktionsweise einer Organisation ist das Resultat einer Reihe untereinander artikulierter Spiele, deren Regeln indirekt die Integration der widersprüchlichen Machtstrategien der Organisationsmitglieder bewirkt
  • die Organisationsumwelt wirkt nicht im Sinne eines deterministischen externen Drucks, sondern Umweltsegmente bilden einen Einsatz der Akteure in Spielen (S. 226)

Modalitäten und Spieltypen[Bearbeiten]

  • Ortmann schlägt zwei Modifikationen vor, um empirische Forschung zu vereinfachen:
    1. Verknüpfung der Organisationsanalyse mit der Strukturanalyse von Giddens
    2. Unterscheidung von Spieltypen (S. 228)
  • zu 1.: Giddens fasst Strukturen als Herrschaftsordnungen, die aus Sets von Regeln und Kombinationen von Ressourcen bestehen
  • zwei Arten von Regeln
    1. Regeln der Konstitution von Sinn: Aspekte, die mit der Interpretation der Welt als Grundlage von Handeln zusammenhängen
    2. Regeln der Sanktionierung sozialen Handelns: begründen normative Ordnung einer Organisation/ Unterteilung in praktizierte Regeln als verallgemeinerbare Verfahren und formulierte Regeln
  • Unterscheidung zwischen autoritativen und allokativen Machtressourcen:
    • Autoritative Ressourcen: Kontrolle der Mittel der Organisation von Raum und Zeit, Koordination vieler Menschen, Verteilung ihrer Lebenschancen (z.B. funktionale Arbeitsteilung)
    • Allokative Ressourcen: Kontrolle materieller Aspekte sozialer Situationen (S. 229)
  • zu 2.: Unterscheidung von zwei Spieltypen: Routine- und Innovationsspiele
    • Routinespiele: sind gekennzeichnet durch Beständigkeit, Zuverlässigkeit und inkrementelle Veränderungen
    • Innovationsspiele: Spielregeln und Gewinne verändern sich/ Akteure müssen neue Strategien finden und die Verteilung von Macht und Kontrolle sowie der Wert von Ressourcen ändern sich (S. 230)

Parteien als politische Organisationen (S. 232 - 240)[Bearbeiten]

Deutungsschemata[Bearbeiten]

  • zwar sammeln sich bei Parteien gleichgesinnte Individuen zusammen, doch je größer eine Partei ist, desto höher ist auch die Heterogenität der Deutungsschemata
  • Welche ideologischen und programmatischen Konzepte sich innerhalb einer Partei durchsetzen, hängt nicht nur von der Überzeugungskraft ab, sondern ist Resultat innerparteilich geführter Machtkämpfe (S: 232)
  • es bilden sich Innovationsspiele, in denen es um die Festlegung bzw. Festschreibung von Leitbildern und damit Spielregeln geht
  • zwischen dem allgemeinen Deutungsschemata einer Partei und den Positionen der Individuen stehen die innerparteilichen Strömungen/ Fraktionen
  • Fragmentierung ist ein Strukturmerkmal von Parteien und verhindert Konfrontation unverträglicher Erwartungen und neutralisiert Konfliktpotentiale (S. 233)

Normen[Bearbeiten]

  • Parteiorganisationen unterscheidet sich durch eine demokratisch innere Ordnung von anderen Organisationstypen
  • Normen sind Bestandteil von Parteigesetzen:
  • Führung einer Partei ist abhängig von der Zustimmung der Geführten und damit potentiell instabil
  • „Führung muss durch eigenes Verhalten und dessen Inszenierung dafür sorgen, dass die Basis bei der Stange bleibt“
  • formale Regeln der Parteien unterteilen sich in verschiedene Einheiten in einer horizontalen und vertikalen Dimension:
    • Horizontal: Parteien stehen sich gegenüber
    • vertikale Dimension: Parteien spiegeln in ihrem Aufbau die Ebene des föderalen Staatsaufbaus (S. 234)

Autoritativ-administrative Machtmittel[Bearbeiten]

  • Akteure stützen sich nicht nur auf Regeln, sie greifen auf Machtressourcen zurück
  • Machtmittel leiten sich aus der administrativen Ordnung ab:
  • z.B. Parteimitglieder mit Mandat haben machtvolle Position, da sie Einkommen unabhängig macht und Zugriff auf Fraktionsressourcen haben → Möglichkeit der direkten Beeinflussung der Gesetzgebung
  • unterliegen weiterhin Zwängen zur Kooperation: Um Mandat zu behalten, ihre Karriere voranzubringen und politische Ziele umzusetzen, benötigen sie Unterstützung von der Parteibasis (S. 236)
  • Autorität eines Akteurs fußt auf den individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten (Persönlichkeitsmerkmale wie Ehrgeiz, Selbstvertrauen, persönliche Integrität etc.)
  • Strategien der Ämterkumulation stellen Versuch dar, diese Ressource auszubauen/ die eigene Machtposition zu verbessern
    • auf vertikaler Dimension z.B. Verbindung von Abgeordnetenmandat und Parteivorstandsamt auf lokaler Ebene
    • auf horizontaler Dimension z.B. Verbindung von Regierungschef und Parteivorsitz (S. 237)

Ökonomisch-technische Machtmittel[Bearbeiten]

  • wenig Unterschiede bei ökonomischen Machtmitteln zu anderen Organisationstypen
  • Betrachtung der innerparteilichen Geldflüsse lässt Rückschlüsse auf Strategien und Spiele zu
  • die Aufteilung der Mittel in den fragmentierten Parteiorganisationen (z.B. zwischen Landesverbänden und Bundespartei) liefert zudem weitere Anhaltspunkte über die tatsächliche Machtstruktur (S. 238)
  • zu technischen Machtmitteln zählen Fragen der modernen Kommunikationstechnologien z.B der Aufbau innerparteilicher elektronischer Netzwerke oder Plattformen
  • Einbeziehung des Internets in die innerparteiliche Willensbildung kann Machtverhältnisse in einer Partei verschieben und Spiele verändern (S. 239)

Umwelt[Bearbeiten]

  • innerparteiliche Dynamiken lassen sich nicht losgelöst von Umwelteinflüssen verstehen
  • stellen mögliche Störungsquelle für innerorganisatorische Prozesse dar und bilden Ungewissheitszone für innerparteiliche Akteure
  • auch Parteiensystem stellt Umweltsegment dar: Parteien stehen im Wettbewerb mit anderen Parteien, daher immer Interaktion und Konkurrenz mit dem Parteiensystem
    • daher Kontakte zu Mitgliedern anderer Parteien von Vorteil (S. 239)
  • Medien weiteres wichtiges Umweltsegment: öffentliche Sichtbarkeit und Medienpräsenz kann die eigene Position stärken (S. 240)

Fazit (S. 240 - 241)[Bearbeiten]

  • mit mikropolitischen Organisationstheorien lässt sich sinnvoll eine Brücke zur Politik- und Parteienforschung schlagen, von der das Forschungsfeld „informelles Regieren“ profitiert (S: 240)
  • Die Parteienforschung verfügt damit über ein brauchbares Instrument, um für konkrete innerparteiliche Entscheidungsprozesse der Frage nachzugehen, wie die beteiligten Akteure zu einer verbindlichen Entscheidung gekommen sind und wie somit kollektive Handlungsfähigkeit einer fragmentierten Parteiorganisation hergestellt wird. (S. 241)