Kurs:Mikropolitik(WS 2018/19)/Plattformökonomien

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Autor: Benjamin Henry Petersen

Exzerpt: Nachtwey, O./Staab, P. (2018): Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus. In: Soziale Welt. Sonderband „Soziologie des Digitalen. Digitale Soziologie“.

Kernthese: Das plattformgetriebene digitale Produktionsmodell unterscheidet sich in zentralen Bereichen von den Produktionsmodellen des (Post-)Fordismus und eröffnet zugleich Ansatzpunkte für ein erweitertes – digitales – Kapitalismusverständnis

Die Entwicklung und Diffusion digitaler Technologien verändert Organisationsformen wie auch Prozesse der Arbeitsteilung sowie die Strukturen von Märkten. Dabei agieren die Leitunternehmen des kommerzialisierten Internets (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) sowohl hinsichtlich der Produktions- und Innovationspolitiken als auch bezüglich der Unternehmensorganisation als „[…] Schrittmacher der old economy […].“ (Nachtwey/Staab 2018, S. 2). Somit stellt sich die Frage, ob die den Leitunternehmen inhärenten Produktions- und Organisationsstrukturen nicht als Vorboten eines neuen Produktionsmodells begriffen werden und auch in Bereichen fernab der Digitalökonomie Bedeutung erlangen können. (vgl. ebd.) „Der Begriff des Produktionsmodells bezeichnet eine spezifische Beziehung der Produktionsorganisation, der Produkt- und Wettbewerbspolitik und der Arbeitsbeziehungen.“ (ebd.) Nachtwey und Staab erweitern jene Perspektive sodann um die Organisierung von Märkten. Es wird deutlich, dass die Grenzen zwischen Markt und interner Organisation – gerade bei Plattformunternehmen – häufig nur noch eingeschränkt vorzufinden sind. (vgl. ebd.)


Die Produktionsorganisation der digitalen Plattform (S. 3)[Bearbeiten]

Charakteristisch für das digitale Produktionsmodell ist, dass die in diesem Bereich agierenden (Plattform-)Unternehmen zugleich als Organisationen und Märkte zu begreifen sind. (ebd.) In diesem Zusammenhang stellen Plattformen organisierende – auf der Analyse von Daten basierende – digitale Intermediäre zwischen (produzierenden bzw. konsumierenden) Akteuren dar, wobei die Interkation zwischen jenen Akteuren i.d.R. das Produkt der Plattformunternehmen ist und kostenfrei (Wertschöpfung über Werbung etc.) oder kostenpflichtig (Wertschöpfung über Vermittlungsgebühren bzw. mittels Zweitverwertung der Daten der Nutzer*innen) zur Verfügung gestellt wird. (vgl. ebd., S. 3 f.)

Plattform als Organisationsmodell und hybride Mitgliedschaft (S. 4)[Bearbeiten]

Plattformunternehmen bedürfen einer relativ geringen Anzahl an Arbeitnehmer*innen. Das Organisationsmodell solcher Unternehmen ist dabei einerseits durch ein kleines Zentrum mit partiell geöffneten Organisationsgrenzen sowie hybriden Mitgliedschaften gekennzeichnet. Ersteres beschreibt das Zugreifen der Plattformunternehmen auf externe Arbeitskräfte fernab der Organisationsgrenzen. Darüber hinaus zeitigt hybride Mitgliedschaft eine temporäre, partielle Integration von Arbeitnehmer*innen mit geringem Schutz durch Arbeitsrecht und gänzlich fehlenden Integrationschancen[1]. (vgl. ebd., S. 4)

Governance: Primat der Ökosysteme (S. 4-5)[Bearbeiten]

Innerhalb des digitalen Kapitalismus stellt das Wachstumsparadigma der Plattformen einschließlich der damit einhergehenden soziotechnischen Ökosysteme das zentrale Element betrieblicher Governance da. (vgl. ebd.) Plattformen sind dabei in produktspezifische- und Metaplattformen zu unterscheiden. Während Erstere sich der Spezialisierung auf Teilmärkte verschreiben, agieren Letztere marktübergreifend. Wesentlich für Metaplattformen sind soziotechnische Ökosystemen, die sich durch ein monolithisches und exklusives Produkt- und Leistungsportfolio auszeichnen. Damit wird das Ziel verfolgt, Kund*innen – u.a. durch steigende Switching Costs – langfristig an das Unternehmen zu binden. Dies resultiert zugleich in der Monopolisierung von Daten, denn indem ein Unternehmen sämtliche – von den Kund*innen erwünschte – Leistungen bereitstellt, kondensieren die bei der Nutzung jener Leistungen generierten Daten bei einem einzigen Akteur – der Metaplattform. (vgl. ebd., S. 4 f.)

Elementar für die Governance der Plattformen sind u.a. Entscheidungs- und Eigentumsrechte sowie spezifische Kontrollmodi. Insofern jene Faktoren unter Verfügung der Metaplattform sind, besitzen diese den Markt. Sie setzten und gestalten über Normierung Standards und regeln damit die plattformspezifischen Marktprozesse inklusive des Zugangs von (konkurrierenden) Akteuren zum Markt. In diesem Sinne stellt die Bildung von Monopolen das Primat betrieblicher Governance innerhalb der Plattformökonomie dar. Damit eng verbunden, ist der Einsatz großer Mengen Risikokapitals, um das Produktportfolio der Plattform zu erweitern und deren Expansion voranzutreiben. Es zeigt sich, dass die Expansion der Plattform für jene Unternehmen – gegenwärtig – von größerer Bedeutung ist, als die Generierung von Gewinnen[2]. (vgl. ebd., S. 5)

Plattform als Marktorganisation (S. 5)[Bearbeiten]

Die Expansionsbestrebungen der Plattformunternehmen zeigen Wirkung. So ist das kommerzialisierte Internet bereits heute zwischen wenigen Quasi-Monopolen aufgeteilt. Dies ist neben den Unternehmensstrategien nicht zuletzt auf die Materialität digitaler Güter sowie die Eigenlogik der Ordnungsprozesse im Internet zurückzuführen: Netzwerk- und Skaleneffekte. Im Sinne der Netzwerkeffekte steigt der Nutzen eines digitalen Gutes mit der Anzahl derer, die es konsumieren. Ist eine kritische Masse an Kosument*innen erreicht, so wird der Gewinn neuer Nutzer*innen zu einem sich selbstverstärkenden Effekt und beeinflusst damit das Wachstum einer Plattform positiv.[3] Zudem erleichtern Skaleneffekte die Monopolbildung dahingehend, dass zwar die Kosten für die Entwicklung eines digitalen Produktes relativ hoch sind, diese jedoch zugleich geringe Grenzkosten für deren Reproduktion aufweisen. Digitale Güter können somit teilweise kostenlos und in großer Vielfalt in prinzipiell unbegrenzter Stückzahl von den am Markt bereits etablierten Plattformunternehmen vertrieben werden, wodurch der Eintritt konkurrierender Unternehmen erschwert wird. (vgl. ebd., S. 5 f.)

Digitale Händlermärkte (S. 6)[Bearbeiten]

In den Monopolisierungstendenzen des kommerzialisierten Internets unterscheidet sich der digitale Kapitalismus vom (Post-)Fordismus. Denn während im Fordismus Marktplätze durch Produzierende strukturiert und im Postfordismus Märkte durch die Expansion realer Konkurrenz geprägt waren, ist der digitale Kapitalismus weder Produzenten- noch Konsumenten- sondern Händlermarkt. Margen und Preise werden durch die Quasi-Monopolstellung der Plattformunternehmen von diesen selbst bestimmbar. (vgl. ebd., S. 6)

Zugang statt Eigentum (S. 6)[Bearbeiten]

Eigentum erfährt im Kontext des digitalen Kapitalismus in mehrfacher Hinsicht Veränderungen. Das Besitzen von Produktionsmitteln verliert im Rahmen der Plattformökonomie an Bedeutung. Die Produktionsmittel sind zunehmend demokratisiert, da Arbeitnehmer*innen über selbige in Form von Laptops etc. verfügen. Zugleich bevorteilen digitale Güter die Möglichkeiten der Wertschöpfung für Plattformen dahingehend, dass ein solches Gut weder räumlich noch zeitlich fixiert und eine analoge Distribution nicht notwendig ist. Gewinne werden im Kontext der Plattformökonomie vornehmlich durch die Nutzungsgebühren von Märkten, der darauf gehandelten Produkte und Dienstleistungen sowie über die Kommodifizierung von Nutzer*innendaten generiert. (vgl. ebd., S. 6 f.)

Arbeitsbeziehungen: Digitale „Politics in Production“ (S. 7)[Bearbeiten]

Verglichen mit den internen Organisationsstrukturen der (post-)fordistischen Produktionsmodelle zeigen sich bei den Plattformunternehmen deutliche Unterschiede. Während die Arbeitsprozesse innerhalb des fordistischen Produktionsmodells durch rigide Kontrolle gekennzeichnet und Arbeit im Sinne des Taylorismus durch eine strikte technische Prozesssteuerung mit geringen Spielräumen für Autonomie geprägt waren, wurden jene Kontrollstrukturen im Postfordismus durch marktförmige Herrschaftsmodelle ersetzt. Die Kontrolle der Arbeit erfolgte vor allem über Zielvorgaben, internen Wettbewerb und die Ausgliederung von Arbeitszusammenhängen. Damit einhergehend, kam es in Form der Subjektivierung der Arbeit zur Entstehung eines neuen Typus von Arbeitskraft. (vgl. ebd., S. 7 f.)

Algorithmen, Bewertungssysteme und digitale Prozesssteuerung (S. 8)[Bearbeiten]

Ermöglicht durch eine Kombination aus Hardware und Algorithmen, findet innerhalb der Plattformökonomie eine Wiederkehr rigider sozio-technischer Kontrollmethoden statt. So arbeiten Angestellte hierbei häufig mit Hardware, die sie prinzipiell permanent überwachbar macht. Die während eines Arbeitsprozesses generierten Daten lassen sich sodann zu individuellen Leistungsprofilen kombinieren. Infolgedessen werden anderweitige Kontrollinstanzen obsolet, da Leistungsabweichungen algorithmisch erkannt und dokumentiert werden können.[4] Darüber hinaus kommen jedoch auch horizontale Evaluierungs- und Bewertungssysteme zum Einsatz, sodass einzelne Arbeitnehmer*innen von Kolleg*innen oder Kund*innen hinsichtlich ihrer Leistungen bewertet werden (können).[5]

Derartige Kontrollstrukturen – oft verbunden mit spezifischen Punktesystemen, deren Summe sich in Privilegien oder Sanktionen niederschlagen bzw. im Sinne der Gamification als Leistungsanreiz fungiert – gehen über die formalen Unternehmensgrenzen hinaus. So können im Rahmen von Crowdsourcing[6] beispielsweise Screenshots des Computerbildschirms erzeugt und/oder die Anzahl der Tastaturanschläge dokumentiert werden. (vgl. ebd., S. 8 f.)

Kontingente Arbeitskraft (S. 9)[Bearbeiten]

Die innerhalb der Plattformökonomie existierenden Strukturen ermöglichen eine effektive Integration und Kontrolle von Arbeitskraft abseits formaler Organisationsmitgliedschaft. In diesem Zusammenhang entsteht mit der Kontingenzarbeitskraft ein neuer Arbeitskrafttypus. Während Arbeitsdisziplin im Fordismus durch Mitgliedschaftsrechte erkauft wurde und im Postfordismus subjektivierte Arbeitskraft als Effekt eines Mangels an rigiden Kontrollmöglichkeiten vor allem für hochqualifizierte Arbeitnehmer*innen kennzeichnend war, stellt die Kontingenzarbeitskraft die „[…] erfolgreiche Synthese aus effektiver Kontrolle und organisatorischer Freisetzung […]“ (ebd., S. 9) auf einem durch digitale Technologien globalisierten Markt dar. Dabei entscheiden die Plattformunternehmen über die „[…] konkrete Ausformung der Nutzungs- und Kontrollbedingungen, Bewertungssysteme, Teilnahmemöglichkeiten und gegebenenfalls den Ausschluss vom Arbeitsmarkt der Plattform.“ (ebd.)

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

Bergvall-Kåreborn, B./Howcroft, B. (2014): Amazon Mechanical Turk and the commodification of labour. In: New Technology, Work and Employment 29, H. 3, S. 213–223.

Dolata, U. (2015): Volatile Monopole. Konzentration, Konkurrenz und Innovationsstrategien der Internetkonzerne. Berliner Journal für Soziologie 24, H. 4, S. 505–529.

Kantor, J./Streitfeld, D. (2015): Inside Amazon. Wrestling Big Ideas in a Bruising Workplace. Abgerufen am (01.11.2018) von (www.nytimes.com/2015/08/16/technology/inside-amazon-wrestling-big-ideas-in-a-bruising-workplace.html).




  1. Anm.: Bedeutung hybrider Mitgliedschaft für mikropolitische Prozesse? Verdichtung mikropolitischer Prozesse auf Kernbelegschaft? Neue hybride mikropolitische Prozesse?
  2. Anm.: Expansionsdrang exklusiv für Plattformunternehmen?
  3. Anm.: Netzwerkeffekte auch bei Crowdsourcing von Bedeutung? Aus Sicht der Clickworker?
  4. Anm.: Bedeutung umfassender Leistungsüberwachung für mikropolitische Prozesse? Handlungsspielräume für mikropolitische Prozesse möglich, wenn Arbeitsprozesse vollends quantifizierbar?
  5. Anm.: Indiz auf Möglichkeit mikropolitischer Prozesse? Für wen? Nur Kernbelegschaft?
  6. Anm.: Möglichkeit für mikropolitische Prozesse an der Peripherie der Plattformunternehmen?