Kurs:Wissenschaftskommunikation (SoSe 2018)/Rezension

Aus Wikiversity
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Im Rahmen des Seminars Wissenschaftskommunikation. Theorie und Praxis wurde auf dieser Seite gemeinsam eine Rezension des folgenden Buches verfasst:

Heise, Christian (2018): Von Open Access zu Open Science. Zum Wandel digitaler Kulturen der wissenschaftlichen Kommunikation. Lüneburg: meson press.

Die Rezension sollte die folgenden Elemente haben bzw. Fragen beantworten:

  • Einstieg in das Thema
  • Ziel und Fragestellung der Arbeit
  • Positionierung der Fragestellung und des methodischen Ansatzes in der Forschungslandschaft (Wo knüpft sie an? Wo setzt sie sich ab?)
  • Aus welchem Enstehungskontext kommt die Arbeit?
  • Inhalt und Aufbau der Arbeit: Die zentralen Ergebnisse prägnant darstellen
  • Bewertung der Ergebnisse für die Forschung
  • Was fehlt? Was sollte noch erforscht werden? (Forschungsdesiderate)

Die Rezension ist auf dem Open Media Studies Blog der Zeitschrift für Medienwissenschaft erschienen.

Rezension[Bearbeiten]

Von Open Access zu Open Science[Bearbeiten]

Eine offene Rezension[Bearbeiten]

Christian Heise: Von Open Access zu Open Science: Zum Wandel digitaler Kulturen der wissenschaftlichen Kommunikation, Lüneburg (meson press) 2018

besprochen von Benutzer:Drwiki95, Lasse Bohnsack, Rebekka Mitz, Andreas Möllenkamp und Tanja Noack

Schlagworte: Open Access, Open Science, Digitalisierung, Wissenschaftliche Kommunikation, offene Rezension

Diese Rezension ist im Rahmen des Seminars „Wissenschaftskommunikation. Theorie und Praxis“ im Sommersemester 2018 an der Universität Hamburg entstanden. Der Autor des rezensierten Buchs plädiert dafür, mit offenen Arbeitsweisen und entsprechenden Online-Medien in der wissenschaftlichen Praxis zu experimentieren. Wir haben dieses Plädoyer aufgegriffen und diese Rezension gemeinsam in einem öffentlichen Wiki (Wikiversity) geschreiben.

Die Open Science Bewegung setzt sich dafür ein, Wissenschaft einer größeren Zahl von Menschen einfacher zugänglich zu machen. Damit meint sie nicht nur den freien Zugang zu Publikationen (Open Access), sondern auch Forschungsdaten, das methodische Vorgehen, Gutachten und Lehrmaterialien. Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Journalist_innen, Unternehmer_innen und weitere Interessierte sollen das entstandene Wissen dadurch einfacher nutzen können. Obwohl diese Ziele sehr erstrebenswert sind, ist die Alltagspraxis in den Kultur- und Medienwissenschaften (noch) weit davon entfernt: Im gegenwärtigen Wissenschaftssystem befinden sich die Wissenschaftler_innen in einem internationalen Wettbewerb mit großem Publikationsdruck auf der einen und tradierten, hierarchischen Strukturen auf der anderen Seite. Während Open-Access-Publikationen im Arbeitsalltag der Kultur- und Medienwissenschaften angekommen sind, ist eine weitergehende Öffnung des Forschungsprozesses dagegen noch ein junges Experimentierfeld. Christian Heise hat an der Leuphana Universität Lüneburg eine „offene Doktorarbeit“ geschrieben und unter www.offene-doktorarbeit.de den jeweils aktuellen Stand der Arbeit und des Promotionsverfahrens dokumentiert sowie in Blog-Einträgen kommentiert. Heise war in dieser Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lüneburger Hybrid Publishing Lab, aus dem auch der Verlag meson press hervorgegangen ist, bei dem die Arbeit als kostenfreier Download (Open Access) sowie als Print-on-Demand-Buch erschienen ist. Darüber hinaus war Heise Vorstand des gemeinnützigen Vereins Open Knowledge Foundation Deutschland, der sich „für offenes Wissen, offene Daten, Transparenz und Beteiligung“ einsetzt.

In der Einführung fragt Heise nach den Auswirkungen der Digitalisierung auf die wissenschaftliche Kommunikation und erläutert die Forderungen nach Öffnung von Wissenschaft. Offenheit und Transparenz sind für ihn wichtige Voraussetzungen, um neues und überprüfbares Wissen zu produzieren und zu verbreiten. Darüber hinaus führt er Mängel in den wissenschaftlichen Anreizsystemen an und stellt die Frage, ob das wissenschaftliche Kommunikationssystem ihrer Aufgabe wirklich gerecht wird. Heise ist davon überzeugt, dass die Folgen der technologischen Entwicklung zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizieren führen werden. Im zweiten und dritten Kapitel wird das Thema kontextualisiert, indem historische Entwicklungslinien, Debatten und Begriffe behandelt werden. Dabei fragt er nach der Bedeutung des technischen Medienwandels für die Kommunikation und erläutert die Forderung nach Öffnung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Kommunikation im Sinne von Open Science. Er zeichnet die Entstehung der ‚Zeitschriftenkrise’ sowie die Entwicklung von Open-Access-Initiativen nach und gibt einen Überblick über Hindernisse und Herausforderungen für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation, etwa bezüglich der Leistungsbewertung oder der Wahrung der Freiheit von Forschung. Nach den drei einführenden Kapiteln erläutert das vierte Kapitel die Wahl der Methoden und leitet damit zu den zwei empirische Hauptkapiteln über: Die Darstellung einer Online-Befragung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie das autoethnografische Experiment des offenen Schreibens seiner Doktorarbeit. Im Kapitel zur Befragung stellt Heise sein Vorgehen im Bezug auf die technische Realisierung, den Datenschutz, den Aufbau des Fragebogens und die Phasen der Datenerhebung dar. Nach einer Kritik der Vorgehensweise folgt die Auswertung der aus rund 40 Fragen in fünf Themenkomplexen bestehenden Befragung. Zu den Teilnehmer_innen zählten zumeist Wissenschaftliche Mitarbeiter_innen, Doktorand_innen und Junioproffessoren, zumeist im Alter von 31-40, wobei die Geschlechter zu annähernd gleichen Teilen vertreten waren. Die Ergebnisse bezogen auf Fachrichtung der Teilnehmer_innen war größtenteils identisch. Der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen für eine große Masse unterstützten 55% der berücksichtigten Teilnehmer_innen, selbst Teil der Open-Access Bewegung waren aber nur 15%. Die häufigsten Gründe für Zweifel an einer offenen Publikationen waren die mangelnde Rechtssicherheit, Qualitätszweifel und die Frage nach der Honorierung. Folglich zogen nur 36% in Betracht, die eigenen Forschungsdaten frei zu veröffentlichen, 71% aller Teilnehmer_innen würden hingegen gerne die Daten anderer Wissenschaftler_innen nutzen. Im folgenden sechsten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit den rechtlichen, technischen und praktischen Herausforderungen für das offene Schreiben einer Dissertation. Zu Beginn des Selbstexperiments testet er verschiedene Tools, Web-Applikationen und Textverarbeitungsprogramme. Ohne eigene Programmierfähigkeiten wäre die ständige Einsehbarkeit der Arbeit nicht gewährleistet gewesen, da es immer wieder zu unvorhersehbaren technischen Problemen kam. Christian Heise zeigt hier deutlich, dass das offene Verfassen einer Dissertation möglich ist, auf Seiten des Verfassenden jedoch ein erhöhter Zeitaufwand und die Aneignung grundlegender Programmierkenntnisse notwendig sind. Im Kapitel Diskussion widmet sich Heise den Reaktionen auf seine Überlegungen, wie Open Science und Open Access den Wissenschaftsbetrieb verändern könnten. So hat seine Umfrage gezeigt, dass die meisten Wissenschaftler_innen dem Konzept zustimmen, dass Publikationen und Wissen offen oder offener zugänglich sein sollten. Die Öffnung des gesamten Forschungsprozesses befürworteten aber viel weniger der von ihm befragten Personen. Vorrangige Gegenargumente waren die Sorge vor Ideendiebstahl und negative Auswirkungen auf die Reputation.

Wissenschaftliche Forschung offen zu betreiben ist eine viel versprechende Neuerung, die jedoch auch mit vielen offenen Fragen und Herausforderungen verbunden ist: Wie groß ist die Gefahr, dass Ideen von jemandem „gestohlen“, schneller ausgearbeitet und publiziert werden? Reputation in der Wissenschaft ist schließlich die Existenzgrundlage der Wissenschaftler_innen. Ist es bei den gegenwärtigen prekären Arbeitsbedingungen überhaupt angemessen, eine umfangreiche Öffnung der Forschung zu fordern, ohne den Mehraufwand zu berücksichtigen? Auf diese Fragen und Einwände gibt die Arbeit leider keine ausreichenden Antworten, was schade ist, da es ja gerade darum geht, Wissenschaftler von Open Science zu überzeugen. Solange diese Fragen innerhalb der Wissenschaft nicht befriedigende Antworten gefunden haben, kann Open Science nicht mehr als ein Experiment sein. Dem Autor ist hierbei zuzustimmen, dass es wünschenswert ist, wenn hier eine reichhaltige Diskussion zu Stande kommen würde. Aus „forschungsökonomischen“ Gründen (S. 152) interessiert sich Heise leider weniger für die Alltagspraxis von Wissenschaftler_innen unterschiedlicher Disziplinen als für Wissenschaftskommunikation, das Reputationssystem und deren Ökonomie. Die Frage nach fachspezifischen Potentialen und Problemen von Open Science bleibt daher ein Forschungsdesiderat. Die Arbeit lebt vor, wofür sie wirbt. Sie stellt das Thema Open Science nicht nur in der Theorie dar, sondern folgt selbst einem offenen Ansatz. Es fragt sich jedoch, was der Mehrwert davon ist und welche neuen Erkenntnisse dadurch entstanden sind. Das herausragendste Ergebnis scheint zu sein, dass der Autor jetzt als Wissenschaftler gelten kann, der erfolgreich eine offene Doktorarbeit geschrieben hat. Da ein kollaboratives Schreiben durch die Promotionsordnung im voraus ausgeschlossen war und eine direkte Weiternutzung des Textes oder der Daten im Erstellungszeitraum nicht festgestellt wurde, verbleibt als Mehrwert vor allem der Aspekt der erfolgreichen Vermittlung des Themas in die Öffentlichkeit.

Am Ende der Arbeit bleiben viele Fragen offen. Wie und in welchem Umfang sich Open Science-Prinzipien in den Geistes-, Kultur- und Medienwissenschaften durchsetzen werden, bedarf insofern nicht nur weiteren Experimenten und Diskussionen, sondern auch dem Willen und der Lust, die Zukunft wissenschaftlicher Kommunikation selbst (ggf. neu und anders) zu gestalten.