Kurs Diskussion:Theorien der Internationalen Beziehungen/Übung - Historisches

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Das "Westfälische System"?[Bearbeiten]

Ich bearbeite gerade einen kleinen Essay zur Frage, ob der Westfälische Friede wirklich das "Westfälische System" in den Internationalen Beziehungen begründet hat, oder ob dieses System nicht eher eine bequeme Fiktion darstellt, die wenig mit der historischen Wirklichkeit gemein hat. Meine Quellen sind hierfür besonders folgende:

  • Gross, Leo (1948): The Peace of Westphalia, 1648-1948, in: The American Journal of International Law, Vol. 42, No. 1, pp. 20-41.
  • Krasner, Stephen D. (1993): Westphalia and All That, in: Judith Goldstein and Robert O. Keohane (eds.): Ideas and Foreign Policy. Cornell University Press.
  • MacRae, Andrew (2005): Counterpoint: the Westphalia overstatement, in: International Social Science Review, September, pp
  • Osiander, Andreas (2001): Sovereignty, International Relations, and the Westphalian Myth, in: International Organization, Vol. 55, No. 2, Spring, pp. 251-287.
  • Teschke, Benno (2003): The Myth of 1648. Verso / New Left Books.

Krasner (1993) geht besonders auf die historischen Details ein und sagt, dass souveräne Staaten mitnichten 1648 erschaffen wurden. England wurde zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert quasi souverän. Im 11. und 12. Jahrhundert wurden zudem zahlreiche italienischen Stadtstaaten unabhängig und konnten im Anschluss daran wiederholt Machtansprüche des deutschen Kaisers zurückweisen. Die Souveränität liegt daher nicht in den Friedensverträgen von Münster und Osnabrück begründet.

Auch der Religionsfriede kann nicht wirklich dem westfälischen System angehangen werden. Bereits 100 Jahre zuvor hat der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 für die Anerkennung des Protestantismus im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gesorgt. Der Westfälische Friede hat in dieses Arrangement vor allem die Calvinisten mit aufgenommen. Aber die Formel "cuius regio, eius religio" ist bereits im 16. Jahrhundert erfunden und angewendet worden.

Osiander (2001) weist darauf hin, dass die gängige Interpretation darauf lautet, dass Frankreich und Schweden einen hegemonialen Anspruch der in Spanien ihre Machtbasis habenden Habsburger zurückdrängen wollten. Dieses Zurückdrängen habe dafür gesorgt, dass sich eine Vielzahl unabhängiger und "souveräner" Staaten in Europa gebildet habe. Doch tatsächlich seien weder Frankreich und schon gar nicht Schweden von den Habsburgern bedroht. Im Gegenteil verfolgte Schweden eine expansive Kriegspolitik, brauchte aber eine gute Begründung für seine Teilnahme an diesem Krieg. In der Folge entstand das Gerücht, die Habsburger wollten sich halb Europa einverleiben, und dagegen müsse Schweden sich zur Wehr setzen. Diese Kriegspropaganda, so Osiander, sei über den Umweg deutscher Historiker des 19. Jahrhunderts bis bei Leo Gross gelandet. Dieser hatte 1948 den Mythos des Westfälischen Friedens als Grundlage des souveränen Staatensystems publik gemacht. Selbst Leo Gross sagt allerdings, dass der Text der Friedensverträge seine eigene Interpretation praktisch nicht zulasse. Die historischen Fakten jedoch, so Gross, täten dies.

Doch ein Blick in die Geschichte Europas deckt sehr schnell die Willkürlichkeit dieser Zuordnung auf. Zwischen 1701 und 1714 tobte der Spanische Erbfolgekrieg, ein offenkundig nicht-souveräner Krieg, in dem um den Anspruch auf den spanischen Thron gekämpft wurde. Frühestens, so meine Interpretation, der Siebenjährige Krieg von 1756-1763 weist einige Charakteristika des so genannten "Westfälischen Systems" auf. Nun ist es wirklich fragwürdig, warum in einem wenigstens 200 Jahre umspannenden Zeitraum ein einzelner Friedensvertrag eine so zentrale Bedeutung haben soll, dass er wie von Gross behauptet der Vorläufer der Charta der Vereinten Nationen sei.

Andere Interpretationen sehen im Westfälischen Frieden vielmehr eine Verfestigung des Abslutismus. Und innerhalb Zentraleuopas bestand bis 1806 das Heilige Römische Reich, ein mit dem Ideal der Souveränität überhaupt nicht übereinstimmendes föderales Konglomerat von dutzenden Fürstentümern, Königreichen und unabhängigen Städten. Wie kann die Geburt des Systems souveräner Staaten in Europa erfolgt sein, bevor inmitten des Zentrums Europas Souveränität überhaupt erst entstanden war?

Teschke (2003) betrachtet die Entstehung von Souveränität unter marxistischen Gesichtspunkten und stellt eine direkte Verbindung her zwischen dem, was das "Westfälische System" angeblich ausmacht und der Kapitalisierung der Besitzverhältnisse. Er bezieht sich auf Robert Brenner und sagt, dass die Veränderung der sozialen Besitzverhältnisse der Hauptantreiber in der Entwicklung von im modernen Sinne souveränen Staaten war. Damit stellt er die materiallen Faktoren in den Hintergrund und spricht sich gegen die ideelle Wirksamkeit aus, die den Verträgen innegewohnt haben soll.

Ich denke, wir sollten die existierende Kritik an der simplifizierenden Benennung des modernen Staatensystems als "westfälisch" hier aufgreifen. Das wirft natürlich die Frage danach auf, was denn dann moderne Souveränität ausmacht, und wann sie wirklich entwickelt wurde. Beides mit dem Westfälischen Frieden zu beantworten ist allerdings, da stimmte ich einigen der genannten Autoren zu, zu einfach und vor allem nicht korrekt. Hardern 15:25, 26. Okt. 2006 (CEST)

PS: Hier ist mein englischer Essay zu dem Thema: Benutzer:Nils Simon/Studien/2006-Westphalia. Hardern 14:25, 19. Nov. 2006 (CET)